Migräne im Winter: Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Migräne ist eine weit verbreitete und oft beeinträchtigende Kopfschmerzerkrankung, die sich durch starke, einseitige, rezidivierende, pulsierende Schmerzen auszeichnet. Diese Schmerzen können mehrere Stunden bis Tage anhalten und werden häufig von vegetativen Begleitsymptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen oder Gerüchen begleitet. Gerade im Winter können bestimmte Faktoren Migräneattacken begünstigen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Migräne, insbesondere im Zusammenhang mit winterlichen Bedingungen.

Was ist Migräne?

Migräne ist eine idiopathische Kopfschmerzerkrankung. Die Diagnose basiert hauptsächlich symptomatisch durch Patientenbeschreibung. Sie tritt bei etwa 30% der Frauen, 8% der Männer und 5% der Kinder auf und steht damit an zweiter Stelle der Kopfschmerzarten. Typischerweise zeigt sie sich zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr und selten nach dem 40. Lebensjahr.

Ursachen von Migräne

Die genaue Ursache von Migräne ist noch nicht vollständig geklärt. Man geht jedoch von einer genetischen Veranlagung aus. In einer Studie wurden 38 genetische Regionen, die mit Migräne in Verbindung stehen, identifiziert. In einer anderen Studie wurde untersucht, wieso Frauen häufiger mit Migräne diagnostiziert werden, als Männer. Hierbei wurden die weiblichen Geschlechtshormone und die genetischen Unterschiede genauer betrachtet.

Genetische Faktoren

Eine genetische Veranlagung spielt eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Migräne. Wenn in einer Familie bereits viele Migränefälle bekannt sind, ist die Wahrscheinlichkeit für weitere Familienmitglieder deutlich erhöht.

Neuronale Funktionsstörungen

Triggerfaktoren spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung und Entwicklung von Migräne. Diese können dann zu einer Überaktivität eines als „Migränegenerator“ bezeichneten Areals des Hirnstamms (Formatio reticularis) führen. Es entsteht eine neuronale Funktionsstörung, die sich dann über den Kortex ausbreitet („spreading depression“) und eine Gefäßerweiterung der Gehirngefäße verursacht.

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Hormonelle Einflüsse

Hormone, insbesondere das weibliche Geschlechtshormon Östrogen, können einen Einfluss auf Migräne haben. Dies erklärt, warum Migräneattacken häufig in die Zeit der Periode fallen.

Serotonin-Haushalt

Das Hormon Serotonin spielt nach aktuellen Erkenntnissen eine zentrale Rolle bei Migräne. Forschern zufolge kann ein Ungleichgewicht zwischen dem Serotoninspiegel im Gehirn (zentrales Serotonin) und im restlichen Körper (peripheres Serotonin) Migräne-Attacken auslösen.

Formen der Migräne

Gemäß der Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen (ICHD-3) der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft gibt es mehrere Formen der Migräne:

  • Migräne ohne Aura: Betrifft etwa 80 Prozent der Migränepatienten.
  • Migräne mit Aura: Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Betroffenen gehen den Kopfschmerzen neurologische Symptome voraus, die Fachleute als Aura bezeichnen.
  • Hemiplegische Migräne: Ist von motorischen Störungen einer Körperhälfte begleitet, die leicht oder unvollständig gelähmt ist. Diese Lähmung ist vollständig reversibel.
  • Retinale Migräne: Sind die Kopfschmerzen von einem langsam fortschreitenden Gesichtsfeldausfall auf einem Auge begleitet, der sich anschließend vollständig zurückbildet.
  • Migräne mit Hirnstammaura: Ist von mindestens zwei Aurasymptomen begleitet, die sich in ihrer Herkunft eindeutig dem Hirnstamm zuordnen lassen. Dazu gehören Schwindel, Tinnitus, Sprachstörungen, Hörminderungen, Doppelbilder oder Bewusstseinsstörungen.
  • Chronische Migräne: Liegt vor, wenn ein Kopfschmerz besonders häufig auftritt. Der Definition der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft zufolge ist dies der Fall, wenn Betroffene über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten an mindestens 15 Tagen pro Monat Kopfschmerzen haben.
  • Vestibuläre Migräne: Unter vestibulärer Migräne verstehen Fachleute Schwindelattacken mit Übelkeit und Erbrechen. Der Schwindel hält meist für wenige Minuten bis viele Stunden an.

Migräne im Winter: Spezifische Auslöser

Gerade im Winter können bestimmte Faktoren Migräneattacken begünstigen:

  • Kälte: Eisige Außentemperaturen können das Blut in der Kopfhaut abkühlen, was zu einer Verkrampfung der Muskulatur unter der Kopfhaut und somit zu Kopfschmerzen führen kann.
  • Temperaturschwankungen: Menschen mit Migräne reagieren auf Temperaturreize meist besonders empfindlich. Plötzliche Kälte, starke Temperaturschwankungen oder Wetterumschwünge können Kopfschmerzen oder sogar Migräneattacken auslösen.
  • Trockene Luft: Trockene Luft reizt die Schleimhäute und begünstigt Entzündungen, was ebenfalls Kopfschmerzen triggern kann.
  • Grelles Winterlicht: Blendendes Sonnenlicht, insbesondere reflektiert durch Schnee, kann bei lichtempfindlichen Menschen Migräne auslösen.
  • Luftdruckänderungen: Luftdruckänderungen gehören zu den größten Übeltätern bei wetterbedingter Migräne. Besonders plötzliche Druckschwankungen - ob steigend oder fallend - können Kopfschmerzen verstärken. Bei sinkendem Luftdruck weiten sich Blutgefäße im Gehirn, was Migräneanfälle begünstigt.
  • Wetterfühligkeit: Viele Menschen berichten im Herbst und Frühling über häufigere Kopfschmerzen und Migräneattacken. Aktuelle Studien zeigen, dass die Umstellung auf Sommerzeit im Frühjahr Migräneattacken erhöhen kann, während die Rückkehr zur Normalzeit im Herbst die Häufigkeit senkt.

Kältebedingte Kopfschmerzen

Wer an Frosttagen ohne winddichte Mütze oder gar mit nassen Haaren aus dem Haus geht, sorgt dafür, dass eisige Außentemperaturen das Blut in der Kopfhaut abkühlen. In der Folge verkrampft sich die dünne Muskulatur unter der Kopfhaut und ein allgemeiner Kopfschmerz kann auftreten. Für den Körper sind solche schnellen Temperaturwechsel purer Stress. Ärzte und Wissenschaftler gehen davon aus, dass unser Körper in einem solchen Moment automatische Abwehrmechanismen ergreift, um das schnelle Abkühlen des Gehirns zu reduzieren.

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Muskelverspannungen durch Kälte

Bereits kurzzeitiges Kälteempfinden und Frieren kann dazu führen, dass betroffene Personen die Schultern hochziehen und sich ihre Muskeln in diesem Bereich verspannen. Mit der Zeit dehnen sich die Verspannungen dann über den Nacken und den Kopf aus und können zu Kopfschmerzen führen.

Wetterbedingte Migräne

Viele Menschen berichten, dass sich ihre Anfälle häufen, wenn das Wetter umschlägt. Luftdruckänderungen gehören zu den größten Übeltätern bei wetterbedingter Migräne. Besonders plötzliche Druckschwankungen - ob steigend oder fallend - können Kopfschmerzen verstärken.

Diagnose von Migräne

Die Diagnose der Migräne basiert auf den Kriterien der International Headache Society, auf deren Grundlage sich mehr als 95 Prozent aller Migränebetroffenen korrekt diagnostizieren lassen. Die Diagnose basiert auf einem ausführlichen Gespräch, in dem die Ärztin oder der Arzt die Häufigkeit, Dauer, Art und Stärke der Kopfschmerzen und möglicher Begleitsymptome erfragt.

Differentialdiagnose

Bei Migräne, besonders bei jenen mit sichtbaren Symptomen oder untypischen Verläufen, müssen andere Erkrankungen berücksichtigt werden:

  • Spannungskopfschmerz: Ein dumpfer, allumfassender Schmerz, ohne Übelkeit oder sichtbare Symptome.
  • Clusterkopfschmerz: Sehr starker Schmerz, aber kürzer und immer auf derselben Seite. Begleitet von Symptomen wie tränende Augen.
  • Meningitis: Begleitet von Fieber, schlechtem Allgemeinbefinden und Steifheit des Nackens.
  • Schlaganfall oder Gehirnblutung: Plötzlicher Beginn, oft mit Halbseitenschwäche, ohne Überempfindlichkeit gegenüber Licht oder Lärm.

Behandlung von Migräne

Die Behandlung hängt von der Schwere und Häufigkeit der Anfälle ab. Es gibt Ansätze zur akuten Behandlung während eines Anfalls und präventive Maßnahmen, um die Anzahl und Schwere der Anfälle zu reduzieren.

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Akutbehandlung

  • NSAR (Nichtsteroidale Antirheumatika): Bei leichten bis mittelstarken Migräneattacken sind NSAR die bevorzugten Medikamente. Dazu gehören Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Diclofenac-Kalium und eine Kombination aus ASS, Paracetamol und Koffein.
  • Triptane: Mittelschwere bis schwere Migräneattacken werden hauptsächlich anhand von Triptanen behandelt. Beispiele für diese Medikamente sind Sumatriptan und Almotriptan. Sie können auf verschiedene Weisen verabreicht werden - von Tabletten über Nasensprays bis hin zu Injektionen.
  • Weitere Medikamente: In seltenen Fällen können andere Medikamente wie Ergotamintartrat oder Opioide (z. B. Tramadol in Kombination mit Paracetamol) in Erwägung gezogen werden. Bei anhaltenden Kopfschmerzen und wenn orale Medikamente nicht helfen, können ASS (in einer speziellen Form) oder Sumatriptan als Injektionen gegeben werden.

Präventive Maßnahmen

  • Vermeidung von Triggern: Das Kennen und Meiden der Trigger kann dabei helfen, das persönliche Risiko für das Auftreten einer Migräneattacke zu reduzieren.
  • Akupunktur und leichter Ausdauersport: Empfehlenswert sind auch Akupunktur und leichter Ausdauersport.
  • Medikamentöse Prophylaxe: Zur Vorbeugung besonders häufiger oder schmerzhafter Migräneattacken können Medikamente verschrieben werden.
  • Regelmäßigkeit: Für viele Patientinnen und Patienten hilfreich ist Regelmäßigkeit. Das gilt für Schlafens- und Aufwachzeiten aber auch für Mahlzeiten. Hetze, Unregelmäßigkeit, Naschen und Überspringen von Mahlzeiten können Migränebeschwerden verschlimmern.
  • Entspannungsverfahren: Regelmäßiger Ausdauersport wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren sowie Entspannungsverfahren, zum Beispiel Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training, können den Stresspegel verringern und helfen, Migräneattacken vorzubeugen.

Spezifische Maßnahmen im Winter

  • Kälteschutz: Im Winter auf die Kälte besonders empfindlich reagieren und zu Kopfschmerzen neigen, sollten starke Temperaturschwankungen möglichst meiden. Außerdem sollten sie besonders darauf Acht geben, die empfindliche Kopfpartie zu schützen und sich nicht länger als nötig in der Kälte aufhalten.
  • Wärme: Bei akuten Kopfschmerzen durch Kälte helfen vor allem Wärme und Entspannung: Ein warmes Bad, eine heiße Dusche oder ein Wärmekissen im Nacken lösen verspannte Muskeln und können den Schmerz deutlich lindern.
  • Luftbefeuchtung: Nutze Luftbefeuchter bei trockener Luft, um deine Schleimhäute zu schützen. Ein einfacher Trick: Stelle eine Schale Wasser auf die Heizung, um die Luft zu befeuchten.
  • Migräne-Sonnenbrille: Investiere in eine Brille mit UV- und Lichtfilter, speziell für Migränepatienten.

Medikamentöse Prophylaxe

  • Betablocker, Antidepressiva oder Mittel gegen Epilepsie: Zur Prophylaxe mit Tabletten kommen unter anderem Betablocker, Antidepressiva oder Mittel gegen Epilepsie infrage.
  • Migräne-Antikörper: Bevor moderne Antikörper zur Migräneprophylaxe verschrieben werden können, muss mindestens eine der Tablettentherapien versucht werden, manchmal auch mehrere. Migräne-Antikörper werden alle vier Wochen unter die Haut gespritzt und richten sich gegen CGRP (Calcitonin Gene-Related-Peptide), ein Molekül, das an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist.
  • Gepante: Eine neue Wirkstoffgruppe, die sogenannten Gepante, sollen verhindern, dass sich überhaupt CGRP-Proteine bilden. Sie sollen nicht nur vorbeugend wirken, sondern auch bei akuten Migräneattacken.
  • Atogepant (Aquipta®): Der erste orale CGRP-Rezeptorantagonist zur Migräneprophylaxe. Zugelassen für Erwachsene mit mindestens 4 Migränetagen pro Monat. Einnahme: 1 Tablette (60 mg) täglich, unabhängig von Mahlzeiten.

Natürliche Mittel und Hausmittel

  • Pfefferminzöl: Als Alternative bzw. Ergänzung empfehlen manche Ärzte auch Pfefferminzöl, das in die Kopfhaut einmassiert wird.
  • Wärmekissen: Ob kalte Füße im Winter, Periodenschmerzen oder die klassische Nackenverspannung - nichts hilft in einem solchen Fall mehr als Wärme. Wärmekissen sind daher sehr beliebt.
  • Mutterkraut: Mutterkraut wird traditionell zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt.

Was tun bei einer Migräneattacke?

  • Ruhe und Dunkelheit: Betroffene müssen in der Regel Bettruhe einhalten, am besten in einem kühlen, abgedunkelten Raum.
  • Kühlende Hilfen: Eine Kühlkompresse im Nacken oder auf der Stirn bringt schnelle Linderung.
  • Flüssigkeitszufuhr: Bleib hydriert - und zwar nicht nur dann, wenn du durstig bist. Regelmäßige Flüssigkeitszufuhr (Wasser, nicht Kaffee!) hilft, den Körper stabil zu halten.
  • Medikamente: Die Leitlinie zur Therapie von Migräne der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) empfiehlt bei akuten Attacken, möglichst früh Medikamente einzunehmen.

Migräne-Tagebuch

Ein Kopfschmerz-Fragebogen und -Tagebuch (in Papierform oder als App) erleichtern die Diagnose. Wer Tagebuch über seine Migräneattacken führt, kommt so möglicherweise den individuellen Triggern auf die Spur - und kann sie meiden. Es kann für Betroffene hilfreich sein, ein Migräne-Tagebuch zu führen. Darin notieren sie die Wetterlage und den Zeitpunkt der Kopfschmerzattacken. Mit der Zeit lässt sich dadurch erkennen, welches Wetter am häufigsten Migräne und Kopfschmerzen auslöst.

Warnsignale

Treten Kopfschmerzen bei Kälte plötzlich, sehr stark oder völlig ungewohnt auf, sollte möglichst bald eine Arztpraxis aufgesucht werden. Das gilt vor allem, wenn der Schmerz „wie aus heiterem Himmel“ einschießt, wenn er sich trotz Ruhe, Wärme und einfachen Schmerzmitteln nicht bessert oder über mehrere Tage anhält.

Ein Warnsignal sind Begleitsymptome: Kopfschmerzen kombiniert mit Fieber, Nackensteifigkeit, starker Übelkeit, Sehstörungen, Lähmungserscheinungen, Sprachstörungen, starker Verwirrtheit oder Bewusstseinsstörungen gelten als Notfall und sollten umgehend in einer Praxis oder Klinik abgeklärt werden.

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