Schädigungen des Gehirns, Rückenmarks oder Sehnervs führen in der Regel zu lebenslangen, irreparablen Schäden. Kölner Wissenschaftler, darunter Prof. Dietmar Fischer von der Uniklinik Köln, erforschen neue Ansätze zur Förderung der Nervenfaserregeneration, um so die Voraussetzungen für eine Genesung zu schaffen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Potenzial von Mutterkraut und seinen Inhaltsstoffen.
Mutterkraut: Eine alte Heilpflanze im neuen Fokus
Das kamillenähnliche Mutterkraut (Tanacetum parthenium), auch Zierkamille, Wucherblume oder Frauenminze genannt, ist seit der Antike als Zier- und Heilpflanze bekannt. Im Mittelalter gelangte die Pflanze nach Europa und wurde als Heilkraut bei vielen Frauenbeschwerden verwendet, vor allem während und nach der Geburt. Daher der Name "Mutterkraut". Auch die traditionelle chinesische Medizin (TCM) verwendet das Mutterkraut. Nachdem die Heilwirkung der Pflanze fast in Vergessenheit geriet, findet sie in der modernen Forschung wieder Beachtung.
Mutterkraut gehört zu den Korbblütlern, ist ungiftig und wächst fast überall, wo ausreichend Nährstoffe und Feuchtigkeit vorhanden sind. Es wirkt entzündungshemmend, schmerzlindernd, krampflösend, fiebersenkend (Fieberkraut), verdauungsfördernd und abführend. Dadurch hilft es bei Migräne, Kopfschmerzen, rheumatischen und arthritischen Beschwerden, aber auch bei Hautausschlägen. Wegen der krampflösenden und schmerzstillenden Wirkung wird Mutterkraut gern bei Menstruationsbeschwerden eingesetzt und hilft auch bei Wechseljahresbeschwerden. Zur Behandlung von Allergien wird es ebenfalls benutzt, weil die darin enthaltenen Sesquiterpene eine histaminbedingte Erweiterung der Blutgefäße hemmen. Die Liste der Indikationen ist lang und reicht von Appetitlosigkeit über Depressionen, Gicht, Insektenstiche und Stress bis zu Würmern. Als Gewürzpflanze hingegen findet Mutterkraut keine Anwendung, da die gesamte Pflanze sehr bitter und scharf schmeckt.
Parthenolid: Der Schlüsselwirkstoff im Mutterkraut
Der wichtigste Inhaltsstoff für die schmerzlindernde, entzündungshemmende und antimikrobielle Wirkung von Mutterkraut ist Parthenolid, ein Sesquiterpenlacton. Außerdem enthält die Pflanze weitere bittere Sesquiterpenlactone, die eine überschießende Serotoninfreisetzung hemmen, ätherische Öle, vor allem Kampfer und Chrysanthenylacetat, sowie Flavonoide, die als Radikalfänger (Antioxidantien) den Körper vor freien Radikalen schützen, die für die Entstehung von Krebs sowie allgemein für die Zellalterung verantwortlich gehalten werden.
In den letzten Jahrzehnten wurde die Heilwirkung der Pflanze wissenschaftlich untersucht. Schulmedizinisch anerkannt ist Mutterkraut als Migräneprophylaxe. Besonderes Interesse hat das Parthenolid geweckt, ein Pflanzenstoff, der bei Leukämie nachweislich den Zelltod von Leukämiezellen auslöst. In einigen Ländern wird der Stoff als potenzielles Medikament bei akuter myeloischer Leukämie (AML) in Betracht gezogen. Es ist auch für die Krebstherapie interessant und als begleitende Therapie vieler anderer Beschwerden.
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Mutterkraut und Nervenregeneration: Hoffnung für MS-Patienten
Für Multiple Sklerose-Erkrankte ist sicher besonders interessant, dass Parthenolid das Wachstum der Nervenzellen zu beschleunigen scheint und so zur Regeneration zerstörter Nevenfasern beitragen kann. Zellkulturexperimente zeigten, dass Parthenolide das Nachwachsen von Nervenfasern (Axonen) erheblich beschleunigen. Möglicherweise können Mutterkrautextrakte helfen, verletzte Sehnerven, Rückenmarksverbindungen oder andere Nervenschäden erfolgreich zu behandeln.
Aktuelle Forschungsergebnisse aus Köln
In einer vorangegangenen Arbeit konnten die Wissenschaftler um Prof. Dietmar Fischer, Direktor des Zentrums für Pharmakologie an der Uniklinik Köln, erstmals zeigen, dass durch die Anwendung des Designer-Zytokins mit dem Namen Hyper-Interleukin-6 (hIL-6) Nervenfasern im vollständig verletzten Sehnerv und Rückenmark von Mäusen über deutliche Strecken nachwachsen können, sodass zuvor komplett querschnittsgelähmte Mäuse einige Wochen nach der Behandlung wieder laufen konnten.
In ihrer jetzt veröffentlichten Arbeit fanden die Forschenden heraus, dass hIL-6 in den Nervenzellen neben den regenerationsfördernden Prozessen auch einen hemmenden Effekt ausübt, der somit das volle Potenzial der Behandlung limitiert. Die Wissenschaftler verwendeten einen Inhaltsstoff aus dem Mutterkraut mit dem Namen Parthenolid, der gezielt die dynamischen Prozesse in den Faserspitzen anregt und konnten damit erstmals zeigen, dass dadurch die axonale Regeneration deutlich gesteigert werden konnte. Damit wurde nicht nur die Wirkung von hIL-6 deutlich verbessert, sondern die tägliche Gabe von Parthenolid alleine zeigte bereits einen leichten Effekt auf die Regeneration im verletzten Sehnerv und das Rückenmark. Dass dieses Prinzip auch für den Menschen relevant ist, zeigten die Wissenschaftler an echten, kultivierten menschlichen Nervenzellen, die aus gespendeten Augen gewonnen wurden. „Wir haben diesen Wirkstoff bisher nur bei sehr schweren Verletzung im Sehnerv und Rückenmark getestet, in denen bisher kaum eine relevante funktionelle Verbesserung erreicht werden konnte. Die Forschenden konnten auch zeigen, dass Parthenolid in den verwendeten Dosen zu keinen messbaren unerwünschten Nebenwirkungen führte.
Weitere Studien aus dem Jahr 2024
Eine aktuellere Studie aus dem Jahr 2024, die ebenfalls im "Journal of Neuroscience" veröffentlicht wurde, hat ebenfalls Nerventests mithilfe von Mutterkraut untersucht. In der aktuellen Studie wurde die Wirkung von Vasohibin-Proteinen auf das Skelett der axonalen Wachstumsspitzen, auch bekannt als Mikrotubuli, untersucht. Die Forscher stellten fest, dass es Unterschiede im Gleichgewicht zwischen detyrosinierten und tyrosinierten Mikrotubuli bei erwachsenen Tieren und neugeborenen Tieren gibt. Diese Unterschiede sind von Bedeutung, da das axonale Wachstum bei Neugeborenen durch optimal tyrosinierte Mikrotubuli fast doppelt so hoch ist wie bei erwachsenen Tieren.
Durch die Hemmung der Vasohibin-Proteine mithilfe eines spezifischen Inhaltsstoffs aus dem Mutterkraut (Tanacetum Parthenium) konnten die Forscher das Gleichgewicht zwischen detyrosinierten und tyrosinierten Mikrotubuli bei Nervenzellen von erwachsenen Tieren annähern dem von neugeborenen Tieren. Dies führte zu einer signifikanten Beschleunigung der axonalen Regeneration bei den erwachsenen Nervenzellen. Interessanterweise konnten die Forscher auch im lebenden Tier zeigen, dass Parthenolid, nach täglicher intravenöser Verabreichung, den Heilungsprozess geschädigter Nerven deutlich beschleunigt. Dadurch konnten die Tiere nach der Behandlung früher wieder ihre Zehen bewegen und Reize spüren. Eine modifizierte Form von Parthenolid, die auch oral eingenommen werden kann, zeigte ähnliche Effekte.
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Anwendung von Mutterkraut
Das zur Blütezeit gesammelte Kraut mit Stängeln, Blättern und Blüten wird als Tee oder in Form von standardisierten Fertigpräparaten wie Mutterkraut-Kapseln, -Tabletten, -Tinkturen und -Salben genutzt. Der Wirkstoffgehalt ist normalerweise in Fertigpräparaten höher als in Tee. Zur Migräneprophylaxe können auch einfach frische Blätter gekaut werden. Für die Zubereitung eines Tees nimmst Du einen Teelöffel des Krautes und überbrühst dieses mit 150 ml siedendem Wasser.
Hinweise zur Anwendung und Vorsichtsmaßnahmen
Wer allergisch auf Korbblütler reagiert, sollte Mutterkraut nicht einnehmen, Es kann unerwünschte Auswirkungen im Mundbereich verursachen und vor allem neue Züchtungen der Zierform können Kontaktdermatitis auslösen, man sollte also schon beim Sammeln des Krauts vorsichtig sein.
Mutterkraut wirkt leicht blutverdünnend und kann Blutungszeiten verlängern, deshalb darf es nicht zusammen mit Antikoagulanzien eingenommen werden. Wegen der anregenden Wirkung auf die Gebärmutter darf es nicht in der Schwangerschaft genommen werden und ist auch während der Stillzeit nicht zu empfehlen.
Für einen Mutterkrauttee übergießt man einen gehäuften Teelöffel Kraut mit 250 ml kochendem Wasser und lässt den Tee für etwa 10 Minuten ziehen. Drei Tassen pro Tag werden zur Migräneprophylaxe empfohlen, bei Menstruationsbeschwerden eine Tasse am Morgen auf nüchternen Magen.
Warnung vor Selbstmedikation
Dietmar Fischer rät Patienten mit Polyneuropathien von der Einnahme von kommerziell erhältlichen Mutterkraut-Tees oder -Kapseln, beispielsweise zur Behandlung von Migräne, ab. Es ist wichtig anzumerken, dass die heilende Wirkung des Wirkstoffs des Mutterkrauts nicht bedeutet, dass das reine Pflanzenextrakt wirksam ist. Patienten sollten keine Hoffnung haben, dass Mutterkraut-Kapseln oder -Tee aus der Apotheke ihre Beschwerden lindern können.
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Weitere pflanzliche Antiphlogistika im Überblick
Neben Mutterkraut gibt es eine Vielzahl weiterer pflanzlicher Antiphlogistika, die in der Behandlung verschiedener Erkrankungen eingesetzt werden. Einige Beispiele sind:
- Teufelskralle: Positive Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen an zellulären Testsystemen beziehungsweise kontrollierte Anwendungs-Studien erbringen Wirksamkeitsnachweise für Teufelskrallenextrakte bei verschiedenen rheumatischen Erkrankungen.
- Weidenrinde: Weidenrindenextrakte inhibieren die Expression von TNFα, IL-1β und IL-6 aus Monozyten und wirken antioxidativ. Die Nebenwirkungen sind, mit Ausnahme der Salicylatüberempfindlichkeit, bei akuter Anwendung in der Regel moderat.
- Brennnessel: In sehr hoher Dosierung zeigen wässrig oder wässrig-alkoholische Brennnesselblätter-Extrakte in Tiermodellen und in vitro-Testsystemen entzündungshemmende Aktivitäten.
- Zitterpappel, Esche und Goldrute: Ein Kombinationspräparat aus alkoholischen Extrakten dieser Pflanzen wird zur Behandlung akuter rheumatischer Erkrankungen sowie bei Neuralgien und Muskelschmerzen angewandt.
- Katzenkralle: Eine Studie an 40 Patienten mit aktiver Rheumatoider Arthritis konnte die signifikante Wirksamkeit eines Katzenkrallenextraktes und hier insbesondere die Senkung der Zahl schmerzhafter Gelenke beziehungsweise der Gelenkschwellungen und des Richie-Indexes im Vergleich zu Placebo demonstrieren.
- Wilfords Dreiflügelfrucht: Extrakte der Wurzeln weisen entzündungshemmende und immunsuppressive Effekte auf. In vitro hemmen TwFH-Extrakte die Freisetzung von TNFα, IL-2, und INFγ.
- Weihrauch: Umfassende Tierexperimente belegen die entzündungshemmende Wirkung von Weihrauchharzextrakten und spezifischen Boswelliasäuren auch bei niedriger, oraler Dosierung.
- Cannabis: Mit THC besitzt Cannabis eine bislang einmalig identifizierte bioaktive Substanz, die über einen klar definierten Wirkungsmechanismus Schmerzen lindert.
- Hagebutte: In einer aktuellen Studie wurde jedoch bei 30 Frauen nach 28-tägiger Behandlung mit 10,5 g/Tag Hagebuttenextrakt keine signifikante Biomarker-Änderung beobachtet.
- Nachtkerzenöl und Borretschsamenöl: Bislang werden Nachtkerzenöl und Borretschsamenöl vor allem zur peroralen Therapie der Neurodermitis angewandt.
Die Notwendigkeit weiterer Forschung
"Versuche an menschlichen Nervenzellen haben bereits eine regenerationsfördernde Wirkung gezeigt. Bis der Wirkstoff allerdings in der Therapie Verwendung finden kann, sind noch weitere Untersuchungen in klinischen Studien notwendig", so Univ.-Prof. Dr. Die Erforschung der Wirkmechanismen muss mehr ins Detail, mehr in die Tiefe gehen. In vitro-Effekte zum Beispiel in zelluären Testsystemen treten unmittelbar in Erscheinung. Es kann nicht sein, dass diese, zur Identifizierung »sofortiger« Wirkungen gedachten Untersuchungsmethoden zur Klärung der bei Gabe von Pflanzenextrakten erst nach Wochen einsetzenden Effekte genutzt werden. Um die Möglichkeiten und den Stellenwert pflanzlicher Antiphlogistika klar beurteilen zu können ist mehr Rigorosität und Visionskraft erforderlich, muss die Forschung vehement vorangetrieben werden.
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