Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die oft im jungen Erwachsenenalter beginnt. Obwohl MS bis heute nicht heilbar ist, haben sich die Behandlungsmöglichkeiten in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Ziel der modernen Therapie ist es, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen, die Anzahl und Schwere der Schübe zu reduzieren, Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Grundlagen der Multiplen Sklerose
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose (MS), auch Encephalomyelitis disseminata (ED) genannt, ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Nervenscheiden im Gehirn und Rückenmark angreift. Diese Schädigung der Nervenstrukturen führt zu einer gestörten Weiterleitung elektrischer Signale, was verschiedene neurologische Symptome auslösen kann.
Ursachen und Risikofaktoren
Die genauen Ursachen der MS sind noch nicht vollständig aufgeklärt. Es wird angenommen, dass ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren eine Rolle spielt, darunter genetische Veranlagung, Umweltfaktoren und Infektionen. Zu den Risikofaktoren zählen:
- Genetische Faktoren: Zwillingsstudien deuten darauf hin, dass etwa ein Drittel der Erkrankungen genetisch bedingt ist.
- Infektionen: Eine durchgemachte Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) scheint ein häufiger, aber nicht alleiniger Risikofaktor zu sein. Auch Masern- oder Herpes-Viren werden diskutiert.
- Vitamin-D-Mangel: Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel und verminderte Sonnenexposition können das Risiko erhöhen.
- Ernährung und Lebensstil: Übergewicht, Rauchen und eine ungünstige Zusammensetzung der Darmbakterien können ebenfalls eine Rolle spielen.
- Geschlecht: Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer.
Symptome und Verlauf
Die Multiple Sklerose kann sich durch sehr unterschiedliche neurologische und neuropsychologische Symptome äußern. Dies hängt davon ab, welche Regionen des zentralen Nervensystems von der Erkrankung betroffen sind. Häufige Symptome sind:
- Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, Nebelsehen, Sehausfälle, Doppelbilder
- Motorische Störungen: Gangstörungen, Koordinationsstörungen, Zittern, Sprechstörungen, Lähmungen, Muskelverkrampfungen (Spastik)
- Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheitsgefühl, Schmerzen
- Fatigue: Hohe körperliche und/oder mentale Erschöpfbarkeit
- Kognitive Beeinträchtigungen: Konzentrations- und Merkfähigkeitsprobleme
- Blasen- und Darmstörungen: Vermehrter Harndrang, Inkontinenz, Verstopfung
Der Verlauf der MS ist individuell unterschiedlich. Es werden verschiedene Verlaufsformen unterschieden:
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- Schubförmig remittierende MS (RRMS): Die häufigste Form, bei der neue Symptome auftreten (Schübe), die sich im Verlauf von Wochen mehr oder weniger vollständig zurückbilden können.
- Primär progrediente MS (PPMS): Ein schleichend fortschreitender Verlauf von Beginn an, ohne Schübe.
- Sekundär progrediente MS (SPMS): Ein Übergang von der schubförmigen zur chronisch fortschreitenden Verlaufsform, bei der sich eine zunehmende Behinderung ausbilden kann.
Therapieansätze bei Multipler Sklerose
Die Behandlung der Multiplen Sklerose umfasst drei Hauptzielbereiche:
- Therapie des akuten Schubes
- Verlaufsmodifizierende Therapie (Immuntherapie)
- Symptomorientierte Therapie
Diese Therapiebereiche beinhalten medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungen, die individuell ausgewählt und ambulant oder stationär durchgeführt werden können.
Therapie des akuten Schubes
Ziel der Schubtherapie ist es, die Entzündungsreaktionen im ZNS rasch zu unterdrücken und die Symptome zu lindern. Das Mittel der Wahl ist die hochdosierte Cortison-Pulstherapie.
- Cortison-Pulstherapie: An drei bis fünf aufeinanderfolgenden Tagen werden Glukokortikoide (Cortison) intravenös verabreicht. Diese wirken direkt auf die immunologischen Störungen ein und hemmen den akuten Entzündungsprozess.
- Immunadsorption (Plasmapherese): Bei sehr schweren, nicht auf Cortison reagierenden Schubsymptomen kann eine "Blutwäsche" durchgeführt werden, bei der das Blut von Antikörpern und Eiweißmolekülen gereinigt wird, die gegen das Nervensystem gerichtet sind.
Verlaufsmodifizierende Therapie (Immuntherapie)
Die immunprophylaktische Therapie zielt darauf ab, die Anzahl und Schwere von Schüben zu reduzieren, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und Behinderungen zu verhindern oder zu verzögern.
Wirkprinzipien der Immuntherapie
Die Medikamente der MS-Immuntherapie wirken, indem sie außer Kontrolle geratene Komponenten des Immunsystems in Schach halten. Sie können:
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- Die Anzahl oder Aktivität von überaktiven Immunzellen (T-Lymphozyten, B-Lymphozyten, Makrophagen) unterdrücken.
- Immunzellen den Weg in das zentrale Nervensystem versperren, indem sie die Blut-Hirn-Schranke "abdichten".
Medikamentöse Strategien
Die Auswahl des geeigneten Medikaments zur Schubvorbeugung erfolgt in enger Absprache mit dem behandelnden Arzt, unter Berücksichtigung der individuellen medizinischen Voraussetzungen, persönlichen Wünsche und Risikofaktoren.
Medikamente bei schubförmiger MS mit hoher Entzündungsaktivität
Bei schweren oder häufig auftretenden Schüben ist eine rasche und massive Unterdrückung des Immunsystems erforderlich. Einige dieser Medikamente werden als Infusion verabreicht und zählen zur Gruppe der Immunsuppressiva.
- Alemtuzumab: Ein monoklonaler Antikörper mit langandauernden immunsuppressiven Eigenschaften, der die Anzahl reifer Lymphozyten im Blut verringert.
- Cladribin: Ein Wirkstoff in Tablettenform, der ebenfalls zu einer langandauernden Unterdrückung von B- und T-Lymphozellen führt.
- Fingolimod: Ein Medikament in Kapselform, das einen Großteil der Lymphozyten in den Lymphknoten zurückhält.
- Natalizumab: Ein monoklonaler Antikörper, der das Einwandern von Entzündungszellen in das Gehirn hemmt.
- Ocrelizumab: Ein weiterer monoklonaler Antikörper, der spezifisch die Zahl der B-Lymphozyten verringert.
Medikamente bei schubförmiger MS mit milderem Verlauf
Bei einem milderen Verlauf können Medikamente mit einem besonders gut bekannten Sicherheitsprofil eingesetzt werden (Basistherapie).
- Beta-Interferone (IFN-ß): Eine Spritzentherapie, die die Aktivität von Entzündungszellen einschränken und deren Durchtritt durch die Blut-Hirn-Schranke behindern kann.
- Dimethylfumarat: Ein als Tablette eingenommenes Präparat, das die Funktion von Entzündungszellen beeinflusst und möglicherweise zusätzlich einen gewebeschützenden Effekt auf Nervenzellen hat.
- Glatirameracetat: Eine Spritze, die die Funktion von Entzündungszellen beeinflusst, sodass diese weniger aktiv gegen körpereigenes Gewebe vorgehen.
- Teriflunomid: Ein Arzneimittel in Tablettenform, das die Wahrscheinlichkeit einer Teilung und Vermehrung aktivierter weißer Blutkörperchen reduziert.
Medikamente bei sekundär chronisch progredientem Verlauf
- Mitoxantron: Ein Immunsuppressivum, das üblicherweise alle drei Monate als Infusion verabreicht wird.
- Beta-Interferone: Können bei weiter bestehenden Schüben eingesetzt werden.
Medikamente bei primär progredientem Verlauf
- Ocrelizumab: Das erste zugelassene Medikament für Patienten mit primär progredientem Verlauf, das bestimmte B-Lymphozyten neutralisiert und nachweislich das Fortschreiten der Erkrankung verzögert.
Medikamente bei Sonderformen der MS
- Azathioprin: Kann eingesetzt werden, wenn die Abgrenzung zu anderen Autoimmunerkrankungen schwierig ist oder andere MS-Medikamente nicht angewendet werden können.
Neue Entwicklungen in der Immuntherapie
Die MS-Forschung arbeitet kontinuierlich an der Entwicklung neuer und wirksamerer Medikamente. Ein wichtiger Schwerpunkt liegt auf der Weiterentwicklung von immunmodulatorischen Substanzen, die das Voranschreiten der Behinderung effektiver unterbinden sollen. Auch die Erforschung der Rolle von T-Zellen und B-Zellen steht im Fokus, um die Mechanismen der Autoimmunreaktion besser zu verstehen.
Beispiele für Medikamente in Erprobung oder im Zulassungsverfahren
- Siponimod (BAF-312): Verhindert die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten. Mayzent ist in der EU seit 01/2020 gegen sekundär progrediente MS zugelassen.
- Ozanimod: Verhindert als S1P1- und S1P5-Rezeptorantagonist die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten.
- Ponesimod: Verhindert die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten. In klinischer Erprobung, Phase III.
- Immunoglobulin Octagam: In klinischer Erprobung.
Symptomorientierte Therapie
Trotz aller neuen immunmodulierenden Medikamente hat die Behandlung von Symptomen bei Multipler Sklerose nach wie vor eine zentrale Bedeutung. Ziel ist es, die individuell besonders störenden Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
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Medikamentöse Therapie
- Fampridin: Bei Gangstörung
- Cannabis-Mundspray: Bei Spastik und Schmerz
- Amantadin: Bei Fatigue
- Antiepileptika: Bei neuropathischen Schmerzen
- Antidepressiva: Bei Depression
Nichtmedikamentöse Therapie
- Physiotherapie: Zur Verbesserung von Kraft, Koordination und Beweglichkeit
- Ergotherapie: Zur Verbesserung der Selbstständigkeit im Alltag
- Logopädie: Bei Sprach- und Schluckstörungen
- Neuropsychologie / Psychotherapie: Zur Behandlung kognitiver und emotionaler Probleme
- Achtsamkeitsbasierte Therapieansätze: Tai-Chi, therapeutisches Klettern oder tiergestützte Therapie
Therapieempfehlungen bei spezifischen Symptomen
- Spastik: Vermeidung spastikauslösender Ursachen, Physiotherapie, medikamentöse Therapie mit Antispastika (z.B. Baclofen), Botulinumtoxin-Injektionen, intrathekale Baclofen-Therapie
- Gangstörung: Gang- und Ausdauertraining, gezieltes Muskeltraining, Gleichgewichtstraining, Hilfsmittel (z.B. Gehstock, Orthesen)
- Tremor: Physio- und Ergotherapie, Eisanwendungen, Gewichte, tiefe Hirnstimulation
- Fatigue: Energiemanagement-Programme, kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeitstraining, Aufmerksamkeitstraining, körperliche Übungen, kühlende Maßnahmen, medikamentöse Therapie (in Einzelfällen)
- Kognitive Einschränkungen: Informationen über kognitive Einschränkungen, Kompensationstraining, neuropsychologisches Training
- Blasenstörungen: Blasentraining, Beckenbodentraining, Medikamente, invasive und operative Maßnahmen
- Darmstörungen: Nicht-medikamentöse Therapie (z.B. Anpassung des Speiseplans), Medikamente
- Sexuelle Funktionsstörungen: Sexualmedizinische Therapie, Medikamente
Alternative Behandlungen
Da MS bisher nicht geheilt werden kann und Nebenwirkungen bei der "schulmedizinischen" Therapie auftreten können, ist das Interesse an alternativen Behandlungsmöglichkeiten groß. Es ist jedoch wichtig, sich vor der Anwendung alternativer Therapien gut zu informieren und sich von einem Arzt beraten zu lassen. Von riskanten Verfahren wie Behandlungen mit Schlangentoxin sollte unbedingt Abstand genommen werden.
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