Multiple Sklerose: Forschung, Diagnostik und Therapie im Fokus

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die vielfältige Symptome verursachen kann. Die Forschung auf diesem Gebiet hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht, die unser Verständnis der Pathogenese, Diagnostik und Therapie grundlegend verändert haben. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Entwicklungen und gibt einen Überblick über den Wissensstand zur Multiplen Sklerose.

Die Multiple Sklerose im Überblick

Die Multiple Sklerose manifestiert sich durch Entzündungen, die zur Demyelinisierung von Faserverbindungen in der weißen Substanz des Gehirns und des Rückenmarks führen. Da im Gehirn keine bestimmten Lokalisationen bevorzugt werden, können vielfältige Symptome auftreten, wie z.B. Sehstörungen, Doppelbilder, Lähmungserscheinungen, Taubheitsgefühle, Sprechstörungen und Koordinationsstörungen. Die Erkrankung kann in Schüben (schubförmiger Verlauf) oder langsam voranschreitend (chronisch progredienter Verlauf) verlaufen. Die Häufigkeit beträgt etwa 150 Erkrankte auf 100.000 Einwohner. Die Ursachen der Multiplen Sklerose sind bis heute nicht gut verstanden.

Forschung durch Biobanken: Ein Schlüssel zum Verständnis

Um die Entstehung und den Verlauf der Multiplen Sklerose besser zu verstehen, setzt die Forschung auf innovative Ansätze wie den Aufbau von Biobanken. Prof. Dr. Heinz Wiendl von der Universität Münster leitet eine solche Initiative und baut eine "Biobank" mit Blutproben auf. Dieses "Blutproben-Archiv" dient als eine Art Bibliothek, eine Datenquelle mit tausenden Informationen, in der Wissenschaftler immer wieder nachschlagen können, um wichtige Daten für ihre Forschung zu gewinnen.

Am Universitätsklinikum Münster (UKM) werden Blutproben von 1.000 Patienten mit Multipler Sklerose und anderen inflammatorischen Erkrankungen gesammelt, aber auch 200 Proben von gesunden Spendern. Der Vergleich von Untersuchungsmaterial aus beiden Gruppen ermöglicht aussagekräftige wissenschaftliche Untersuchungen und damit neue Therapieansätze. Im Gegensatz zur üblichen Blutspende werden hier nur rund 200 ml Blut abgenommen. Die Proben werden weder genetisch oder gentechnisch verändert noch zu therapeutischen Zwecken eingesetzt, sondern lediglich - anonymisiert - aufbewahrt und analysiert.

Prof. Wiendl betont, dass jeder Spender damit die Forschungen und die Suche nach neuen Therapien unterstützt. Ein erster Spendenaufruf war bereits so erfolgreich, dass der Bedarf an Proben gesunder Erwachsener weitgehend gedeckt ist und der Aufbau der "Blutproben-Bibliothek" starten kann.

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Neue Perspektiven in der MS-Forschung: Das zustandsbasierte Modell

Ein wichtiger Fortschritt in der MS-Forschung ist die Entwicklung eines zustandsbasierten Modells. Prof. Dr. Wiendl erklärt: "Unsere Daten zeigen eindeutig, dass MS nicht über verschiedene Subtypen wie schubförmig oder progrediente MS zu charakterisieren ist, sondern ein kontinuierlicher Krankheitsprozess mit definierbaren Zustandsübergängen ist."

Dieses probabilistische Modell beschreibt MS als Abfolge von Zuständen ("states") mit spezifischen Übergangswahrscheinlichkeiten. Frühere, milde Zustände gehen meist über entzündliche Zwischenphasen in fortgeschrittene, irreversible Krankheitsstadien über. Das bisherige Klassifikationssystem erschwert in vielen Fällen den Zugang zu wirksamen Medikamenten, da Zulassungen auf starren Subtypdefinitionen basieren.

Wiendl schlägt vor: "Statt Patienten zu kategorisieren, sollten wir ihren Zustand quantifizieren und dynamisch verfolgen." Die zustandsbasierte Modellierung mit Methoden der künstlichen Intelligenz ist nicht nur ein wissenschaftlicher Durchbruch in der MS-Forschung. Prof. Dr. Lutz Hein, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg, betont: "Das Prinzip ist grundlegend und wegweisend - und es lässt sich auch auf viele andere Krankheiten anwenden, sowohl in der Neurologie als auch darüber hinaus."

Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, mahnt: "Wichtig ist es nun, diese Möglichkeiten der individualisierten Risikoabschätzung in die klinische Praxis zu überführen und hierzu prospektive Daten zu sammeln." Das Modell wurde bereits innerhalb der Studie erfolgreich an externen klinischen und realweltlichen Datensätzen überprüft. Der nächste Schritt ist nun die Überführung in den klinischen Alltag, etwa zur Therapieentscheidung oder zur besseren Patient*innenaufklärung.

Diagnostik der Multiplen Sklerose

Die Diagnose der Multiplen Sklerose stützt sich auf verschiedene Verfahren:

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  • Magnetresonanztomographie (MRT): Chronische Multiple-Sklerose-Herde können sehr gut in sogenannten T2-gewichteten oder FLAIR-Aufnahmen dargestellt werden. Akute entzündliche Herde wiederum können sehr gut in T1-gewichteten Aufnahmen nach Kontrastmittel-Gabe nachgewiesen werden.
  • Klinische Untersuchung: Die neurologische Untersuchung dient dazu, die Symptome und neurologischen Defizite des Patienten zu erfassen.
  • Liquoruntersuchung: Die Untersuchung des Nervenwassers kann Hinweise auf entzündliche Prozesse im zentralen Nervensystem liefern.
  • Evoked Potentials: Diese Messungen der Hirnströme können helfen, die Funktion der Nervenbahnen zu beurteilen.

Häufig ist es im Vorfeld der Diagnose multiple Sklerose bereits einmal zu einer Entzündung des Sehnerven (auch Retrobulbärneuritis genannt) gekommen. Hierbei kommt es zu Sehstörungen (Schleiersehen), Verlust der Sehschärfe, veränderter Farbwahrnehmung (sogenannte Rotentsättigung) und zu Schmerzen bei der Bewegung der Augen. Bei etwa 50% der Fälle entwickelt sich im Verlauf eine multiple Sklerose. In den T2-gewichteten Aufnahmen zeigt sich eine Verdickung des Sehnerven.

Therapie der Multiplen Sklerose

Bei der Behandlung kommen sowohl immunsupprimierende (u.a. Kortikosteroide) als auch immunmodulierende Medikamente (u.a. beta-Interferon, Glatirameracetat) zum Einsatz. Ziel der Therapie ist es, die Entzündungsaktivität zu reduzieren, die Schübe zu verkürzen und die Progression der Erkrankung zu verlangsamen.

  • Schubtherapie: Bei akuten Schüben werden in der Regel hochdosierte Kortikosteroide eingesetzt, um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu lindern.
  • Basistherapie: Immunmodulierende Medikamente wie Interferone und Glatirameracetat werden langfristig eingesetzt, um die Schubfrequenz zu reduzieren und die Progression der Erkrankung zu verlangsamen.
  • Eskalationstherapie: Bei Patienten, die auf die Basistherapie nicht ausreichend ansprechen, können stärkere Immunsuppressiva eingesetzt werden.
  • Symptomatische Therapie: Verschiedene Medikamente und Therapien können eingesetzt werden, um die Symptome der Multiplen Sklerose zu lindern, wie z.B. Schmerzmittel, Muskelrelaxantien und Physiotherapie.

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