Die zahnärztliche Versorgung von Menschen mit Demenz stellt eine besondere Herausforderung dar. Im Laufe einer demenziellen Entwicklung kann ein weitreichender Zahnzerfall entstehen, der erstaunlicherweise oft schmerzfrei verläuft. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der zahnärztlichen Behandlung von Alzheimer- und Demenzpatienten, von der Bedeutung der Mundhygiene bis hin zu speziellen Behandlungsmethoden und präventiven Maßnahmen.
Einführung
In Deutschland leben etwa 1,5 Millionen demente Menschen in 13.000 Heimen, und diese Zahl wird sich in den nächsten 30 Jahren voraussichtlich verdoppeln. Die Demenz hat viele Ursachen, und ihr Verlauf ist entsprechend vielfältig. Im Durchschnitt dauert der Aufenthalt in einem Pflegeheim drei bis vier Jahre. Die Pflege ist ausschlaggebend für das Wohlbefinden der Betroffenen. Pflegebedürftige Menschen sind besonders anfällig für Zahnerkrankungen, daher ist eine sorgfältige Mundhygiene sehr wichtig. Viele Betroffene benötigen Unterstützung bei der Pflege ihrer Zähne, darunter auch viele Menschen, die an Demenz leiden. Einige von ihnen können sich noch selbst die Zähne putzen, müssen aber daran erinnert werden. Angehörige oder Pflegepersonal sollten zudem die richtige Ausführung kontrollieren.
Mundgesundheit und Demenz: Ein wechselseitiger Zusammenhang
Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass viele Krankheiten, darunter auch Alzheimer, durch chronische Entzündungen mitverursacht werden könnten. Es ist zwar noch nicht geklärt, ob Entzündungen tatsächlich als Auslöser oder eher als Konsequenz der Alzheimer-Krankheit betrachtet werden müssen, dennoch ist es wichtig, bestehende Entzündungen wie Parodontitis zu bekämpfen oder sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Anhaltende Entzündungen können sich unbemerkt im gesamten Körper ausbreiten und so die Entstehung gefährlicher Krankheiten begünstigen.
Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind, haben häufig Probleme mit ihrer Zahngesundheit. Studien zeigen, dass Erkrankte besonders häufig von Parodontitis betroffen sind. Dies könnte damit zusammenhängen, dass Menschen mit Alzheimer häufig die Zahnpflege vernachlässigen. Es könnte aber auch umgekehrt sein: In den Gehirnen verstorbener Alzheimer-Patienten wurden bei Untersuchungen vermehrt Spuren von Parodontose-Bakterien entdeckt. Dabei handelt es sich vor allem um Gingipain-Enzyme, die von Parodontitis-Bakterien gebildet werden.
Parodontitis und Alzheimer: Eine mögliche Verbindung
Bedingt Parodontitis also Alzheimer? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und Alzheimer? Parodontose ist eine bakteriell bedingte Entzündung, die zur Zerstörung des so genannten Zahnhalteapparates (Parodontium) führt. Medizinisch genauer und zunehmend gebräuchlich ist der Begriff Parodontitis, dessen Endung "-itis" auf die entzündliche Reaktion hinweist. Von einer Parodontitis betroffen sind alle Bestandteile, die dem Zahn Halt geben, also Zahnfleisch, Zahnfach, Zahnzement und Wurzelhaut. Risikofaktor für die Entstehung einer Parodontitis ist unter anderem Plaque. Vorbeugend wirkt neben dem eigentlichen Zähneputzen die Reinigung der Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder Interdentalbürstchen.
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Diese Frage ist zurzeit Gegenstand der Forschung. Offenbar scheint es eine Verbindung zwischen den Gingipain-Enzymen und den für die Alzheimer-Krankheit typischen Protein-Ablagerungen aus Beta-Amyloid und Tau zu geben. So scheinen die Konzentrationen von Gingipain und Tau zu korrelieren.
Dies ist eine Vermutung, die durch Mausmodelle gestützt wird. Wurde in Versuchen Alzheimer-Mäuse mit einem Gingipain-Blocker (Wirkstoff Atuzaginstat) und weiteren Antibiotika behandelt, wurden weniger Proteinablagerungen im Gehirn gefunden. Zu Beginn der klinischen Studien (Phase 1) wurde der Wirkstoff Atuzaginstat (auch COR388 genannt) von gesunden Testpersonen sowie Menschen mit Alzheimer zunächst gut vertragen. In einer Phase-2/3-Studie an Menschen mit leichter bis moderater Alzheimer-Erkrankung verlangsamte die höhere Dosis (80 mg 2x täglich) den kognitiven Abbau um 57% in einer vordefinierten Untergruppe mit Parodontitis-Bakterium-Infektion. Allerdings kam es bei 15 Prozent der Testpersonen unter der hohen Dosis zu einem Anstieg der Leberwerte, was zum Abbruch der Studie durch die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA führte. Die Entwicklung von Atuzaginstat als Alzheimer-Medikament wurde 2022 eingestellt, da die Schädigung der Leber ein Sicherheitsrisiko darstellte.
Zahnverlust und Erinnerungsverlust
Die Zeitschrift Focus titelte: „Es gibt einen überraschenden Risikofaktor für Demenz“, und der Online-Nachrichtendienst des Fernsehsenders RTL meldete dazu: „Schlechte Zähne erhöhen das Demenz-Risiko“. Dazu zitierten beide eine Studie der Universität von Ostfinnland mit der folgenden Aussage: „Mit jedem verlorenen Zahn erhöht sich das Risiko, an Demenz zu erkranken, um 1,1 Prozent.“ Kürzlich wies das zahnärztliche Nachrichtenportal „dNA - dental News Agency“ auf eine aktuelle Veröffentlichung chinesischer Wissenschaftler hin, die in einer groß angelegten Studie mit über 400.000 (!) Probanden schlussfolgerten: Schlechte Mundgesundheit ist mit einem höheren Risiko für Demenz assoziiert. Das Tragen von Prothesen kann als Indikator für einen schnelleren kognitiven Verfall angesehen werden.
Eine japanische Studie steuert die „magische Zahl“ 20 bei: Mit weniger Zähnen steigt das Risiko deutlich. Weniger Zähne erhöhen das Risiko für eine Demenz-Erkrankung um 60 bis 80 Prozent bei über 60-Jährigen im Vergleich zu Gleichaltrigen, die noch mehr als 20 Zähne besitzen.
Mundhygiene als "prophylaktische Hirnhygiene"
Es ist heute in der Fachwelt anerkannt: Mundgesundheit und Allgemeingesundheit beeinflussen sich gegenseitig. Beispielsweise trägt ein schlecht eingestellter Diabetiker ein höheres Risiko für Zahnfleischentzündung. Generell kann sich eine Entzündung in Körperregion A auf Körperregion B auswirken. Dies trifft insbesondere auf Munderkrankungen zu. Parodontitis hängt mit vielen Allgemeinerkrankungen zusammen.
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Mit einer groß angelegten chinesischen Kohortenstudie mit über 400.000 Probanden, veröffentlicht im Journal of Alzheimer’s Disease, ist es jetzt „amtlich“: Schlechte Mundgesundheit steht mit einem höheren Demenz-Risiko in Verbindung. Darüber hinaus gibt es Zusammenhänge zwischen dem Tragen von Prothesen und Gehirnstrukturen. Unter anderem kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass das Tragen von Prothesen mit einem erhöhten Demenz-Risiko assoziiert ist. Sie stellten zudem eine Verbindung zwischen Prothesen und einem schnelleren kognitiven Verfall fest - einschließlich längerer Reaktionszeiten und eines schlechteren Zahlengedächtnisses.
Es versteht sich von selbst, dass bei kognitiven Beeinträchtigungen von Patienten auch deren Verständnis für Körperpflege im Allgemeinen und Mundhygiene im Besonderen nachlässt. Dabei ist sie gerade bei ebendiesen Patienten besonders wichtig. Denn eine gute Mundhygiene begünstigt eine gesunde Ernährung und senkt das Risiko für ein Übergreifen von Entzündungserregern aus dem Mund auf andere Körperareale, insbesondere auf das Gehirn. Darum ist Mundhygiene stets auch „prophylaktische Hirnhygiene“. Hinzu kommen die naheliegenden Gründe: Ein nachlassendes Verständnis für Körperpflege und Mundhygiene erhöht tendenziell das Risiko für Erkrankungen wie Zahnfleischentzündungen (Gingivitis oder, in der schweren Form mit Schädigung des Zahnhalteapparats, Parodontitis), Entzündung der Zunge (Glossitis), Entzündung der Mundschleimhaut (Stomatitis), Pilzbefall der Mundschleimhaut (Mundsoor), Einrisse an Mund- und/oder Nasenwinkel bzw. auf der Zunge (Rhagaden). Die entzündlichen Erkrankungen, insbesondere Parodontitis, stellen bei nicht-adäquater Therapie und Prophylaxe ein Risiko für Zahnverlust dar.
Die Bedeutung der Mundhygiene bei Demenzpatienten
Eine sorgfältige Mundhygiene ist für Demenzpatienten von entscheidender Bedeutung, da sie besonders anfällig für Zahnerkrankungen sind. Oft benötigen sie Unterstützung bei der Pflege ihrer Zähne. Einige können sich noch selbst die Zähne putzen, müssen aber daran erinnert werden. Angehörige oder Pflegepersonal sollten die richtige Ausführung kontrollieren.
Praktische Tipps für die Mundpflege
- Elektrische Zahnbürste: Eine elektrische Zahnbürste eignet sich gut für die selbstständige Zahnpflege, da der Patient die Putzbewegungen nicht selbst ausführen muss. Er sollte die Bürste langsam und systematisch über die Zahnreihen führen.
- Vorsicht und Einfühlsamkeit: Bei Demenzpatienten ist es wichtig, bei der Mundpflege sehr vorsichtig und einfühlsam vorzugehen. An schlechten Tagen möchten Betroffene den Mund möglicherweise nicht öffnen oder offen halten. Eine Mundstütze aus Schaumstoff kann hierbei nützlich sein.
- Prothesenpflege: Wenn der Patient eine Prothese trägt, ist es wichtig, dass diese gut sitzt, um Druckstellen zu vermeiden. Herausnehmbarer Zahnersatz sollte nach jeder Mahlzeit abgespült und jeden Abend mit einer weichen Zahnbürste oder einer speziellen Prothesenbürste und Flüssigseife gereinigt werden.
Unterstützung durch Angehörige und Pflegepersonal
Wenn Demenzpatienten nicht mehr selbst für ihre Mundhygiene sorgen können, übernehmen dies oft Angehörige. Wenn der Pflegende nicht im selben Haushalt lebt, sollte er einen Mundschutz tragen, um eine Ansteckung mit Krankheitserregern zu vermeiden.
Regelmäßige Kontrollen durch den Zahnarzt sind unerlässlich, da Betroffene oft nicht mehr richtig sprechen können und Schmerzen im Mund möglicherweise nicht mitteilen können.
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Zahnärztliche Behandlung im Verlauf der Demenz
Die zahnärztliche Behandlung wird mit fortschreitender Demenz der Patienten immer schwieriger. Angst kann nicht mehr durch kognitive Prozesse unterdrückt werden, sodass sie vor der Zahnbehandlung und dem Schmerz nicht kontrollierbar ist. Da Demenzkranke Alltagssituationen nicht mehr richtig einschätzen können, ist es ratsam, sich den Menschen im fortgeschrittenen Stadium der Demenz äußerst behutsam zu nähern und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.
Die zahnärztliche Behandlung beschränkt sich zunehmend auf Prophylaxemaßnahmen, Schmerzbeseitigung und gegebenenfalls auf Reparaturen von vorhandenem Zahnersatz. Die Adaptationsfähigkeit an einen neuen Zahnersatz ist meist nicht mehr vorhanden. Eventuell sind Duplikatprothesen möglich. Nicht selten kann ein(e) an Demenz erkrankte(r) Patient(in) die Prothese nicht mehr dem korrekten Kiefer zuordnen, sodass beispielsweise versucht wird, die Oberkieferprothese im Unterkiefer einzugliedern. Häufig können sich die Demenzkranken im letzten Stadium der Demenz ihren Zahnersatz gar nicht mehr oder nur noch manchmal selbst eingliedern.
Herausforderungen und Lösungsansätze
- Kommunikation: Die Kommunikation mit Demenzpatienten kann schwierig sein, insbesondere im fortgeschrittenen Stadium. Es ist wichtig, geduldig und einfühlsam zu sein und nonverbale Kommunikation zu nutzen.
- Schmerzerkennung: Die Erkennung von zahnmedizinischen Schmerzen wird aufgrund der Polypharmazie erschwert. Starke Schmerzmittel erschweren neben der problematischen Kommunikation die Befunderhebung und die Diagnose zusätzlich.
- Herausforderndes Verhalten: Demenzkranke leiden oft unter Ängsten, die mit dem Verlust der Alltagskompetenzen verbunden sind. Im mittleren Stadium der Demenz treten häufig Aggressionen auf. Es ist wichtig, die Ursachen für dieses Verhalten zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren.
- Rechtliche Aspekte: Bei der Behandlung von Demenzpatienten müssen auch rechtliche Aspekte berücksichtigt werden. Kann der Patient noch in die Behandlung einwilligen? Bestehen noch Phasen der Rechtsfähigkeit? Wer ist eventuell der eingesetzte Vormund oder rechtliche Betreuer?
Spezielle Behandlungsmethoden
- Reizarme Behandlung: Bei der Behandlung von Demenzpatienten ist es wichtig, reizarm vorzugehen. Auf Wasserkühlung, Spraynebelsauger, Kofferdam etc. sollte verzichtet werden. Exkaviert wird mit neuen Rosenbohrern bei niedriger Drehzahl und geringer Anpresskraft.
- Extraktion unter Dämmerschlaf: In bestimmten Fällen kann eine Extraktion unter Dämmerschlaf in Betracht gezogen werden. Der Eingriff geschieht bei Dämmerlicht und abends, wenn der Pflegebetrieb reduziert ist.
- Zahnersatz: Zahnersatz sollte mit Namen versehen werden, vor allem wenn ein Demenzkranker hospitalisiert wird. Mit zunehmender Demenz sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein herausnehmbarer Zahnersatz getragen wird, da das Einsetzen ein kognitiver Prozess ist.
Stadien der Demenz und zahnärztliche Behandlung
Die zahnärztliche Behandlung von Demenzpatienten muss an das jeweilige Stadium der Erkrankung angepasst werden:
- Erstes Stadium: Die Betroffenen leben in Wohngruppen und können noch verständlich sprechen und im Haushalt mithelfen. Sie putzen ihre Zähne zum Teil selber oder lassen sich gerne dabei helfen.
- Zweites Stadium: Die Bewohner befinden sich in der Pflegeabteilung und benötigen Tag und Nacht Betreuung. Sie benötigen Hilfe beim Ankleiden, Essen, Auffinden ihrer Zimmer usw. Unangenehme Reize wehren sie energisch ab.
- Drittes Stadium: Die Patienten sind bettlägerig und befinden sich in der Pflegeoase. Sie genießen es, wenn die Pfleger ihre Körper mit kinästhetischen Lockerungen wieder beweglich machen. Unangenehme Reize lösen einen Abwehrreflex aus, der jedoch sofort verebbt, wenn der Reiz aufhört.
Präventive Maßnahmen
Präventive Maßnahmen, um Demenzerkrankungen zu vermeiden, sind eine ausgewogene und kauaktive Ernährung (Vermeidung von Zucker und Transfetten), geistige, körperliche und soziale Aktivitäten, produktive Tätigkeiten sowie die Berücksichtigung und Wahrung körperlicher Rahmenbedingungen (z.B. Übergewicht vermeiden, Bluthochdruck behandeln lassen).
Da der Demenzkranke häufig stark gesüßte und gesalzene Speisen bevorzugt und seine Mundhygiene vernachlässigt, kommt es vermehrt zu Kronenrand- und vor allem Wurzelkaries. Es ist notwendig, den Demenzkranken selbst, das Pflegepersonal und die Bezugspersonen zur Durchführung von Mundhygienemaßnahmen bei dem Demenzkranken anzuleiten. Zusätzlich ist die regelmäßige professionelle Mundhygiene mit Prothesen- und Zungenreinigung zu empfehlen. Nicht nur die Kaufähigkeit wird dadurch erhalten, sondern es wird auch dem Entstehen von Pneumonien vorgebeugt.