Migräne ist eine häufige neurologische Erkrankung, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Sie beginnt nicht selten bereits im Grundschulalter, wobei etwa jedes 75. Kind betroffen ist. Oft begleitet die Migräne die Kinder ein Leben lang. Um einer Chronifizierung der Migräne und einer fortschreitenden Einschränkung der Lebensqualität vorzubeugen, ist eine frühe Behandlung entscheidend. Das Projekt moma (multimodale, interdisziplinäre Frühtherapie) setzt hier an und evaluiert eine strukturierte Frühintervention für Kinder mit Migräne im Alter von 6 bis 11 Jahren.
Hintergrund und Problematik
Immer häufiger leiden Kinder unter Kopfschmerzen, wobei Migräne eine der häufigsten Ursachen ist. Die Diagnostik und Versorgung von Kindern mit Migräne ist jedoch noch nicht hinreichend auf die spezifischen Belange dieser Zielgruppe zugeschnitten. Dies führt dazu, dass die Erkrankung oft unterschätzt wird und betroffene Kinder nicht die bestmögliche Behandlung erhalten. Nach gesicherter Diagnose im Kindesalter haben 60 % der Betroffenen auch im Erwachsenenalter Migräne.
Das MOMA-Projekt: Ein neues Versorgungskonzept
Das Projekt moma entwickelt und untersucht ein neues Versorgungskonzept, das die Lebensqualität und Langzeitprognose von Kindern mit Migräne verbessern soll. Es basiert auf einer multimodalen Frühintervention, die speziell auf die Bedürfnisse von Kindern im Alter von 6 bis 11 Jahren zugeschnitten ist. Die Frühintervention wird technisch durch Smartphone-Apps für Kinder und Eltern sowie Webanwendungen für die teilnehmenden Kinder- und Jugendärzte und Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) ermöglicht.
Kernelemente des Versorgungskonzeptes
Das Versorgungskonzept von moma umfasst zwei Kernelemente:
- Standardisierte Migränediagnostik durch den Kinder- und Jugendarzt: Den Kinder- und Jugendärzten werden spezifische Instrumente zur Verfügung gestellt, mit denen sie sowohl die Migräne-charakteristischen Symptome als auch die psychologischen und sozialen Faktoren besser erfassen können. Darin werden allen teilnehmenden Ärztinnen die aktuellen diagnostischen Kriterien zur Verfügung gestellt.
- Multimodale, interdisziplinäre Frühtherapie: Kinder, bei denen Migräne diagnostiziert wurde, erhalten die Frühtherapie in einem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ). Die Frühtherapie beinhaltet eine umfassende Diagnostik und Abgrenzung zu Kopfschmerzen, die andere Ursachen haben (z.B. Infektionen, Hirntumore). Es findet eine medizinische Therapie und eine kinderneurologische Beratung statt, die auch die Eltern einschließt. Zudem erhalten die Kinder physiotherapeutische Behandlungen. Darüber hinaus werden Untersuchungen durchgeführt, um psychische Belastungen zu bestimmen und diese zu behandeln. Im SPZ arbeiten Kinderärzte, Kinderneurologen, Psychologen und Physiotherapeuten eng zusammen. Alle Eltern erfassen in der App Häufigkeit und Stärke der Kopfschmerzattacken sowie deren Behandlung. Die Kinder- und Jugendärztinnen bekommen bei den Terminen in der Praxis eine Übersicht der Daten direkt übermittelt.
Ziele der Frühtherapie
Die Frühtherapie im Rahmen des MOMA-Projekts verfolgt mehrere Ziele:
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- Reduktion der Kopfschmerzfrequenz
- Vermeidung einer Chronifizierung der Migräne
- Verbesserung der Lebensqualität der Kinder
Evaluation der Effektivität
Die Effektivität des neuen Versorgungskonzeptes wird im Vergleich zur Regelversorgung untersucht. Hierzu werden insbesondere folgende Parameter erhoben: Reduktion der Kopfschmerztage, Medikamenteneinnahme und Schulfehltage sowie Verbesserung der Lebensqualität. Für alle Outcome Parameter wird die Änderung von Baseline (Woche -12 bis 0) zu Follow-up (Woche 13-24) zugrunde gelegt, bzw. für die Fragebögen PedMIDAS und KINDL die Änderung von der Erhebung zum Ende der Baseline-Periode zu der Erhebung zum Ende der Follow-up-Periode.
Migräne im Kindes- und Jugendalter: Eine detaillierte Betrachtung
Migräne ist eine häufige neurologische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter, deren Komplexität und Alltagsrelevanz oft unterschätzt wird. Die Prävalenz im Kindes- und Jugendalter ist in den letzten Jahren zunehmend. Typisch für das junge Alter ist der Mischtyp mit Überlappung von Migräne und Spannungskopfschmerzen. Eine frühe und korrekte Diagnose ist entscheidend, um eine rasche und adäquate Behandlung zu initiieren, einen bestmöglichen Verlauf über die kindliche Entwicklung zu unterstützen sowie der Gefahr für somatische Belastungsstörungen und Chronifizierung vorzubeugen.
Diagnostische Kriterien
Die Diagnose von Migräne basiert auf den Kriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (ICHD-3). Diese Kriterien berücksichtigen unter anderem die Häufigkeit, Dauer und Art der Kopfschmerzen sowie Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit.
Typische Symptome:
- Der Kopfschmerz weist mind. 2 der folgenden Charakteristika auf:
- Einseitige Lokalisation
- Pulsierender Charakter
- Moderate bis starke Intensität
- Verstärkung durch körperliche Routineaktivitäten (z. B. Treppensteigen)
- Während des Kopfschmerzes besteht mind. eines der folgenden Symptome:
- Übelkeit und/oder Erbrechen
- Fotophobie und Phonophobie (ggf. im Kleinkindalter nur beobachtbar)
- Der Kopfschmerz dauert 1 - 72 Stunden.
Migräne mit Aura
Einige Migränepatienten erleben vor oder während des Kopfschmerzes eine Aura. Die Aura ist eine neurologische Störung, die sich in verschiedenen Symptomen äußern kann, wie z.B.:
- Sehstörungen (z. B. Flimmern, Blinde Flecken)
- Sensibilitätsstörungen (z. B. Kribbeln, Taubheitsgefühl)
- Sprachstörungen (z. B. Aphasie)
Differenzialdiagnose
Es ist wichtig, Migräne von anderen Kopfschmerzarten und Erkrankungen abzugrenzen, die ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören unter anderem:
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- Spannungskopfschmerzen
- Clusterkopfschmerzen
- Kopfschmerzen aufgrund von Infektionen oder anderen Erkrankungen
- Hirntumore (selten)
Therapieansätze
Die Therapie von Migräne im Kindes- und Jugendalter umfasst sowohl nicht-medikamentöse als auch medikamentöse Maßnahmen.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen:
- Lifestyle-Modifikation: Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung, Stressmanagement
- Entspannungstechniken: Progressive Muskelentspannung, autogenes Training
- Verhaltenstherapie: Erlernen von Coping-Strategien zur Schmerzbewältigung
- Physiotherapie: Bei Muskelverspannungen im Nacken- und Schulterbereich
- Kopfschmerztagebuch: Dokumentation von Kopfschmerzattacken zur Identifikation von Auslösern
Medikamentöse Therapie:
- Akuttherapie: Schmerzmittel (z. B. Ibuprofen, Paracetamol), Triptane (bei Bedarf und nach ärztlicher Anweisung), Antiemetika (bei Übelkeit und Erbrechen)
- Prophylaxe: Medikamente zur Reduktion der Kopfschmerzfrequenz (z. B. Betablocker, Topiramat, Amitriptylin). Der Einsatz von Topiramat und Amitriptylin ist jedoch restriktiv.
Medikamentöse Akuttherapie im Detail
- Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR): Ibuprofen (5 - 10 mg/kg KG, max. 400 mg Einzeldosis, max. Tagesdosis 20 - 40 mg/kg KG) und Naproxen (5 - 7 mg/kg KG, max. 500 mg Einzeldosis, max. Tagesdosis 10 - 15 mg/kg KG) sind Mittel der ersten Wahl.
- Paracetamol: Bei Migräne in dieser Dosierung oft nicht effektiv; max. 15 mg/kg KG, max. 1000 mg Einzeldosis, max. 60 mg/kg KG/Tag.
- Triptane: Gut verträgliches und sicheres Medikament einzunehmen. Wichtig sind frühe Einnahme und adäquate Dosierung. Bei Symptompersistenz erneute Einnahme nach 3 - 4 h möglich; Anwendung max. an 2 Tagen/Woche.
- Antiemetika: Der Einsatz von Antiemetika kann bei starker Übelkeit sinnvoll sein (z. B. Domperidon oder Metoclopramid). Bei der Gabe von Metoclopramid ist das Risiko einer akuten dystonen Reaktion zu beachten.
Medikamentöse Prophylaxe im Detail
Für die medikamentöse Prophylaxe sind im Kindes- und Jugendalter nur wenige Medikamente zugelassen. Die Indikation sollte daher streng geprüft und das Risiko und Nutzen abgewogen und mit dem Patienten besprochen werden.
- Betablocker (z. B. Propranolol): Mittel der Wahl, Wirksamkeitsnachweis bei guter Verträglichkeit erbracht worden.
- Amitriptylin: Mittel der zweiten Wahl.
- Topiramat: Mittel der zweiten Wahl.
- Flunarizin: Mittel der zweiten Wahl.
Triggerpunktspezifische Physiotherapie
Die triggerpunktspezifische Physiotherapie ist bei Nachweis sog. Triggerpunkte sinnvoll.
Aktuelle Forschung und vielversprechende Entwicklungen
Die Forschung im Bereich Migräne ist weiterhin aktiv, und es gibt vielversprechende Entwicklungen für die Behandlung von Migräne im Kindes- und Jugendalter.
- CGRP-Antikörper: CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) bzw. Rezeptor-Antikörper) fehlen bislang pädiatrische Daten.
- Nicht-invasive Neuromodulation: Transkranielle Magnetstimulation (TMS) und transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) sind vielversprechende nicht-invasive Verfahren zur Behandlung von Migräne.
Das SelEe-Projekt: Bürgerforschung bei Seltenen Erkrankungen
Das SelEe-Projekt ist ein Bürgerforschungsprojekt, das sich mit Seltenen Erkrankungen befasst. Ziel des Projekts ist es, gemeinsam mit Bürgerinnen neue Erkenntnisse auf diesem Gebiet zu gewinnen. Bürgerinnen werden in den gesamten Forschungsprozess einbezogen und durch Wissenschaftlerinnen unterstützt. Die gewonnenen Daten werden von den Bürgerinnen und Forschenden gemeinsam ausgewertet. Die Daten werden im Projekt über die online-basierte SelEe-Plattform erhoben und dort zum gemeinsamen Arbeiten anonymisiert bereitgestellt.
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Kopfschmerz Radar: Ein bürgerwissenschaftliches Forschungsprojekt
Beim Kopfschmerz Radar handelt es sich um ein bürgerwissenschaftliches Forschungsprojekt. Dies bedeutet insbesondere, dass Betroffene und Interessierte, z.B. auch Schüler und Studierende, in den gesamten Forschungsprozess - von der Festlegung der Forschungsfragen bis zur Veröffentlichung der Forschungsergebnisse - mit einbezogen werden. Die wesentliche Idee ist, dass von Clusterkopfschmerzen oder Migräne Betroffene oft eine Vorstellung darüber haben, was die Auslöser ihrer Anfälle sein könnten. Eine Verifizierung dieser Vermutungen ist aber oft schwierig, da viele verschiedene Auslösemuster existieren und - gerade beim Clusterkopfschmerz - Studien zu Anfallauslösern aufgrund der Seltenheit der Krankheit fehlen.