Meditation bei Migräne: Studienlage und Anwendung

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der weltweit Millionen Menschen betroffen sind. Sie kann zu erheblichen Beeinträchtigungen im Alltag führen, bis hin zur Arbeitsunfähigkeit und sozialer Isolation. Neben medikamentösen Behandlungen rücken zunehmend auch nicht-pharmakologische Methoden in den Fokus, darunter Entspannungstechniken wie Meditation. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage zur Anwendung von Meditation bei Migräne und diskutiert deren potenzielle Wirkmechanismen.

Die Rolle von Stress bei Migräne

Stress ist ein bekannter Auslöser für Migräneattacken. Bei Migränepatienten scheint die Stressverarbeitung im Vergleich zu gesunden Menschen beeinträchtigt zu sein, was zu einer erhöhten kortikalen Aufmerksamkeitsaktivierung führt. Meditation kann hier ansetzen, indem sie die Stressverarbeitung positiv beeinflusst und die kortikale Aktivierung reduziert.

Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) bei Migräne

Die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction - MBSR) ist ein von Jon Kabat-Zinn entwickeltes Programm zur Stressbewältigung. Es kombiniert Elemente von Yoga und Meditation und zielt darauf ab, die Aufmerksamkeit gezielt zu lenken. MBSR hat sich in den USA zu einer beliebten Methode entwickelt, um Stress-getriggerte Migräneattacken vorzubeugen oder die Symptome zu mildern.

Studien zu MBSR bei Migräne

Eine randomisierte Studie in JAMA Internal Medicine (2020) untersuchte die Wirksamkeit von MBSR bei Migränepatienten im Vergleich zu einer Kopfschmerzschulung. Die Ergebnisse zeigten, dass MBSR die Kopfschmerzfrequenz nicht stärker senkte als die Schulung. Allerdings berichteten die Patienten am Ende über eine bessere Lebensqualität und reagierten in einem Test weniger empfindlich auf Schmerzreize.

In der Studie nahmen 89 Patienten mit durchschnittlich 7,3 Kopfschmerztagen pro Monat teil. Die MBSR-Gruppe nahm an einem Kurs mit wöchentlichen Sitzungen von jeweils 2 Stunden Dauer teil, der Yoga und Meditationen umfasste. Die Teilnehmer wurden gebeten, die Übungen täglich zuhause zu wiederholen. Die Kopfschmerzschulungsgruppe erhielt während der gleichen Zeit eine entsprechende Schulung.

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Die Kopfschmerzfrequenz sank in der MBSR-Gruppe um 1,6 Tage pro Monat und in der Schulungsgruppe um 2,0 Tage pro Monat. Der Unterschied zwischen den Gruppen war nicht signifikant. Allerdings zeigte die MBSR-Gruppe eine deutlichere Verbesserung gegenüber den Baselinewerten bei einigen sekundären Endpunkten, wie z.B. Beeinträchtigungsscore, Lebensqualität, Selbstwirksamkeit, Schmerzkatastrophisierung und Depressionsscore. Die Patienten in der MBSR-Gruppe berichteten auch von einer Abnahme der Schmerzintensität und des Unwohlseins.

Eine weitere Studie in Headache (2014) untersuchte die Wirksamkeit von MBSR bei Migränepatienten. Die Ergebnisse zeigten, dass MBSR die Zahl der monatlichen Attacken senkte und die Schmerzdauer verminderte. Die Studie hatte jedoch nur 19 Teilnehmer, so dass die Ergebnisse nicht als Beweis für die Wirksamkeit gelten können.

Interpretation der Ergebnisse

Die Studienlage zu MBSR bei Migräne ist gemischt. Einige Studien zeigen positive Effekte auf die Kopfschmerzfrequenz, Schmerzintensität und Lebensqualität, während andere Studien keine signifikanten Unterschiede im Vergleich zu anderen Behandlungen finden. Es ist wichtig zu beachten, dass die meisten Studien relativ klein sind und weitere Forschung erforderlich ist, um die Wirksamkeit von MBSR bei Migräne zu bestätigen.

Achtsamkeitsmeditation als Alternative zur medikamentösen Prophylaxe

Eine Studie der DGP (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) untersuchte die Wirksamkeit von Achtsamkeitsmeditation als Alternative zur medikamentösen Prophylaxe bei Patienten mit chronischer Migräne und Medikamentenübergebrauch. Die Ergebnisse zeigten, dass Achtsamkeitsmeditation fast gleichwertig zur medikamentösen Prophylaxe sein könnte.

In der Studie nahmen 44 Patienten mit chronischer Migräne und Medikamentenübergebrauch an einem Schmerzmittelentzugsprogramm teil. Im Anschluss an den Entzug wurden die Patienten entweder mit einem Medikament zur Vorbeugung von Migräneattacken behandelt (Med-Gruppe) oder nahmen an einem Achtsamkeitsmeditationstraining (MT-Gruppe) teil. Das Training bestand aus 6 wöchentlichen Sitzungen mit angeleiteter Meditation. Die Patienten wurden zusätzlich dazu ermuntert, täglich 7 - 10 min zu üben.

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Die Messwerte zeigten für beide Behandlungsgruppen vergleichbare Verbesserungen der Kopfschmerzhäufigkeit, des Medikamentengebrauchs sowie in den Behinderungswerten und dem Depressionswert BDI. In der Beeinträchtigungsskala HIT-6 zeigte sich lediglich für die MED-Gruppe eine Verbesserung. Es wurden keine Änderungen hinsichtlich der Angstgefühle gemessen. Beide Gruppen zeigten deutliche Verbesserungen in einem klassischen Wirkziel der Migräneforschung: der 50%igen Verringerung von Kopfschmerzattacken im Vergleich zur Grundlinie vor der Behandlung.

Implikationen für die Behandlung

Die Ergebnisse der DGP-Studie legen nahe, dass Achtsamkeitsmeditation eine vielversprechende alternative Behandlungsmethode für Patienten mit chronischer Migräne und Medikamentenübergebrauch sein könnte. Sie könnte dazu beitragen, die Kopfschmerzhäufigkeit zu reduzieren, den Medikamentengebrauch zu verringern und die Lebensqualität zu verbessern.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Ergebnisse auf einer einzigen Studie basieren und weitere Forschung erforderlich ist, um die Wirksamkeit von Achtsamkeitsmeditation bei Migräne zu bestätigen. Wer eine funktionierende Prophylaxe hat, sollte sie sicher nicht spontan durch Meditation ersetzen.

Weitere Studien und Forschung

Eine explorative Querschnittsstudie untersuchte die Merkmale der kortikalen Informationsverarbeitung und der Stressverarbeitung bei Migränepatienten, Probanden mit Meditationserfahrung und Kontrollprobanden. Die Ergebnisse zeigten, dass die Reiz- und Stressverarbeitung meditationserfahrener Menschen im Vergleich zu Migränepatienten verbessert ist. Insbesondere die Anwendung der negativen Stressverarbeitungsstrategie „Gedankliche Weiterbeschäftigung“ scheint eine erhöhte kortikale Aktivierung zu bewirken und bei Migräneleidenden die Migräneanfälle auszulösen.

Die Beschäftigung mit Gedanken und die kortikale Aktivierung waren bei den meditationserfahrenen Probanden am niedrigsten ausgeprägt im Vergleich zu den Migränikern und den gesunden Kontrollprobanden. Daher wird ein Wirkmechanismus der Meditation über die Stressverarbeitung und die kortikale Aktivierung vorgeschlagen, der zu einem selteneren Überschreiten der Migräneschwelle und zu einer verbesserten Migränesymptomatik führt.

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Eine weitere Studie untersuchte den Einfluss von Achtsamkeitstraining bei Migränepatienten, die übermäßig stark Schmerzmittel einnehmen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Patienten nach 12 Monaten ihre Kopfschmerzfrequenz signifikant verringern und weniger Schmerzmittel benötigen konnten als die Vergleichsgruppe. Außerdem wurde bei einem deutlich höheren Anteil von ihnen Verbesserungen hinsichtlich der Lebensqualität und weniger Behinderungen und Produktiviätsverlust gemessen.

Persönliche Erfahrungen mit Meditation bei Migräne

Viele Menschen mit Migräne berichten von positiven Erfahrungen mit Meditation. Sie nutzen Meditation, um Stress und Angst zu reduzieren, mit Schmerzen umzugehen und ein Gefühl der Kontrolle über ihre Erkrankung zu erlangen.

Es ist wichtig zu beachten, dass Meditation nicht für jeden geeignet ist und dass es Zeit und Mühe erfordert, bis man Ergebnisse sieht. Es ist auch wichtig, den richtigen Meditationsstil zu finden, der zu den eigenen Bedürfnissen und Vorlieben passt.

Tipps für die Anwendung von Meditation bei Migräne

  • Fangen Sie langsam an: Beginnen Sie mit kurzen Meditationseinheiten von 5-10 Minuten und steigern Sie die Dauer allmählich.
  • Finden Sie einen ruhigen Ort: Suchen Sie sich einen Ort, an dem Sie ungestört sind und sich entspannen können.
  • Konzentrieren Sie sich auf Ihren Atem: Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Atem und beobachten Sie, wie er ein- und ausströmt.
  • Lassen Sie Gedanken kommen und gehen: Versuchen Sie nicht, Ihre Gedanken zu unterdrücken. Nehmen Sie sie einfach wahr und lassen Sie sie weiterziehen.
  • Seien Sie geduldig: Es braucht Zeit, um die Vorteile der Meditation zu erfahren. Seien Sie geduldig mit sich selbst und geben Sie nicht auf.
  • Experimentieren Sie mit verschiedenen Meditationsstilen: Es gibt viele verschiedene Meditationsstile, wie z.B. Achtsamkeitsmeditation, geführte Meditation, Yoga und Tai Chi. Finden Sie den Stil, der am besten zu Ihnen passt.
  • Nutzen Sie digitale Angebote: Es gibt viele Apps und Online-Ressourcen, die geführte Meditationen und andere Achtsamkeitsübungen anbieten.

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