Multiple Sklerose (MS) ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft und zu einer Vielzahl von Symptomen führen kann, darunter Gleichgewichtsstörungen, Bewegungsstörungen und Fatigue. Für Menschen mit MS kann die Suche nach geeigneten Bewegungsmöglichkeiten eine Herausforderung darstellen. In diesem Zusammenhang erweist sich Wassergymnastik als eine äußerst effektive und angenehme Form der körperlichen Aktivität für Betroffene. Die Aquatherapie wird schon seit Jahrzehnten bei der MS eingesetzt.
Die Vorteile der Aquatherapie bei MS
Wasser ist durch seine abfedernden Effekte, die Wassertemperatur und den Bewegungswiderstand bei gleichzeitigem Auftrieb für viele therapeutische Zwecke ein sehr nützliches Element. Im Wasser fällt Bewegung leichter, weil die Schwerkraft nahezu verschwindet. Die Aquatherapie bietet eine Vielzahl von Vorteilen für Menschen mit Multipler Sklerose:
- Schonende Bewegung: Der Auftrieb des Wassers verringert das Körpergewicht und erleichtert somit die Bewegung, wodurch Muskelverspannungen vermieden werden können. Diese Tatsache erweist sich als besonders bedeutsam für Menschen mit MS, da sie häufig mit Muskelschwäche und Koordinationsproblemen konfrontiert sind.
- Verbesserte Muskelfunktion: Die Widerstandskraft des Wassers hilft dabei, die Muskulatur sanft zu kräftigen und zu stärken. Dies kann dazu beitragen, die Mobilität und die allgemeine Körperkraft bei MS-Patienten zu verbessern.
- Verbesserte Balance und Koordination: Das Wasser bietet eine stabilisierende Umgebung, die das Gleichgewicht und die Koordination fördert. MS-Patienten können Übungen durchführen, um ihre motorischen Fähigkeiten zu verbessern, ohne sich um Stürze oder Verletzungen sorgen zu müssen.
- Schmerzlinderung: Das warme Wasser in Schwimmbädern oder Therapiebecken kann Muskelverspannungen und Schmerzen lindern, die bei MS auftreten können. Dies führt zu einem gesteigerten Wohlbefinden.
- Psychisches Wohlbefinden: Wassergymnastik bietet nicht nur körperliche Vorteile, sondern kann auch das psychische Wohlbefinden fördern. Die entspannende Wirkung des Wassers kann Stress reduzieren und das Selbstbewusstsein steigern.
Wassergymnastik bzw. Bewegung allgemein kann sich auch positiv auf Empfindungsstörungen, Fatigue und Depressionen auswirken.
Formen der Aquatherapie bei MS
Einmal im Wasser, gibt es zahlreiche Möglichkeiten - vom Schwimmen über spezielle Physiotherapien bis hin zur Aqua-Fitness - die sogar richtig Spaß machen. Es gilt das Motto: Gut ist, was gut tut. Das betrifft auch die Wassertemperatur. Für Menschen mit MS, die unter dem Uhthoff-Phänomen leiden, sollte sie eher kühl sein. Wer von Spastiken betroffen ist, wird sich in wärmerem Wasser wohler fühlen.
Aqua-Fitness
Aqua-Fitness trainiert, entspannt und macht Spaß. Wer gerne in der Gruppe trainiert und Bewegung nach Musik genießt, könnte bei der Aqua-Fitness gut aufgehoben sein. Unter diesen Begriff fallen eine Reihe von Wassersportarten, die meist in hüft- oder brusttiefem Wasser ausgeübt werden. Dabei gilt, je tiefer das Wasser, desto anstrengender die Bewegungen, die sowohl zum Training als auch zur Steigerung der Fitness geeignet sind. Die besonderen Eigenschaften des Wassers kommen allen zugute. Die vorbeugende Wirkung von Aqua-Fitness bei Rückenproblemen und Herz-Kreislauf-Beschwerden ist nachgewiesen und viele Krankenkassen erkennen es als Gesundheitsvorsorge an. Aqua-Fitness bietet Stretching, Krafttraining, Konditionstraining und Entspannung in einem und ist gerade für MS-Erkrankte ein hervorragendes Training. Selbst das Gleichgewicht kann gefahrlos trainiert werden, und der Körper wird leistungsfähiger, was sich wiederum in verbesserten Alltagaktivitäten zeigt.
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Fitness im Wasser:
- Massiert den Körper und fördert die Durchblutung.
- Vermindert die Belastung von Sehnen und Gelenken.
- Fördert die Ausdauer und kräftigt die Muskulatur.
- Trainiert das Gleichgewicht.
- Steigert den Energieverbrauch des Körpers und regt den Stoffwechsel an.
Aqua-Jogging
Aqua-Jogging trainiert vor allem das Herz-Kreislaufsystem und kräftigt die Muskulatur. Aqua-Jogging - das Laufen im Wasser - ist ein effektives Training für das Herz-Kreislaufsystem, die Ausdauer und zur Kräftigung der Muskulatur. Ein Schwimmgürtel oder eine Schwimmweste helfen, den Körper aufrecht im Wasser zu halten und die Laufbewegung ohne Bodenkontakt auszuführen. So kann gerade ein MS-Erkrankter gezielt das Gehen trainieren. Richtig gute Laune macht das schwerelose Joggen in der Gruppe bei schwungvoller Musik. Je höher der Wasserwiderstand beim Aqua-Jogging ist, desto stärker ist der Trainings- und Kräftigungseffekt, der durch das Tempo der Bewegung gesteuert und dosiert werden kann. Bei schneller Bewegung nimmt der Wasserwiderstand zu, die Muskulatur muss mehr arbeiten und kräftigt sich. Besonders für Erkrankte mit Koordinationsstörungen kann ein etwas höheres Tempo leichter umzusetzen sein, weil der Wasserwiderstand gleichzeitig wie ein Führungswiderstand wirkt. Die langsame Bewegung dagegen erfordert mehr Koordination und kann beispielsweise gezielt zum Trainieren des Gangmusters eingesetzt werden. Neben der Herz-Kreislaufaktivierung spielt also der Kräftigungsaspekt durch den Wasserwiderstand eine entscheidende Rolle.
Wasser kann auch bei zwei weiteren Hauptsymptomen der MS helfen: Spastik und Ataxie. Spastik und Schwäche hängen nach dem heutigen medizinischen Stand eng zusammen; das bedeutet, dass bei jeder Aktivierung beziehungsweise Kräftigung gleichzeitig eine Reduktion der Spastik erfolgt. Bei Ataxie verbessert der Wasserdruck die Propriozeption - die Wahrnehmung von Körperbewegung - sodass Betroffene sich oft koordinierter bewegen können. Aqua-Jogging fördert somit insgesamt das Bewusstsein für den eigenen Körper, seine Bewegungsabläufe und die Konzentration. Die optimale Trainingsdauer liegt bei 30 bis 45 Minuten zwei- bis dreimal die Woche. Gerne auch mehr! Eine Trainingseinheit ist in verschiedene Phasen eingeteilt. Zunächst soll sich der Körper an das Wasser gewöhnen und die richtige aufrechte Haltung einnehmen. Dann wird die Laufbewegung geübt, die sich durch einen höheren Knieeinsatz und eine Betonung des rückwärtigen Beinschwungs vom Laufen an Land unterscheiden kann. Darüber hinaus können unterschiedliche Schrittarten wie Trippelschritte, Dauerlaufschritte oder Walkingschritte in wechselndem Tempo Teil des Programms sein. Pausen können individuell eingebaut werden. Wer sich für das Aqua-Jogging interessiert, kann sich von einem Trainer in die Übungen einweisen lassen oder einen Kurs besuchen.
Aqua-Gymnastik
Aqua-Gymnastik dient der Mobilisation, Kräftigung und Koordination. Die Gymnastik im Wasser nutzt dieselben Qualitäten des Wassers wie das Aqua-Jogging: den Auftrieb und den Wasserwiderstand. Auch hier geht es um die Themen Mobilisation, Kräftigung, Herz-Kreislauftraining, Koordination. Allerdings kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Mit einer großen Bandbreite an Übungen können geschwächte Muskeln ganz gezielt trainiert, aber auch gedehnt werden, etwa Bein- und Rumpfmuskulatur. Dabei sollte man beachten, dass hauptsächlich die Muskelgruppen trainiert werden, die unter Wasser liegen. MS-Erkrankte können speziell ihr Gangmuster und die Ausdauer verbessern. Hilfsmittel wie die Schwimmnudel ermöglichen zum Beispiel Bewegungen, die an Land nicht möglich wären. Übungen fallen im Wasser leichter als an Land, aber sind sehr effektiv. Alle Übungen der Aqua-Gymnastik können mit weniger Kraft häufiger ausgeführt werden als an Land. Bei gleicher Anstrengung ist zudem die Fettverbrennung höher. Der Wasserdruck massiert Haut und Muskeln, fördert die Durchblutung und verhindert einen Muskelkater. Auch wenn MS-Erkrankte die Anstrengung im Wasser weniger wahrnehmen, ist es dennoch ein effektiver Sport. Für Einsteiger ist eine Einweisung durch einen geschulten Trainer sinnvoll. Die Aqua-Gymnastik bedient sich nach Bedarf zahlreicher Trainingsgeräte wie Schwimmnudeln, Schwimmteller, Wasserhanteln und Paddles - eine Art überdimensionierte Handschuhe. Diese Hilfsmittel können zum einen dazu genutzt werden, den Wasserwiderstand zu erhöhen, um somit einen größeren Kräftigungseffekt zu erreichen, als auch zur Entlastung einzelner Körperregionen wie zum Beispiel beim Einhängen des Oberkörpers in die Schwimmnudel. Die Aqua-Gymnastik macht vor allem in der Gruppe viel Spaß, weil sie durch Musikuntermalung oder Spiele im Wasser den sozialen Aspekt des Sports und das Vergnügen in den Vordergrund stellen kann.
Beispiele für Übungen:
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- Marschieren Sie im Wasser für zwei bis drei Minuten zum Lockern.
- Legen Sie mit dem Gesicht zum Beckenrand die Unterarme dort auf und paddeln Sie schnell mit den Beinen.
- Hängen Sie auf dem Rücken liegend den Oberkörper in eine Schwimmnudel, ziehen Sie die Beine an und strecken Sie sie wieder weg.
- Stellen Sie sich in der Grätsche in Schrittstellung und dehnen Sie die Innenseite der Oberschenkel.
- Legen Sie sich mit Schultern und Armen auf die Schwimmnudel, strecken Sie den Körper lang aus und drehen Sie die Hüfte nach links und rechts.
- Schwingen Sie das gestreckte Bein im Stehen vor und zurück oder in Form einer Acht.
- Bewegen Sie im Stehen die Knie abwechselnd schnell nach oben.
- Gehen Sie auf den Fersen.
Jede Übung sollte etwa 20 bis 30 Mal wiederholt werden. Nach einer kurzen Pause kann dann ein zweiter Durchlauf erfolgen.
Aqua-Cycling
Wer gerne Rad fährt, kann es mit Aqua-Cycling versuchen. Aqua-Cycling bietet sich für Menschen mit und ohne Behinderungen an und eignet sich besonders für MS-Erkrankte, die sich sowohl gerne im Wasser aufhalten als auch gerne Rad fahren oder gefahren sind. Das Training findet auf einem speziell für den Einsatz im Wasser konstruierten Fahrrad statt, das im Nichtschwimmerbereich in etwa 135 cm Wassertiefe steht. Die Übungen sind vergleichbar mit denen des Indoor-Cycling im Fitness-Studio; allerdings werden durch die bekannten Vorzüge des Wassers neben den Beinen nahezu alle Muskelgruppen des Körpers einbezogen. Speziell ausgebildete Trainer vermitteln die Bewegungsabläufe, die in der Regel leicht zu erlernen sind. MS-Erkrankte, die gerne Fahrrad fahren, aber an Land Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht haben, können hier die Freude am Radsport neu entdecken, weil das Fahrrad sicher im Wasser steht. In unterschiedlichen Fahrpositionen kräftigt das Training die Muskulatur und stärkt die Kondition. Es folgen Wechsel der Sitzposition und der Trittgeschwindigkeit sowie Veränderungen des Hebels, das heißt von gestreckten zu gebeugten Armen. Dabei können MS-Erkrankte ganz individuell die Parameter bestimmen: Wie schwer soll das Bremssystem eingestellt sein? Wie hoch darf die Tretgeschwindigkeit werden? Welche Intensität in der Ausführung der Armübungen ist gewünscht? Das erlaubt einen Fokus auf die eigenen Bedürfnisse innerhalb der Gruppe und ermöglicht es, dass Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam trainieren können. Erfahrungen zeigen, dass Betroffene, die Aqua-Cycling ausprobiert haben, nach dem Training angenehm angestrengt, aber nicht erschöpft sind. Einziger Nachteil: Der Radsport im Wasser wird bis dato nur in ausgewählten großen Bädern oder Fitnessstudios angeboten.
Halliwick-Methode
Das Halliwick-Konzept ist eine der populärsten Aquatherapie-Techniken zur entspannenden Verbesserung von Koordination und Gleichgewicht. Therapien im Wasser fördern nachweislich den Gleichgewichtssinn und die Rumpfstabilität und eignen sich insbesondere auch für Schwerst- und Mehrfachbeeinträchtigte. Hier werden Bewegungen möglich, die an Land oftmals beschwerlich oder unmöglich sind. Gerade für neurologische Krankheitsbilder hat sich die Halliwick®-Therapie bewährt. Als Lernprogramm zur Selbstständigkeit im Wasser ist diese aktive Therapieform gerade auch für MS-Betroffene hervorragend geeignet, um einzelne Muskelgruppen zu trainieren, in ihrer Ausdauerleistung zu verbessern und zu Aktivität und Teilhabe zu motivieren. Dieses ungewöhnliche Konzept geht zurück auf den britischen Schwimmlehrer und Hydraulikingenieur James McMillan und seine Frau Phyl, die um 1950 zunächst nach einer Methode suchten, um Menschen mit jeglichen Behinderungen das Schwimmen beizubringen. Fähigkeit und Normalität (ability and normality) im Sinne von aktiver Partizipation sollten dabei die Grundlage bilden. Im Schwimmbad der Halliwick School for Crippled Girls in London entwickelten sie in engem Austausch mit Ärzt*innen und Lehrpersonal das sogenannte 10-Punkte-Programm. Hier nutzen Helfende gezielt Strömungs- und Auftriebskräfte des Wassers, um das Gleichgewichtsverhalten von Betroffenen zu beeinflussen und so Defizite im Bewegungsapparat zu adressieren. Auf Schwimmhilfen wird hierbei ganz verzichtet; nach dem Prinzip „Fördern und Fordern“ geht es primär darum, dass Betroffene ihren Körper unter Zuhilfenahme der Hände des Helfenden im Wasser kennenlernen, im Rahmen von bestimmten Übungen gezielt aus dem Gleichgewicht gebracht werden und durch ihre Reaktionen darauf eine größtmögliche Unabhängigkeit entwickeln, sich in der Folge also selbstständig und ohne Angst im Wasser bewegen können. Die drei wichtigsten Lernphasen sind dabei „Geistige Anpassung“ (an die Umgebung, das Wasser), „Gleichgewicht(skontrolle)“ und „(Fort-)Bewegung“.
Im Jahr 1964 wurde die Methode erstmals erfolgreich auf einem Bobath-Physiotherapeut*innen-Kongress in Bad Ragaz/Schweiz vorgestellt und anschließend über Kurse in die ganze Welt verbreitet. Parallel zur Nutzung des Konzeptes im Behindertensport entwickelte McMillan ab 1974 dann auch eine therapeutische Nutzung, die sogenannte Wasserspezifische Therapie (Water Specific Therapy, WST). Hier geht es nicht um das selbstständige Schwimmen, sondern um die Förderung der Selbständigkeit im Wasser und an Land durch einen problemorientierten Ansatz.
Die Halliwick®-Therapie zeigt gerade bei neurologischen Beeinträchtigungen sehr gute Erfolge. Wasser, Wärme und Auftrieb bieten hier klare Vorteile gegenüber dem Training an Land. Schmerzzustände und Wahrnehmungsprozesse werden positiv beeinflusst und gerade die Instabilität aufgrund von Ataxie, Muskelschwäche oder Gangstörungen kann im Wasser einfacher adressiert werden, weil keine Sturzgefahr besteht. Betroffene haben also mehr Zeit zu reagieren, ihr Selbstvertrauen wird gesteigert und die Motivation für das (Gleichgewichts-)Training erhöht. Im Wasser erlernte Fähigkeiten können amerikanischen Studien zufolge das Verhalten an Land positiv beeinflussen. Eine im Jahr 2020 durchgeführte Studie zeigte etwa auch, dass die Halliwick-Methode bei MS-Betroffenen hinsichtlich der Handgeschicklichkeit als auch der Körperstabilität signifikant größere Verbesserungen als bei einem plyometrischen Training im Wasser ermöglicht. Wieder andere Studien aus Japan zeigen, dass aufgrund der im Wasser verändert beanspruchten Fuß- und Unterschenkelmuskelgruppen Betroffene mit Fußheberschwäche ideal profitieren.
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MS-Betroffene, die unter dem Uhthoff-Phänomen leiden, sollten darauf achten, dass das Wasser nicht zu warm ist, während bei Betroffenen mit Spastik kühleres Wasser zu einer zeitweisen Verstärkung der Spastik führen kann. Für Betroffene, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, steht in ausgesuchten Bädern auch immer ein Lifter zum Ein- und Ausstieg zur Verfügung. Die Halliwick®-Therapie ist eine Zusatzausbildung für Physio-, Ergo- und Sporttherapeutinnen, die von der International Halliwick Association (IHA) oder der International Aquatic Therapy Faculty (IATF) zertifiziert wird. Dazu gibt es in vielen Ländern der Welt in der Therapie ausgebildete Ansprechpartnerinnen, die diese Kurse leiten. Viele große neurologische Zentren oder Kliniken haben die Halliwick-Methode bzw. die Wasserspezifische Therapie im Angebot.
Plyometrisches Training
Das zweite Trainingskonzept, das plyometrische Training, wird typischerweise zur Leistungssteigerung im Sport eingesetzt. Bei diesem schnellen Sprungtraining, bei dem der Bodenkontakt möglichst gering gehalten wird, aber mit viel Kraft erfolgt. Springen, hüpfen und werfen erfordern nicht nur Kraft, sondern auch viele Muskelreflexe und Gleichgewichtskoordination, die für neurologische Patienten ein gutes Training sein könnten. Studien haben gezeigt, dass im Wasser durchgeführtes, aquatisches plyometrisches Training einen ähnlichen Effekt hat wie plyometrisches Training an Land.
Wie beantragt man Wassergymnastik?
Die Beantragung von Wassergymnastik kann je nach Land, Versicherungssystem und individueller Situation variieren. Hier sind allgemeine Schritte:
- Arztbesuch: Der erste Schritt besteht in der Regel darin, deinen behandelnden Arzt zu konsultieren. Dein Arzt wird deine medizinische Geschichte bewerten, deine aktuellen gesundheitlichen Bedürfnisse bewerten und feststellen, ob Wassergymnastik für dich geeignet ist.
- Rezept oder ärztliche Empfehlung: In einigen Fällen kann dein Arzt dir ein Rezept für Wassergymnastik oder eine ärztliche Empfehlung ausstellen. Dieses Dokument kann erforderlich sein, um die Kosten für die Therapie durch deine Krankenversicherung oder andere Gesundheitsdienstleister zu decken.
- Krankenkasse informieren: Kontaktiere deine Krankenkasse oder deinen Versicherungsanbieter, um herauszufinden, ob Wassergymnastik von deiner Versicherung abgedeckt ist. Kläre auch, ob es spezifische Anforderungen oder Genehmigungsverfahren gibt.
- Auswahl eines Anbieters: Finde eine Einrichtung, die Wassergymnastik oder Aquatherapie anbietet. Dies kann ein Hallenbad, Krankenhaus, eine Rehabilitationsklinik, ein Fitnessstudio oder ein spezielles Therapiezentrum sein.
- Terminvereinbarung: Vereinbare einen Termin für deine Wassergymnastik-Sitzungen. Stelle sicher, dass du den Terminplan und die Verfügbarkeit des Anbieters berücksichtigen kannst.
- Einreichung der Dokumente: Wenn deine Krankenkasse spezifische Dokumente oder Genehmigungen erfordert, reiche diese fristgerecht ein. Dies kann dein ärztliches Rezept, ärztliche Berichte oder andere erforderliche Formulare umfassen.
- Teilnahme an den Sitzungen: Beginne mit deinen Wassergymnastik-Sitzungen gemäß dem festgelegten Plan und den Empfehlungen deines Arztes.
- Überwachung des Fortschritts: Dein Fortschritt wird möglicherweise von deinem Arzt und/oder Therapeuten überwacht, um sicherzustellen, dass die Wassergymnastik die gewünschten Ergebnisse erzielt.
Es ist wichtig zu beachten, dass die genauen Schritte und Anforderungen je nach Wohnort, Gesundheitssystem und Versicherungsanbieter variieren können. Daher ist es ratsam, sich direkt bei deiner örtlichen Gesundheitsbehörde oder Krankenkasse über das exakte Verfahren zu informieren und gegebenenfalls Unterstützung von deinem Arzt oder Therapeuten zu erhalten.
Kneipp-Therapie als ergänzende Behandlung
Schulmedizinische Behandlungen können unangenehme, schwere oder auch sehr schwere Nebenwirkungen haben. Deswegen sind ganzheitliche Ergänzungen, eine geringere Dosierung der Präparate oder Alternativen gefragt, um den schädlichen Reiz, der bei der einzelnen Patientin oder dem einzelnen Patienten die Multiple-Sklerose-Schübe auslöst bzw. unterhält, gar nicht erst entstehen zu lassen. Sebastian Kneipp (1821-1897) war ein bayerischer Priester, Hydrotherapeut und einer der Pioniere der modernen Naturheilkunde. Er ist am besten bekannt für die Entwicklung und Förderung der „Kneipp-Kur“, einer ganzheitlichen Gesundheitsmethode, die Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen versucht - Selbstheilungs- und Widerstandskräfte werden dabei angeregt und gestärkt und ein inneres Gleichgewicht gefördert. Über die Jahrzehnte entstand ein ganzes Gesundheitskonzept, das seit 2016 auch zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe in Deutschland zählt.
Aspekte der Kneipp-Therapie, wie moderate Bewegung, gesunde Ernährung, Stressmanagement und Entspannung, können dazu beitragen, die Lebensqualität nachdrücklich zu verbessern. Einige Formen der Hydrotherapie können zu einer Linderung von Muskel- und Gelenkbeschwerden führen. Die kalten Güsse können eine ähnliche Wirkung erzielen wie von außen zugeführtes Kortison. Denn durch die Güsse werden an körperfernen Stellen Kältereize gesetzt, die die Ausschüttung von Kortisol, einem lebenswichtigen Hormon der Nebennierenrinde, in Gang setzen. Der Prozess der Bildung und Freisetzung von Kortisol wird als Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-(HHN)-Achse bezeichnet. Der Hypothalamus, eine Region im Gehirn, erkennt den Bedarf an Kortisol im Körper. In Reaktion darauf setzt er ein Hormon namens CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon) frei. Das freigesetzte CRH gelangt zur Hypophyse (Hirnanhangsdrüse), einer kleinen Drüse im Gehirn. Dort bewirkt CRH die Freisetzung von ACTH (Adrenocorticotropes Hormon). ACTH gelangt über den Blutkreislauf zu den Nebennieren und stimuliert die Nebennierenrinde, Kortisol zu produzieren und freizusetzen. Wenn der Kortisolspiegel im Blut ausreichend angestiegen ist, sendet er eine Rückmeldung an den Hypothalamus und die Hypophyse, um die Freisetzung von CRH und ACTH zu reduzieren. Dies wird als negative Rückkopplung bezeichnet und dient dazu, den Hormonspiegel im Gleichgewicht zu halten. Die Regulation der HHN-Achse ist komplex und empfindlich, da sie auf verschiedene Stressoren, physiologische Veränderungen und Umweltfaktoren reagiert. Ein fein abgestimmtes Gleichgewicht der HHN-Achse ist entscheidend für die Aufrechterhaltung einer angemessenen Reaktion auf Stress und die Funktion des Körpers unter normalen Bedingungen. Daher lassen sich Kortison-Präparate nicht einfach durch natürliche Verfahren ersetzen, aber sie können die Dosis reduzieren und so die Therapie unterstützen. Die kalten Güsse führen oft dazu, dass MS-Betroffenen gymnastische Übungen leichter fallen.
Der unabhängige und gemeinnützige Dachverband Kneipp-Bund e. V. ist mit seinen 1.200 Kneipp-Vereinen, zertifizierten Einrichtungen und Fachverbänden die größte private deutsche Gesundheitsorganisation. Er bietet auf seiner Webseite eine einfache Suchfunktion, um Einrichtungen in der Nähe zu finden und zeigt in einigen Videos auch, wie die Anwendungen (etwa Wechselarmbäder, Knie- oder Gesichtsgüsse, Schnee- oder Wassertreten) zuhause durchgeführt werden können. In Bad Wörishofen, dem Heimatort von Sebastian Kneipp, befindet sich die Sebastian-Kneipp-Akademie (SKA), die kostenpflichtige Schulungen, Kurse, Seminare, Weiterbildungen und Prävention in der Naturheilkunde anbietet und Interessierte auch zu Gesundheitspädagog*innen ausbildet. Ergänzt wird dieses Angebot durch die staatlich anerkannte Sebastian-Kneipp-Schule (SKS) ebenfalls in Bad Wörishofen; sie bietet Ausbildungen im Bereich der Kneipp-Therapie, Gesundheitsförderung und Prävention an. Dort befindet sich auch eine Kneipp-Kurklinik und das Kneippianum, ein modernes Gesundheitszentrum. Aufenthalte hier können bei der Kasse beantragt werden. Auch Rehakliniken wie die Birkle-Klinik in Überlingen am Bodensee (Fachklinik für Innere Medizin und Orthopädie) ergänzen das Angebot. MS ist eine der Indikationen für eine Kneipp-Kur, die meist von der Kasse übernommen wird. Und es gibt Hotels, die gezielt Kneipp-Anwendungen als Kur anbieten. Die Kur ist eine Pflichtleistung; somit haben alle Versicherten einen gesetzlichen Anspruch auf ambulante Vorsorgeleistung nach § 23 Abs. 2 SBG V. Kostenfrei sind Kneipp-Becken im Wald oder bei Schwimmbädern (falls Sie mobil sind), wie z. B. die ganzjährig zugängliche Kneipp-Anlage beim Schwimmbad Bammental. Außerdem können Sie auch zuhause, etwa mit Wechselduschen, schon einiges tun, wenn Ihre Mobilität eingeschränkt ist.