Max Nonne, geboren am 13. Januar 1861 in Hamburg, gestorben am 12. August 1959 auf dem Landgut Dwerkaten bei Lütjensee (Schleswig-Holstein), war ein bedeutender deutscher Neurologe. Sein Wirken trug maßgeblich zur Etablierung der Neurologie als eigenständige Disziplin bei.
Familiärer Hintergrund und Ausbildung
Nonnes familiäre Wurzeln reichen nach Thüringen. Sein Vater, Edwin Nonne, war Kaufmann. Max Nonnes Großvater väterlicherseits war Karl Ludwig Nonne (1785-1853), ein Schulreformer und Publizist im Herzogtum Sachsen-Hildburghausen. Seine Großmutter mütterlicherseits war Adelheid Kraft, Tochter von Friedrich Karl Kraft (1786-1866), einem Philologen und Direktor des Johanneums in Hamburg von 1827 bis 1861.
Nonne wuchs in Hamburg auf und legte dort 1879 das Abitur ab. Anschließend studierte er Medizin in Heidelberg, Freiburg (Br.), Berlin und erneut in Heidelberg, wo er 1884 das medizinische Staatsexamen bestand und zum Dr. med. promoviert wurde. Seine Ausbildung umfasste Stationen bei renommierten Medizinern wie Wilhelm Erb an der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg, Friedrich von Esmarch an der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg und Carl Eisenlohr am Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Eppendorf.
Wirken in Hamburg
1889 ließ sich Nonne in Hamburg als praktischer Arzt und Spezialarzt für Nervenkrankheiten nieder. Zusätzlich übernahm er die Position eines externen Assistenzarztes, später Sekundärarztes am Allgemeinen Krankenhaus St. Georg und leitete die Innere Abteilung des Vereinshospitals des Roten Kreuzes.
Aufstieg in Eppendorf und die Etablierung der Neurologie
Ein entscheidender Schritt in Nonnes Karriere war 1896 die Nachfolge von Carl Eisenlohr als Oberarzt der II. Medizinischen Abteilung in Eppendorf. Diese Abteilung baute er zur späteren Neurologischen Universitätsklinik aus. 1933 wurde er pensioniert. Nonnes Klinik entwickelte sich zu einem international anerkannten Zentrum der Nervenheilkunde, was maßgeblich zur Etablierung der Neurologie als eigenständige Disziplin beitrug.
Lesen Sie auch: Friedrich Knapp zum Thema Schlaganfall
Anlässlich der Gründung der Universität Hamburg im Jahr 1919 wurde Nonne, der seit 1913 Titularprofessor war, eine nicht-planmäßige außerordentliche Professur verliehen. Diese wurde 1925 in eine planmäßige ordentliche Professur umgewandelt.
Internationale Anerkennung
Nonnes Ruf reichte weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Vortragsreisen führten ihn unter anderem 1909 in die USA, 1913 nach London, 1921 nach Skandinavien und 1922 nach Südamerika. 1923 wurde er als Consiliarius wiederholt an das Krankenbett Lenins in die UdSSR gerufen. 1931 leitete er die Eröffnungssitzung des I. Internationalen Neurologen-Kongresses in Bern.
Forschungsschwerpunkte
Nonnes Hauptarbeitsgebiet war die Neurolues, die Syphilis des Nervensystems. Er erkannte frühzeitig die Bedeutung des Liquorbefundes für die Diagnostik der syphilitischen und anderer organischer Nervenkrankheiten (Nonne-Apelt-[Schumm-]Reaktion).
Weitere wichtige Beiträge Nonnes umfassen:
- Funikuläre Myelose: Studien zur Pathogenese, in denen er die Krankheit unter die degenerativen und nichtentzündlichen Krankheiten einordnete.
- Myelitis: Revision und Präzisierung des ursprünglich sehr weit gefassten Begriffs.
- Rückenmarkstumoren: Eingehende Beschäftigung mit Fragen der Diagnose und Therapie. Seine Untersuchungen auf dem Gebiet der Rückenmarkskompression waren grundlegend (Nonne-Froin-Syndrom).
- Erbliche Ataxien und Ödeme: Erkennung einer erblichen Form der Kleinhirnataxie (Nonne-Marie-Krankheit) und eines erblichen trophischen Ödems der Extremitäten (Nonne-Milroy-Meige-Syndrom).
- Multiple Sklerose und Alkoholschäden: Weitere Schwerpunkte seiner Arbeit.
Nonnes Ruf gründete sich auf seine außergewöhnlich große klinische Erfahrung und die sorgfältige Auswertung einer vielseitigen Kasuistik.
Lesen Sie auch: Friedrich Verlag Demenz-Ratgeber
Nonnes Rolle im Ersten Weltkrieg und seine umstrittenen Ansichten
Besonderes Aufsehen erregte Nonne während des Ersten Weltkriegs, als es ihm gelang, eine große Anzahl sogenannter „Kriegsneurotiker“ durch Hypnose symptomfrei zu machen bzw. ihre Symptome zu lindern. Nonne ging davon aus, dass es sich bei der „Kriegsneurose“ um eine Form der Hysterie, um psychogene, funktionelle Störungen handelte.
Auseinandersetzung mit Hermann Oppenheim
Auf der Kriegstagung des Deutschen Vereins für Psychiatrie und der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte 1916 in München setzte er sich mit dieser Auffassung gegen den damals führenden deutschen Neurologen Hermann Oppenheim und dessen Lehre von der „traumatischen Neurose“ durch. Oppenheim vertrat die Ansicht, dass es sich um eine organisch bedingte (und damit rentenpflichtige) Krankheit handelte.
Kritik an Nonnes Behandlungsmethoden
Nonne gehörte zu jenen Ärzten, die den Imperativen der militärischen Führung Genüge taten, indem sie den „Kriegsneurotikern“ und ihren teilweise schweren Symptomen nicht mit einer patientengerechten Therapie, sondern mit Disziplinierungsmaßnahmen begegneten. Diesen Ärzten ging es weniger um Heilung als um Demütigung und Einschüchterung vermeintlicher „Simulanten“. Zwar dominierte in seiner Eppendorfer Klinik die Suggestionsbehandlung durch Hypnose, doch wurde sie teilweise mit der Anwendung von Elektroschocks und mit Zwangsexerzieren kombiniert.
Sozialdarwinistische Ansichten und Haltung zur "Euthanasie"
Nach dem Ersten Weltkrieg beklagte Nonne, dass die „Besten“ geopfert, „die körperlich und geistig Minderwertigen, Nutzlosen und Schädlinge“ jedoch verschont geblieben seien und keine „gründliche Katharsis“ von den „an der Volkskraft zehrenden Parasiten“ stattgefunden habe.
Sein sozialdarwinistisches Menschen- und Weltbild offenbart sich auch in einer Stellungnahme zur „Euthanasie“, die er im September 1942 verfasste (in Form eines Briefes an den Hamburger Gesundheitssenator Ofterdinger, StA Hamburg). Obwohl kein Nationalsozialist, sprach sich Nonne für die laufenden Tötungsaktionen gegen unheilbar psychisch Kranke aus. Ihr Leben war in seinen Augen „absolut unwertes Leben“, dessen „Beseitigung“ keine unmoralische Handlung sei, sondern ein erlaubter, nützlicher Akt.
Lesen Sie auch: Der Weg zurück nach Schlaganfall: M.F. Vogt
Ehrungen und Mitgliedschaften
Nonne war Vorsitzender der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte und Ehrenmitglied der American Neurological Association (1950). Er war Mitglied der Società Italiana di Neurologia (1912), der Vereinigung für Psychiatrie und Neurologie zu Wien (1922) und der Royal Society of Medicine, Section of Neurology (1935). 1953 wurde ihm die Paracelsus-Medaille verliehen. Seit 1961 wird die Max-Nonne-Medaille verliehen.
Publikationen (Auswahl)
- Syphilis und Nervensystem. Ein Handbuch, 1902, 5. Auflage 1924 (engl. 1913, span. 1923)
- Therapeutische Erfahrungen an den Kriegsneurosen in den Jahren 1914-1918, in: K. Bonhoeffer (Hg.), Handbuch der Ärztlichen Erfahrungen im Weltkriege 1914/1918, IV, Geistes- und Nervenkrankheiten, 1922, S. 243-258
- Der Pseudotumor cerebri, in: Neue deutsche Chirurgie, XII, Die allgemeine Chirurgie der Gehirnkrankheiten, Teil II, 1914, S. 213-242
- Stellung und Aufgaben des Arztes in der Behandlung des Alkoholismus, Übersichten
Zahlreiche Aufsätze (u. a.: Sonderdrucksammlung in der Bibliothek der Ärztlichen Vereinigung Hamburg).
Nonne war Mitherausgeber der Deutschen Zeitschrift für Nervenheilkunde und Mitarbeiter am Lehrbuch der Nervenkrankheiten für Ärzte und Studierende von Hermann Oppenheim und am Lehrbuch von Hans Pette.
tags: #max #friedrich #neurologie