Familien, ein Ort der Geborgenheit und des Zusammenhalts? Die Realität sieht oft anders aus. Streitigkeiten und Konflikte sind in vielen Familien an der Tagesordnung. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Familienstreitigkeiten und zeigt Lösungswege auf, um zu einer harmonischeren Atmosphäre zurückzufinden.
Die Illusion der perfekten Familie
"Mama, Papa, Kind(er) sitzen am appetitlich gedeckten Tisch, greifen nach Herzenslust zu, reichen sich gegenseitig die Butter, beißen genüsslich ins Brot, erzählen nebenbei und wenn’s mal kleckert, lachen alle herzhaft." Diese Vorstellung von einer harmonischen Familienmahlzeit ist oft eine romantische und unrealistische Utopie. Familienmahlzeiten sind oft die einzige Gelegenheit, bei der alle zusammenkommen, und so landet alles auf dem Tisch, was die Familienmitglieder gerade beschäftigt. "Was hier ausgetragen wird, zeigt, was gerade in der Familie los ist und Platz braucht." Es gibt durchaus fröhliche Runden, aber eben auch gereizte Stimmung.
Ursachen von Familienstreitigkeiten
Familienstreitigkeiten sind vielschichtig und können verschiedene Ursachen haben.
Überhöhte Erwartungen und Ansprüche
"Eltern überfordern ihr oft Kind mit Ansprüchen. Es soll sich benehmen und seine Impulse kontrollieren, wo es mir als Erwachsene schon schwerfällt." Es ist wichtig zu hinterfragen, ob ein Kind überhaupt schon begreifen kann, was von ihm erwartet wird und ob es physisch wie psychisch in der Lage ist, eine Regel anzuwenden.
Emotionale Aufladung des Themas Essen
"Das Thema Essen emotional sehr aufgeladen. Eltern verbinden es mit Fürsorge, mit Nähren. Hier lässt sich beweisen, dass man eine gute Mutter, ein guter Vater ist." Eltern meinen oft, sie versagen, wenn ihr Kind ein mäkliger Esser ist. Dabei ist es ihre Verantwortung, dafür zu sorgen, dass das Kind regelmäßig etwas zu essen bekommt. Was und wie viel es isst, entscheidet es ganz allein. Wenn Eltern hier einwirken wollen, wird das immer ein Machtkampf.
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Unterschiedliche Auffassungen der Eltern
Wenn Eltern unterschiedlicher Auffassung sind, beispielsweise darüber, ob sie das Essverhalten ihres Kindes akzeptieren oder dagegenhalten sollen, werden Mahlzeiten schnell zur Qual. Es ist wichtig, dass die Eltern anerkennen, dass sie unterschiedlicher Auffassung sind und sich zurücklehnen, denn beide haben keinen Erfolg. Ein Kind, das sich für den Streit verantwortlich fühlt, wird erst recht nicht essen.
Unterschiede im Verhalten zu Hause und außer Haus
Kinder, die sich in der Kita an alle Regeln halten, wollen daheim oft keinen Finger rühren und missachten jegliche Manieren. Das liegt daran, dass Kinder in der Kita in einer Gruppe mit Gleichaltrigen sind, in die sie sich leichter einfügen. Zu Hause ist das eine völlig andere Situation. Es kann auch sein, dass Kinder sich zu Hause mehr gehen lassen, weil sie das Gefühl haben, sein zu können, wie sie sind.
Mitteilungsbedürfnis und Dominanz
Manche Kinder haben ein großes Mitteilungsbedürfnis und reden beim Essen ununterbrochen, sodass sie mit dem Essen nicht vorankommen. Andere Kinder füllen vielleicht ein Vakuum, wenn die Eltern sich nur anschweigen oder streiten. Wenn ein Kind grundsätzlich dazu neigt, die Bühne an sich zu reißen und die Familie unverhältnismäßig dominiert, sollte man das ändern. Das Kind muss lernen, dass es nicht der König ist.
Langsames Essen
Wenn ein Kind sehr langsam isst, kann das für die Eltern anstrengend sein, wenn sie immer auf das Kind warten müssen. Ein Kind isst so schnell, wie es in dem Moment kann. Man kann das Kind bitten, etwas schneller zu essen, aber man sollte es nicht drängen. Es kann auch helfen, eine maximale Essenszeit zu vereinbaren, nach deren Ablauf abgeräumt wird.
Geschwisterstreit
Geschwister müssen ihre Rangordnung immer wieder neu erkämpfen und klären, wie sie zueinander stehen.
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Zu viel Aufmerksamkeit
"Kinder bekommen heute oft zu viel Aufmerksamkeit, und zwar entweder kontrollierend oder bewundernd. So unter Beobachtung zu stehen, ist unglaublich anstrengend. Entweder fühlen sich die Kinder ständig verkehrt oder übernehmen die Show-Time. Und sind irritiert, wenn die Erwachsenen das erst lustig finden und später schimpfen, weil das Kind den Löffel in die Suppe haut." Es ist wichtig, die Kinder in Ruhe zu lassen und ihnen nicht ständig Anweisungen zu geben oder sie zu kritisieren.
Lösungsansätze für Familienstreitigkeiten
Um Familienstreitigkeiten zu lösen und ein harmonischeres Miteinander zu schaffen, gibt es verschiedene Ansätze.
Eltern sollten an sich arbeiten
Oftmals liegt die Ursache für Streitigkeiten im Verhalten der Eltern. "Ich glaube, 80 Prozent der Schwierigkeiten hören auf, wenn die Eltern realisieren, wie sehr sie mit Aufforderungen, Zurechtweisungen, Erwartungen, Kritik und Kontrollieren am Tisch anwesend sind. Es ist ihre Aufgabe, das zu beenden."
Vorbild sein statt reden
Kinder lernen Manieren vor allem am Vorbild. "Kinder kriegen schon sehr früh mit, was Eltern ihnen vorleben. Wenn ich meine eigenen Regeln konsequent einhalte, braucht es gar nicht soviel, dass das Kind das mit der Zeit auch macht." Wenn Anleitung, dann in einer Art, wie wenn man mit einer guten Freundin irgendwo essen geht, wo Rituale stattfinden, die sie noch nicht kennt. Dann wird sie auch nicht öffentlich kritisiert, sondern man hilft ihr freundlich.
Geduld haben
Kleine Kinder sind langsam(er). "Man kann das Kind ruhig bitten, etwas so oder so machen, und dann muss Pause sein, um das zu verdauen. Wenn es nicht angekommen ist, kann ich es in einem ruhigen Ton noch mal sagen. Passiert nichts, darauf belassen und später neu probieren." "Eltern unterschätzen, wie oft man Sachen wiederholen muss, bis sie wirklich angekommen sind. Es kann Jahre dauern, bis etwas verinnerlicht ist."
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Locker bleiben
Zu erwarten, dass Familienessen stets konfliktfrei geht, ist unrealistisch. "Da sollte man anerkennen, wie es gerade in der Familie ist, was da alles los ist, und sich deshalb nicht schlecht fühlen. Wenn man sich und die Kinder dafür nicht kritisiert, entspannt das schon." "Ganz wichtig sind Abwechslung und Ausnahmen, sonst artet das in Druck aus, wenn man sehr viel Wert auf Manieren legt. Also lieber am Wochenende mal ein lustiges Essen, wie die Ritter, oder wo das Kind bestimmen darf."
Probleme nicht am Tisch lösen
Frieden wird abseits des Schlachtfelds geschlossen: Dafür setzt man sich in einer ruhigen Minute zusammen, zum Beispiel im Familienrat, ohne Angriffe oder Wertungen. "Ich habe mit meinen Kindern auch abends auf der Bettkante oder in der Badewanne geredet, wo vertrauensvolle Plätze waren und die Stimmung gut. Dann waren sie immer neugierig, wie sie mir helfen können."
Familienrat
Ein Familienrat kann eine gute Möglichkeit sein, um Konflikte in der Familie zu lösen. Im Familienrat können alle Familienmitglieder ihre Meinung äußern und gemeinsam nach Lösungen suchen.
Professionelle Hilfe
Wenn die Streitigkeiten in der Familie zu groß werden und die Familienmitglieder nicht mehr in der Lage sind, die Konflikte selbst zu lösen, kann professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Familientherapeuten können helfen, die Ursachen der Streitigkeiten zu erkennen und gemeinsam mit der Familie Lösungswege zu erarbeiten.
Kontaktabbruch als letzte Option
In manchen Fällen ist ein Kontaktabbruch die einzige Möglichkeit, sich dauerhaft vor den Verhaltensweisen eines Familienmitgliedes zu schützen oder das Geschehene hinter sich zu lassen. Aus therapeutischer Sicht sind es vor allem Angriffe auf das Leben eines Menschen, die einen Kontaktabbruch rechtfertigen oder gar erfordern, um sich langfristig vor dem anderen zu schützen. Dazu gehören Mordversuche, Mordandrohungen, gewalttätige körperliche Übergriffe wie Schläge, Missbrauch und Vergewaltigung. Es kann aber auch Diebstahl oder ein anderer krimineller Akt sein, in den man (unwissentlich) mit hineingezogen wurde.
Kontaktabbruch: Ein letzter Ausweg
Ein Kontaktabbruch ist ein schwerwiegender Schritt, der gut überlegt sein sollte. Er kann eine längst fällige Rettung sein, erleichternd und sich einfach nur richtig anfühlen. Doch der Schlussstrich kann auch eine grausame Strafe oder trotzige Überreaktion sein.
Gründe für einen Kontaktabbruch
Aus therapeutischer Sicht sind es vor allem Angriffe auf das Leben eines Menschen, die einen Kontaktabbruch rechtfertigen oder gar erfordern, um sich langfristig vor dem anderen zu schützen. Dazu gehören Mordversuche, Mordandrohungen, gewalttätige körperliche Übergriffe wie Schläge, Missbrauch und Vergewaltigung. Es kann aber auch Diebstahl oder ein anderer krimineller Akt sein, in den man (unwissentlich) mit hineingezogen wurde.
Was den Abbruch so schwer macht
Das unsichtbare Band, mit dem Familienmitglieder miteinander verbunden sind, kann eine sehr starke Verbindung sein. Deshalb suchen sich viele Menschen Unterstützung, um sich trotz starker familiärer Bande von jemandem lösen zu können. Oft bedarf es einer längeren therapeutischen Begleitung, um alles, was emotional noch an dem Thema dranhängt einzubeziehen.
Wie den Abbruch mitteilen?
Eine weitere Entscheidung braucht es für die Frage, wie ich den Beschluss mitteile: Mache ich es persönlich? Und wenn ja: Vis-à-vis, schriftlich oder verschwinde ich „einfach“ aus dem Blickfeld und Wirkungskreis des anderen? Manch einer braucht Schutz davor, dem Übeltäter persönlich gegenüber zu treten. So ein Schutzbedürfnis muss unbedingt beachtet werden. Niemand sollte sich etwas abverlangen, was mit dem Risiko verbunden ist, von unerträglichen Gefühlen geflutet zu werden, die der andere in einem auslöst. Für andere ist es dagegen enorm wichtig, die angemessenen Worte persönlich zu übermitteln. Es kommt drauf an, was geschehen ist und wie viel Kraft jemand in so einem Moment der Konfrontation realistisch bei sich abrufen kann.
Abbruch in Briefform
In dem Fall ist ein Brief eine gute Form, dem anderen mitzuteilen, dass man aus guten Gründen keinen Kontakt mehr will. Denn ein handgeschriebener Brief erfordert, dass wir uns in Ruhe hinsetzen und jedes Wort bedacht durch unsere Hand aus dem Körper fließen lassen. Wir halten das Ergebnis in den Händen und wenn es noch nichts geworden ist, kann es kraftvoll zerknüllt oder verbrannt werden. Jeder Versuch bringt mehr Klarheit in einem selbst und hilft bei der Verarbeitung des Erlebten. Auch das eigenhändige Einstecken des Briefes in den Briefkasten kann als ganz bewusster Akt eine Phase abschließen.
Klarheit statt Vorwürfe
Wichtig ist vor allem: Es muss klar rüberkommen, dass kein Kontakt mehr erwünscht ist. Weiß der andere genau, was vorgefallen ist, kann man sich eine Begründung im Grunde sparen. Vorwürfe zu formulieren bringt nichts, außer dass sie den anderen vielleicht „nötigen“, sich zu rechtfertigen. Und das will ja niemand mehr!
Verantwortung für das Geschehene beim anderen lassen
In manchen Fällen ist es wichtig, dass man die Verantwortung für das, was passiert ist, beim anderen lässt. Wenn ein Kind zum Beispiel durch einen Elternteil missbraucht wurde, trägt allein der Erwachsene die Verantwortung dafür und er muss mit der Schuld leben. Dies als erwachsenes Kind noch mal zu formulieren und mitzuteilen kann erleichternd sein.
Selber aktiv Verbindungen kappen
Abschließend kann noch klargestellt werden, dass man keine Kontaktaufnahme durch die andere Seite mehr wünscht und man jegliche Verbindung im Internet von sich aus kappen werde. Dies ist nicht nur für den anderen ein klares Statement. Es schützt einen auch selbst davor „rückfällig“ zu werden.
Soziale Netzwerke und ihre Auswirkungen auf Familienbeziehungen
Die internationale Studie von Kaspersky Lab mit dem Titel „Have we created unsocial media? How social media affects our lives and mood“ zeigt, dass in jeder fünften Familie (20,9 Prozent) die Kinder bereits einmal peinliche Fotos ihrer Eltern in Sozialen Netzwerken entdeckt haben, was zum Familienunfrieden geführt hat. Zwischenmenschliche Beziehungen scheinen sich zu verändern. So kommunizieren 30,5 Prozent der Befragten im richtigen Leben nun weniger mit ihren Eltern, 33,4 Prozent weniger mit ihren Kindern, 23,4 Prozent weniger mit ihrem Partner und 35,4 Prozent weniger mit ihren Freunden als früher. Der Grund: Über Soziale Netzwerke kann man sich eben auch sehen und miteinander kommunizieren.
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