Migräne und Hypnose: Wissenschaftliche Studien belegen die Wirksamkeit

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die von starken, oft einseitigen Kopfschmerzen begleitet wird. Etwa 15 Prozent der Deutschen leiden unter dieser Krankheit, die verschiedene Erscheinungsformen hat und das Leben der Betroffenen stark einschränken kann. Neben medikamentösen Behandlungen rücken komplementärmedizinische Maßnahmen immer mehr in den Fokus. Eine davon ist die Hypnose, deren Wirksamkeit bei Migräne durch zahlreiche Studien belegt ist.

Was ist Hypnose?

Der Begriff Hypnose stammt vom griechischen Wort "hypnos" ab, was Schlaf bedeutet. Hypnose hat jedoch nichts mit dem nächtlichen Schlaf zu tun. Es ist ein Zustand tiefer Entspannung, in dem das Gehirn besonders aufnahmefähig und kreativ ist. In diesem Zustand können Muskelspannung, Herzfrequenz und Blutdruck sinken, die Atmung wird ruhiger und regelmäßiger.

Wie wirkt Hypnose bei Migräne?

Die Hypnose wirkt auf verschiedenen Ebenen:

  • Entspannung: Hypnose führt zu tiefer Entspannung, wodurch verspannte Muskeln gelockert werden und Schmerzen nachlassen können.
  • Emotionskontrolle: Hypnose kann helfen, Emotionen besser zu kontrollieren und den Schmerz weniger stark mit negativer Energie aufzuladen.
  • Schmerzverarbeitung: Studien haben gezeigt, dass Hypnose die Schmerzverarbeitung im Gehirn beeinflussen kann. Botenstoffe, die für die Weiterleitung des Schmerzimpulses zuständig sind, werden in geringerem Maße ausgeschüttet, wodurch die Kopfschmerzen nachlassen.
  • Kontrollgefühl: Hypnose kann das Gefühl vermitteln, den Schmerz kontrollieren zu können, was zu mehr Ruhe und Gelassenheit im Umgang mit der Krankheit führt.

Wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit von Hypnose bei Migräne

Umfangreiche statistische Analysen haben gezeigt, dass mehrere hundert klinische Studien zur Wirksamkeit von Hypnosetherapie an mehr als 10.000 Patienten vorliegen. In sehr vielen Untersuchungen wurde Hypnose zur Unterstützung einer medizinischen Behandlung eingesetzt, auch zur Behandlung von psychosomatischen Beschwerden gibt es zahlreiche Studien ebenso wie zu diversen Ängsten und weiteren Störungen. Die Therapiedauer schwankte zwischen einer und 60 Sitzungen.

Eine Metaanalyse der Universität Tübingen fasste die Wirksamkeit von Hypnose in elf Studien zu verschiedenen Störungsbereichen zusammen, darunter auch Migräne. Die Langzeitwirkung der Behandlung wurde anhand von Katamnesedaten überprüft. Sowohl bei den kurzfristigen als auch bei den langfristigen hypnotischen Behandlungsformen zeigte sich eine signifikante, positive Wirkung. Auch die akute Wirksamkeit von Hypnose bei starken migräneartigen Kopfschmerzen wurde durch die Studie nachgewiesen.

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Auch die Universität Jena untersuchte die Wirksamkeit der Hypnose-Therapie bei Migräne und anderen Schmerzzuständen. Dabei fanden die Psychologen heraus, dass während der Hypnose die Schmerzverarbeitung im Gehirn blockiert wird. Darüber hinaus wirkt Hypnose auch auf die psychischen Auslöser von Migräne. Während der Trance hat der Patient eine direkte Verbindung zu seinem Unterbewusstsein.

Eine wissenschaftliche Untersuchung aus dem Jahr 2002 behandelte Menschen mit Migräne entweder mit Hypnose, mit Medikamenten oder mit einem Placebo. Die Gruppe, die Hypnotherapie erhielt, berichtete über deutlich weniger Migräneanfälle. Auch die Intensität und Dauer der Attacken waren reduziert. Darüber hinaus zeigte sich in dieser Studie, dass sich die Aktivität bestimmter Gehirnregionen bei den Betroffenen veränderte - in Richtung eines gesünderen Reaktionsmusters.

Faran (2001) zeigte eine signifikante Reduktion der mittleren Anzahl der Migräne-Tage pro Monat nach der Hypnosebehandlung (p=0.001). Die Anzahl blieb anschließend auf dem niedrigen Niveau stabil. In der mit dem Wirkstoff Cyclandelat (Natil®) behandelten Kontrollgruppe konnte kein Effekt über die Zeit nachgewiesen werden. Im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe zeigte die Hypnosegruppe und die Gruppe, die mit dem Wirkstoff Cyclandelat (Natil®) behandelt wurde, vor dem Treatment eine signifikant geringere mittlere kortikale Aktivität (CNV-Amplitude-Gesamt). Nach dem Treatment konnten keine signifikanten Unterschiede mehr nachgewiesen werden.

Wie läuft eine Hypnose-Sitzung ab?

Prinzipiell ist es möglich, jeden Menschen zu hypnotisieren, sofern das Gehirn nicht geschädigt ist. Allerdings variiert die Tiefe der Trance von Person zu Person. Eine tiefe Hypnose ist oft nicht notwendig. Es kann eine leichte bis mittlere Trance bei fast allen Menschen erreicht werden. Etwa zehn Prozent der Menschen gelangen nicht in einen hypnotischen Zustand.

Der Therapeut führt den Patienten in einen tiefen Entspannungszustand, die sogenannte Trance. Trance ist ein natürlicher Zustand, der auch im Alltag auftritt. Kennzeichnend für die Trance ist eine veränderte Zeit- und Außenwahrnehmung: Die Zeit vergeht meistens "wie im Flug" und äußere Reize werden komplett ausgeblendet. In diesem Zustand ist das Gehirn besonders aufnahmefähig und kreativ. Ähnlich wie bei der Meditation sinken Muskelspannung, Herzfrequenz und Blutdruck. Außerdem wird die Atmung ruhiger und regelmäßiger, auch die Aktivierbarkeit von Reflexen nimmt ab. Chronische Schmerzen, die als Folge von Stress auftreten, können durch Hypnose beeinflusst werden, denn während der Hypnose sinkt der Stresshormonspiegel im Blut und es lässt sich eine mentale Distanz zu den Schmerzen aufbauen.

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Der Schmerzpatient entwickelt mit Hilfe des Therapeuten innere Bilder und leitet darüber Veränderungsprozesse ein. Bekannt ist z.B. die "Handschuhanästhesie", wobei mit Hilfe von Vorstellungen z.B. "Hände im Schnee" versucht wird, sich die Hand oder den Arm taub, kühl oder empfindungslos anfüllen zu lassen. Eine weitere Möglichkeit ist, sich den Schmerz als Farbe, Bild oder Form vorzustellen, um diese dann durch Vorstellungskraft zu verändern. Auch vom Schmerz ablenkende Bilder, beispielsweise einen Ort des Wohlbefindens, können helfen, sich vom Schmerz innerlich zu distanzieren. Je nach Vorstellungskraft und Konzentration kommt es so zu einer Schmerzlinderung und in einigen Fällen auch zu einer vorübergehenden Schmerzfreiheit.

Unter Hypnose verändert sich die Schmerzverarbeitung, wie Messungen am Gehirn zeigen konnten. Die Wirkung ist nicht nur auf den Zeitraum der Trance begrenzt, denn die einhergehende Entspannung kann sogar mehrere Stunden darüber hinaus noch anhalten und den Kreislauf von "Angst - Anspannung - Schmerz" unterbrechen helfen und damit chronische Schmerzzustände verringern.

Selbsthypnose

Es gibt eine große Vielfalt von Selbsthypnose- und Imaginationstechniken. Das Autogene Training ist eine der bekanntesten Formen der Selbsthypnose. Hier bewirken zu sich selbst gesprochene Sätze, verbunden mit bildhaften Vorstellungen, einen muskulären Entspannungszustand. Es wird also die eigene Einbildungskraft genutzt, um mit Hilfe gezielter positiver Vorstellungen einen selbstheilenden Prozess zu fördern. Dabei kommen die mit dem Therapeuten vorher entwickelten persönlichen Vorstellungsbilder zum Einsatz. Schmerzpatienten lernen zunächst, sich auf ihre eigene Art in einen Trancezustand zu versetzen und stellen sich dann die zuvor erarbeiteten inneren Bilder zur Schmerzkontrolle erneut vor. In der Regel kann in Selbsthypnose eine ähnliche Schmerzlinderung wie unter Anleitung durch einen Therapeuten - tägliches Üben vorausgesetzt - erreicht werden.

Grenzen der Hypnose

Betroffene können durch Hypnose keine dauernde Schmerzfreiheit erlangen, sondern entweder eine deutliche Linderung oder vorübergehende Schmerzfreiheit. Eine passive Grundhaltung - "der Therapeut macht es schon" - ist hinderlich für die auf aktive Mitarbeit ausgerichtete hypnotische Schmerzkontrolle. Manchen Patienten fällt es schwer, den Anleitungen des Therapeuten zu folgen oder sich in einen entspannten Zustand "fallen zu lassen" z.B. nach traumatischen Erlebnissen in der Vorgeschichte.

Kosten

Grundsätzlich sollte die Hypnose in ein anerkanntes Psychotherapieverfahren (Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, Tiefenpsychologisch-fundierte Psychotherapie) eingebettet sein, dann werden auch die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Bei privaten Krankenversicherungen sind die Regelungen für eine Übernahme sehr unterschiedlich. Es ist daher ratsam, sich vor Therapiebeginn beim Therapeuten über die Möglichkeiten einer Kostenübernahme durch die Krankenkasse genau zu informieren. Ein Therapeut ist grundsätzlich dann geeignet, wenn er über das Zertifikat einer seriösen Hypnosegesellschaft und über Erfahrungen in der Behandlung von Schmerzen durch Hypnose verfügt. Natürlich ist auch das Vertrauensverhältnis zwischen Behandler und Patient entscheidet für den Erfolg.

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Weitere komplementärmedizinische Maßnahmen bei Kopfschmerzen

Neben der Hypnose gibt es noch weitere komplementärmedizinische Maßnahmen, die bei Kopfschmerzen eingesetzt werden können:

  • Akupunktur: Akupunktur hat nach Studien ebenfalls eine signifikante Verum-Wirkung, die über den Placebo-Effekt hinausgeht. Sie eignet sich besonders bei Migräne und Spannungstypkopfschmerzen.
  • Manuelle Therapie: Durch die manuelle Therapie scheint es möglich zu sein, Verspannungen in Muskeln zu lösen, was zur Schmerzlinderung beiträgt.
  • Yoga: Viele Patientinnen und Patienten berichten positive Effekte von Yoga. Eine Beurteilung aus wissenschaftlicher Sicht erscheint jedoch verfrüht.
  • Nahrungsergänzungsmittel: Einige Nahrungsergänzungsmittel zeigten positive Wirkungen in der Migräneprophylaxe, insbesondere Riboflavin, Coenzym Q10 und Magnesium.
  • Pflanzliche Mittel: Bei pflanzlichen Mitteln wie Pestwurz gibt es inzwischen ganz gute Evidenz. Sie können helfen bei Migräne, können aber ziemliche Nebenwirkungen verursachen, zum Beispiel Interaktionen mit Medikamenten oder eine Leberschädigung. Ein möglicher Einsatz muss vor diesem Hintergrund gut evaluiert werden. Lavendel kann Angst- und depressive Symptome reduzieren, die bei Kopfschmerzen oft komorbid auftreten und die körperlichen Beschwerden verschlimmern.
  • Mind-Body Medicine, Biofeedback, Meditation oder "emotional freedom technique": Diese Methoden können helfen, Ressourcen zu stärken und die Aufmerksamkeit vom Schmerz weg auf etwas anderes zu fokussieren.

Die Zukunft der Kopfschmerzbehandlung

Die Zukunft der Kopfschmerzbehandlung wird sehr individuell sein, idealerweise maßgeschneidert. Dies bedeutet in erster Linie, dass der Neurologe individuell auf den einzelnen Patienten eingeht und neben medizinischen Aspekten auch solche der Lebensgestaltung oder der Lebensumstände berücksichtigt, und auch das, was der Patient möchte. Biomarker und Pharmakogenetik könnten ebenfalls zu einer massgeschneiderten Behandlung beitragen.

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