Der Zusammenhang zwischen Moro-Reflex und Epilepsie: Ein umfassender Überblick

Frühkindliche Reflexe sind ein Zeichen für die gesunde Entwicklung des Gehirns und des Nervensystems eines Babys. Einer dieser Reflexe ist der Moro-Reflex, der oft als Schreckreaktion wahrgenommen wird. Dieser Artikel beleuchtet den Moro-Reflex im Detail, geht auf seine Auslöser, seine Bedeutung und mögliche Komplikationen ein, insbesondere im Zusammenhang mit Epilepsie.

Was ist der Moro-Reflex?

Der Moro-Reflex, benannt nach dem deutschen Kinderarzt Ernst Moro, der ihn 1918 erstmals beschrieb, ist eine unwillkürliche Reaktion von Neugeborenen auf bestimmte Reize. Er zählt zu den sogenannten Primitivreflexen und ist bereits in der Schwangerschaft angelegt. In den ersten Lebenswochen ist der Moro-Reflex am ausgeprägtesten.

Wie äußert sich der Moro-Reflex?

Der Moro-Reflex besteht aus zwei Phasen:

  1. Phase 1: Das Baby spannt sich ruckartig an und streckt Arme und Beine aus, spreizt die Finger und legt den Kopf in den Nacken. Es holt tief Luft und erstarrt kurz.
  2. Phase 2: Das Baby zieht Arme, Hände und Beine wieder zurück und ballt eine kleine Faust über der Brust, als würde es etwas umarmen. Daher wird er auch Klammer- oder Umklammerungsreflex genannt.

Was löst den Moro-Reflex aus?

Der Moro-Reflex wird durch verschiedene Reize ausgelöst, darunter:

  • Plötzliche Lageveränderungen
  • Laute oder ungewohnte Geräusche
  • Grelles Licht
  • Starke Bewegungen oder Erschütterungen

Häufig tritt der Moro-Reflex jedoch auch ohne erkennbaren Auslöser auf, besonders beim Einschlafen.

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Ist der Moro-Reflex gefährlich?

Nein, der Moro-Reflex ist in der Regel nicht gefährlich, sondern ein normaler und wichtiger Reflex bei Neugeborenen. Unmittelbar nach der Geburt führt der Primitivreflex dazu, dass sich die Luftröhre öffnen kann, und ermöglicht so den ersten Atemzug. Bei Säugetieren, die ihr Junges in der ersten Zeit am Körper tragen, dient er dazu, dass die Kleinen sich am Fell festhalten und nicht herunterfallen.

Allerdings bedeutet es auch jedes Mal Stress für den kleinen Körper, wenn der Moro-Reflex ausgelöst wird. Das heißt, es werden die Stresshormone Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet, der Blutzuckerspiegel sinkt und die Herzfrequenz steigt. Manche Babys bemerken die reflexhafte Bewegung im Schlaf gar nicht und schlummern einfach weiter. Es kann aber auch sein, dass dein Kind dadurch immer wieder aufwacht und dann unruhig, aufgewühlt ist.

Wie kann man auf den Moro-Reflex reagieren?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Babys zu beruhigen, wenn der Moro-Reflex ausgelöst wird:

  • Körperkontakt: Im Tragetuch ist das Baby ganz nah bei der Mutter, spürt ihre Nähe, Wärme und ihren Herzschlag.
  • Babywippe: Sanfte Bewegungen können helfen, das Kind wieder in den Schlaf zu wiegen.
  • Stimme: Sprechen, Singen oder Summen kann dazu beitragen, dass das Baby ruhiger wird.
  • Pucken: Das Baby fest in eine Decke einzuwickeln, sodass es seine dicht am Körper anliegenden Extremitäten nicht bewegen kann, kann manchen Babys guttun.

Persistierender Moro-Reflex

Normalerweise verschwindet der Moro-Reflex im Zuge des Nachreifens des kindlichen Nervensystems spätestens im 6. Lebensmonat. Verebbt der Moro-Reflex nicht, sprechen Ärzt:innen von einem persistierenden Moro-Reflex.

Auswirkungen eines persistierenden Moro-Reflexes

Der häufig erhöhte Gehalt an Stresshormonen im Blut fördert eine ständige Reizüberflutung, die auf Dauer zu einem gestörten Konzentrations- und Sozialverhalten führen kann. Hinzu kommt, dass Kinder, bei denen der Moro-Reflex nicht zurückgeht, bei einem möglichen Sturz die Arme zur Seite reißen, anstatt sich reflexhaft abzustützen.

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Ein persistierender Moro-Reflex kann sich auf verschiedene Bereiche auswirken:

  • Sozial-emotionales Verhalten: Kinder reagieren oft übersensibel, was sich durch Wut- oder schnelle Tränenausbrüche zeigen kann. Sie reagieren überempfindlich auf Kritik, Streit oder Stress, neigen zu depressiven oder ängstlichen Verhaltensmustern, haben ein geringes Selbstbewusstsein und mangelnde Kritikfähigkeit.
  • Motorik: Probleme mit Koordination und Gleichgewicht können auftreten.
  • Wahrnehmung: Wahrnehmungsstörungen, Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen und Licht sind möglich.
  • Konzentration: Konzentrationsschwierigkeiten und erhöhte Müdigkeit können auftreten.
  • Gesundheit: Häufigere Hals-Nasen-Ohren-Infekte können vorkommen.
  • Angst: Eine erhöhte Ängstlichkeit bis hin zu Angststörungen und Panikattacken ist möglich.

Reflexintegration

Reflexintegration kann helfen, die Reize an das Gehirn zu senden, die früher nicht ausreichend angekommen sind, weil der Reflex entweder nicht oft genug ausgelöst wurde oder unterentwickelt war. Dies wiederum sorgt dafür, dass sich die entsprechenden Verknüpfungen entwickeln, die dafür sorgen, dass der Reflex vom Frontallappen unterdrückt wird, bzw. „integriert wird“. Reflexintegration beinhaltet gezielte Bewegungsübungen.

Moro-Reflex und Epilepsie: Das West-Syndrom

Es ist wichtig zu beachten, dass der Moro-Reflex leicht mit dem West-Syndrom verwechselt werden kann. Das West-Syndrom ist eine seltene, aber schwere Form der Epilepsie, die im Säuglingsalter auftritt.

Symptome des West-Syndroms

Beim West-Syndrom kommt es ebenfalls zu kurzen Muskelzuckungen, bei denen das Baby erst die Arme und Beine ausstreckt, um sie anschließend wieder heranzuziehen. Heftiges Kopfnicken zählt ebenfalls zu den Symptomen (BNS-Krampf).

Die Symptomatik wurde erstmals durch den Chirurgen Williams James West beschrieben, der bei seinem eigenen Sohn die typischen Anfälle beobachtete. Später wurden die Anfälle auch als BNS (Blitz-Nick-Salaam) Anfälle bezeichnet.

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Es treten drei Arten von Anfällen auf, die meist in Serie beobachtet werden: Am Ende einer Anfallsserie weinen die Kinder oft. Dieses Weinen ist Teil des Anfalls und kein Zeichen, dass das Kind unter den Anfällen leidet!

Die Anfälle sehen wie folgt aus:

  • Blitzanfall: Wie vom Blitz getroffen halten die Kinder inne.
  • Salaamanfall oder „Jackknive (=Taschenmesser)anfall“: Der Salaamanfall ähnelt der Gebetsbewegung der Moslems. Die Amerikaner vergleichen die Bewegung mit der eines Taschenmessers. Die Arme werden nach vorne geworfen (Salaam), die Beine knicken in der Hüfte ein (Taschenmesser). Manche Eltern verwechseln die Bewegung mit dem Versuch sich hinzusetzen, eine Bewegung die Kinder jedoch erst deutlich später machen können . Säuglinge und Kleinkinder setzen sich über die Drehung und den seitlichen Handstand oder aus dem Vierfüßlerstand hin, da die Bauchmuskulatur noch nicht genügend ausgeprägt ist. Die Unreife des Gehirns und fehlende Isolation der Hirnströme bei geringer Isolierung haben ein Bewegungsmuster zur Folge, das dem Reflex ähnelt, der bei Erschrecken ausgelöst wird, dem Moro-Reflex.

Unterschiede zwischen Moro-Reflex und West-Syndrom

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist der Zeitpunkt des Auftretens. Der Moro-Reflex ist ein angeborener Überlebensreflex, während das West-Syndrom in der Regel erst im Alter von zwei bis acht Monaten beginnt. Zudem ist der EEG-Befund beim West-Syndrom immer gleichartig und wird als „Hypsarrhythmie“ bezeichnet. Die Hirnströme befinden sich in einem ungeordneten Zustand, alle Hirnregionen sind betroffen. Hohe langsame Wellen wechseln mit sog. Spitzen. Das Muster ist durchgängig im EEG sichtbar, es gibt keine Pausen mit regelrechten Hirnströmen.

Ursachen des West-Syndroms

Die Ursachen des West-Syndroms sind sehr unterschiedlich. Der Sohn von West litt vermutlich unter der idiopathischen Form, d.h. einer Veranlagung zu Epilepsie, in diesem Fall mit Beginn im Säuglingsalter. Die idiopathische Form spricht in der Regel auf Medikamente an und die Kinder können anfallsfrei werden. Eine weitere häufige Ursache ist eine tuberöse Hirnsklerose (M. Pringle), eine Erbkrankheit mit kleinen gutartigen Tumoren im Gehirn und der Haut. Weitere Ursachen sind Fehlbildungen des Gehirns aber auch Stoffwechselerkrankungen. Da auch ein Vitamin B12 Mangel Krampfanfälle auslöst, wird häufig eine Gabe von Vitamin B12 als erste Therapiemaßnahme eingeleitet, auch wenn dies eine seltene Ursache der Erkrankung ist.

Weitere Epilepsiesyndrome des Kindesalters

Neben dem West-Syndrom gibt es weitere Epilepsiesyndrome, die im Kindesalter auftreten können:

  • Ohtahara-Syndrom: Eine sehr seltene Säuglingsepilepsie, die sich vom West-Syndrom durch das Auftreten tonischer Anfälle und einem EEG-Bild mit „supression burst“ unterscheidet.
  • Dravet-Syndrom: Eine seltene, dramatische Epilepsie, die überwiegend Jungen betrifft und zu Anfällen von langer Dauer ohne spontanes Ende neigt.
  • Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS): Eine Epilepsieform, bei der es ein buntes Gemisch aller Anfallformen gibt, darunter tonische und atonische Anfälle, typische und atypische Absencen, tonisch-klonische Anfälle sowie fokale und komplex-fokale Anfälle.
  • Pseudo-Lennox-Syndrom: Zeigt die gleiche Anfallsvielfalt wie das „echte“ LGS, jedoch treten tonische Anfälle nur im Rahmen von tonisch-klonischen Anfällen auf.
  • Rolando-Epilepsie: Die häufigste idiopathische Epilepsieform des Schulkindes, die sich zumeist im Alter von 5-10 Jahren manifestiert.
  • ESES-Syndrom / CSWSS-Syndrom: Kinder mit ESES- oder CSWSS-Syndrom werden häufig nicht als Anfallskinder erkannt, da es nicht zwingend zu sichtbaren Anfällen kommen muss.
  • Juvenile Myoklonusepilepsie: Tritt im Jugendalter auf und äußert sich als Zuckungen, bevorzugt des Schulter-Gürtels.

Impfungen und Epilepsie

Es gibt Berichte von Eltern, die einen Zusammenhang zwischen Impfungen und dem Auftreten von Krampfanfällen bei ihren Kindern sehen. Es ist wichtig, diese Beobachtungen ernst zu nehmen und ärztlich abklären zu lassen. Allerdings ist es wissenschaftlich nicht eindeutig belegt, dass Impfungen Epilepsie verursachen.

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