Migräne: Wann der Besuch beim Neurologen sinnvoll ist

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der weltweit etwa eine von sieben Personen betroffen ist. Frauen sind dreimal häufiger betroffen als Männer. Die spezielle Form der Kopfschmerzen hat die höchste Prävalenz (Vorkommen) unter Erwachsenen im mittleren produktiven Alter (35-45 Jahre) und ist noch immer unterdiagnostiziert. In Deutschland sind schätzungsweise 10-15 % der Bevölkerung betroffen.

Symptome und Diagnose

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der es zu einer spontanen Aktivierung von Nervenzellen kommt, die von den Patient:innen als Schmerzen mit mittlerer bis schwerer Stärke - vornehmlich halbseitig auf der Stirn, der Schläfe bis zum Hinterkopf und Nacken - wahrgenommen werden.

Typisch sind pulsierende, klopfende, hämmernde seitenbetonte Schmerzen des Kopfes, die durch körperliche Bewegung verstärkt werden und ohne Behandlung 4 - 72 Stunden anhalten. Dazu bestehen Zusatzsymptome wie eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht und/oder Geräuschen, seltener eine abnormale Geruchsempfindlichkeit sowie Übelkeit bis zu Erbrechen. Dem Kopfschmerz gehen bei einigen Patientinnen oder Patienten bereits an Tagen zuvor Symptome wie Heißhunger, depressive Verstimmung, gesteigerter Antrieb voran.

Die Diagnose einer Migräne kann hauptsächlich über die Anamnese gestellt werden. Häufig werden aber apparative und laborchemische Verfahren eingesetzt, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen zu erfassen bzw. auszuschließen. Theoretisch kann der oder die Hausärzt:in eine Migräne diagnostizieren.

Aura

Bei ca. 10-15 % der Migränepatienten geht der Attacke eine Aura voraus. Bei einer Aura handelt es sich um neurologische Störungen, die über Minuten an- und abklingen. Die häufigsten Auren sind visueller Art, dabei sehen die Patient:innen beispielsweise Lichtblitze, Zickzack-Linien oder Doppelbilder. Auch Gefühlsstörungen oder Sprachstörungen können auftreten.

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Ursachen und Auslöser

Die Veranlagung zu Migräneanfällen wird oft vererbt. Eine Verschlechterung kann z.B. durch starke Nervosität, Stress, Angst oder andere belastende Situationen bewirkt werden.

Es erfolgt eine Aktivierung des sogenannten trigeminovaskulären Systems im Gehirn, sodass schmerzvermittelnde Botenstoffe (Neurotransmitter oder Hormone) ausgeschüttet werden. Die übermäßig ausgeschütteten Botenstoffe wirken auf unterschiedliche Strukturen im Gehirn.

Die schmerzhafte Aktivierung trigeminaler Afferenzen hat eine Ausschüttung verschiedener Neuropeptide, wie z. B. PACAP (Pituitary adenylate cyclase-activating peptide), VIP (Vasoactive Intestinal Polypeptide), CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) zur Folge. Während der Migräneattacke wird CGRP vorwiegend aus unbemarkten trigeminalen C-Fasern freigesetzt und führt zu einer neurogenen Entzündung sowie einer Vasodilatation, wobei letztere nicht für die Schmerzhaftigkeit verantwortlich ist.

Wann zum Neurologen?

Bei wiederkehrenden Kopf- und Gesichtsschmerzen, die den Alltag beeinträchtigen, sollte zuerst eine fachärztliche Vorstellung in einer neurologischen Praxis erfolgen.

Eine Überweisung des Hausarztes zum Facharzt für Neurologie ist nach den aktuellen Empfehlungen der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e. V. sinnvoll.

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Es gibt bestimmte Situationen, in denen ein Besuch beim Neurologen besonders wichtig ist:

  • Erstmalige Kopfschmerzen: Treten Kopfschmerzen zum ersten Mal auf, sollten sie zeitnah von einem Neurologen abgeklärt werden, um andere Ursachen auszuschließen.
  • Sehr starke Kopfschmerzen: Sehr starke Kopfschmerzen, die plötzlich auftreten, sollten ebenfalls von einem Neurologen untersucht werden.
  • Veränderung oder Verstärkung bekannter Kopfschmerzen: Wenn sich bekannte Kopfschmerzen verändern oder verstärken, ist ein Besuch beim Neurologen ratsam.
  • Neurologische Symptome: Treten neurologische Symptome wie Bewusstlosigkeit, Seh- oder Sprachstörungen in Verbindung mit Kopfschmerzen auf, sollte umgehend ein Neurologe aufgesucht werden.
  • Chronische Migräne: Bei chronischer Migräne, also wenn die Migräne länger als 3 Monate besteht und mehr als 15 Tage im Monat Kopfschmerzen auftreten, wovon die Hälfte migräneartig sind, ist ein Neurologe der richtige Ansprechpartner.
  • Zunehmender Medikamentenbedarf: Wenn sich das Schmerzgeschehen kontinuierlich steigert und immer mehr und stärkere Medikamente notwendig sind, kann ein Neurologe helfen.

Therapie

Die Migränebehandlung basiert auf verschiedenen Maßnahmen. Eine permanente Einnahme von Schmerzmedikamenten ist in der Regel nicht angezeigt und sogar gefährlich.

Akuttherapie

Ziel der Akuttherapie ist eine rasche Reduktion der Kopfschmerzen und der Begleitsymptome, um die Lebensqualität und Funktionalität zu erhalten und eine Chronifizierung zu vermeiden.

Es gibt Akut-Medikamente wie bestimmte nicht-steroidale Antiphlogistika, zum Beispiel ASS, Ibuprofen oder Metamizol, die bei leichten bis mittelschweren Attacken eingenommen werden können. Bei mittelschweren und schweren Attacken gibt es spezifische Migräne-Medikamente, zum Beispiel die Triptane. Diese sollen sogar möglichst frühzeitig eingenommen werden, um die Migräne-Attacke in den Griff zu bekommen.

Von den verfügbaren Triptanen (Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan) hat Sumatriptan 6 mg s. c. die höchste Wirksamkeit gezeigt.

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Bei lange andauernden Migräneattacken kann der Kopfschmerz nach zunächst gutem Ansprechen auf die Akutmedikation innerhalb von zwei bis 24 Stunden nach der Einnahme wieder auftreten (Wiederkehrkopfschmerz). Dieses Problem kann bei Triptanen mit kurzer Halbwertszeit häufiger auftreten als bei solchen mit langer Halbwertszeit (wie Frovatriptan und Naratriptan). In diesem Fall kann eine zweite Dosis des zuvor angewendeten Wirkstoffs eingenommen werden - allerdings frühestens zwei Stunden nach Erstapplikation.

Als Alternative kann sowohl bei Wiederkehrkopfschmerzen, aber auch bei unzureichendem Ansprechen auf eine Monotherapie als auch bei besonders lang anhaltenden Migräneattacken eine Kombination aus einem Triptan mit einem NSAR (z. B. Naproxen oder Diclofenac) sinnvoll sein.

Prophylaxe

Eine Prophylaxe ist sowohl bei episodischer als auch bei chronischer Migräne ratsam, um die Häufigkeit, Schwere und Dauer der Migräneattacken sowie der damit einhergehenden Einschränkungen des täglichen Lebens zu reduzieren. Zudem ist ein Übergebrauch von Akutmedikation oft Ausdruck einer nicht ausreichenden Prophylaxe.

Zu den Medikamenten mit guter Evidenz für eine Migräneprophylaxe zählen laut Leitlinie die oral anzuwendenden Betablocker Propranolol und Metoprolol, das Antikonvulsivum Topiramat, das Antidepressivum Amitriptylin und der Kalziumkanalblocker Flunarizin sowie bei chronischer Migräne zusätzlich zu injizierendes OnabotulinumtoxinA.

Seit Ende 2018 sind die Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP)-Antikörper auf dem Markt, diese sind gut verträglich und die Patient:innen injizieren sich das Medikament einmal im Monat selbst.

Botox® ist ausschließlich für die Behandlung der chronischen Migräne zugelassen, also wenn die Migräne länger als 3 Monate besteht und mehr als 15 Tage im Monat Kopfschmerzen auftreten, wovon die Hälfte migräneartig sind. Botox® wird dabei circa alle 3 Monate in die Stirn-, Schläfen- und Nackenmuskulatur gespritzt. Die CGRP-Antikörper sind für Patient:innen, die mehr als vier Mal im Monat Migräne haben.

Allgemeine Maßnahmen

  • Vermeidung auslösender Faktoren (z.B. bestimmte Nahrungsmittel, Alkohol)
  • Genügend Schlaf
  • Stressabbau (Autogenes Training)
  • Mäßiger Ausdauersport und Nikotinkarenz
  • Ggf. Wechsel von Hormonpräparaten

Was Sie beim Arzttermin beachten sollten

Viele Patienten sind mit der Art und Weise, wie das Gespräch mit dem Arzt abläuft, unzufrieden. Das kann zum Beispiel daran liegen, dass sie sich unverstanden fühlen oder sie nicht alle Fragen stellen konnten, weil der Arzt unter Zeitdruck stand.

Um den Verlauf deiner Migräne zu dokumentieren, kann das Führen eines Migränetagebuchs sehr sinnvoll sein. Darin notierst du neben der Schmerzdauer und -stärke sowie des Schmerzcharakters auch individuelle Einflussfaktoren wie zum Beispiel wenig Schlaf, Stress oder ungeregelte Tagesabläufe.

Hilf dem Migräne-Arzt, indem du dein Beschwerdebild so genau wie möglich schilderst und alle notwendigen Unterlagen zum Termin mitbringst. Bereite deine Krankengeschichte so ausführlich und vollständig wie möglich vor.

Spezialisierte Zentren und Fachgesellschaften

Das Kopfschmerzzentrum der Charité versorgt jährlich über 2.000 Patient:innen mit Kopf- und Gesichtsschmerzen.

Bei der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG), der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS) sowie der regional zuständigen Ärztekammer kannst du Adressen von Migräne-Spezialisten erfragen.

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