Die Neurofibromatose (NF) ist eine genetisch bedingte Erkrankung, die durch das Wachstum von Tumoren entlang der Nerven gekennzeichnet ist. Es gibt verschiedene Formen der Neurofibromatose, darunter die Neurofibromatose Typ 1 (NF1), die Neurofibromatose Typ 2 (NF2) und die Schwannomatose. Dieser Artikel konzentriert sich auf Meningeome im Zusammenhang mit Neurofibromatose Typ 2 (NF2), ihre Lokalisation, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten.
Was ist Neurofibromatose Typ 2 (NF2)?
Neurofibromatose Typ 2 (NF2), auch als zentrale Neurofibromatose bekannt, ist eine seltene, autosomal-dominant vererbte Tumorerkrankung, die etwa 1 von 25.000 Neugeborenen betrifft. In etwa der Hälfte der Fälle tritt sie als Neumutation auf. NF2 wird nach neuer Nomenklatur (2022) auch als NF2-bedingte Schwannomatose bezeichnet und folglich als eine Unterform der Schwannomatose betrachtet. Die Erkrankung wird durch Mutationen im NF2-Gen auf Chromosom 22 (22q12) verursacht, das für das Protein Merlin (auch Schwannomin oder Neurofibromin 2 genannt) kodiert. Merlin wirkt als Tumorsuppressor, indem es verschiedene Signalwege beeinflusst, die das Zellwachstum regulieren. Der Verlust von Merlin durch NF2-Mutationen führt unter anderem zur unkontrollierten Proliferation von Zellen.
Klinische Manifestationen und Diagnose
Leitsymptom der NF2-bedingten Schwannomatose ist das in mehr als 90 % der Fälle bis zum 30. Lebensjahr auftretende, bilaterale Vestibularisschwannom (früher: Akustikusneurinom). Es handelt sich dabei um einen gutartigen Tumor, der sich, vom VIII. Hirnnerv (Nervus vestibulocochlearis) ausgehend, im Kleinhirnbrückenwinkel entwickelt. Dieses Wachstum kann zu Hörverlust, Tinnitus und Gleichgewichtsstörungen führen.
Weitere typische Manifestationen der NF2 sind:
- Schwannome anderer Hirn-, Spinal- und peripherer Nerven
- Meningeome (Tumoren der Hirnhäute)
- Ependymome des Rückenmarks
- Trübung der Augenlinse (juvenile subkapsuläre Katarakt)
Etwa 10 % der NF2-Betroffenen können auch einzelne Café-au-lait-Flecken haben.
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Die Diagnose einer NF2 wird anhand klinischer Kriterien und bildgebender Verfahren gestellt. Zu den diagnostischen Kriterien gehören:
- Bilaterale Vestibularisschwannome (Akustikusneurinome)
- Einseitiges Vestibularisschwannom vor dem 30. Lebensjahr und zusätzlich eines der folgenden Kriterien: Meningeom, Gliom, Schwannom oder Linsentrübung
- Verwandter ersten Grades mit NF2 und Vorliegen von Neurofibromen, Meningeomen, Gliomen oder Schwannomen
- Zwei oder mehr Meningeome und ein Gliom, Linsentrübung oder Schwannom vor dem 30. Lebensjahr
Bildgebende Verfahren wie CT (Computertomographie) oder MRT (Magnetresonanztomographie) des Gehirns und des Rückenmarks können das Vorliegen von Vestibularisschwannomen oder anderen Tumoren bestätigen. Eine genetische Untersuchung kann eine Mutation im NF2-Gen nachweisen und die Diagnose bestätigen.
Meningeome bei NF2
Meningeome sind die zweithäufigsten Tumoren bei NF2-Patienten. Es handelt sich um in der Regel gutartige Tumoren, die von den Meningen, den Hirnhäuten, ausgehen. Bei NF2 treten Meningeome häufiger multipel (mehrfach) auf.
Lokalisation von Meningeomen
Meningeome können an verschiedenen Stellen im Schädelinneren entstehen. Am häufigsten wachsen sie ausgehend von der Hirnhaut über den Hemisphären (Konvexitätsmeningeome) oder im Bereich einer bindegewebigen Sichel zwischen den Hemisphären (Falxmeningeom). Sogenannte Schädelbasismeningeome sind wegen ihrer Lage häufig schwieriger zu operieren als Konvexitäts- und Falxmeningeome. Meningeome können nicht nur ausgedehnt in den Hirnhäuten, sondern auch im Knochen oder sogar vom Knochen ausgehend in die umgebenden Weichteile einwachsen. Meningeome im Bereich der Wirbelsäule sind seltener als im Kopf, sind aber umgekehrt häufige Tumoren im Rückenmarkskanal, wo sonst Tumoren eher selten sind.
Symptome von Meningeomen
Welche Symptome durch ein Meningeom entstehen, hängt maßgeblich von der Lokalisation und Größe des Tumors ab. Da Meningeome als gutartige Tumore relativ langsam wachsen und das Hirngewebe stetig verdrängen, können sie eine beachtliche Größe erreichen, bevor Symptome auftreten.
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Mögliche Symptome sind:
- Kopfschmerzen
- Krampfanfälle
- Neurologische Ausfälle (z.B. Schwäche, Sensibilitätsstörungen, Sprachstörungen, Sehstörungen)
- Persönlichkeitsveränderungen
- Hirnnervenausfälle (z.B. Hörminderung, Schwindel, Gesichtslähmung, Schluckstörungen)
- Störung des Hirnwasserabflusses (Hydrocephalus)
Diagnose von Meningeomen
Die Diagnose von Meningeomen erfolgt in der Regel durch bildgebende Verfahren wie MRT oder CT. Im MRT zeigen Meningeome typische Merkmale, wie z.B. das "dural tail sign", eine Verdickung der Hirnhaut in der Nähe des Tumors. Die radiologischen Merkmale können helfen, die Masse als extraaxial (außerhalb des Hirngewebes) einzuordnen. Ein Verlust dieses Zeichens kann bei höhergradigen Meningeomen beobachtet werden, was auf eine Invasion des Hirnparenchyms hindeuten kann.
Therapie von Meningeomen bei NF2
Die Therapie von Meningeomen bei NF2 ist komplex und erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der Neurochirurgen, Neurologen, Radiologen, Strahlentherapeuten und Onkologen umfasst. Das Ziel der Behandlung ist es, die Symptome zu lindern, das Tumorwachstum zu kontrollieren und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.
Chirurgische Resektion
Die Operation ist die Standardbehandlung für symptomatische Meningeome. Ziel ist es, den Tumor vollständig zu entfernen, wobei man natürlich das hiermit verbundene OP-Risiko gegen den Nutzen abzuwägen hat. Das Prinzip der operativen Versorgung ist durch 4 Ds repräsentiert: intrakapsuläres Debulking, Devaskularisierung, Dissektion und Detachment. Bei der Resektion von Hirntumoren muss eine Kraniotomie durchgeführt werden, bei der ein Stück Knochen ausgesägt wird. Nach Resektion des Hirntumorgewebes wird der Knochendeckel meist wieder eingepasst und mittels kleiner Plättchen refixiert.
Bei Meningeomen an der Schädelbasis, die in Knochenstrukturen oder den Sinus eingewachsen sind, kann eine komplette Resektion schwierig sein. In solchen Fällen kann eine teilweise Resektion in Kombination mit anderen Behandlungsmethoden in Betracht gezogen werden.
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Strahlentherapie
Die Strahlentherapie ist eine weitere wichtige Behandlungsoption für Meningeome, insbesondere wenn eine vollständige chirurgische Resektion nicht möglich ist oder wenn der Tumor aggressiv wächst. Es gibt verschiedene Arten der Strahlentherapie, darunter die fraktionierte Bestrahlung und die Radiochirurgie.
- Fraktionierte Bestrahlung: Hierbei wird die Strahlendosis in mehrere kleine Dosen aufgeteilt, die über einen Zeitraum von mehreren Wochen verabreicht werden.
- Radiochirurgie: Hierbei wird eine hohe Strahlendosis in einer einzigen Sitzung auf den Tumor abgegeben. Die Radiochirurgie ist besonders geeignet für kleinere Tumoren oder Tumorreste.
Medikamentöse Therapie
Eine sicher wirksame Chemotherapie für Meningeome ist bisher nicht bekannt. Trotzdem bieten bzw. werden klinische Studien angeboten, in denen neue Medikamente getestet werden.
Beobachtung
Kleine, asymptomatische Meningeome, die zufällig entdeckt werden, können zunächst beobachtet werden. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen mit bildgebenden Verfahren sind erforderlich, um das Tumorwachstum zu überwachen. Wenn der Tumor wächst oder Symptome verursacht, kann eine aktive Behandlung erforderlich sein.
Vorsorge und Verlaufskontrolle
Für Betroffene mit nachgewiesener Keimbahn-Mutation im NF2-Gen, aber auch für enge Verwandte (Kinder, Geschwister etc.) sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll. Zur Vorbeugung von Komplikationen sollte bereits ab dem etwa 10. bis 12. Lebensjahr ein Kopf-MRT sowie jährliche Kontrolluntersuchungen (z.B. Hörtest, augenärztliche Tests, neurologische Tests) sowie ggf. präventive bildgebende Untersuchungen mindestens bis zur 40.
Alle Meningeompatienten sollten mehrere (z.B. >10) Jahre verlaufskontrolliert werden.
Differentialdiagnose
Bei der Diagnose von Meningeomen müssen andere Erkrankungen ausgeschlossen werden, die ähnliche Symptome oder radiologische Befunde verursachen können. Zu den wichtigsten Differentialdiagnosen gehören:
- Solitäre fibröse Tumore der Dura
- Durale Metastasen (z. B. Brustkrebs)
- Akustisches Schwannom (bei Lokalisation im Kleinhirnbrückenwinkel)
- Hypophysenmakroadenom oder Kraniopharyngiom (bei Lokalisation in der Hypophysenregion)
- Hypertrophe Pachymeningitis, extramedulläre Hämatopoese, Chondrosarkom oder Chordom (bei Lokalisation an der Schädelbasis)
- Paget-Krankheit, fibröse Dysplasie oder osteoblastische Metastasen (z. B. Prostata- und Mammakarzinom) (bei Hyperostose)
In Bezug auf NF2 ist es wichtig, die Erkrankung von anderen Formen der Neurofibromatose und der Schwannomatose zu unterscheiden. Die SMARCB1-assoziierte Schwannomatose weist im Vergleich zu NF2 zwar multiple Schwannome auf, jedoch i.d.R. keine bilateralen Vestibularisschwannome.
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