Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, von der Millionen Menschen betroffen sind. Sie äußert sich durch anfallsartige, oft pulsierende Kopfschmerzen, die meist einseitig auftreten und von Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet werden. Eine korrekte Diagnose ist entscheidend, um andere Ursachen auszuschließen und eine gezielte Behandlung einzuleiten.
Einführung
Die Diagnose von Migräne stützt sich primär auf die Anamnese und die Schilderung der Symptome durch den Patienten. Es gibt keine spezifischen Biomarker oder bildgebenden Verfahren, die eine Migräne direkt nachweisen können. Daher ist ein ausführliches Arztgespräch von zentraler Bedeutung.
Anamnese und Diagnosekriterien
Das Arztgespräch
Im Rahmen des Arztgespräches werden verschiedene Aspekte erfasst, um die Diagnose zu sichern:
- Zeitlicher Ablauf: Wie häufig treten die Kopfschmerzen auf? Handelt es sich um eine episodische oder chronische Migräne?
- Charakter und Lokalisation: Wo genau und wie stark treten die Schmerzattacken auf? Werden die Kopfschmerzen als einseitig und pulsierend oder pochend beschrieben?
- Ursachen und Auslöser: Gibt es eine genetische Veranlagung, also bekannte Migränefälle in der Familie? Welche Faktoren verstärken die Kopfschmerzen (z.B. Bewegung/körperliche Aktivität)? Lassen sich individuelle Trigger identifizieren (z. B. Ernährung, Stress, Schlafmangel, Wetterumschwünge)?
- Verhalten des Patienten: Was verstärkt die Kopfschmerzen (z. B. Bewegung/körperliche Aktivität)? Wirken Ruhe und Dunkelheit lindernd?
- Medikamente: Können Schmerzmittel die Beschwerden lindern? In welcher Dosis? Kann es sich um einen Medikamentenübergebrauch handeln?
- Begleit- und Vorerkrankungen: Gibt es weitere Erkrankungen oder besondere Umstände (z.B. Schwangerschaft), die berücksichtigt werden müssen?
- Berufliche Tätigkeit: Gibt es mögliche Einflussfaktoren wie Stress am Arbeitsplatz?
Diagnosekriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (IHS)
Zur Befundstellung dienen die Migräne-Diagnosekriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (IHS). Hinweise auf eine Migräne sind beispielsweise:
- Wiederkehrende Kopfschmerzen von mittlerer bis schwerer Intensität.
- Pulsierend-pochender Schmerzcharakter.
- Dauer von vier Stunden bis drei Tagen.
- Verstärkung der Schmerzen bei leichter körperlicher Belastung, Vornüberbeugen oder Kopfschütteln.
- Typische Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen sowie Überempfindlichkeit gegen Licht (Photophobie), Lärm (Hyperakusis) und Gerüche (Osmophobie).
Migräneformen
Fachleute unterscheiden verschiedene Formen von Migräne:
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
- Migräne ohne Aura: Die häufigste Form, bei der der Kopfschmerz plötzlich auftritt und von Übelkeit sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet wird.
- Migräne mit Aura: Hier treten neurologische Symptome wie Sehstörungen (Flimmern, Lichtblitze, Gesichtsfeldausfälle), Sensibilitätsstörungen (Kribbeln) oder Sprachblockaden vor oder während der Kopfschmerzphase auf.
- Chronische Migräne: Kopfschmerzen an ≥ 15 Tagen pro Monat über mehr als drei Monate, wobei an ≥ 8 Tagen die Kriterien einer Migräne erfüllt werden.
- Menstruelle Migräne: Tritt im Zeitraum von zwei Tagen vor bis zwei Tage nach Einsetzen der Regelblutung auf.
- Vestibuläre Migräne: Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen, die während oder nach einer Kopfschmerzattacke auftreten können.
- Hemiplegische Migräne: Neben den typischen Aura-Symptomen treten Sprachstörungen, reversible motorische Defizite und Lähmungserscheinungen auf. Sie kann familiär gehäuft auftreten (familiäre hemiplegische Migräne).
- Migräne mit Hirnstammaura: Seltene Form mit Hirnstammsymptomen wie Schwindel, Tinnitus, Doppelbilder, Koordinations- oder Bewusstseinsstörungen.
- Retinale Migräne: Seltene Form mit Sehstörungen, die sich langsam entwickeln und bis zu 60 Minuten dauern können.
- Bauchmigräne (abdominale Migräne): Tritt häufig bei Kindern und Jugendlichen auf und äußert sich durch Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen und Blässe.
Kopfschmerztagebuch
Hilfreich für Diagnose und Therapie ist es, über einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen ein Kopfschmerztagebuch bzw. einen -Kalender zu führen. Betroffene sollten Zeitpunkt, Art, Stärke, Dauer, Begleiterscheinungen, mögliche Auslöser und eventuelle Medikation der Kopfschmerzen genauestens dokumentieren.
Differenzialdiagnostik
Eine fachkundige Diagnose ist wichtig, um andere Ursachen der Beschwerden auszuschließen. Gerade bei der Migräne mit Aura, die mit neurologischen Ausfällen einhergehen kann, ist eine Abgrenzung zu anderen Erkrankungen wie einem Schlaganfall (migranöser Infarkt) wichtig.
Neurologische Untersuchung
Neben dem Arzt-Patienten-Gespräch ist meist eine neurologische Untersuchung Bestandteil der Migräne-Diagnose. Ziel ist es unter anderem, andere schwere Erkrankungen auszuschließen.
Bildgebende Verfahren
In einigen Fällen können zusätzliche Untersuchungsverfahren angewandt werden, um detailliertere Einblicke in das Gehirn zu bekommen und andere Erkrankungen auszuschließen:
- Magnetresonanztomographie (MRT): Ermöglicht es, krankhafte Veränderungen oder Blutungen auszuschließen.
- Elektroenzephalographie (EEG): Kann eine mögliche erhöhte Erregbarkeit des Nervensystems nachweisen.
- Computertomographie (CT): Wird seltener eingesetzt, kann aber bei Akutfällen oder zum Ausschluss von Hirnblutungen, Gefäßfehlbildungen oder -verschlüssen sowie Erkrankungen des Schädels und der Nebenhöhlen sinnvoll sein.
Therapieansätze
Akuttherapie
Ziel der Akuttherapie ist eine rasche Reduktion der Kopfschmerzen und der Begleitsymptome, um die Lebensqualität und Funktionalität zu erhalten und eine Chronifizierung zu vermeiden.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
- Leichte Migräneanfälle: Rezeptfrei erhältliche Schmerzmittel wie Paracetamol, Naproxen oder Ibuprofen.
- Mittelschwere bis schwere Migräneattacken: Spezielle Migränemedikamente, sogenannte Triptane (z.B. Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan). Sumatriptan 6 mg s. c. hat die höchste Wirksamkeit bei der Behandlung akuter Migräneattacken.
- Kombinationstherapie: Bei Wiederkehrkopfschmerzen oder unzureichendem Ansprechen auf eine Monotherapie kann eine Kombination aus einem Triptan mit einem NSAR (z. B. Naproxen oder Ibuprofen) sinnvoll sein.
Prophylaxe
Eine Prophylaxe ist sowohl bei episodischer als auch bei chronischer Migräne ratsam, um die Häufigkeit, Schwere und Dauer der Migräneattacken sowie der damit einhergehenden Einschränkungen des täglichen Lebens zu reduzieren.
- Nichtmedikamentöse Ansätze: Ausbalancierter Tagesablauf mit festen Essens- und Schlafzeiten, regelmäßiger aerober Ausdauersport und die Vermeidung bzw. Reduktion von Stress.
- Medikamentöse Prophylaxe: Beta-Blocker (Propranolol, Metoprolol), Antikonvulsiva (Topiramat, Valproinsäure), Antidepressiva (Amitriptylin), Kalziumkanalblocker (Flunarizin), OnabotulinumtoxinA (bei chronischer Migräne).
- CGRP-Antikörper: Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab (subkutan) oder Eptinezumab (intravenös) zur monatlichen oder vierteljährlichen Gabe.
Medikamentenübergebrauch (MOH)
Grundsätzlich sollte bei der medikamentösen Behandlung darauf geachtet werden, dass keine Kopfschmerzen infolge eines Übergebrauchs von Schmerz- und Migränemitteln entstehen (MOH = Medication Overuse Headache).
Spezialisierte Einrichtungen
Für Patienten mit komplexen oder schwer behandelbaren Migräneformen kann die Vorstellung in einer spezialisierten Einrichtung sinnvoll sein. Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet beispielsweise eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen sowie anderen Kopfschmerzarten an.
Aufnahmeformalitäten in der Schmerzklinik Kiel
Zur Planung eines Aufnahmetermins sind folgende Schritte erforderlich:
- Der behandelnde Arzt stellt eine Verordnung von Krankenhausbehandlung aus.
- Der behandelnde Arzt füllt die Aufnahme-Checkliste aus.
- Der Patient füllt den Schmerzkalender und den Schmerzfragebogen aus.
- Alle Unterlagen und zusätzlich Kopien aller relevanter Arztbriefe, Röntgenbilder etc. werden an die auf der Aufnahme-Checkliste angegebene Anschrift gesendet.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
tags: #migrane #feststellen #lassen