Der junge Autor Max Sprenger hat mit seinem Buch „Tsunami im Kopf: Flachgelegt von einer Hirnblutung. Aber ich hol mir mein Leben zurück“ viele Menschen bewegt und inspiriert. Seine Geschichte ist eine Geschichte von Schicksalsschlägen, unglaublichem Lebenswillen und dem Kampf zurück ins Leben.
Ein idyllischer Urlaub nimmt eine dramatische Wendung
Bis zum Sommer 2015 war Max Sprenger ein ganz normaler Teenager. Er war ein "Draußen-Kind", begeisterte sich für Sport, Abenteuer und sein Hobby Parkour. Doch während eines Urlaubs in Holland über Fronleichnam 2015 änderte sich sein Leben von einer Sekunde auf die andere. Der damals 14-Jährige klagte über Kopfschmerzen und ging früh zu Bett. Doch die Beschwerden wurden schlagartig schlimmer. Seine Mutter, Jutta Schmidt, fuhr ihn in die nächstgelegene Klinik. Dort stellten die Ärzte eine Hirnblutung fest, die im Stammhirn lokalisiert war und als nicht operabel galt.
Max wurde umgehend mit dem Hubschrauber in das Universitätsklinikum nach Frankfurt am Main geflogen. Dort wurde die niederschmetternde Diagnose des sogenannten "Locked-in-Syndroms" gestellt.
Das Locked-in-Syndrom: Gefangen im eigenen Körper
Das Locked-in-Syndrom ist eine neurologische Störung, bei der die Patienten bei vollem Bewusstsein sind und ihre kognitiven Funktionen intakt sind. Sie können hören und sehen, sind aber vollständig bewegungsunfähig. Ihr gesamter Körper ist gelähmt: Sprechen, Schlucken, Atmen und Bewegungen von Armen und Beinen sind nicht möglich. Die Betroffenen sind in ihrem Körper eingeschlossen ("locked-in") und können meist nur noch ihre Augen bewegen.
Das Locked-in-Syndrom kann beispielsweise als Folge eines Schlaganfalls, einer Nervenerkrankung wie ALS oder als Folge eines Unfalls auftreten. Es ist nicht mit dem Wachkoma zu verwechseln, bei dem die Patienten das Bewusstsein über sich und ihre Umwelt meist vollständig verloren haben.
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Max Sprenger beschreibt seine Erinnerungen an diese Zeit so: "Ich bekam alles mit und war geistig voll da, konnte aber keinen einzigen Muskel bewegen, nicht sprechen, keine Zeichen geben. Eine unvorstellbare Situation - und laut ärztlicher Prognose würde sie so bleiben."
Die Ärzte machten seiner Mutter kaum Hoffnung. Sie glaubten, dass Max in diesem Stadium zwischen Leben und Tod bleiben müsse. Doch Max und seine Familie gaben nicht auf.
Der lange Weg zurück ins Leben
Nach der Akutversorgung in Frankfurt kam Max in eine Rehabilitationseinrichtung am Hochrhein, nahe der Schweizer Grenze. Mehr als eineinhalb Jahre verbrachte er dort. Seine Familie zog mit nach Süddeutschland, um ihm nahe zu sein.
Entgegen aller ärztlichen Erwartungen geschah nach drei Monaten ein kleines Wunder: Max konnte einen Finger bewegen, dann eine Hand und schließlich den Arm. Immer mehr Fähigkeiten seines Körpers kamen zurück.
"Das war ein halbes Wunder", erinnert sich Max Sprenger im Rückblick. Damit begann sein mühsamer Kampf zurück ins Leben. Es folgten kleine Fortschritte: Er lernte wieder sitzen, Laufen am Unterarmgehwagen und auch das Sprechen kam nach und nach zurück, auch wenn er heute noch Mühe hat und mit Hilfe der Logopädie daran arbeitet. Zudem kann er wieder feste Nahrung zu sich nehmen, nachdem man ihm über Monate nur Sondennahrung und später Breikost verabreichen konnte. Dank grobmotorischer Fähigkeit der rechten Hand gelang es Max Sprenger ein dreiviertel Jahr später sein Smartphone wieder zu bedienen.
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Woche für Woche absolviert Max Sprenger bis zu 14 Therapiestunden, bewältigt den Schulunterricht und glaubt daran, dass noch mehr geht. "Ich hoffe, dass ich bald wieder laufen kann", so der heute junge Mann, der sich bewusst ist, dass er nie wieder der Alte sein wird. Sein nächstes Ziel ist das Fachabitur.
"Tsunami im Kopf": Ein Buch als Ventil und Hoffnungsträger
Bereits während seines Reha-Aufenthalts begann Max Sprenger, seinem Handy anzuvertrauen, was ihn beschäftigt. Zunächst eher sporadisch, dann immer regelmäßiger schrieb er auf, wie es ihm durch die Krankheit ergeht. Bald kam der Gedanke auf, seine Geschichte als Buch zu veröffentlichen.
"Meine Geschichte soll einen Eindruck geben, wie man sich als Gefangener im eigenen Körper fühlt. Welche Träume mich antreiben. Und wie wir uns vielleicht gegenseitig durch schwere Zeiten helfen können."
Das Schreiben half ihm, das Erlebte besser zu verarbeiten. "Ich will damit anderen Menschen, die solche Situationen erleben, Hoffnung machen, mich bei meiner Familie und Freunden bedanken, weil sie für mich sehr viel getan haben."
Sein Buch „Tsunami im Kopf“ landete schließlich auf der Spiegel-Bestsellerliste und berührte viele Leser. Es ist ein bewegender Bericht über seinen Kampf zurück ins Leben, in dem er immer wieder auch von seiner Mutter berichtet: "Ich habe wahre Liebe vor allem durch meine Mutter erfahren, die nicht eine Sekunde von meinem Krankenbett wich (…). Irgendwie bin ich überzeugt davon, dass ihre Liebe und Gebete in diesem Zimmer spürbar gegenwärtig waren und die Atmosphäre verändert haben", schreibt er.
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Lesungen und Begegnungen: Max Sprenger teilt seine Geschichte
Max Sprenger ist heute als Autor und Redner aktiv. Er besucht Schulen, Kliniken und andere Einrichtungen, um seine Geschichte zu erzählen und Menschen Mut zu machen.
So war er beispielsweise an der Johann-Peter-Schäfer-Schule in Friedberg zu Gast, wo er vor Schülern und Mitarbeitern aus seinem Buch vorlas und Fragen beantwortete. Dabei wurde schnell deutlich, dass trotz der verlangsamten Sprache hier ein junger Mann mit großem Humor und Wortwitz sitzt.
Auch in der Asklepios Klinik Lich fand eine Lesung mit Max Sprenger statt. Eingeladen waren Auszubildende, Mitarbeiter aller Bereiche der Klinik und interessierte Gäste. Max' Worte sind für die vielfältigen Berufsgruppen eines Krankenhauses hochinteressant. Sein Buch birgt besonders Potenzial, die professionelle Pflege zu sensibilisieren.
In der Ev. Berufsschule für Pflege berichtete Max Sprenger über seine Erfahrungen mit dem "Locked-in-Syndrom" und weckte bei den Pflegeschüler*innen Verständnis für die Situation von Menschen mit Behinderung.
Jutta Schmidt: Eine Mutter kämpft mit ihrem Sohn
Auch für Max' Mutter, Jutta Schmidt, hat sich das Leben durch die Hirnblutung ihres Sohnes schlagartig verändert. Sie musste ihr Familienleben neu organisieren und sich neuen Herausforderungen stellen.
"Das Familienleben ist nicht mehr das, was es vorher war", sagt sie. "Seit dem Tag, an dem die Blutung kam, funktioniere und renne ich nur noch und komme mir manchmal vor wie in einem stürmischen Meer: Die Wellen schlagen über mir zusammen."
Sie kümmert sich rund um die Uhr um Max, fährt ihn zu Therapien, hilft ihm bei der Schule und unterstützt ihn in seinem Alltag. Trotz der Belastung gibt sie die Hoffnung nicht auf und glaubt fest daran, dass Max noch weitere Fortschritte machen wird.
"Max sagt immer: Glaubt an mich, schreibt mich nicht als behindert ab. Ich möchte laufen lernen, ich möchte gesund werden."
Ein Vorbild für andere
Max Sprenger ist trotz seines schweren Schicksals ein Vorbild für viele Menschen. Er hat gezeigt, dass man auch in scheinbar aussichtslosen Situationen nicht aufgeben darf und dass es immer einen Weg zurück ins Leben gibt.
Sein Humor, sein Lebenswille und seine Offenheit beeindrucken und inspirieren. Er macht Mut, das Leben zu schätzen und sich nicht von Rückschlägen entmutigen zu lassen.
Max Sprenger will mit seiner Geschichte aufmerksam machen auf das Geschenk, das das Leben darstellt, und den Blick der Menschen abwenden von Status und Oberflächlichkeit. All das kann schließlich innerhalb einer Nacht verschwinden.
Er selbst will gesundheitlich weiter vorankommen, sein Abitur machen und am liebsten studieren. Was er nicht will, ist seine Situation einfach akzeptieren. So viel unverhofft Gutes sei ihm jetzt schon passiert, dass er überzeugt ist, da geht noch mehr.
Das Buch "Tsunami im Kopf"
Das Buch „Tsunami im Kopf: Flachgelegt von einer Hirnblutung. Aber ich hol mir mein Leben zurück“ (adeo Verlag) ist im Handel für 18 € erhältlich und kann bei Lesungen erworben werden. Es ist eine bewegende und inspirierende Lektüre, die Mut macht und zum Nachdenken anregt.