Die Kammerspiele, ein traditionsreiches Theaterensemble, stehen immer wieder im Fokus von Meinungen und Diskussionen. Dabei geht es um die Schauspieler, die Inszenierungen, die Themen und die Frage, wie relevant das Theater in der heutigen Zeit noch ist. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte der Kammerspiele, von der Popularität ihrer Schauspieler bis hin zu den Herausforderungen, mit denen das Ensemble konfrontiert ist.
Schauspieler im Spannungsfeld zwischen Bühne und Leinwand
Schauspieler wie Milberg, der zu den Stars der Münchner Kammerspiele gehört, stehen oft im Spannungsfeld zwischen Theater, Film und Fernsehen. Seine Vielseitigkeit zeigt sich in Rollen wie in Filmen wie »Irren ist männlich« und »Nach fünf im Urwald« bis hin zu Fernsehrollen wie der des Kindermörders Schrott in der Neuverfilmung von »Es geschah am hellichten Tag«.
Milberg selbst sieht seine Popularität mit gemischten Gefühlen. Einerseits amüsiert er sich über Klatsch, andererseits betont er, dass nicht jede Schlagzeile harmlos ist. Er reflektiert auch über die Gründe für seine häufige Besetzung und vermutet, dass es vielleicht an seiner "Lockenpracht und meinem süßen Stupsnäschen" liegt. Typischerweise verkörpert er Charaktere mit neurotischen Zügen, wie den Uni-Karrieristen in »Campus«, der sich als Opportunist die Empörung feministischer Frauen zunutze macht.
Milberg schätzt Figuren, bei denen sich das Ungeheuerliche und Gefährliche aus ihrer Durchschnittlichkeit herauswölbt. Ihn interessieren Kleinigkeiten, Nebensächlichkeiten, die Neigung zu Missgeschicken oder Schüchternheit gegenüber Frauen.
Nach 15 Jahren im festen Ensemble der Münchner Kammerspiele verspürte Milberg das Bedürfnis nach Veränderung. Die Sicherheit, unkündbar zu sein, empfand er als beängstigend. Er wollte Herr seiner Termine sein und entscheiden, wann er arbeitet und wann er reist.
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Ensemblekultur und die "schnelle Mark"
Die Frage, ob Schauspieler den Theaterbetrieb durch ihre Dreharbeiten sabotieren, ist ein viel diskutiertes Thema. Andrea Breth warf ihren Chefposten an der Berliner Schaubühne hin, weil sie genau das bemängelte. Milberg hingegen glaubt, man komme nicht automatisch zu traumhaften Ergebnissen, nur weil man schon fünf Stücke miteinander gemacht hat. Er betont, dass Dieter Dorn weniger dogmatisch ist als Frau Breth und die Kammerspiele anders organisiert sind als die Schaubühne. So konnte er im vergangenen Jahr zwölf Filme drehen, wobei die Dreharbeiten aufgrund seines Kammerspiel-Engagements fast alle in der Nähe von München stattfanden.
Der Wechsel zwischen den Metiers Film und Theater empfindet Milberg als anregend: "Nein, es macht Spaß, vor allem das Unterwegssein." Er kritisiert das "Großschauspieler-Getue" und bevorzugt es, sich einfach ins Getümmel zu stürzen.
Die Suche nach neuen Wegen und die Angst vor Routine
Milberg gesteht ein, dass er sich im geschützten Theaterbetrieb manchmal langweilt. Mit der 150. »Kabale und Liebe«-Inszenierung kann er nichts anfangen, weder mit der Sprache noch mit den Problemen des Stücks. Er hat da keine großen, aufregenden Erlebnisse in den letzten Jahren im Theater gehabt.
Bereits mit vier Jahren wusste Milberg, dass er Schauspieler werden wollte. Er wollte viele sein, vermutlich aufgrund einer angeborenen Ich-Schwäche. Als Kind hatte er keine Fernsehvorbilder, sondern ging sonntags ins Kino, wo dann »King Kong gegen Godzilla« lief. Später waren es dann Orson Welles oder Marlon Brando.
Milberg zieht Quasimodo Frankenstein vor, jemand der so ist, wie er ist, als dass andere ihn dazu gemacht haben. Er weiß meistens schon vorher, ob etwas Schrott ist. Schlimm ist nur, wenn er etwas wunderbar findet und es missglückt, dann tut es weh.
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Früher war Milberg der Ansicht, Schauspieler sollten den Mund halten, wenn sie nicht vor der Kamera oder auf der Bühne stehen. Aber irgendwann merkte er, dass es ihm die Kehle zuschnürte. Also beschloss er, rauszugehen und zu sagen: Ich finde es gut, was ich mache.
Inszenierungen und ihre Rezeption
Die Kammerspiele bieten ein breites Spektrum an Inszenierungen, von klassischen Stücken wie Shakespeares „Macbeth“ bis hin zu modernen Experimenten wie Gro Swantje Kohlhofs Konsumsatire „Buy Hard“.
"Macbeth" in den Hamburger Kammerspielen
In den Hamburger Kammerspielen wurde „Macbeth“ von John von Düffel bearbeitet und von Sewan Latchinian inszeniert. Die Fassung konzentriert sich auf das mörderische Ehepaar Macbeth und Lady Macbeth, gespielt von Hans-Werner Meyer und Jacqueline Macaulay. Die Inszenierung dauert knapp 90 Minuten und zeigt die Handlung aus der Sicht des Ehepaars.
Macbeth kehrt siegreich aus der Schlacht zurück und wird befördert, woraufhin seine Frau vom weiteren Aufstieg träumt. Ermutigt durch die Weissagung der Hexen, lässt er sich von Lady Macbeth überreden, den König zu töten. Die Vertuschung der Tat muss dann seine Frau übernehmen, denn die Nerven versagen ihm. Weitere Morde folgen, die beiden Täter enden in Wahnsinn und Tod.
"Buy Hard" an den Münchner Kammerspielen
Gro Swantje Kohlhof und Bekim Latifi nutzen „Buy Hard“, um als Cherybel Mustang und Uwe van Tiger einen tiefironischen und doch enthusiastischen Liebesbrief an das Theater zu formulieren. Der Abend erinnert an eine TV-Shoppingshow der Siebzigerjahre.
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Die „Produktkiste der Woche“ trägt noch das Logo der Johan-Simons-Intendanz, und ist sie einmal ausgepackt, raubt der wahllose „Klimbim“ verstaubter Requisiten als „Stellvertreter des Theaterspirits“ selbst Cherybel und Uwe beinahe die Nerven. „Buy Hard“ ist eine Nonsense-Comedy-Wild-Card für die Schauspieler Gro Swantje Kohlhof und Bekim Latifi.
"Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken" in Bochum
Der Dramaturg Stefan Wipplinger und Regisseur Fabian Gerhardt brachten „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ als Theaterfassung auf die Bühne der Kammerspiele im Schauspielhaus Bochum. Die Krankenanstalt erscheint fast unwirklich: in der Mitte ein Billardtisch, der gleichzeitig Klavierflügel ist. Oben überblickt ein großes Auge das Geschehen.
Der Patient Daniel Paul Schreber beteuert seinem behandelnden Psychiater Dr. Emil Flechsig immer wieder, dass Gott solange auf seine Nerven zugegriffen habe, dass er nicht mehr von ihm loskomme. Der Gerichtsprozess wird als seelisches Vexierspiel entblättert, in der es etwa um Schrebers Fantasie geht, in einem Frauenkörper zu sein.
Die Nerven: Musikalische Expression
Die Band Die Nerven widmet sich ebenfalls der feurigen Expression. Nachzuhören ist dies auf ihrem aktuellen und hochgelobten Werk „Fake“, welches via Glitterhouse erschien.
Herausforderungen und Perspektiven der Münchner Kammerspiele
Die Münchner Kammerspiele sehen sich mit Herausforderungen konfrontiert. Im Zeitraum Oktober bis Ende Februar können sie nur 55 Prozent Auslastung vorweisen. Christine Dössel analysiert in der Süddeutschen Zeitung, dass die alarmierende Situation des Hauses an Barbara Mundels Programm hänge.
Aufgrund der schlechten Auslastungen und der damit verbundenen wirtschaftlichen Defizite werde den Kammerspielen eine Art Aufpasser der Stadtregierung zur Seite gestellt. Christine Dössel fehlt zwischen all den wichtigen und ehrenwerten Versuchen der Kammerspiele ein entscheidender Punkt: die Kunst. Es geht um die Frage, wie relevant das Theater in der heutigen Zeit noch ist und wie es gelingen kann, ein Publikum zu begeistern.
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