Morbus Bechterew, auch bekannt als ankylosierende Spondylitis, ist eine chronisch-entzündliche rheumatische Erkrankung, die hauptsächlich die Wirbelsäule betrifft. Die Krankheit manifestiert sich meist im jungen Erwachsenenalter und kann zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität führen. Die Diagnose gestaltet sich oft schwierig, da die Symptome unspezifisch sein können und andere Erkrankungen ähnliche Beschwerden verursachen können. Dieser Artikel beleuchtet die Rolle der Lumbalpunktion in der Diagnostik und Differenzialdiagnostik von Morbus Bechterew, wobei auch andere diagnostische Verfahren und relevante Aspekte der Erkrankung selbst berücksichtigt werden.
Einführung in Morbus Bechterew
Morbus Bechterew ist eine Form des entzündlichen Rheumas, die vor allem die Wirbelsäule betrifft und chronische Rückenschmerzen verursacht. Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der körpereigene Abwehrzellen gesundes Skelettgewebe angreifen, meist zuerst in den Kreuz-Darmbein-Gelenken (Iliosakralgelenke). Die Prävalenz liegt bei etwa fünf Betroffenen auf 1.000 Einwohner in Deutschland, wobei die Krankheit meist zwischen der Pubertät und dem 30. Lebensjahr beginnt.
Genetische Aspekte und HLA-B27
Zwischen der MHC-Ausstattung einer Person, d.h. den HLA-Genen, und verschiedenen autoimmunen Erkrankungen bestehen Assoziationen. Das höchste relative Risiko für Morbus Bechterew weisen HLA-B27 positive Personen auf. Diese haben eine 80-fach höhere Wahrscheinlichkeit, an Morbus Bechterew zu erkranken, als HLA-B27 negative Personen. Etwa 95 % der Morbus Bechterew Patienten sind HLA-B27 positiv, obwohl nur ein geringer Anteil der HLA-B27 positiven Personen tatsächlich erkrankt.
Symptomatik und Verlauf
Die Symptome von Morbus Bechterew sind vielfältig und können sich im Laufe der Zeit verändern. Typische Beschwerden sind:
- Rückenschmerzen: Oft im unteren Rücken und Gesäß, besonders bei längerem Sitzen. Die Schmerzen sind meist bei Ruhe am schlimmsten (vor allem nachts) und bessern sich bei Bewegung.
- Morgensteifigkeit: Steifigkeit der Gelenke am Morgen, die sich durch Bewegung bessert.
- Eingeschränkte Beweglichkeit: Zunehmende Unbeweglichkeit der Wirbelsäule und des Brustkorbs im Krankheitsverlauf.
- Weitere Symptome: Entzündungen der Augen (Uveitis), entzündliche Darmerkrankungen, Schleimbeutelentzündungen, Sehnenscheidenentzündungen und entzündete periphere Gelenke.
Der Krankheitsverlauf ist individuell unterschiedlich. Bei manchen Patienten verläuft die Krankheit mild, während sie bei anderen aggressiv ist und ein Leben ohne Schmerzmittel kaum möglich macht. Entzündungen der Wirbelgelenke können zu Versteifungen und Verkrümmungen der Wirbelsäule führen.
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Diagnostische Verfahren bei Morbus Bechterew
Die Diagnose von Morbus Bechterew stützt sich auf verschiedene Säulen:
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Erhebung der Krankheitsgeschichte, Untersuchung der Beweglichkeit der Wirbelsäule und Messung ihrer Krümmung.
- Bildgebung:
- Magnetresonanztomografie (MRT): Kann frühe Krankheitszeichen wie Entzündungen sichtbar machen. Insbesondere die strahlenfreie MRT des Iliosakralgelenks (MRT ISG) ist ein zuverlässiges und nicht invasives Verfahren zur Diagnostik von Erkrankungen des Iliosakralgelenks, die oft im Zusammenhang mit Morbus Bechterew stehen.
- Röntgenaufnahmen: Können bei länger bestehender Krankheit Hinweise auf Verknöcherungen an der Wirbelsäule zeigen (Bambusstab-Wirbelsäule).
- Blutuntersuchung: Nachweis des Erbmerkmals HLA-B27, Bestimmung von Entzündungsparametern (z.B. C-reaktives Protein - CRP).
- BASDAI (Bath Ankylosing Spondylitis Disease Activity Index): Ein Fragebogen zur Erfassung der Krankheitsaktivität.
Die Rolle der Lumbalpunktion
Die Lumbalpunktion, auch Spinalpunktion genannt, ist ein diagnostisches Verfahren, bei dem Liquor (Nervenwasser) aus dem Wirbelkanal entnommen wird. Obwohl die Lumbalpunktion nicht routinemäßig zur Diagnose von Morbus Bechterew eingesetzt wird, kann sie in bestimmten Fällen relevant sein, insbesondere zur Differenzialdiagnose.
Durchführung der Lumbalpunktion
Die Lumbalpunktion wird in der Regel in Seitenlage oder im Sitzen durchgeführt. Nach Desinfektion und Lokalanästhesie wird eine spezielle Hohlnadel zwischen dem 3. und 4. oder 4. und 5. Lendenwirbel in den Wirbelkanal eingeführt. In diesem Bereich befindet sich kein Rückenmark mehr, sodass eine Verletzung ausgeschlossen ist. Der Liquor wird durch Heraustropfen gewonnen und anschließend im Labor untersucht.
Indikationen für eine Lumbalpunktion bei Verdacht auf Morbus Bechterew
Die Lumbalpunktion kann in folgenden Situationen bei Verdacht auf Morbus Bechterew in Betracht gezogen werden:
- Atypische Symptome: Bei Vorliegen von Symptomen, die nicht typisch für Morbus Bechterew sind, aber auf eine Beteiligung des zentralen Nervensystems hindeuten könnten (z.B. neurologische Ausfälle, Kopfschmerzen, Meningismus).
- Differenzialdiagnose: Zum Ausschluss anderer Erkrankungen, die ähnliche Symptome wie Morbus Bechterew verursachen können, z.B. Meningitis, Multiple Sklerose oder andere entzündliche Erkrankungen des Nervensystems.
- Verdacht auf Komplikationen: Bei Verdacht auf seltene Komplikationen von Morbus Bechterew, die das Nervensystem betreffen könnten.
Liquoruntersuchung und ihre Bedeutung
Die Liquoruntersuchung umfasst verschiedene Analysen, die wichtige Informationen liefern können:
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- Zellzahl: Erhöhte Zellzahl kann auf eine Entzündung oder Infektion hindeuten.
- Proteingehalt: Erhöhter Proteingehalt kann ebenfalls ein Zeichen für eine Entzündung sein.
- Glukosegehalt: Erniedrigter Glukosegehalt kann auf eine bakterielle Infektion hindeuten.
- Spezifische Antikörper: Der Nachweis spezifischer Antikörper kann auf bestimmte Infektionen oder Autoimmunerkrankungen hinweisen.
- Oligoklonale Banden: Oligoklonale Banden sind ein typischer Befund bei Multipler Sklerose, können aber auch bei anderen entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems vorkommen.
Limitationen der Lumbalpunktion
Es ist wichtig zu betonen, dass die Lumbalpunktion kein spezifischer Test für Morbus Bechterew ist. Die Ergebnisse der Liquoruntersuchung können lediglich dazu beitragen, andere Erkrankungen auszuschließen oder den Verdacht auf eine Beteiligung des Nervensystems zu erhärten. Die Diagnose Morbus Bechterew wird in erster Linie anhand der klinischen Symptome, der Bildgebung und der Blutuntersuchung gestellt.
Risiken und Komplikationen der Lumbalpunktion
Wie bei jedem invasiven Eingriff ist die Lumbalpunktion mit gewissen Risiken verbunden:
- Postpunktionelles Kopfschmerzsyndrom: Die häufigste Komplikation sind lageabhängige Kopfschmerzen, die durch ein Duraleck und Liquorverlust entstehen. Diese Kopfschmerzen bessern sich meist bei Flachlagerung und verschwinden innerhalb von 1-3 Wochen.
- Rückenschmerzen: Vorübergehende Rückenschmerzen können nach der Punktion auftreten.
- Blutungen: Bei Gerinnungsstörungen besteht ein erhöhtes Risiko für spinale Hämatome.
- Infektionen: Infektionen sind selten, aber möglich.
- Nervenwurzelreizung: Eine versehentliche Berührung einer Nervenwurzel kann zu einem kurzen, elektrisierenden Gefühl im Bein führen.
- Sehr seltene Komplikationen: Cerebrale Herniation bei nicht erkanntem Hirndruck, kardiorespiratorische Schwierigkeiten, Blutungen, Infektionen, subarachnoidale epidermale Zysten.
Differenzialdiagnostische Überlegungen
Morbus Bechterew muss von anderen Erkrankungen abgegrenzt werden, die ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören:
- Andere Formen der Spondyloarthritis: Psoriasis-Arthritis, reaktive Arthritis, enteropathische Arthritis.
- Fibromyalgie: Eine chronische Schmerzerkrankung, die mit Müdigkeit und Schlafstörungen einhergeht.
- Bandscheibenvorfälle: Können ebenfalls Rückenschmerzen und neurologische Ausfälle verursachen.
- Infektionen: Spondylodiszitis (Entzündung der Wirbelkörper und Bandscheiben) kann ähnliche Symptome verursachen.
- Tumoren: Wirbelsäulentumoren können ebenfalls Rückenschmerzen und neurologische Ausfälle verursachen.
Die Lumbalpunktion kann in der Differenzialdiagnose hilfreich sein, um infektiöse oder entzündliche Erkrankungen des Nervensystems auszuschließen.
Therapie von Morbus Bechterew
Die Therapie von Morbus Bechterew zielt darauf ab, Entzündungen zu reduzieren, Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu erhalten. Zu den wichtigsten Therapiebausteinen gehören:
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- Physiotherapie: Spezielle Gymnastik zur Erhaltung der Beweglichkeit der Wirbelsäule.
- Medikamentöse Therapie:
- Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR): Zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung.
- Kortikosteroide: Können bei akuten Schüben eingesetzt werden.
- TNF-alpha-Blocker: Biologika, die den Entzündungsprozess hemmen.
- Spezielle entzündungshemmende Ernährung: Wenig Fleisch, mehr Fisch, viel Gemüse und Obst, gute Öle und Fette.
- Operative Eingriffe: In seltenen Fällen bei fortgeschrittenen Versteifungen, Wirbelbrüchen oder Lähmungen.
Fallbeispiel
Eine Patientin mit chronischen Rückenschmerzen, die seit August bestehen und in die Lendenwirbelsäule ausstrahlen, wurde im Oktober in eine neurologische Klinik eingewiesen. Zahlreiche Untersuchungen, darunter EKG, Lumbalpunktion, Blut- und Nierenwerte, wurden durchgeführt. Die stationäre Behandlung mit Tramadol, Tetrazepam und Ibuprofen zeigte jedoch keine Wirkung. Die Patientin berichtete, dass die Schmerzen bei Bewegung erträglich sind, aber im Sitzen oder Liegen unerträglich werden und ins Gesäß und in die Oberschenkel ausstrahlen.
In diesem Fall könnte die Lumbalpunktion durchgeführt worden sein, um andere Ursachen für die Rückenschmerzen auszuschließen, insbesondere solche, die das Nervensystem betreffen. Da die Behandlung mit Schmerzmitteln keine Wirkung zeigte, ist es wichtig, andere mögliche Diagnosen in Betracht zu ziehen und gegebenenfalls weitere Untersuchungen durchzuführen, um die Ursache der Schmerzen zu finden.
Alternative Therapieansätze
Patienten mit Morbus Bechterew suchen oft nach zusätzlichen oder alternativen Therapieansätzen, um ihre Beschwerden zu lindern. Dazu gehören:
- Gasteiner Heilstollen: Einfahrten in den Gasteiner Heilstollen, einem Radontherapiezentrum, können bei manchen Patienten Schmerzlinderung bringen.
- Kinesiotaping: Das Anbringen von Kinesiotapes kann helfen, die Muskelspannung zu reduzieren und die Gelenke zu entlasten.
- Individuelle Trainingsmaßnahmen: Gezielte Übungen, die auf Basis von wissenschaftlichen Messmethoden und viel Erfahrung mit dem ISG erstellt werden, können helfen, die Belastung und den Stress vom ISG zu nehmen.
Es ist wichtig, dass Patienten alternative Therapieansätze mit ihrem Arzt besprechen, um sicherzustellen, dass diese sicher und wirksam sind und nicht mit anderen Behandlungen interagieren.
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