Die Multiple Sklerose (MS) ist eine komplexe und vielschichtige Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), deren Ursachen und Mechanismen noch nicht vollständig verstanden sind. Weltweit sind etwa 2,8 Millionen Menschen betroffen, meist im jungen Erwachsenenalter. Obwohl es derzeit keine Heilung für MS gibt, hat die Forschung bedeutende Fortschritte erzielt, die zu einer Reihe wirksamer Behandlungen geführt haben. Die heutige Forschung konzentriert sich auf ein besseres Verständnis der Ursachen, eine verbesserte Diagnostik und die Entwicklung neuer Therapieansätze, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Historischer Überblick der MS-Forschung
Obwohl bereits im Mittelalter Symptome von MS dokumentiert wurden, dauerte es bis ins 19. Jahrhundert, bis die Krankheit als eigenständige Entität erkannt wurde. Der Pariser Neurologe Jean-Martin Charcot verfasste 1868 die erste umfassende Abhandlung über MS und prägte den Begriff "sclérose en plaques". In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde MS als Autoimmunerkrankung eingeordnet, die durch Entzündungen im zentralen Nervensystem verursacht wird. Die 1960er und 1970er Jahre brachten Fortschritte in der Diagnose und Therapie, wie die Entwicklung von Liquortests, die Messung evozierter Potentiale und die Einführung der Computertomographie. Ein Durchbruch in der Diagnostik gelang 1981 mit der Einführung der Kernspintomographie (MRT). In den 1990er Jahren wurden die Immunmodulatoren Interferon-beta (1993) und Glatirameracetat (1996) für die Langzeitbehandlung zur Verlangsamung des Krankheitsverlaufs eingeführt. Die McDonald-Kriterien, ein 2001 von einer internationalen Expertengruppe entwickeltes Diagnoseschema, erhöhten die Zuverlässigkeit der MS-Diagnose und ermöglichten einen früheren Therapiebeginn. In den letzten Jahren hat die Forschung gezeigt, dass es bei MS auch in schubfreien Zeiten zu einer Schädigung und einem Verlust von Nervenfasern und Nervenzellen (Neurodegeneration) kommt.
Ursachenforschung: Zusammenspiel von Genen und Umwelt
Trotz erheblicher Fortschritte ist die genaue Ursache von MS weiterhin unbekannt. Es wird angenommen, dass sowohl genetische Faktoren als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Zu den diskutierten Umweltfaktoren gehören Virusinfektionen, insbesondere mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV), Vitamin-D-Mangel und Rauchen. Das Immunsystem spielt eine zentrale Rolle, da es sich fälschlicherweise gegen körpereigene Zellen richtet, was MS zu einer Autoimmunerkrankung macht. Die Forschungsarbeiten befassen sich mit Mechanismen, die für die Aufrechterhaltung der peripheren Immuntoleranz bedeutsam sind, wie zum Beispiel die naive T-Zellhomöostase und die Funktionstüchtigkeit regulatorischer T-Zellen (Treg). Die Rolle der B-Lymphozyten für die Immunpathogenese der MS rückt zunehmend in den Fokus der klinischen Forschung. Nicht zuletzt die Therapieerfolge mit B-Zell-depletierenden Medikamenten (Rituximab), zeigen, dass B-Zellen entscheidend zur Krankheitsprogression der MS beitragen.
Diagnose: Früherkennung und Verlaufsprognose
Die Einführung der MRT-Technologie hat die Diagnose von MS beschleunigt und präzisiert. Eine frühe Diagnose ist entscheidend, um die Therapie so früh wie möglich zu beginnen und Symptome zu lindern sowie die Erkrankung zu verlangsamen. Prognostische Faktoren, wie das Alter bei Krankheitsbeginn und die Schubdauer, helfen bei der Abschätzung des Krankheitsverlaufs. Biomarker wie Serum Neurofilament Light Chain (sNfL) können das Fortschreiten von MS vorhersagen, die Krankheitsaktivität überwachen und das Therapieansprechen beurteilen. Die aktuelle Version der McDonald Diagnosekriterien 2024, die basierend auf neuen Studien entstand, nimmt neue diagnostische Marker mit auf, die eine schnellere und präzisere Diagnose verstärkt auf biologischer Basis erlauben. So wurde der Stellenwert eines RIS (radiologisch isoliertes Syndrom) neu bewertet: Selbst ohne manifeste klinische Symptome lässt sich, nach der Version 2024, die Diagnose MS stellen, was nach der Version 2017 noch ausgeschlossen war.
Therapie: Immunmodulation und Neuroprotektion
Die aktuellen Medikamente zur Behandlung von MS umfassen Steroide (Kortison) zur Hemmung von Entzündungen bei akuten Schüben sowie Immunmodulatoren und Immunsuppressiva zur langfristigen Beeinflussung des Krankheitsverlaufs. Diese werden in drei Wirksamkeitskategorien eingeteilt und je nach Krankheitsverlauf eingesetzt. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass bei MS mit zunehmendem Alter weniger Entzündung und mehr Neurodegeneration auftritt. Da die hoch effektiven Substanzen der Kategorie 3 ihre Wirkung insbesondere bei hoher Entzündungsaktivität entfalten, werden sie mit dem Alter weniger wirksam, sodass eine Deeskalation hin zu gut verträglichen Substanzen der Kategorie 1 sinnvoll sein kann.
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Neue Therapieansätze im Blickpunkt
Die Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung neuer Therapien, die nicht nur die Entzündung reduzieren, sondern auch die Nervenzellen schützen (Neuroprotektion) und die Regeneration des Myelins fördern (Remyelinisierung). Ein vielversprechender Ansatz ist die gezielte Beeinflussung von Immunzellen, die an der Zerstörung des Myelins beteiligt sind. So gelang es nachzuweisen, dass gewebsständige T-Zellen bei MS Entzündungen fördern können und dass sie ein mögliches Therapieziel bei progredienter MS darstellen. Dies ist umso wichtiger, als auf diesem Gebiet bis heute noch hochpotente Mittel fehlen.
Aktuelle Forschungsprojekte und Netzwerke
Zahlreiche Forschungsprojekte und Netzwerke arbeiten an der Aufklärung der Pathogenese von MS und der Entwicklung neuer Therapieansätze. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert Sonderforschungsbereiche wie den SFB/Transregio 128 "Initiierungs-/Effektor- und Regulationsmechanismen bei Multipler Sklerose - von einem neuen Verständnis der Pathogenese zur Therapie". Ziel ist es, Grundlagen für die Entwicklung neuer Therapien zu schaffen und existierende Therapiekonzepte besser zu verstehen. Das Fachnetzwerk Infektionen im Studiennetzwerk des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM) unterstützt klinische und klinisch-epidemiologische Studien im Bereich der Infektionsmedizin. Die europäische Behörde für die Krisenvorsorge und -reaktion bei gesundheitlichen Notlagen HERA (Health Emergency Response Authority) der Europäischen Kommission unterstützt die Einrichtung des „European Vaccines Hub for Pandemic Readiness (EVH)“, ein paneuropäisches Zentrum, das die Entwicklung von Impfstoffen für die öffentliche Gesundheit vorantreiben soll, an dem auch das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) beteiligt ist.
Erkenntnisse aus Hamburg-Eppendorf
Forschende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) haben einen neuen Mechanismus entdeckt, der zur Schädigung von Nervenzellen bei MS führt. Sie identifizierten das Immunoproteasom als Schlüsselregulator des gestörten Proteinabbaus in entzündeten Nervenzellen. Im Rahmen der NAKO Gesundheitsstudie haben Wissenschaftler:innen des UKE und des Universitätsklinikums Heidelberg (UKHD) potenzielle Risikofaktoren für MS im Kindes- und Jugendalter untersucht. Ihre Analyse zeigt, dass häufig auftretende Infektionen in der Kindheit, schwere belastende Lebensereignisse, ein höheres Alter der Mutter bei der Geburt des ersten Kindes sowie geringe körperliche Aktivität mit einem erhöhten MS-Risiko in Zusammenhang stehen können.
Personalisierte Medizin und Künstliche Intelligenz
Ein weiterer Schwerpunkt der zukünftigen MS-Forschung ist die personalisierte Medizin. Ziel ist es, die Therapie an die individuellen Bedürfnisse und Eigenschaften des Patienten anzupassen. Neue Technologien wie künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen könnten genutzt werden, um große Mengen von Daten zu analysieren und neue Erkenntnisse über MS zu gewinnen. Auch die Weiterentwicklung von Bildgebungstechnologien und die Nutzung von virtuellen Realitäten könnten zu künftigen Meilensteinen der MS-Forschung beitragen.
Aktuelle Studien und Ergebnisse
Jüngste Studien haben wichtige Einblicke in verschiedene Aspekte der MS geliefert:
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- Eine Studie identifizierte HLA-A*03:01 als prädiktiven genetischen Biomarker für das Ansprechen auf Glatirameracetat-Behandlung bei MS.
- Eine Zwillingsstudie identifizierte frühe immunologische und metabolische Dysregulationen von CD8+ T-Zellen bei MS.
- Eine Studie zeigte, dass eine breitere anti-EBV-TCR-Repertoire in MS vorhanden ist, was auf eine Krankheitsspezifität und Behandlungsmodulation hindeutet.
- Eine Studie zur peripheren Nervenveränderungen in frühen MS mittels MR-Neurographie.
- Eine Studie zur Sicherheit und Wirksamkeit von Evobrutinib bei schubförmig remittierender MS.
Die Rolle der Sobek Stiftung
Die Roman, Marga und Mareille Sobek Stiftung fördert herausragende Leistungen in der Grundlagenforschung zur Multiplen Sklerose mit den Sobek Forschungspreisen. Die Stiftung vernetzt Forschende über Ländergrenzen hinweg und trägt dazu bei, die Ursachen von MS besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln.
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