Vererbung von Nervenkrankheiten: Ein umfassender Überblick

Nervenkrankheiten sind ein weit gefasster Begriff, der eine Vielzahl von Erkrankungen des Nervensystems umfasst. Einige dieser Krankheiten sind erblich bedingt, was bedeutet, dass sie durch genetische Mutationen von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden können. Dieser Artikel beleuchtet die Vererbung von Nervenkrankheiten und gibt einen Überblick über verschiedene erbliche neurologische Erkrankungen.

Was sind Nervenkrankheiten?

Der Begriff "Nervenkrankheiten" umfasst eine Vielzahl von Erkrankungen, die das zentrale und periphere Nervensystem betreffen. Das zentrale Nervensystem besteht aus Gehirn und Rückenmark, während das periphere Nervensystem alle Nerven umfasst, die außerhalb von Gehirn und Rückenmark liegen. Nervenkrankheiten können durch verschiedene Faktoren verursacht werden, darunter genetische Mutationen, Infektionen, Verletzungen, Stoffwechselstörungen und Umweltfaktoren.

Vererbung von Nervenkrankheiten

Einige Nervenkrankheiten sind erblich bedingt, was bedeutet, dass sie durch genetische Mutationen verursacht werden, die von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden können. Die Vererbungsmuster können unterschiedlich sein, darunter autosomal-dominant, autosomal-rezessiv und X-chromosomal.

  • Autosomal-dominante Vererbung: Bei diesem Vererbungsmuster reicht eine Kopie des mutierten Gens von einem Elternteil aus, um die Krankheit zu verursachen. Jedes Kind eines betroffenen Elternteils hat ein 50%iges Risiko, die Krankheit zu erben.
  • Autosomal-rezessive Vererbung: Bei diesem Vererbungsmuster müssen beide Elternteile Träger des mutierten Gens sein, damit das Kind die Krankheit entwickelt. Jedes Kind von zwei Trägereltern hat ein 25%iges Risiko, die Krankheit zu erben, ein 50%iges Risiko, Träger zu sein, und ein 25%iges Risiko, die Krankheit nicht zu erben.
  • X-chromosomale Vererbung: Dieses Vererbungsmuster betrifft Gene, die sich auf dem X-Chromosom befinden. Männer haben nur ein X-Chromosom, daher reicht eine Kopie des mutierten Gens aus, um die Krankheit zu verursachen. Frauen haben zwei X-Chromosomen, daher müssen sie zwei Kopien des mutierten Gens haben, um die Krankheit zu entwickeln, oder sie können Trägerinnen sein.

Beispiele für erbliche Nervenkrankheiten

Es gibt viele verschiedene erbliche Nervenkrankheiten, von denen einige häufiger vorkommen als andere. Hier sind einige Beispiele:

Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT) / Hereditäre motorisch-sensible Neuropathie (HMSN)

Die Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT), auch bekannt als hereditäre motorisch-sensible Neuropathie (HMSN), ist eine Gruppe von erblichen neurologischen Erkrankungen, die die peripheren Nerven betreffen. Die peripheren Nerven übertragen Signale vom Gehirn und Rückenmark zu den Muskeln und sensorischen Organen. Bei CMT sind diese Nerven geschädigt, was zu Muskelschwäche, Muskelatrophie und sensorischen Verlusten führt.

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Symptome:

  • Muskelschwäche und -atrophie, beginnend in Füßen und Unterschenkeln ("Storchenbeine")
  • Fußdeformitäten wie Hohlfüße und Krallenzehen
  • Sensorische Ausfälle (Taubheit, Kribbeln) in Füßen und Händen
  • Gangstörungen
  • In einigen Fällen: Schmerzen, Müdigkeit

Genetik:

CMT ist genetisch sehr heterogen, was bedeutet, dass Mutationen in vielen verschiedenen Genen die Krankheit verursachen können. Die häufigste genetische Ursache ist eine Duplikation des PMP22-Gens. CMT kann autosomal-dominant, autosomal-rezessiv oder X-chromosomal vererbt werden. Die Typen werden wie folgt unterteilt:

  • Typ 1 (HMSN1/CMT1): Die demyelinisierende und häufigste Form entwickelt sich bis zum 35. Lebensjahr und ist durch einen meist langsamen und gutartigen Verlauf gekennzeichnet, der zu teilweise deutlichen Einschränkungen führt, die jedoch nur selten einen Rollstuhl erforderlich machen.
  • Typ 2 (HMSN2/CMT2): Die axonale Form ähnelt Typ 1, wobei das Erkrankungsalter höher liegt und sie durch einen noch langsameren Verlauf sowie mögliche Zusatzsymptome gekennzeichnet ist.
  • Typ 3 (Déjérine-Sottas-Krankheit): Die demyelinisierende und seltene Form entwickelt sich bereits in den ersten zehn Lebensjahren und schreitet rasch voran. Sie ist oft mit einer verzögerten motorischen Entwicklung verbunden. Lähmungen der Extremitäten und ein allgemeiner Reflexverlust sowie ausgeprägte Empfindungsstörungen sind typisch, ebenso Pupillenstörungen und Skelettveränderungen. Häufig treten schmerzhafte Missempfindungen auf. Möglich sind wiederkehrende (rezidivierende) Verläufe.
  • Hereditäre Neuropathie mit Neigung zu Druckläsionen (HNPP): Die seltene Form kann klinisch der HMSN1 nahezu gleichen und beginnt im frühen Erwachsenenalter, meist nach dem 20. Lebensjahr. Sie ist durch eine erhöhte wiederkehrende (rezidivierende) Empfindlichkeit der peripheren Nerven gegenüber minimalem Druck, beispielsweise durch längere knieende Haltung, gekennzeichnet.

Diagnose:

Die Diagnose von CMT basiert in der Regel auf einer neurologischen Untersuchung, elektrophysiologischen Studien (NLG) und genetischen Tests.

Behandlung:

Es gibt keine Heilung für CMT, aber Behandlungen können helfen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören Physiotherapie, Ergotherapie, orthopädische Hilfsmittel und Schmerzmittel.

Friedreich-Ataxie (FRDA)

Die Friedreich-Ataxie (FRDA) ist eine autosomal-rezessive, neurodegenerative Erkrankung, die durch eine Mutation im Frataxin-Gen (FXN) verursacht wird. Diese Mutation führt zu einer verminderten Produktion von Frataxin, einem Protein, das für die Funktion der Mitochondrien wichtig ist. Die Mitochondrien sind die "Kraftwerke" der Zelle und liefern Energie. Ein Mangel an Frataxin führt zu einer Schädigung der Nervenzellen, insbesondere im Kleinhirn und im Rückenmark.

Symptome:

  • Ataxie (Koordinationsstörungen)
  • Dysarthrie (Sprachstörungen)
  • Muskelschwäche
  • Verlust des Vibrationssinns und der Propriozeption (Lagesinn)
  • Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung)
  • Diabetes mellitus
  • Skoliose

Genetik:

FRDA wird autosomal-rezessiv vererbt. Die häufigste Mutation ist eine GAA-Repeat-Expansion im FXN-Gen.

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Diagnose:

Die Diagnose von FRDA basiert auf einer neurologischen Untersuchung, genetischen Tests und bildgebenden Verfahren (MRT).

Behandlung:

Es gibt keine Heilung für FRDA, aber Behandlungen können helfen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören Physiotherapie, Ergotherapie, Sprachtherapie und Medikamente zur Behandlung von Herzproblemen und Diabetes.

Frontotemporale Demenz (FTD)

Die frontotemporale Demenz (FTD) ist eine Gruppe von neurodegenerativen Erkrankungen, die vor allem den Frontal- und Temporallappen des Gehirns betreffen. Diese Bereiche des Gehirns sind für Persönlichkeit, Verhalten, Sprache und exekutive Funktionen verantwortlich. FTD kann durch verschiedene genetische Mutationen verursacht werden.

Symptome:

Die Symptome von FTD variieren je nach den betroffenen Hirnbereichen. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Verhaltensänderungen (z. B. Enthemmung, Apathie, Reizbarkeit)
  • Sprachstörungen (z. B. Aphasie, Schwierigkeiten, Wörter zu finden)
  • Exekutive Funktionsstörungen (z. B. Schwierigkeiten, zu planen, zu organisieren, zuMultitasking)

Genetik:

FTD kann autosomal-dominant vererbt werden. Einige der häufigsten Gene, die mit FTD in Verbindung gebracht werden, sind MAPT (Microtubule-associated protein tau), GRN (Progranulin) und C9orf72.

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  • Frontotemporale Demenz mit Parkinson-Syndrom: MAPTAU AD17q21.1 FTDP-17 600274
  • Frontotemporale Demenz mit Ubiquitin-Einschlüssen: Progranulin (PGRN)AD17q21.32 FTDLU 607485

Diagnose:

Die Diagnose von FTD basiert auf einer neurologischen Untersuchung, neuropsychologischen Tests, bildgebenden Verfahren (MRT, PET) und genetischen Tests.

Behandlung:

Es gibt keine Heilung für FTD, aber Behandlungen können helfen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören Medikamente zur Behandlung von Verhaltensproblemen und Sprachtherapie.

Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine progressive neurodegenerative Erkrankung, die die Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark betrifft, die für die Steuerung der Muskelbewegungen verantwortlich sind (Motoneuronen). Der fortschreitende Verlust dieser Neuronen führt zu Muskelschwäche, Lähmungen und schließlich zum Tod.

Symptome:

  • Muskelschwäche, beginnend in Armen oder Beinen
  • Muskelzuckungen (Faszikulationen)
  • Muskelkrämpfe
  • Sprachstörungen (Dysarthrie)
  • Schluckstörungen (Dysphagie)
  • Atembeschwerden

Genetik:

Obwohl die meisten Fälle von ALS sporadisch auftreten (d. h. keine bekannte genetische Ursache haben), sind etwa 5-10% der Fälle familiär bedingt. Es wurden mehrere Gene identifiziert, die mit familiärer ALS in Verbindung gebracht werden, darunter SOD1, C9orf72, TARDBP und FUS.

Diagnose:

Die Diagnose von ALS basiert auf einer neurologischen Untersuchung, elektrophysiologischen Studien (NLG, EMG) und bildgebenden Verfahren (MRT).

Behandlung:

Es gibt keine Heilung für ALS. Der einzige Arzneistoff, den die US-Arzneimittelbehörde FDA zur Behandlung von ALS zugelassen hat, ist der Natriumkanal-Blocker Riluzol. Er verlängert die Überlebenszeit der Patienten im Mittel um drei Monate. Die Behandlung konzentriert sich auf die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität. Dazu gehören Medikamente zur Behandlung von Muskelkrämpfen, Physiotherapie, Ergotherapie, Sprachtherapie und Atemunterstützung.

Andere erbliche Nervenkrankheiten

Neben den oben genannten Beispielen gibt es noch viele andere erbliche Nervenkrankheiten, darunter:

  • Gliedergürtel-Muskeldystrophie (LGMD): Eine Gruppe von genetischen Muskelerkrankungen, die vor allem die Muskeln in Schultern und Hüften betreffen.
    • Gliedergürtel-Muskeldystrophie (LGMD2A): CAPN3 AR 15q15.1-q21.1 CAPN 3 114240
    • Gliedergürtel-Muskeldystrophie (LGMD 2D): alpha-Sarcoglycan AR17q12-q21.33SGCA600119
  • Glykogenose II (M. Pompe): Eine Stoffwechselerkrankung, die durch einen Mangel an saurer Maltase verursacht wird.
    • Saure Maltase AR 17q25.2-q25.3 GAA 232300
  • Gerstmann-Sträußler-Syndrom (GSS): Eine seltene, erbliche Prionenerkrankung.
    • PRNP AD20pter-p12 GSD 1766440
  • Hereditäre neuralgische Amyotrophie: Eine seltene Erkrankung, die durch wiederholte Episoden von Schmerzen und Muskelschwäche in Armen und Schultern gekennzeichnet ist.
    • SEPT9 AD?

Polyneuropathie: Erblichkeit und Ursachen

Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, bei der mehrere Nerven gleichzeitig geschädigt sind. Die Symptome können vielfältig sein und umfassen Missempfindungen, Schmerzen, Muskelschwäche und autonome Störungen.

Ist Polyneuropathie vererbbar?

Grundsätzlich ist Polyneuropathie vererbbar - angeborene Polyneuropathien treten jedoch eher selten auf. Der Mediziner spricht in diesem Fall von einer hereditären (erblichen) motorisch-sensiblen Polyneuropathie (kurz HMSN), die in sieben Untergruppen eingeteilt wird. Die hereditäre motorisch-sensible Polyneuropathie (HMSN) ist eine genetisch sehr heterogene, erbliche Erkrankung des Nervensystems, die sowohl die motorischen Fähigkeiten (Bewegung) als auch die sensorischen Fähigkeiten (Empfindung) beeinflussen kann.

  • Hereditäre motorisch-sensible Polyneuropathie (HMSN): Es gibt verschiedene Arten von HMSN, die sich in ihren Symptomen und ihrem Vererbungsmuster unterscheiden. Einige Beispiele sind:
    • HMSN Typ 1: Hypertrophe Form mit verdickten Nerven und verlangsamter Nervenleitgeschwindigkeit.
    • HMSN Typ 2: Neuronale Form ohne verdickte Nerven, aber mit reduzierter Nervenleitgeschwindigkeit.
    • HMSN Typ 3 (progressive hypertrophe Neuritis): Stärkere Verlangsamung der Nervenleitgeschwindigkeit und stärkere Verdickung der Nerven.
    • HMSN Typ 4 (Refus-Syndrom): Stoffwechselstörung mit Auswirkungen auf verschiedene Organe.
    • HMSN Typ 5-7: Sehr seltene Formen mit Augensymptomen und spastischen Lähmungen.

Weitere Ursachen von Polyneuropathie:

Die meisten Formen der Polyneuropathie sind nicht angeboren, sondern erworben. Die Ursachen sind vielfältig:

  • Diabetes mellitus: Anhaltend hoher Blutzuckerspiegel schädigt die Nervenzellen.
  • Alkoholkonsum: Chronischer Alkoholkonsum kann ebenfalls Nervenschäden verursachen.
  • Nährstoffmangel: Mangel an bestimmten Vitaminen kann zu Polyneuropathie führen.
  • Nierenschäden: Nierenerkrankungen können Nervenschäden verursachen.
  • Schilddrüsenunterfunktion: Eine Unterfunktion der Schilddrüse kann Polyneuropathie verursachen.
  • Krebserkrankungen: Einige Krebsarten können Polyneuropathie verursachen.
  • Idiopathische Polyneuropathie: In einigen Fällen kann keine Ursache für die Polyneuropathie gefunden werden.

Diagnose und Behandlung von Polyneuropathie:

Bei Verdacht auf Polyneuropathie sollte ein Arzt aufgesucht werden, um die Ursache zu ermitteln und eine geeignete Therapie einzuleiten. Die Behandlung zielt in erster Linie auf die Beseitigung der Ursache ab. Bei Diabetikern wird versucht, den Blutzuckerspiegel zu normalisieren, Alkoholiker sollten einen Entzug machen. Zusätzlich kann eine symptomatische Therapie eingesetzt werden, um die Beschwerden zu lindern.

Molekulargenetische Diagnostik bei Neuropathien

Angesichts der zunehmenden Komplexität der Genetik von Neuropathien ist eine umfassende molekulargenetische Diagnostik von entscheidender Bedeutung. Mit dem Einsatz der Hochdurchsatzsequenzierung („next generation sequencing“, NGS) in der Erforschung von Neuropathien erhöht sich die Zahl ursächlich bekannter Gendefekte stetig. Ein Algorithmus für die molekulargenetische Diagnostik kann helfen, die Suche nach der genetischen Ursache einzugrenzen.

Seltene Erkrankungen mit neurologischen Symptomen

Es gibt viele seltene Erkrankungen, die neurologische Symptome verursachen können. Einige Beispiele sind:

  • CAD (Cold Agglutinin Disease): Eine seltene Autoimmunhämolyse, die zu Blutarmut und Durchblutungsstörungen führen kann.
  • Dunbar-Syndrom: Eine seltene Durchblutungsstörung des Darms, die zu Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen führen kann.
  • Hereditäre Fruktoseintoleranz: Eine seltene Stoffwechselerkrankung, bei der der Körper Fruktose nicht richtig abbauen kann.
  • MEN (Multiple Endokrine Neoplasie): Eine seltene, erblich bedingte Erkrankung, bei der es zur Bildung von Tumoren in hormonbildenden Drüsen kommt.
  • Phenylketonurie (PKU): Eine seltene Stoffwechselerkrankung, bei der der Körper die Aminosäure Phenylalanin nicht richtig abbauen kann.
  • Roberts-Syndrom: Eine sehr seltene genetische Erkrankung, die zu Wachstumsstörungen und Fehlbildungen führt.
  • Tay-Sachs-Krankheit: Eine seltene Stoffwechselerkrankung, bei der ein Enzymmangel dazu führt, dass eine Substanz in den Nervenzellen nicht abgebaut werden kann.
  • Treacher-Collins-Syndrom: Eine seltene genetische Erkrankung, die das Gesicht und den Schädelknochen betrifft.
  • Turner-Syndrom: Eine seltene genetische Störung, die nur bei Frauen auftritt und durch das Fehlen oder teilweise Fehlen eines X-Chromosoms gekennzeichnet ist.
  • Van-der-Woude-Syndrom: Eine seltene genetische Störung, die Fehlbildungen im Gesicht verursacht.

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