Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der in Deutschland schätzungsweise 28 Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer betroffen sind, wie das Robert Koch-Institut (RKI) berichtet. Sie äußert sich in Form von mittelschweren bis schweren Kopfschmerzen, oft begleitet von Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit. Bei bis zu 20 Prozent der Patienten tritt vor den Kopfschmerzen eine sogenannte Aura auf, die sich durch Sehstörungen, Sensibilitäts- oder Sprachstörungen äußern kann. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung von Migräne mit Aura.
Was ist Migräne mit Aura?
Die Migräne mit Aura ist eine von mehreren Migräneformen. Die Aura tritt meist vor der eigentlichen Migräne auf und kündigt verschiedene Symptome an. Die Aura tritt auf unterschiedliche Weise auf und wird von den Betroffenen individuell wahrgenommen. Sie dauert in der Regel höchstens eine Stunde. Auf die Aura folgen nicht immer migränetypische Kopfschmerzen. Manchmal ist die Aura das einzige Symptom. Eine Aura ohne nachfolgenden Kopfschmerz heißt in Medizinerkreisen „Migraine sans migraine“. Dabei handelt es sich aber um eine Ausnahme. Meistens folgt auf eine Aura auch ein Migräne-Anfall. Insgesamt kommt bei etwa einem Drittel der Migräne-Betroffenen eine Aura vor. Es handelt sich also nicht um eine Seltenheit.
Ursachen der Migräne mit Aura
Die Ursachen für Migräne mit Aura sind vielschichtig und werden durch eine Kombination von genetischen, neurologischen und umweltbedingten Faktoren beeinflusst.
Genetische Faktoren
Genetische Faktoren spielen eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von Migräne. Studien haben gezeigt, dass das Risiko, an Migräne zu erkranken, bei Personen mit Familienangehörigen, die ebenfalls an Migräne leiden, deutlich erhöht ist. Bestimmte Genvarianten wurden hierbei mit einem erhöhten Risiko für Migräne mit Aura in Verbindung gebracht. Auch wenn bei den meisten erblichen Migräneformen mehrere Gene beteiligt sind und die Erforschung komplex ist, weiß man heute ziemlich sicher, dass es eine sogenannte familiäre Veranlagung (Disposition) gibt.
Neurologische und biochemische Mechanismen
Es wird vermutet, dass eine komplexe Wechselwirkung zwischen neurochemischen Prozessen im Gehirn, der Dysregulation von Neurotransmittern und einer gesteigerten neuronalen Erregbarkeit eine Rolle spielt. Die Wissenschaft hat die genauen Ursachen der kurzzeitigen Veränderung in der Gehirnaktivität bislang nicht vollständig verstanden, wobei sich unser Erkenntnisstand in den letzten Jahren insbesondere durch moderne bildgebende Untersuchungsmöglichkeiten deutlich erweitert hat.
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Früher gingen Wissenschaftler von einer Fehlsteuerung der Blutgefäße im Gehirn aus. Demnach verengen sich kurz vor einer Migräneattacke die Blutgefäße, weswegen die betroffene Hirnregion schlechter durchblutet wird. In einer überschießenden Gegenreaktion erweitern sich anschließend die Blutgefäße. Diese Gefäßdehnung verursacht dann die migränetypischen Schmerzen. Nach aktuellen Untersuchungen ist das Geschehen vermutlich auf eine Störung des Gleichgewichtszustandes von Schmerzzentren im Hirnstamm zurückzuführen. Mit Hilfe spezieller bildgebender Verfahren (Positronenemissions-Tomografie) konnte nachgewiesen werden, dass im Gehirn ein Bereich - das so genannte Migräne-Zentrum im Hirnstamm (periaquäduktales Grau) - aktiviert und verstärkt durchblutet wird. Dieses „Migräne-Zentrum“ reagiert über-empfindlich auf Reize.
Zwischen den Blutgefäßen des Gehirns und den Nervenzellen des Gesichtsnervs (Nervus trigeminus) besteht eine wichtige Verflechtung. Feinste Verästelungen des Trigeminus-nervs befinden sich in den Wänden aller Blutgefäße im Gehirn. Die Überaktivität der Nervenzellen im Hirnstamm führt dazu, dass die (C-)Fasern des Trigeminusnervs Schmerz-signale an das Gehirn senden (über den trigemino-thalamischen Trakt). Dies hat auch eine vermehrte Ausschüttung so genannter Botenstoffe (vasoaktive Neuropeptide) zur Folge, die eine Dehnung der Blutgefäße bewirken und die Gefäßwände für Blutflüssigkeit durchgängig machen (Extravasation) und bestimmte Blutbestandteile (z.B. entzündliche Eiweißstoffe) freisetzen. Es kommt zu einer Aufschwemmung und einer Art Entzündung des Hirngewebes und der Hirnhäute. Diese so genannte neurogene Entzündung verursacht wiederum Schmerzimpulse, welche ausstrahlen und den Migränekopfschmerz bewirken.
Die Botenstoffe des Gehirns (Neurotransmitter) sind chemische Substanzen, die u.a. Nervensignale weiterleiten, die Ausdehnung oder Verengung der Blutgefäße steuern und Schmerzsignale auslösen. Von allen Botenstoffen spielt das Serotonin bei der Entstehung der Migräne eine besondere Rolle. Die Konzentration von Serotonin im Blut schwankt mit dem weiblichen Zyklus. Dies erklärt u.a. das Auftreten von Migräneattacken während des Zyklus.
An der Nervenaktivität im Gehirn kann man erkennen, wie die Aura entsteht: Wenn eine Nervenzelle „übererregt“ wird, entsteht eine sogenannte Streudepolarisation. Diese Erregung findet zuerst in nur einem Hirnbereich statt. Von dort aus breitet sich diese Depolarisation wie eine Welle auch in andere Areale des Gehirns aus. Dort nimmt die Nervenaktivität dann ab.
Triggerfaktoren
Für viele Betroffene, die an Migräne mit Aura leiden, können bestimmte Triggerfaktoren Anfälle auslösen. Zu den häufigsten Triggern, also Auslösern, gehören Stress, hormonelle Veränderungen, Schlafmangel, bestimmte Lebensmittel und Getränke, intensive Gerüche, grelles Licht und starke körperliche Anstrengung, manchmal sogar Entlastung („Wochenendmigräne“). Bestimmte innere und äußere Faktoren, so genannte Trigger, können bei entsprechender Veranlagung eine Migräne begünstigen. Jeder Migräne-Patient kann durch Selbstbeobachtung und konsequente Führung eines Kopfschmerz-Tagebuchs/Kalenders seine verschiedenen, persönlichen Auslöser ermitteln.
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Häufige Triggerfaktoren sind:
- Wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus
- Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf - Unterzuckerung/Hungerzustand
- Hormonveränderungen, z.B. während des Zyklus oder aufgrund der Einnahme von Hormonpräparaten
- Stress in Form körperlicher oder seelischer Belastungen
- Verqualmte Räume
- Bestimmte Nahrungsmittel
- Äußere Reize wie (Flacker)Licht, Lärm oder Gerüche
- Wetter- und Höhenveränderungen
- Starke Emotionen
- Medikamente
Symptome der Migräne mit Aura
Die Migräne mit Aura weist die gleichen Symptome auf wie eine Migräne ohne Aura. Der Unterschied besteht also nur in der Aura selbst. Die „Aura“ entsteht vor der eigentlichen Migräne. Dabei kommt es mitunter zu weiteren Symptomen als Vorboten der Migräne. Zu den Symptomen einer Migräne mit Aura zählen auch die Aura-Symptome selbst. Selbst wenn es nicht nach jeder Aura zu Migräne-Symptomen kommt, handelt es sich dennoch per Definition um eine Migräne mit Aura. Das ist die sogenannte „Migräne ohne Kopfschmerzen“ (Migraine sans migraine).
Die Symptome, die bei der Aura im Rahmen einer Migräne auftreten, lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: Kortikale Symptome und Hirnstammsymptome. Je nachdem, welche Symptome im Vordergrund stehen, können diese beiden Arten von Aura unterschieden werden. Für alle Symptome gilt, dass mehrere Beschwerden zwar gleichzeitig auftreten können, aber nicht müssen. Manchmal zeigt sich auch nur ein einzelnes Symptom. Außerdem bilden sich alle Symptome nach einer gewissen Zeit wieder zurück, sie sind reversibel. Halten die Beschwerden über einen längeren Zeitraum an, handelt es sich per Definition nicht um eine Aura, sondern um eine andere Erkrankung. In dem Fall sollten Sie sich unbedingt umgehend an einen Arzt wenden!
Kortikale Symptome
Die kortikalen Symptome betreffen vor allem den Kortex des Gehirns. Zu den Symptomen der kortikalen Aura gehören:
- Flimmerskotom: Betroffene sehen ein Flimmern, das von der Mitte des Gesichtsfeldes nach außen wandert.
- Negatives Skotom: Ein Gesichtsfeldausfall. Manchmal kann man in bestimmten Bereichen des Blickfeldes gar nichts mehr sehen.
- Positives Skotom: Betroffene nehmen gezackte Linien wahr, die das Flimmerskotom umgeben oder ausfüllen.
- Lichtblitze: Lichtblitze (Photopsien) sind unterschiedlich stark ausgeprägt und finden sich im Gesichtsfeld an allen Stellen. Sie erscheinen sehr kurz, verschwinden wieder und tauchen an anderer Stelle erneut auf.
- Grelle Farbwahrnehmung: Betroffene sehen Farben plötzlich intensiver und stechender.
- Sensibilitätsstörungen: Sensibilitätsstörungen äußern sich unter anderem als Kribbeln und Taubheit (Parästhesien).
- Aphasie: Aphasie bedeutet, dass die Patienten und Patientinnen während der Aura nicht richtig sprechen können.
Hirnstammsymptome
Eine besondere Auraform ist die Hirnstammaura. Hier ist besonders der hintere Anteil des Kopfes betroffen. Bei der Migräne mit Hirnstammaura kommt es zu folgenden Symptomen während der Aura-Phase:
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- Beidseitige Gesichtsfeldausfälle oder Doppelbilder
- Sprachstörungen (Dysarthrie)
- Bewegungsstörungen (Ataxie)
- Hörminderung
- Bewusstseinsstörungen
- Keine motorischen Defekte
Hemiplegische und retinale Migräne mit Aura
Zwei seltenere Formen der Migräne mit Aura sind die hemiplegische und die retinale Migräne. Bei der hemiplegischen Migräne zeigt sich die Aura vor allem durch eine vorübergehende Muskelschwäche. Die Betroffenen sind während der Aura-Phase in ihren Bewegungen und im Alltag eingeschränkt. Das Kennzeichen der retinalen Migräne sind Sehstörungen, weil die Netzhaut (Retina) betroffen ist. Diese Sehstörungen betreffen allerdings immer nur ein Auge, nicht beide. Während der Aura-Phase sehen die Betroffenen dann einseitig verschwommen, vermindert oder gar nicht.
Das Alice-im-Wunderland-Syndrom
Menschen, die von Migräne mit Aura betroffen sind, können während der Attacken an diversen Seh-, Gefühls- und Sprachstörungen leiden. Manche entwickeln gar das Alice-im-Wunderland-Syndrom, welches durch eine verzerrte Wahrnehmung geprägt ist. Bei den Wahrnehmungsstörungen erscheinen den Betroffenen beispielsweise der eigene Körper ganz klein und der umgebende Raum riesengroß. Auch Halluzinationen und Orientierungsverlust können auftreten. Wahrscheinlich liegen dem Syndrom organische oder funktionelle Veränderungen in einem bestimmten Bereich des Gehirns zugrunde, dem Temporallappen. Das ist aber noch nicht endgültig erforscht.
Diagnose
Die Diagnose von Migräne mit Aura wird anhand der typischen Beschwerdeschilderung und eines normalen körperlichen Untersuchungsbefunds gestellt. Es ist wichtig, andere mögliche Ursachen für die Symptome auszuschließen. Besonders problematisch ist die Abgrenzung zum Schlaganfall, da Symptome wie Taubheitsgefühl oder Sprachstörungen auch für einen Schlaganfall sprechen können.
Behandlung
Die Behandlung der Migräne mit Aura zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Anfälle zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Akutbehandlung
Zur Behandlung der einzelnen Kopfschmerzattacke werden überwiegend ohne Rezept erhältliche Schmerzmittel eingesetzt, vorzugsweise kombiniert mit einer Substanz gegen Übelkeit und Erbrechen. Leichte Migräne-Anfälle lassen sich häufig gut mit Paracetamol, Ibuprofen, Aspirin und ähnlichen Schmerzmitteln behandeln. Bei Unwirksamkeit dieser Medikamente kann man spezielle Migränemittel, die so genannten Triptane einsetzen. Diese Medikamente hemmen die Botenstoffe oder Neurotransmitter, die während der Migräne-Attacke freigesetzt werden und unterbrechen dadurch die Attacke. Wichtig bei einer Migräne mit Aura ist, dass Triptane erst nach Abklingen der Aura-Symptome eingenommen werden sollten.
Prophylaxe
Treten Attacken mehr als 3-mal pro Monat auf, wird vorübergehend mit vorbeugend wirksamen Medikamenten behandelt. Diese müssen vom Arzt verordnet und ihre Wirkung muss kontrolliert werden. Die häufigsten Substanzen zur Migräne-Prophylaxe sind Betarezeptorenblocker und eine Reihe von Substanzen, die auch zur Behandlung von Epilepsie oder Depressionen eingesetzt werden. Seit einigen Jahren gibt es eine neue Behandlung mit so genannten Antikörpern gegen einen bestimmten Botenstoff, das so genannte CGRP, das während des Migräne-Anfalls ausgeschüttet wird. Antiköper sind Proteine, die diesen Botenstoff abfangen bzw. dessen Wirkung an den Nervenzellen und Hirngefäßen vermindern können.
In der Prophylaxe von Migräne mit Aura haben sich vor allem die Medikamente Lamotrigin, Flunarizin und Topiramat bewährt. Lamotrigin ist eigentlich ein Antiepileptikum. Flunarizin ist ein Calciumantagonist, also ein Gegenspieler von Calcium. Topiramat ist ebenfalls ein Antiepileptikum.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Folgende Maßnahmen können den Krankheitszustand der Betroffenen verbessern:
- Auslöser der Migräne und/oder der Aura meiden
- Frühzeitig schmerzlindernde Medikamente einnehmen
- Ausdauersport
- Entspannungsverfahren
- Biofeedback
- Psychologische Schmerztherapie (z. B. Schmerzbewältigung, Stressmanagement)
- Ggf. kognitive Verhaltenstherapie
Multimodale Therapie
Medikamente allein haben nicht die gleichen Erfolgsaussichten wie in Kombination mit Stressbewältigung, Physiotherapie, Entspannung und Sport.
Zu den Zielen einer multimodalen Therapie gehören:
- Beschwerden eingrenzen und andere Krankheiten ausschließen
- Trigger-Faktoren der Attacken erkennen und möglichst vermeiden
- Die Einnahme von Medikamenten, besonders von Schmerzmitteln, reduzieren
- Migräneattacken möglichst reduzieren, abmildern und verkürzen
- Alltagskonzepte für den Umgang mit der Krankheit entwickeln
Vorbeugung
Die beste Strategie bei Migräne - egal ob mit oder ohne Aura - ist, die Auslöser zu meiden. Wenn Sie einem Migränefall vorbeugen möchten, sollten Sie Ihre persönlichen Risikofaktoren kennen und sich mit verschiedenen, auch nicht-medikamentösen Maßnahmen auseinandersetzen.
Allgemeine vorbeugende Maßnahmen sind:
- Vermeidung von persönlichen Triggerfaktoren (z. B. Stress)
- Regelmäßiger Ausdauersport
- Entspannungsverfahren
- Biofeedback
- Psychologische Schmerztherapie (z. B. Schmerzbewältigung, Stressmanagement)
- Ggf. kognitive Verhaltenstherapie
Leben mit Migräne
Leider gibt es bislang keine Möglichkeit, Migräne zu heilen. Jeder Betroffene muss lernen, mit dieser Erkrankung zu leben. Dazu gehört, modifizierbare Auslöser für Attacken nach Möglichkeit zu reduzieren und sich auf der anderen Seite einzugestehen, dass schwere Attacken zu einer reellen Minderung der Leistungsfähigkeit führen. Migräne ist entgegen einer oft geäußerten Meinung keine psychische Erkrankung und sollte auch nicht mit einem banalen Spannungskopfschmerz, der viel besser mit Schmerzmitteln kontrolliert werden kann, verwechselt werden.