In der heutigen digitalen Welt erfreuen sich sogenannte "Momfluencer" auf Plattformen wie Instagram wachsender Beliebtheit. Diese Mütter teilen Einblicke in ihren Familienalltag, geben Erziehungstipps und präsentieren Produkte. Doch hinter der Fassade von scheinbar perfektem Familienleben und authentischen Ratschlägen verbergen sich auch Schattenseiten, die kritisch beleuchtet werden müssen.
Der Aufstieg der Momfluencer
Seit Beginn der Corona-Pandemie hat die Zahl der Momfluencer-Accounts exponentiell zugenommen. Sie nutzen soziale Medien, um ihre Erfahrungen, Freuden und Herausforderungen als Eltern zu teilen und erreichen so ein großes und treues Publikum. Dieser Erfolg basiert auf dem Wunsch vieler Eltern nach Echtheit und Authentizität in einer Welt, die von Werbung und inszenierten Bildern geprägt ist. Junge Menschen misstrauen Werbemaßnahmen zunehmend und suchen bei Influencern nach aufrichtigen Empfehlungen. Momfluencer scheuen sich oft nicht, ihre persönlichen Schwächen preiszugeben, was sie sympathisch und glaubwürdig macht.
Große Marken haben das Potenzial dieser Zielgruppe erkannt und setzen verstärkt auf Partnerschaften mit Momfluencern. Von Babyprodukten über Mode bis hin zu Haushaltsartikeln - Momfluencer empfehlen Produkte und Dienstleistungen an ihre Follower und ermöglichen es Unternehmen, ein breiteres Publikum zu erreichen.
Erfolgsstrategien und Geschäftsmodelle
Momfluencer haben verschiedene Strategien entwickelt, um erfolgreich zu sein und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Einige teilen detaillierte Einblicke in ihren Alltag und lassen ihre Follower an ihrem Familienleben teilhaben. Andere konzentrieren sich auf bestimmte Themen wie Erziehung, Ernährung oder DIY-Projekte. Viele Momfluencer nutzen ihre Reichweite auch, um eigene Produkte oder Dienstleistungen zu verkaufen, beispielsweise Mama-Baby-Kosmetiklinien oder Online-Kurse.
Einige Beispiele für erfolgreiche Momfluencer sind:
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- Sarah Harrison: Die deutsche Social-Media-Influencerin teilt seit 2015 Vlogs, Beauty- und Lifestyle-Videos. Nach der Geburt ihrer ersten Tochter verlagerte sie ihre Inhalte auf ihren Familienalltag, veröffentlichte einen Familienratgeber und verkauft ihre eigene Mama-Baby-Kosmetiklinie.
- Nora Imlau: Sie ist eine beliebte Momfluencerin mit Fokus auf Erziehungsratschläge. Auf Instagram teilt sie Tipps und Methoden zur Förderung des emotionalen Wohlbefindens von Eltern und Kindern.
- Saskia Brecht ("mamiplatz"): Sie lässt ihre Community an ihrem Familienleben teilhaben und präsentiert Produkte, die den Familienalltag bereichern sollen.
- Katja Breuer ("kakaoschnuten"): Sie kombiniert Familienalltag mit Elterntipps und kokettiert mit ihrer Unperfektheit.
Kritik am Momfluencer-Marketing
Trotz des Erfolgs und der Beliebtheit von Momfluencern gibt es auch Kritik an diesem Phänomen. Einige der Hauptkritikpunkte sind:
- Kommerzialisierung von Kindern: Einer der Hauptkritikpunkte ist die Tatsache, dass Kinder oft für Werbeinhalte herhalten müssen. Sie werden fotografiert oder gefilmt, wie sie Produkte nutzen oder in Kleidung posieren. Dies wirft ethische Fragen auf, insbesondere im Hinblick auf den Schutz der Privatsphäre und die Ausbeutung von Kindern.
- Unrealistische Darstellung der Mutterschaft: Momfluencer-Marketing vermittelt oft ein unrealistisches Bild der Mutterschaft. Die sozialen Medien neigen dazu, die positiven Aspekte des Familienlebens hervorzuheben und die negativen zu beschönigen. Dies kann bei neuen Müttern das Gefühl auslösen, zu versagen, da ihre eigenen Erfahrungen nicht mit der idealisierten Version übereinstimmen.
- Druck und Selbstzweifel: Die ständige Konfrontation mit scheinbar perfekten Familien kann bei Müttern zu Druck und Selbstzweifeln führen. Sie vergleichen sich mit anderen und fragen sich, ob sie alles richtig machen. Dies kann negative Auswirkungen auf ihr Selbstwertgefühl und ihre psychische Gesundheit haben.
- Fehlende Expertise: Viele Momfluencer sind keine ausgebildeten Experten in den Bereichen Erziehung, Gesundheit oder Ernährung. Ihre Ratschläge basieren oft auf persönlichen Erfahrungen und können daher nicht immer wissenschaftlich fundiert sein. Es ist wichtig, die Informationen kritisch zu hinterfragen und sich bei Bedarf professionellen Rat einzuholen.
- Inszenierung und Authentizität: Es stellt sich die Frage, inwieweit das dargestellte Familienleben tatsächlich authentisch ist oder ob es sich um eine inszenierte Show handelt. Einige Momfluencer geben offen zu, dass sie bestimmte Szenen mehrmals aufnehmen oder unter Regieanweisungen entstehen lassen, um das perfekte Bild zu erzeugen.
Gegenbeispiele und alternative Ansätze
Es gibt auch Momfluencer, die einen anderen Ansatz verfolgen und sich bewusst von den oben genannten Kritikpunkten distanzieren. Sie sprechen offen über die Herausforderungen der Elternschaft, teilen ihre Unsicherheiten und zeigen auch die weniger glamourösen Seiten des Familienlebens. Einige verzichten bewusst darauf, ihre Kinder für Marketingzwecke zu zeigen und konzentrieren sich stattdessen auf informative und aufschlussreiche Inhalte.
Einige Beispiele für solche Momfluencer sind:
- Marlies: Sie spricht über ihr Familienleben, die Schwangerschaft und die Kindererziehung, ohne ihre Kinder für Marketingzwecke zu zeigen. In ihrem Video „Kinder in den sozialen Medien? - Das sind die Fehler, die ich gemacht habe!“ nimmt sie eine kritische Haltung zur Nutzung sozialer Medien durch Kinder ein.
- Anna: Ihre Inhalte sind aufschlussreich und informativ und bieten Müttern eine Plattform, um ihre Erfahrungen und Perspektiven zu teilen.
- Katja Breuer ("kakaoschnuten"): Sie kombiniert Familienalltag mit Elterntipps und kokettiert mit ihrer Unperfektheit.
Die Rolle der Elternratgeber im digitalen Zeitalter
Die Popularität von Momfluencern spiegelt auch einen Wandel in der Art und Weise wider, wie Eltern nach Rat suchen. Früher waren es vor allem Bücher und Experten, die als Informationsquellen dienten. Heute sind es zunehmend soziale Medien und persönliche Erfahrungen, die im Vordergrund stehen.
Der Soziologe Christian Zeller schreibt in seiner Promotion „Warum Eltern Ratgeber lesen“, dass es seit den 1960er Jahren einen Boom an Elternratgebern gab. Ein bedeutender Unterschied zu den Familienaccounts auf Instagram: Die Autoren waren damals Psychologen, Kinderärzte, Pädagogen und Neurowissenschaftler. Im Laufe der 1990er und 2000er Jahre sei es dann zu einem veränderten Selbstverständnis der Erziehungsexperten gekommen, schreibt Zeller in seiner soziologischen Studie. Ratgeber wurden nicht mehr „als starr umzusetzendes Set von Erziehungsregeln“ verstanden.
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Auf Social Media passiert das vor allem über das Teilen persönlicher Erfahrungen, an die Eltern anknüpfen können. Diese Personalisierung ist auch Teil der Marketingstrategie. Die Social-Media-Kanäle sind ihre Erwerbsarbeit, mitunter auch als Vollzeitjob. Im Gegensatz zur frühen Ratgeberliteratur, die vor allem von Männern geschrieben wurde, sind auf Instagram überwiegend Frauen unterwegs - und erreichen viele Menschen.
Die Auswirkungen auf Kinder
Ein besonders wichtiger Aspekt ist die Auswirkung der ständigen Präsenz in den sozialen Medien auf die Kinder selbst. Experten warnen vor möglichen negativen Folgen wie:
- Verlust der Privatsphäre: Kinder haben keine Kontrolle darüber, welche Informationen über sie im Internet veröffentlicht werden. Dies kann ihre Privatsphäre verletzen und sie potenziellen Risiken aussetzen.
- Druck und Leistungsdruck: Kinder, die regelmäßig vor der Kamera stehen, können unter Druck geraten, bestimmte Erwartungen zu erfüllen und ein bestimmtes Bild von sich zu präsentieren.
- Abhängigkeit von Likes und Kommentaren: Kinder können eine Abhängigkeit von der Anerkennung durch Likes und Kommentare entwickeln, was ihr Selbstwertgefühl negativ beeinflussen kann.
- Ausbeutung: In einigen Fällen kann die Vermarktung von Kindern in den sozialen Medien als Ausbeutung betrachtet werden, insbesondere wenn sie für kommerzielle Zwecke eingesetzt werden.
Es ist daher wichtig, dass Eltern sich bewusst mit den potenziellen Risiken auseinandersetzen und Maßnahmen ergreifen, um ihre Kinder zu schützen. Dazu gehört beispielsweise, die Privatsphäre-Einstellungen zu überprüfen, die Online-Aktivitäten der Kinder zu überwachen und ihnen beizubringen, wie sie sich sicher und verantwortungsbewusst im Internet bewegen können.
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