Umgang mit Geräuschempfindlichkeit: Strategien für ein ruhigeres Leben

Geräuschempfindlichkeit, ein Zustand, in dem bestimmte Geräusche als störend, schmerzhaft oder überwältigend empfunden werden, kann das tägliche Leben erheblich beeinträchtigen. Die Ausprägungen sind vielfältig, und die Ursachen reichen von Hochsensibilität bis hin zu psychischen Traumata. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten der Geräuschempfindlichkeit und bietet Strategien, um besser damit umzugehen.

Die Facetten der Geräuschempfindlichkeit

Geräuschempfindlichkeit ist ein häufiges Symptom der Hochsensibilität. Allerdings gibt es unterschiedliche Ausprägungen, und auch viele hochsensible Personen (HSP), die überhaupt nicht geräuschempfindlich sind. Manche Hochsensible empfinden bereits leise Geräusche, die von ihren Mitmenschen kaum oder gar nicht wahrgenommen werden, als störend und anstrengend. Das Ticken der Wanduhr, Verkehrsrauschen oder surrende Elektrogeräte können diese Menschen geradezu in den Wahnsinn treiben. Dabei müssen diese Menschen nicht einmal bessere Ohren haben als andere. Der Grund ihrer Überempfindlichkeit liegt darin, dass sie Sinnesreize weniger filtern können als „Normalsensible“. Menschen, die nicht hochsensibel sind, nehmen in der Regel nur Sinnesreize auf, die im Moment wichtig für sie sind. Alles andere filtert das Gehirn heraus. Bei Hochsensiblen ist das nicht so. Der Filter im Kopf lässt viel mehr durch, weshalb sie Reize bewusster wahrnehmen. So kann es leicht zur Überreizung kommen.

Solch eine Überreizung kann sich auf unterschiedliche Weise bemerkbar machen, z. B. Manche Menschen reagieren nur auf bestimmte Geräusche empfindlich, z. B. Hier liegen oft psychische Ursachen vor, d. h. der*die Betroffene verknüpft das Geräusch - mitunter auch unbewusst - mit einem belastenden oder traumatischen Erlebnis aus der Vergangenheit. In diesem Fall muss die Lärmempfindlichkeit kein Hinweis auf genetische Hochsensibilität sein. Bei mir persönlich kommt es auf die Lautstärke und Art des Geräusches an. Leise Geräusche kann ich meist gut filtern, aber je lauter ein Geräusch ist, desto schwerer ist es für mich zu ertragen. Ganz schlimm sind auch plötzliche laute Geräusche, wie z. B. knallende Feuerwerkskörper oder eine schrille Türklingel.

Als Kind hatte ich panische Angst vor Luftballons. Lange Zeit konnten weder meine Eltern noch ich diese Phobie erklären. Andere Kinder liebten Luftballons und hatten Spaß dabei, sie platzen zu lassen. Ich hingegen verkroch mich und hielt mir die Ohren zu, aus Angst vor dem Knall. Meine ganz persönliche Hölle war, als ich als Grundschülerin zu einer Luftballon-Party eingeladen wurde. Ich wollte die Gastgeberinnen nicht verärgern und bin hingegangen, habe mich meiner Angst gestellt. Es war ein sehr, sehr harter Nachmittag für mich und ich glaube, ich habe noch nie auf einem Kindergeburtstag so viele Ängste ausgestanden. Tiergeräusche (z. B.

Ich weiß, diese Geräusche sind vielen Menschen unangenehm, aber bei mir verursachen sie körperliche Symptome wie Übelkeit, Kopf- und Bauchschmerzen und einen Druck in der Brust. Ich empfinde extremen Stress und bin gereizt, manchmal sogar aggressiv (obwohl ich sonst eine sehr angenehme, friedliche Zeitgenossin bin). Zudem bin ich sehr schreckhaft. Ich glaube, das ist einer der wichtigsten Gründe, warum ich ein Nachtmensch bin. Die nächtliche Ruhe hilft mir, mich besser konzentrieren zu können. Um ganz ehrlich zu sein, ist es gerade, wenn ich diese Zeilen schreibe, weit nach Mitternacht. Um diese Uhrzeit muss ich mich weder davor fürchten, dass jemand an der Tür klingelt noch anruft. Die Straße vor meinem Haus ist nur noch spärlich befahren.

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Ein weiteres Merkmal für meine Geräuschempfindlichkeit, ist, dass ich mich nicht mit jemandem unterhalten kann, während das Radio oder der Fernseher läuft. Es fällt mir furchtbar schwer, mich unter diesen Umständen auf ein Gespräch zu konzentrieren. Auch Gespräche von anderen Menschen, z. B. Was hingegen super für mich funktioniert, ist, bei (leise) laufendem Radio einzuschlafen. Ich baue dann zwar oft die Stimmen und Musik in meine Träume ein, aber ich schlafe mit Radio meist schneller ein als bei absoluter Stille. Vermutlich, weil es mir hilft, meinen Kopf auszuschalten und mich zu entspannen. Laute Musik, wie z. B. in Konzerten oder auch im Kino, ist schwer für mich zu ertragen. Ich höre die Musik nicht nur, ich spüre sie in meinem Inneren. Es ist, als würde mein Herzschlag anschwellen, sich dem Schlagzeug oder Bass anpassen und mein ganzes Inneres beben. Als Teenager habe ich dieses Mittel regelmäßig genutzt. Anstatt mir Mut anzutrinken, wie Gleichaltrige das oft taten, habe ich mir Mut „angehört“. Dabei waren die Texte völlig egal, Hauptsache die Musik putschte mich auf. Mit 14 war ich wegen psychischer Probleme zum ersten Mal in Therapie und meine Therapeutin fragte mich, welche Aktivitäten mir ein gutes Gefühl geben. Ich überlegte kurz und führte dann das Musikhören an. Meine Therapeutin lächelte und meinte, dass das ja etwas Passives sei und keine Aktivität. Ich war im ersten Moment völlig perplex. Musikhören hatte ich nie als etwas Passives betrachtet. Wenn ich meine Stereoanlage aufdrehte, stand mein ganzer Körper unter Spannung und wurde von Glückshormonen geflutet. Selten fühlte ich mich so stark, aufgeputscht und lebendig wie in diesen Momenten.

Bitte beachte jedoch, dass sich einige Merkmale von Hochsensibilität mit denen von Autismus überschneiden, insbesondere auch die extreme Geräuschempfindlichkeit. Asperger und hochsensibel - bist du mehr als hochsensibel? Hochsensibel oder Asperger Autist?

Strategien zur Bewältigung von Geräuschempfindlichkeit

Es gibt verschiedene Strategien, um mit Geräuschempfindlichkeit umzugehen. Einige davon sind:

  • Gehörschutz: Die naheliegendste Lösung ist natürlich, einen Gehörschutz zu tragen, wie z. B. Ohrstöpsel. Auch Kopfhörer mit Musik in angenehmer Lautstärke können helfen, „aggressivere“ Geräusche zu übertönen. Das hat mir z. B. geholfen, als ich den Baulärm nicht länger ertragen habe. Allerdings ist das nicht immer möglich, vor allem, wenn man mit anderen Menschen zusammen ist und sich mit ihnen unterhalten möchte.
  • Konfrontationstherapie: Tatsächlich ist es hilfreich, sich langsam an bestimmte Geräusche zu gewöhnen, indem man sich ihnen bewusst aussetzt. Quasi als „Konfrontationstherapie“. Gewöhne dich wirklich LANGSAM daran. Es geht nicht darum, dich einer völligen Überreizung auszusetzen. Hier ein Beispiel: Laute Knallgeräusche wie die von Feuerwerk sind nur schwer für dich zu ertragen, weshalb du an Silvester grundsätzlich Ohrenstöpsel trägst. In diesem Fall könntest du das Feuerwerk zunächst von drinnen bei geschlossenen Fenstern betrachten (aber ohne Gehörschutz). Wenn du dich daran gewöhnt hast, könntest du das Fenster öffnen und dich so aus der Distanz den Geräuschen aussetzen. Klappt auch das gut, kannst du nach draußen gehen und dich unter die Feiernden mischen. Wichtig ist: Gib dir Zeit! Überstürze nichts und setze dich nicht unter Druck. Mein Tipp: Du musst da nicht allein durchgehen. Weihe ein Familienmitglied, deinen Partnerin oder einen Freundin ein, der*die dich bei der Übung begleitet.
  • Fachärztliche Beratung: Wenn du den Verdacht hast, dass deine Geräuschempfindlichkeit psychische Ursachen wie ein Trauma, eine neurologische Störung wie Autismus oder körperliche Erkrankungen wie Tinnitus als Ursache hat, solltest du grundsätzlich einen Facharztin zurate ziehen und nicht versuchen, dich selbst zu therapieren.
  • Langsame Gewöhnung: Mir persönlich hat langsame Konfrontation geholfen, mit Verkehrslärm umzugehen. Ich arbeite zwar am liebsten nachts, aber ich kann mich mittlerweile tagsüber auf meinen Balkon setzen und lesen, obwohl ich an einer viel befahrenen Straße wohne, Bahngleise in der Nähe sind und mein Ort sich in der Einflugschneise eines großen Flughafens befindet. Ja, ich weiß, das ist nicht gerade die ideale Umgebung für eine HSP und am Anfang hat mir das auch einiges abverlangt. Doch mittlerweile sind mir die Geräusche vertraut und stören mich nicht mehr allzu sehr.

Hochsensibilität: Mehr als nur Geräuschempfindlichkeit

Abschließend möchte ich noch einmal betonen, dass Lärmempfindlichkeit nur ein mögliches Merkmal der Hochsensibilität ist. Es gibt viele Hochsensible, die nicht davon betroffen sind, dafür aber z. B. Stimmungen von anderen Menschen oder die eigenen Gefühle sensibler wahrnehmen. Hochsensibilität ist vielseitig und kann sich ganz unterschiedlich zeigen. Wenn du mehr über Hochsensibilität erfahren möchtest, lege ich dir das Buch „Sind Sie hochsensibel?“ * von Elaine N. Aron ans Herz.

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