Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der in Deutschland mehr als acht Millionen Menschen betroffen sind, wobei Frauen etwa doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Migräne ist eine belastende Erkrankung, die sich durch wiederkehrende Anfälle auszeichnet, die oft von einer sogenannten Aura mit Schwindel, Übelkeit oder Sehstörungen begleitet werden. Die Attacken sind oft nicht vorsehbar. Seit Anfang März gibt es ein neues Medikament, das vorbeugend helfen soll.
Was ist Migräne?
Migräne ist mehr als nur Kopfschmerzen. Es handelt sich um eine neurologische Erkrankung, die mit heftigen Kopfschmerzattacken einhergeht, die von weiteren belastenden Symptomen begleitet werden. Die Dauer der einzelnen Anfälle beträgt drei bis 72 Stunden, also bis zu drei Tage. Körperliche Belastung verstärkt die Symptome. Betroffene müssen in der Regel Bettruhe einhalten, am besten in einem kühlen, abgedunkelten Raum.
Etwa ein Viertel der Menschen mit Migräne haben bereits vor der Kopfschmerz-Attacke neurologische Symptome, was als sogenannte Aura bezeichnet wird. Neben Kopfschmerzen können Schwindel, Übelkeit oder Taubheitsgefühle auftreten. Auch Lähmungserscheinungen, Sprachstörungen und Sehstörungen kommen vor. Die Symptome können bis zu 72 Stunden anhalten. Unter vestibulärer Migräne verstehen Fachleute Schwindelattacken mit Übelkeit und Erbrechen. Der Schwindel hält meist für wenige Minuten bis viele Stunden an.
Ursachen von Migräne
Die Ursachen von Migräne sind noch nicht restlos geklärt. Die Veranlagung ist genetisch bedingt. Migräneanfälle sind genetisch bedingt. Viele Betroffene scheinen eine besonders hohe Aufmerksamkeit für verschiedenste Reize und eine schnelle Reizverarbeitung zu haben, was das Nervensystem irgendwann überlastet. Insgesamt handelt es sich um eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns. Im Verlauf einer Attacke kommt es wahrscheinlich zu entzündlichen Vorgängen an den Blutgefäßen im Gehirn.
Zudem kann die migränetypische Erweiterung der Blutgefäße im Kopf gerade bei jungen Betroffenen das Risiko für einen Schlaganfall gefährlich erhöhen.
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Bei manchen Menschen können Anfälle durch sogenannte Trigger ausgelöst werden. Trigger beschreiben Situationen, in denen es wahrscheinlicher ist, dass Betroffene eine Attacke erleiden. Welche Faktoren Kopfschmerzen oder Migräne auslösen, ist bei Betroffenen sehr verschieden. Ein Migränetagebuch kann helfen, die persönlichen Trigger zu identifizieren. Spezielle Nahrungsmittel sind nur selten Auslösefaktoren für Migräne. Früher glaubte man, dass zum Beispiel Schokolade und Käse potente Auslöser der Migräne sind. Heute weiß man, dass der Heißhunger auf hoch kalorienhaltige Speisen oft ein Frühsymptom der Migräne darstellt, also bereits zum Anfall gehört.
Diagnose von Migräne
Sind es "nur" Kopfschmerzen oder ist es Migräne? Für die Diagnose macht die Ärztin oder der Arzt eine körperliche Untersuchung und benötigt eine detaillierte Beschreibung der Beschwerden, die während eines Anfalls auftreten. Entscheidend sind Angaben, wo genau der Schmerz sitzt und wie lange er anhält. Ebenfalls wichtig ist der Abstand zwischen den Attacken und eventuelle Begleitsymptome. Ein Kopfschmerz-Fragebogen und -Tagebuch (in Papierform oder als App) erleichtern die Diagnose.
Behandlung von Migräne
Akut wird Migräne meist mit Schmerzmitteln wie Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen oder Triptanen behandelt, die bei kontinuierlicher Einnahme Nebenwirkungen haben oder als schmerzmittelinduzierter Kopfschmerz die Symptome noch verstärken können. Die Leitlinie zur Therapie von Migräne der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) empfiehlt bei akuten Attacken, möglichst früh Medikamente einzunehmen. Denn grundsätzlich gilt: je früher der Zeitpunkt der Einnahme, desto besser die Wirkung.
Medikamentöse Behandlung
Wirksame Medikamente zur Therapie mittelschwerer bis schwerer Migräneattacken sind die Triptane. Diese spezifischen Migränemedikamente wirken auf Rezeptoren der geweiteten Blutgefäße im Gehirn, die sich daraufhin wieder verengen. Außerdem verhindern sie die Aktivierung entzündungsauslösender Eiweißstoffe. Vier Wirkstoffe aus der Substanzgruppe der Triptane sind derzeit die wirksamsten Migränemittel zur oralen Einnahme: Eletriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan. Viele Betroffene behandeln ihre Migräneattacken jedoch mit anderen Schmerzmitteln: 46 Prozent nehmen Ibuprofen ein, 17 Prozent Paracetamol, zehn Prozent Acetylsalicylsäure und nur sieben Prozent Triptane. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie plädiert deshalb dafür, Triptane breiter einzusetzen und Patienten besser zu Informieren.
Triptane mit den Wirkstoffen Almotriptan, Naratriptan und Sumatriptan gibt es als Tabletten in kleiner Packung rezeptfrei in der Apotheke. Voraussetzung: Die Migräneerkrankung wurde ärztlich bestätigt. Größere Packungen sowie die Wirkstoffe Eletriptan, Frovatriptan, Rizatriptan und Zolmitriptan gibt es nur auf Rezept. Triptane dürfen bei bestimmten Vorerkrankungen - wie zum Beispiel nach Herzinfarkten und Schlaganfällen - theoretisch nicht eingesetzt werden und es gibt mögliche Nebenwirkungen wie Schwindel, Müdigkeit oder Engegefühle in der Brust. Doch ihr Nutzen überwiegt in den meisten Fällen die Nebenwirkungen. Allerdings ist darauf zu achten, dass 20 Tage im Monat komplett frei von der Einnahme von Schmerz- und Migränemitteln bleiben.
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Wenn eine Patientin oder ein Patient an vier oder mehr Tagen im Monat Migräne hat oder wenn die Behandlung mit Triptanen keine ausreichende Besserung von Anfällen bietet, gibt es die Möglichkeit, die Migräne vorbeugend zu behandeln. Zur Prophylaxe mit Tabletten kommen unter anderem Betablocker, Antidepressiva oder Mittel gegen Epilepsie infrage. Bevor moderne Antikörper zur Migräneprophylaxe verschrieben werden können, muss mindestens eine der Tablettentherapien versucht werden, manchmal auch mehrere.
Migräne-Antikörper werden alle vier Wochen unter die Haut gespritzt und richten sich gegen CGRP - das steht für Calcitonin Gene-Related-Peptide, ein Molekül, das an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist. Eine neue Wirkstoffgruppe, die sogenannten Gepante, sollen verhindern, dass sich überhaupt CGRP-Proteine bilden. Sie sollen nicht nur vorbeugend wirken, sondern auch bei akuten Migräneattacken. Seit 2018 gibt es zudem eine Antikörpertherapie mit dem Wirkstoff Erenumab. Medikamente zur Migräneprophylaxe haben in Studien gezeigt, dass sie in mindestens fünfzig Prozent der Fälle eine Verbesserung erbringen. Estelle Neb betont, dass jedoch bei all diesen Wirkstoffen mögliche Nebenwirkungen und Einschränkungen in der Anwendung aufgrund von Begleiterkrankungen zu berücksichtigen sind. Antikörper wie Erenumab, die an einem Botenstoff im Gehirn ansetzen, sind der Expertin zufolge jedoch effektiv und meist gut verträglich.
Ganzheitliche Behandlung
Migräne kann auch ganzheitlich behandelt werden. Verlauf und Auslöser sind bei jedem unterschiedlich. Bei einem Aufenthalt in einer Fachklinik wird ein individuelles Behandlungskonzept entwickelt, das auch ambulant und im Alltag umsetzbar ist. Bei chronischem Verlauf und ärztlich begründet übernehmen die Krankenkassen meist die Kosten. Schmerztherapeutin Estelle Neb von der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein erklärt, warum sich ein multimodales Konzept bewährt hat, das verschiedene Behandlungsmethoden zusammenführt: Medikamente allein, das belegen Studien, haben nie die gleichen Erfolgsaussichten wie in Kombination mit Stressbewältigung, Physiotherapie, Entspannung und Sport.
Zu den Zielen einer multimodalen Therapie gehören:
- Beschwerden eingrenzen und andere Krankheiten ausschließen
- Trigger-Faktoren der Attacken erkennen und möglichst vermeiden
- Die Einnahme von Medikamenten, besonders von Schmerzmitteln, reduzieren
- Migräneattacken möglichst reduzieren, abmildern und verkürzen
- Alltagskonzepte für den Umgang mit der Krankheit entwickeln
Weitere Behandlungsansätze
- Physiotherapie: Mit passiven Dehnübungen wird versucht, vor allem im Bereich von Wirbelsäule sowie Rücken-, Hals- oder Kopfmuskulatur, Fehlhaltungen und muskulären Problemen entgegenzuwirken, die die Kopfschmerzen verstärken. Betroffene sollten auch aktiv Übungen durchführen oder leichten Ausdauersport wie Nordic Walking betreiben. Körperliche Aktivität ist also sinnvoll. Allerdings sollte der Puls kontrolliert werden, weil Überanstrengung ein Trigger für Migräne sein kann.
- Psychotherapie: Verhaltenstherapie kann helfen, den Tagesrhythmus besser zu strukturieren. Zusätzlich können Trigger identifiziert werden, um dann die Anzahl und Dauer der Attacken zu minimieren.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Yoga, Pilates oder progressive Muskelentspannung können zusätzlich zu einer besseren Lebensqualität beitragen, ebenso wie eine Ernährungsumstellung und der Verzicht auf Alkohol oder Zigaretten.
Vorbeugung von Migräne
Die Chance für Betroffene liegt in der Vorbeugung, bei der die Ernährung eine wichtige Rolle spielen kann. Nicht nur was man isst, wirkt sich aus, sondern auch wie man isst.
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Ernährung
- In Ruhe essen, drei Mahlzeiten pro Tag (Regelmäßigkeit beachten), davon eine warm.
- Ausreichend und regelmäßig trinken: mindestens 1,5 Liter pro Tag.
- Wer unter Migräne leidet, sollte Fertigprodukte meiden und vorsichtig sein mit Histaminen.
Lebensweise
- Regelmäßiger Ausdauersport wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren sowie Entspannungsverfahren, zum Beispiel Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training, können den Stresspegel verringern und helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Für viele Patientinnen und Patienten hilfreich ist Regelmäßigkeit. Das gilt für Schlafens- und Aufwachzeiten aber auch für Mahlzeiten. Hetze, Unregelmäßigkeit, Naschen und Überspringen von Mahlzeiten können Migränebeschwerden verschlimmern.
- Ein Ernährungs- und Schmerztagebuch hilft, die sogenannten "Trigger" zu identifizieren. Darin werden alle Genussmittel, Stressfaktoren und Schmerzereignisse über mindestens vier Wochen protokolliert (Uhrzeit, Essen, Getränk, Besonderheiten, Beschwerden).
Mythos Daith-Piercing
In den sozialen Medien kursieren Gerüchte, dass ein Ohr-Piercing (Daith-Piercing) gegen Migräne helfen soll. Es wird im Bereich des Ohrknorpels an einem der Akupunkturpunkte, die zur Migränebehandlung genutzt werden, gesetzt. Hilft das wirklich? Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) betont: "Das Verfahren beruht auf keiner nachvollziehbaren pathophysiologischen Grundlage." Außerdem gebe es keine wissenschaftlichen Studien, die die Wirksamkeit belegen. Mehr noch: Das Piercing könne sich entzünden und gerade im Bereich des Ohrknorpels sei das Risiko für eine gestörte Wundheilung höher.
Mental Load als Trigger
Erledigungen ohne Ende, weil eine Aufgabe aus vielen weiteren To-dos besteht?: Besonders Frauen und Mütter spüren die mentale Belastung, weil sie sich um viele unsichtbare Aufgaben kümmern. Mental Load bedeutet übersetzt "mentale Belastung" und meint die Last der ständigen unsichtbaren Planungs- und Koordinierungsaufgaben, die im Alltag anfallen und die damit verbundene Verantwortung.
Die Initiative "Equal Care Day" definiert Mental Load so: "Mental Load bezeichnet die Last der alltäglichen, unsichtbaren Verantwortung für das Organisieren von Haushalt und Familie im Privaten, das Koordinieren und Vermitteln in Teams im beruflichen Kontext sowie die Beziehungspflege und das Auffangen der Bedürfnisse und Befindlichkeiten aller Beteiligten in beiden Bereichen."Mit Mental Load sind deshalb nicht die konkreten Aufgaben im Haushalt oder die Kinderbetreuung gemeint, die sich ein Paar aufteilt. Es geht um die unsichtbare und notwendige Denkarbeit, die es überhaupt erst möglich macht, dass sichtbare Aufgaben erledigt werden können und der Alltag funktioniert. Zu dieser Denkarbeit gehören unter anderem: planen, koordinieren, Optionen abwägen, Bedürfnisse antizipieren und Entscheidungen treffen.
Solche unbezahlte Care-Arbeit leistet jeder. Laut Studien übernehmen jedoch Frauen und Mütter das meiste, um das Leben und den Alltag als Paar oder Familie zu managen. Dann ist nicht nur die mentale und oft auch körperliche Belastung problematisch, sondern auch die mangelnde Wertschätzung: Arbeiten, die wir nicht sehen, würdigen wir meistens auch weniger.
Auswirkungen von Mental Load
Mental Load kann euch sogar krank machen. Wenn es zu einer hohen mentalen Belastung durch ständige unsichtbare Aufgaben und die damit verbundene Denkarbeit kommt, kann Mental Load krank machen. Symptome von zu viel Mental Load können unter anderem sein: Vergesslichkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen, häufige Kopfschmerzen, Muskelverspannungen, Rückenschmerzen, ständige Unruhe und "Getriebensein", Nervosität, körperliche und seelische Anspannung, Magen-Darm-Probleme, Sodbrennen, häufige Infekte, Gewichtsveränderungen, Tinnitus, Migräne, hohe Reizbarkeit, hoher Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen. Die psychische Belastung durch Mental Load kann im schlimmsten Fall sogar zu Angstzuständen, Depressionen und Burnout führen.
Tipps zur Reduzierung von Mental Load
In eurer Partnerschaft solltet ihr die Care-Arbeit gemeinsam aushandeln und euch beide zuständig fühlen. Sowohl Männer als auch Frauen können unter Mental Load leiden. Statistisch sind es allerdings Frauen, die eine höhere mentale Belastung tragen. Um Mental Load in der Partnerschaft gerechter zu verteilen, können diese Tipps helfen:
- Macht das Unsichtbare sichtbar. Setzt euch als Paar zusammen und überlegt, welche Aufgaben bei euch anfallen. Dabei unterstützen kann euch der Test der Initiative "Equal Care Day". Ihr könnt ihn beide ausfüllen und dadurch ins Gespräch kommen. Fragt euch, wer übernimmt Aufgaben, vielleicht auch aus reiner Gewohnheit, ohne sie zu hinterfragen? Es geht dabei nicht um Schuldzuweisungen. Die Ergebnisse des Tests machen Mental Load sichtbar und helfen euch, euch und eure Aufgaben wertzuschätzen.
- Überlegt, wie ihr Aufgaben neu verteilen könnt. Wer kann was übernehmen? Könnt ihr Aufgaben abgeben? Zum Beispiel an eine Putzhilfe oder einen Gärtner?
- Sprecht offen über eure Bedürfnisse und Erwartungen. Was ist euch wichtig? Was könnt ihr loslassen?
- Plant regelmäßig Zeit für euch selbst ein. Jeder braucht Zeit, um sich zu erholen und neue Energie zu tanken.