ZDF MoMa: Migräne – Eine unsichtbare Last

Einführung

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es ist eine neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Migräne zu den Krankheiten, die das Leben weltweit am zweitstärksten beeinträchtigen. In Deutschland leiden rund neun Millionen Menschen unter Migräne. Die ZDF-Sendung "37 Grad" beleuchtet in der Einzeldokumentation "Mir platzt der Kopf" die Schicksale von Menschen, die mit dieser oft missverstandenen Krankheit leben müssen.

Die Realität von Migräne

Von außen ist Migränikern oft nichts anzusehen, doch die Erkrankung kann ihr Leben zur Hölle machen. Heftige Attacken mit unerträglichen Kopfschmerzen, Wahrnehmungsstörungen und starker Übelkeit können sie tagelang außer Gefecht setzen. Die Sendung "37 Grad" zeigt drei Schicksale, die verdeutlichen, wie unterschiedlich Migräne sich äußern und wie stark sie das Leben der Betroffenen beeinflussen kann.

Birte: Der Traum vom Arztberuf trotz Migräne

Birte Weiss (33) aus Berlin möchte Ärztin werden, lässt sich aber von der Migräne nicht davon abhalten, ihren Traum zu verwirklichen. Schon in der Schule stieß sie mit ihrer Migräne auf Unverständnis, was sich in schlechten Noten widerspiegelte. Daher absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester und studiert nun Medizin - neben Arbeit und Familie. Während einer Migräneattacke kann sie sich kaum konzentrieren, was die Anwesenheitspflicht an der Universität zu einer zusätzlichen Belastung macht. Der Stoff muss dann oft abends nachgeholt werden.

Was Birte neben ihren gesundheitlichen Problemen am meisten belastet, ist das Unverständnis, auf das sie sogar unter Medizinern stößt. Laut einer Umfrage der Deutschen Kopfschmerzgesellschaft geben 60 Prozent der Hausärzte an, nicht genügend über Migräne zu wissen. Selbst unter Neurologen ist das Unwissen verbreitet. Weil sie sich zu oft "blöde Tipps" anhören musste, redet Birte nur selten von ihrer unsichtbaren Erkrankung und versucht, sich mithilfe von Medikamenten durchzuschlagen.

Robert: Karriereangst und die unsichtbare Krankheit

Robert (28) aus Berlin, der in Wirklichkeit anders heißt, fürchtet, dass es ihm seine Karriere verbauen würde, wenn seine Chefs erfahren, wie schlimm seine Migräne in Wirklichkeit ist. Derzeit befindet er sich im Probehalbjahr für ein renommiertes internationales Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Während er sich vier Tage im Monat offiziell krankmelden muss, schleppt er sich weitere sieben bis zehn Tage trotz Migräne durch den Arbeitsalltag. Dann beeinträchtigen ihn nicht nur die Schmerzen; während einer Attacke ist die Reizweiterleitung fehlgesteuert, und er kann kaum denken.

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Aus Angst, in einer Gesellschaft, die rund um die Uhr Einsatzfähigkeit verlangt, als nicht leistungsfähig zu gelten, versucht er, die wahren Ausmaße der Migräne für sich zu behalten. Dabei ist er alles andere als nicht leistungsfähig, und seine Chefs sind sehr zufrieden mit ihm. Es ist nachgewiesen, dass das Gehirn von Migränikern Reize normalerweise schneller weiterleiten kann. Robert ist insgesamt so schnell, dass er seine Arbeitsausfälle unauffällig aufholen kann. Es bleibt jedoch die Frage, wie lange das gut gehen wird.

Melanie: Leben mit chronischer Migräne

Melanie Rüsing (50) aus München hat seit Februar 2019 chronische Migräne. Früher machte sie als Teamleiterin in der Geschäftsentwicklung eines großen, weltweit agierenden Elektronikkonzerns Karriere. Jetzt ist sie in Frührente und muss lernen, ihre schwere Erkrankung zu akzeptieren. Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die angeboren ist. Die genaue Ursache ist zwar noch nicht bekannt, aber man weiß, dass diese, anders als lange angenommen, weder psychosomatisch noch psychisch ist.

Die Attacken werden durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Trigger ausgelöst, wie zu wenig oder auch zu viel Essen, Trinken, Schlaf oder Stress, durch Alkohol sowie durch Hormon- oder Wetterschwankungen. Melanies Erkrankung wird wahrscheinlich nicht mehr heilbar sein, aber die 50-Jährige versucht, sie durch Medikamente oder angepasstes Verhalten besser in den Griff zu bekommen.

Phia: Aufklärung und Akzeptanz

Migräneattacken setzen Phia regelmäßig außer Gefecht. Phia möchte darüber aufklären und zeigen, wie ihr Alltag mit der unsichtbaren Erkrankung aussieht. Migräne hat Facetten. Typisch sind anfallsweise auftretende, pulsierende Kopfschmerzen. Teilweise geht den Schmerzen eine Aura voraus, wie auch in Phias Fall. Aura bedeutet: Symptome wie Sehstörungen kündigen die nachfolgenden Kopfschmerzen an. Für Phia kommen neben den starken Kopfschmerzen, Ohnmacht, Schwindel, Halluzinationen, Lähmungserscheinungen hinzu.

Den ersten Anfall mit elf Jahren. Wann es angefangen hat, daran erinnert sich die 23-Jährige genau: Sie war elf Jahre alt und auf dem Geburtstag ihrer besten Freundin. Es war das erste Mal, dass sie eine Schmerztablette nehmen musste. Seitdem lebt sie mit der Krankheit, für die es weder eine spezielle Therapie, Medikamente noch Behandlungen gibt. Phia hat mittlerweile die starken Schmerzen und den völligen Kontrollverlust akzeptiert. Sie hat sich der Krankheit angepasst. Es gibt unterschiedliche Trigger, die ihre Migräne auslösen können, weshalb sich Phia intensiv mit ihrer Erkrankung auseinandergesetzt hat. Sie führt ein Migräne-Tagebuch, dokumentiert so ihren Alltag, um Trigger vorzubeugen. Trotzdem kann sie nichts gegen einen überraschenden Anfall tun.

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In solchen Momenten ist ihr Freund Malte an ihrer Seite. Die Migräne beeinflusst ihre Beziehung und raubt ihnen beinahe jede Spontanität. Gleichzeitig ist ihre Beziehung dadurch enger und stärker geworden. Seit einem Jahr spricht Phia offen über ihre Erkrankung, auch auf Sozialen Medien. Sie möchte ihre Migräne-Erfahrungen mit anderen Menschen teilen, um auf unsichtbare Krankheiten aufmerksam zu machen. Migräne ist sehr belastend für Betroffene. Die Attacken sind oft nicht vorsehbar. Seit Anfang März gibt es ein neues Medikament, das vorbeugend helfen soll.

Symptome und Ursachen von Migräne

Über acht Millionen Deutsche haben Migräne, Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Meist verläuft die Erkrankung chronisch mit wiederkehrenden Anfällen, oft begleitet von einer sogenannten Aura mit Schwindel, Übelkeit oder Sehstörungen. Etwa jeder fünfzehnte Migränepatient ist von einer Aura betroffen. Die Symptome gehen einer Migräneattacke oft voraus und können bis zu 72 Stunden anhalten. Neben Kopfschmerzen können Schwindel, Übelkeit oder Taubheitsgefühle auftreten. Auch Lähmungserscheinungen, Sprachstörungen und Sehstörungen kommen vor.

Migräneanfälle sind genetisch bedingt. Sie werden von sogenannten Triggern wie Stress, Anstrengungen, hormonellen Umstellungen, Veränderungen im Tagesrhythmus oder Lebensmitteln ausgelöst. Zudem kann die migränetypische Erweiterung der Blutgefäße im Kopf gerade bei jungen Betroffenen das Risiko für einen Schlaganfall gefährlich erhöhen.

Behandlungsmöglichkeiten

Akut wird Migräne meist mit Schmerzmitteln wie Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen oder Triptanen behandelt, die bei kontinuierlicher Einnahme Nebenwirkungen haben oder als schmerzmittelinduzierter Kopfschmerz die Symptome noch verstärken können. Neben der Akutbehandlung gibt es auch Möglichkeiten, Migräneanfällen vorzubeugen.

Multimodale Therapie

Migräne kann auch ganzheitlich behandelt werden. Verlauf und Auslöser sind bei jedem unterschiedlich. Bei einem Aufenthalt in einer Fachklinik wird ein individuelles Behandlungskonzept entwickelt, das auch ambulant und im Alltag umsetzbar ist. Bei chronischem Verlauf und ärztlich begründet übernehmen die Krankenkassen meist die Kosten.

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Schmerztherapeutin Estelle Neb von der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein erklärt, warum sich ein multimodales Konzept bewährt hat, das verschiedene Behandlungsmethoden zusammenführt: Medikamente allein haben nie die gleichen Erfolgsaussichten wie in Kombination mit Stressbewältigung, Physiotherapie, Entspannung und Sport.

Zu den Zielen einer multimodalen Therapie gehören:

  • Beschwerden eingrenzen und andere Krankheiten ausschließen
  • Trigger-Faktoren der Attacken erkennen und möglichst vermeiden
  • Die Einnahme von Medikamenten, besonders von Schmerzmitteln, reduzieren
  • Migräneattacken möglichst reduzieren, abmildern und verkürzen
  • Alltagskonzepte für den Umgang mit der Krankheit entwickeln

Medikamentöse Prophylaxe

In den letzten Jahren habe man eine spannende Entwicklung gesehen, erklärt Neurologe Dr. Lars Neeb von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. So gebe es Medikamente, die direkt in den Migränemechanismus eingreifen. Ziel ist es, so wenig Schmerzmittel wie möglich einzusetzen. Die Präparate sollen Beschwerden abmildern und Beeinträchtigungen im Alltag reduzieren. Dabei werden auch Wirkstoffe eingesetzt, die zur Behandlung von Bluthochdruck, Depressionen oder Epilepsie zugelassen sind.

Gut belegt ist die Wirkung von Betablockern (Metoprolol, Propanolol), Kalziumantagonisten (Flunarizin), Valproinsäure, Botulinumtoxin und Antidepressiva (Amitriptylin). Seit 2018 gibt es zudem eine Antikörpertherapie mit dem Wirkstoff Erenumab. Medikamente zur Migräneprophylaxe haben in Studien gezeigt, dass sie in mindestens fünfzig Prozent der Fälle eine Verbesserung erbringen. Estelle Neb betont, dass jedoch bei all diesen Wirkstoffen mögliche Nebenwirkungen und Einschränkungen in der Anwendung aufgrund von Begleiterkrankungen zu berücksichtigen sind. Antikörper wie Erenumab, die an einem Botenstoff im Gehirn ansetzen, sind der Expertin zufolge jedoch effektiv und meist gut verträglich.

Physiotherapie

Mit passiven Dehnübungen wird versucht, vor allem im Bereich von Wirbelsäule sowie Rücken-, Hals- oder Kopfmuskulatur, Fehlhaltungen und muskulären Problemen entgegenzuwirken, die die Kopfschmerzen verstärken. Betroffene sollten auch aktiv Übungen durchführen oder leichten Ausdauersport wie Nordic Walking betreiben. Körperliche Aktivität ist also sinnvoll. Allerdings sollte der Puls kontrolliert werden, weil Überanstrengung ein Trigger für Migräne sein kann.

Psychotherapeutische Maßnahmen

Verhaltenstherapie kann helfen, den Tagesrhythmus besser zu strukturieren. Zusätzlich können Trigger identifiziert werden, um dann die Anzahl und Dauer der Attacken zu minimieren. Entspannungstechniken wie Yoga, Pilates oder progressive Muskelentspannung können zusätzlich zu einer besseren Lebensqualität beitragen, ebenso wie eine Ernährungsumstellung und der Verzicht auf Alkohol oder Zigaretten.

Migräne bei Kindern und Jugendlichen

Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter Migräne und Kopfschmerzen. Laut dem DAK-Präventionsradar 2024/2025 klagen in der Altersgruppe der 9- bis 17-Jährigen 29 Prozent monatlich über Kopfschmerzen, mehr als 30 Prozent sogar wöchentlich. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts zeigt, dass Kopfschmerzen bei den 11- bis 13-jährigen Jungen von den frühen 2000er-Jahren bis 2017 um acht Prozent zugenommen haben. Bei den Mädchen waren es ebenfalls rund acht Prozent.

Warum die Zahl der jungen Kopfschmerzpatienten steigt, lässt sich noch nicht eindeutig sagen. Deutliche Risikofaktoren sind jedoch schlechter Schlaf und eine emotionale Belastung. Auch Kinder haben oft schon Rückenprobleme, weil sie zu lange sitzen und sich zu wenig bewegen. Stationsärztin Jana Büttner vom Kinderschmerzzentrum sagt: Es spielen viele Faktoren eine Rolle bei der Entstehung von Kopfschmerzen. "Sei es vom Druck gesellschaftlicher oder schulischer Art, vielleicht auch familiär bedingt. Und natürlich haben Kopfschmerzen, vor allem auch Migräne, einen großen erblichen Faktor."

Auch der 15-jährige Leo merkt den zunehmenden Leistungsdruck in der Schule. "Wenn ich eine Klassenarbeit schreibe, habe ich meistens das Problem, dass ich aufgeregt bin und mich frage, ob ich genug gelernt habe", sagt er. Die Aufregung rufe bei ihm häufig Kopfschmerzen hervor. Dann gehe gar nichts mehr. Die Lehrkräfte hätten ihn nicht ernst genommen, sagt Leo. "Die meinten, dass ich nicht so rumjammern soll." Der Schulalltag mit Kopfschmerzen - für Leo bisher unmöglich. Weil er zu oft gefehlt hat, muss er jetzt eine Klasse wiederholen.

Gudrun Goßrau, Generalsekretärin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, ruft zu mehr Bewusstsein auf. Es fehlten außerdem in großen Teilen ambulante Versorgungsstrukturen für Kinder und Jugendliche mit Kopfschmerzen und Migräne. "Kinder und Jugendliche können Migräne und Kopfschmerzen haben, es ist aber noch immer nicht bei allen Ärzten und in der Gesellschaft angekommen, dass das auch im Kindesalter auftreten kann", sagt Jana Büttner.

Im Kinderschmerzzentrum erhält Leo eine ganzheitliche Therapie. Vor allem Sport und Physiotherapie stehen auf dem Programm, denn die Forschung zeigt: Bewegung hilft bei Kopfschmerzen. Leo wünscht sich, dass junge Menschen mit Kopfschmerzen ernst genommen werden. "Das ist ein Teil von mir, der nicht weggehen wird. Und das ist auch voll in Ordnung, ich brauche mich dafür nicht zu schämen", sagt er.

Alternative Behandlungsmethoden

Akupunktur wird als Alternative oder Ergänzung zur medikamentösen Therapie von Migräne eingesetzt.

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