Hypersexualität, oft umgangssprachlich als Sexsucht bezeichnet, kann eine Beziehung stark belasten und zu großem Leid führen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Folgen von Hypersexualität und zeigt Wege zur Diagnose, Behandlung und zum Umgang mit sexuellem Druck in der Partnerschaft auf.
Was ist Hypersexualität?
Hypersexualität, auch zwanghafte Sexualverhaltensstörung (CSBD) genannt, ist eine Impulskontrollstörung und eine Form der Verhaltenssucht. Betroffene konzentrieren ihre Gedanken und Handlungen übermäßig auf sexuelle Aktivitäten. Typische Merkmale sind:
- Häufiger, unkontrollierter Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern
- Übermäßiger Konsum von Pornografie
- Zwanghaftes Masturbieren
- Cyber- und Telefonsex
Es ist wichtig zu verstehen, dass Sexsucht nicht mit einer erhöhten Libido gleichzusetzen ist, sondern mit einer unkontrollierten Abhängigkeit. Betroffene fühlen sich von ihren sexuellen Impulsen beherrscht und erleben trotz des wachsenden Bedürfnisses nach Befriedigung immer weniger Zufriedenheit. Ein einfaches Kriterium für Hypersexualität ist, wenn Sexualität mehr Leid als Freude verursacht.
Ab wann spricht man von Sexsucht?
Nicht jede Person mit einem aktiven Sexualleben ist hypersexuell. Sexsucht wird diagnostiziert, wenn ein zwanghaftes Verhalten vorliegt, das negative Auswirkungen auf Beziehungen, Beruf oder Gesundheit hat. Betroffene scheitern oft an Versuchen, ihr Verhalten zu kontrollieren, und nutzen Sexualität als Flucht vor Stress, Einsamkeit oder Angst. Die Symptome müssen über mindestens sechs Monate bestehen und das tägliche Leben erheblich beeinträchtigen, um als Hypersexualität diagnostiziert zu werden. Weitere Merkmale können sein:
- Häufig wechselnde Sexualpartner
- Vernachlässigung der eigenen Gesundheit und anderer Bedürfnisse
- Keine oder wenig Befriedigung durch sexuelle Handlungen
- Übermäßige, sehr häufige Masturbation
- Starker Konsum von pornografischen Inhalten
- Häufige Vorliebe für anonymen Sex
Ursachen von Hypersexualität
Die Ursachen für Hypersexualität sind vielfältig und komplex. Oftmals lassen sich keine eindeutigen und konkreten Gründe identifizieren.
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Psychologische Faktoren
- Traumatische Erlebnisse: Sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung in der Kindheit können die Entwicklung von Hypersexualität begünstigen.
- Geringes Selbstwertgefühl: Betroffene nutzen Sexualität, um emotionale Leere oder Unsicherheiten zu kompensieren.
- Psychische Störungen: Hypersexualität tritt häufig gemeinsam mit Depressionen, Angststörungen oder bipolaren Störungen auf.
Biologische Faktoren
- Hormonelle Ungleichgewichte: Hohe Testosteronspiegel oder Störungen im Serotonin-Haushalt können Hypersexualität begünstigen.
Medikamente und Suchtmittel
- Hypersexualität tritt häufig zusammen mit einer Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit auf.
- Bestimmte Medikamente können die Entstehung einer Sexsucht begünstigen.
Familiäre Hintergründe
Die Familien von Sexsüchtigen sind oft von Extremen geprägt. Häufig finden sich folgende Muster:
- Dysfunktionale Familienatmosphären mit Kälte, Ablehnung, Überforderung oder Sucht.
- Fehlende Freude der Eltern an ihren Kindern und mangelnde Fähigkeit, sie altersgemäß zu umsorgen und zu fördern.
- Distanzierte und belastete Partnerbeziehungen der Eltern.
- Hoher Anspruch der Eltern an die Kinder, oft verbunden mit mangelnder Förderung und Unterstützung.
- Extreme Grenzsetzungen, entweder fehlend oder zu rigoros und hart.
- Tabuisierung von Sexualität oder ein ständiges sexuelles Fluidum im Raum.
Studien haben gezeigt, dass sexsüchtigen Männer öfter in einem zu engen Verhältnis zu ihren Müttern gelebt haben, während sexsüchtige Frauen eher in großer innerer Distanz zu ihnen standen.
Folgen einer Sexsucht
Hypersexualität kann weitreichende Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche haben:
Psychische Folgen
- Depressionen
- Scham- und Schuldgefühle
- Angststörungen
Soziale Folgen
- Konflikte in Beziehungen bis hin zur Beziehungsunfähigkeit
- Zerstörung des Vertrauens in Partnerschaften
- Sozialer Rückzug
Gesundheitliche Folgen
- Erhöhtes Risiko für sexuell übertragbare Krankheiten durch ungeschützten Geschlechtsverkehr
Berufliche Folgen
- Konzentrationsprobleme am Arbeitsplatz
- Beeinträchtigung der Leistung
- Disziplinarische Konsequenzen durch unangemessenes Verhalten
- Finanzielle Schwierigkeiten durch Arbeitsplatzverlust
Diagnose und Therapie von Hypersexualität
Die Diagnose „Hypersexualität“ erfolgt durch spezialisierte Ärzte, Psychologen oder Psychotherapeuten.
Diagnoseverfahren
- Umfassende Anamnese: Abfrage der sexuellen Vorgeschichte und aktueller Probleme.
- Befragung des Partners/der Partnerin oder von Angehörigen: Mit Zustimmung des Betroffenen, um die Diagnose zu stellen.
Therapiemöglichkeiten
- Kognitive Verhaltenstherapie: Hilft, destruktive Denkmuster zu erkennen und durch gesündere zu ersetzen.
- Traumatherapie: Kann zugrunde liegende Traumata aufarbeiten und deren Einfluss auf das Verhalten mindern.
- Gruppentherapie: Bietet soziale Unterstützung und die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen.
- Paartherapie: Kann die Kommunikation zwischen den Partnern unterstützen.
- Medikamente: Antidepressiva oder hormonelle Behandlungen zur Verbesserung der Impulskontrolle.
- Achtsamkeitstechniken: Meditation, Yoga und Stressmanagement ergänzen die Therapie.
Sexueller Druck in der Beziehung
Auch ohne diagnostizierte Hypersexualität kann sexueller Druck in einer Beziehung entstehen. Dieser kann sich durch Unwohlsein beim Gedanken an Sex äußern oder durch die Frage, ob man zu wenig oder zu viel Sex hat. Typische Gedanken sind: „Ich/wir bin/sind nicht normal”, „mein Partner wird mich verlassen” oder „wir müssen mehr Sex haben”. Solche Gedanken können mit Scham, Schuld und Angst einhergehen und dazu führen, dass man dem Partner ausweicht, um Sex zu vermeiden.
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Ursachen für sexuellen Druck
- Gesellschaftliche Erwartungen: Stereotype Denkmuster wie „Männer wollen immer Sex” oder „für Paare ist es normal, 2-3 mal pro Woche miteinander zu schlafen” können Druck erzeugen.
- Leistungsdruck: Das Gefühl, im Bett „performen“ zu müssen, um den Partner zufriedenzustellen, kann zu Versagensängsten und Frustration führen.
- Unterschiedliche Bedürfnisse: Wenn ein Partner mehr Sex wünscht als der andere, kann dies zu Konflikten und Druck führen.
- Probleme in der Partnerschaft: Liegen andere Bereiche der Partnerschaft im Argen, kann dies zu weniger Lust auf Sex führen.
Umgang mit sexuellem Druck
- Offene Kommunikation: Sprechen Sie mit Ihrem Partner über Ihre Gefühle, Wünsche und Erwartungen.
- Erwartungen hinterfragen: Hinterfragen Sie stereotype Denkmuster und gesellschaftliche Erwartungen.
- Veränderungen zulassen: Akzeptieren Sie, dass die Lust auf Sex in verschiedenen Lebensphasen variieren kann.
- Andere Formen der Intimität: Konzentrieren Sie sich auf Zärtlichkeit, Nähe und emotionale Verbundenheit, auch ohne Sex.
- Professionelle Hilfe: Eine Paartherapie kann helfen, die Kommunikation zu verbessern und Konflikte zu lösen.
Was tun, wenn der Sextrieb des Partners überfordert?
Wenn der Sextrieb des Partners überfordert, ist es wichtig, die Situation ernst zu nehmen und offen darüber zu sprechen. Hier sind einige Tipps für Betroffene:
- Eigene Grenzen setzen: Machen Sie Ihrem Partner deutlich, wann Sie keinen Sex wollen und warum.
- Eigene Bedürfnisse kommunizieren: Sprechen Sie darüber, was Ihnen Freude bereitet und was nicht.
- Unterstützung suchen: Sprechen Sie mit Freunden, Familie oder einem Therapeuten über Ihre Gefühle.
- Professionelle Hilfe in Anspruch nehmen: Eine Paartherapie oder Sexualtherapie kann helfen, die Probleme anzugehen.
Leistungsdruck beim Mann
Viele Männer stehen unter dem Erwartungsdruck, in Beziehungen und der Sexualität etwas leisten zu müssen, um geliebt zu werden. Dieses Rollenbild des ständig potenten Triebroboters, der befriedigen muss und seine Verletzlichkeit unter den Tisch kehrt, ist ein Ursprung für unzählige Probleme. Um sich von Ängsten und Druck zu befreien, ist es wichtig, diese Denkfehler abzustreifen.
Ursachen für Leistungsdruck
- Gesellschaftliche Rollenbilder: Männer sollen stark sein, ihre Gefühle verbergen und immer bereit für Sex sein.
- Pornografie: Verzerrte Darstellungen von Sexualität können unrealistische Erwartungen wecken.
- Versagensängste: Die Angst, im Bett zu versagen und den Partner nicht zufriedenzustellen.
Umgang mit Leistungsdruck
- Selbstreflexion: Hinterfragen Sie Ihre eigenen Glaubenssätze und Erwartungen.
- Offene Kommunikation: Sprechen Sie mit Ihrem Partner über Ihre Ängste und Unsicherheiten.
- Entspannung: Versuchen Sie, sich beim Sex zu entspannen und den Moment zu genießen.
- Professionelle Hilfe: Eine Sexualtherapie kann helfen, den Leistungsdruck abzubauen und ein erfüllteres Sexualleben zu führen.
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