Myasthenia Gravis: Auto fahren und Mobilität trotz Muskelschwäche

Myasthenia gravis (MG), oft einfach Myasthenie genannt, ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Verbindungsstellen zwischen Nerven und Muskeln angreift. Dies führt zu einer belastungsabhängigen Muskelschwäche, die verschiedene Bereiche des Körpers betreffen kann. Trotz dieser Herausforderungen möchten viele Betroffene ein aktives und selbstbestimmtes Leben führen, einschließlich der Möglichkeit, Auto zu fahren und zu reisen. Dieser Artikel bietet umfassende Informationen und praktische Tipps, um die Mobilität und Lebensqualität von Menschen mit Myasthenia gravis zu erhalten und zu verbessern.

Was ist Myasthenia Gravis?

Myasthenia gravis ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem Antikörper produziert, die die Kommunikation zwischen Nerven und Muskeln stören. Diese Antikörper blockieren oder zerstören Acetylcholin-Rezeptoren, die für die Muskelkontraktion notwendig sind. Die Folge ist eine Muskelschwäche, die sich bei Belastung verstärkt und in Ruhe wieder bessert.

Ursachen und Risikofaktoren

Die genauen Ursachen von Myasthenia gravis sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass die Thymusdrüse eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Erkrankung spielt. Hormonelle Schwankungen, Stressfaktoren wie Infektionen, bestimmte Medikamente, grelles Licht oder Hitze können die Symptome verschlimmern. Genetische Faktoren scheinen weniger eine Rolle zu spielen, da familiäre Häufungen selten sind.

Symptome

Die Symptome von Myasthenia gravis können stark variieren. Häufig treten zunächst okuläre Symptome auf, wie z.B. hängende Augenlider (Ptose) und Doppelbilder (Diplopie). Im weiteren Verlauf können sich die Symptome auf andere Muskelgruppen ausweiten, was zu Schwierigkeiten beim Kauen, Schlucken, Sprechen, Atmen sowie zu Schwäche in Armen und Beinen führen kann. Die Symptome verstärken sich typischerweise bei Belastung und bessern sich in Ruhe.

Diagnose

Die Diagnose von Myasthenia gravis kann eine Herausforderung sein, da die Symptome unspezifisch sind und anderen Erkrankungen ähneln können. Verschiedene Tests können helfen, die Diagnose zu sichern:

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  • Belastungstests: Beurteilung der Muskelermüdung bei wiederholten Bewegungen.
  • Antikörpertests: Nachweis von Autoantikörpern gegen Acetylcholin-Rezeptoren oder andere Proteine.
  • Elektromyographie (EMG): Messung der elektrischen Aktivität der Muskeln und Nerven.
  • Kälte-Test: Beurteilung der Symptomverbesserung bei Kühlung der betroffenen Muskeln.
  • Pharmakologische Tests: Einsatz von Cholinesterasehemmern zur Verbesserung der Muskelkraft.
  • Bildgebende Verfahren: Untersuchung der Thymusdrüse auf Vergrößerungen oder Tumore.

Behandlung

Die Behandlung von Myasthenia gravis zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Zu den gängigen Behandlungsmethoden gehören:

  • Cholinesterasehemmer: Medikamente, die den Abbau von Acetylcholin verzögern und die Muskelkraft verbessern.
  • Immunsuppressiva: Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken und die Produktion von Autoantikörpern reduzieren.
  • Thymektomie: Entfernung der Thymusdrüse, insbesondere bei Vorliegen eines Thymoms oder einer Vergrößerung der Drüse.
  • Immuntherapien: Intravenöse Immunglobuline (IVIG) oder Plasmapherese zur Entfernung von Autoantikörpern aus dem Blut.
  • CAR-T-Zelltherapie: Eine neuartige Therapie, bei der patienteneigene T-Zellen gentechnisch verändert werden, um B-Zellen zu zerstören, die Autoantikörper produzieren.

Auto fahren mit Myasthenia Gravis

Ob Menschen mit Myasthenia gravis Auto fahren dürfen, hängt von verschiedenen Faktoren ab, insbesondere vom Schweregrad der Erkrankung und dem Vorliegen von Doppelbildern. Medikamentös gut eingestellte Patient*innen können ihren Alltag oft ohne große Einschränkungen weiter verfolgen. Wenn keine Doppelbilder auftreten, ist das Auto fahren in der Regel erlaubt. Es ist jedoch wichtig, die folgenden Aspekte zu berücksichtigen:

  • Regelmäßige Pausen: Planen Sie bei längeren Fahrten ausreichend Pausen ein, um Ermüdung vorzubeugen.
  • Tagesform: Berücksichtigen Sie Ihre Tagesform und vermeiden Sie Fahrten, wenn Sie sich besonders schwach oder müde fühlen.
  • Medikation: Achten Sie auf die regelmäßige Einnahme Ihrer Medikamente, um eine optimale Muskelkraft zu gewährleisten.
  • Ärztliche Beratung: Besprechen Sie Ihre Fahrtauglichkeit regelmäßig mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin.

Reisen mit Myasthenia Gravis

Patientinnen mit myasthenen Syndromen möchten und können, trotz ihrer Erkrankung, in den Urlaub fahren. Im Vorfeld bedarf es einiger Organisation und eventuell auch, je nach Schweregrad und Behandlung, eine individuelle Abstimmung mit der behandelnden Ärztin / dem behandelnden Arzt. Beachten Sie bei der Planung ihre Therapieintervalle von regelmäßigen Infusionen (z. B. IVIG, Eculizumab, Efartigimod, Rituximab, etc.) und, dass diese eventuell vor Ort verabreicht werden müssen. Stellen Sie sicher, dass die medizinische Versorgung und neurologische Betreuung im Notfall vor Ort gewährleistet werden können. Führen Sie ihren Notfallausweis (deutsch, englisch) und einen Medikationsplan (deutsch, englisch, evtl. in der Landessprache) mit sich, damit Sie den bei Notwendigkeit vorlegen können. Für viele ist der „Blaue Leitfaden“ ein wichtiges, unersetzliches Dokument geworden. Einige von Ihnen tragen sicherlich auch die SOS-Notfallkette, -kapsel oder das SOS-Armband. Je nach Reiseziel kann das Klima viel wärmer oder wesentlich kälter sein. Vermeiden Sie Temperaturextreme. Patientinnen und Patienten mit myasthenen Syndromen vertragen Hitze meist schlechter. Immunsupprimierte dürfen nicht alle Schutzimpfungen bekommen (Lebendimpfstoffe, z. B. Gelbfieber). Denken Sie aber auch daran, dass die Standardimpfungen bzw. die entsprechenden Auffrischungen aktuell sind. Eine lange Anreise ist beschwerlich und kann die myasthenen Symptomatik verstärken. Planen Sie bei Fahrten mit dem Auto ausreichend Pausen ein oder genießen Sie es, Beifahrerin zu sein. Auf Rastplätzen an Autobahnen sind in der Regel sowohl Parkplätze als auch Toiletten für Reisende mit Behinderung vorhanden. Meist ist für den Zugang zu den Toiletten sowie die öffentlichen Toiletten mit ein Euro-Schlüssel notwendig. Bei Zugreisen steht Ihnen die Mobilitätszentrale der DB für barrierefreies Reisen zur Verfügung. Schwerbehinderte Personen (auch Kinder), die eine Wertmarke besitzen, können im Nahverkehr kostenfrei fahren. Mit Merkzeichen B dürfen Sie im Fernverkehr bis zu 2 Sitzplätze kostenfrei reservieren, auch wenn sie kein gültiges Beiblatt mit Wertmarke besitzen. Hilfsmittel (z.B. Servicediensten. Der Bedarf soll spätestens 48 Stunden vor dem Flug angemeldet werden. Rollstühle für die Wege durch das Terminal werden bereitgestellt. Auch können Sie u. A. Die Aktivitäten am Urlaubsziel sollten immer an ihre aktuelle Konstitution angepasst sein. Beachten Sie von vorneherein, dass einige Unternehmungen (Wanderungen, Sightseeing) nur bedingt möglich sind und ihre Kräfte schnell schwinden können. Sie selbst kennen sich und Ihre Ressourcen am besten und wissen auch, dass jeder Tag anders sein kann. In zahlreichen Einrichtungen wie z. B.

Planung und Vorbereitung

Eine sorgfältige Planung ist entscheidend, um Reisen mit Myasthenia gravis sicher und angenehm zu gestalten:

  • Ärztliche Beratung: Sprechen Sie vor Reiseantritt mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin, um Ihre Reisepläne zu besprechen und eventuelle Anpassungen Ihrer Medikation oder Therapie zu planen.
  • Medikamente: Nehmen Sie ausreichend Medikamente für die gesamte Reisezeit mit und bewahren Sie diese im Handgepäck auf, um bei Gepäckverlusten abgesichert zu sein.
  • Notfallausweis und Medikationsplan: Führen Sie einen Notfallausweis und einen aktuellen Medikationsplan in Deutsch, Englisch und eventuell in der Landessprache Ihres Reiseziels mit sich.
  • Reiseversicherung: Schließen Sie eine Auslandskrankenversicherung ab, die auch einen eventuellen Rücktransport abdeckt.
  • Barrierefreiheit: Informieren Sie sich vorab über die Barrierefreiheit von Unterkünften, Transportmitteln und Sehenswürdigkeiten.
  • Klima: Vermeiden Sie extreme Temperaturen, da Hitze die Symptome verschlimmern kann.
  • Impfungen: Klären Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin ab, welche Impfungen für Ihr Reiseziel erforderlich sind und ob diese mit Ihrer Immunsuppression vereinbar sind.

Transport

  • Auto: Planen Sie ausreichend Pausen ein und wechseln Sie sich gegebenenfalls mit einem Beifahrer ab. Nutzen Sie Rastplätze mit behindertengerechten Toiletten.
  • Zug: Informieren Sie sich bei der Mobilitätszentrale der Deutschen Bahn über barrierefreies Reisen und buchen Sie bei Bedarf Unterstützung beim Ein-, Um- und Aussteigen. Schwerbehinderte Personen mit Wertmarke können im Nahverkehr kostenfrei fahren.
  • Flugzeug: Melden Sie Ihren Bedarf an Unterstützung (z.B. Rollstuhl, Hilfe beim Einchecken) spätestens 48 Stunden vor dem Flug bei der Fluggesellschaft an. Führen Sie ein ärztliches Attest mit sich, um Flüssigkeiten im Handgepäck transportieren zu dürfen.

Aktivitäten am Urlaubsort

Passen Sie Ihre Aktivitäten am Urlaubsort Ihrer aktuellen Konstitution an und planen Sie ausreichend Ruhephasen ein. Berücksichtigen Sie, dass Ihre Kräfte schnell schwinden können und nicht jeder Tag gleich ist. Nutzen Sie Angebote für Menschen mit Schwerbehinderung, wie z.B. Ermäßigungen in Museen oder Theatern.

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Alltag mit Myasthenia Gravis

Neben der Mobilität im engeren Sinne gibt es viele weitere Aspekte, die den Alltag von Menschen mit Myasthenia gravis beeinflussen. Hier sind einige Tipps, die helfen können, die Lebensqualität zu verbessern:

  • Arbeit: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin über mögliche Anpassungen Ihres Arbeitsplatzes, wie z.B. einen behindertengerechten Arbeitsplatz oder zusätzliche Pausen. Bei Bedarf können Sie eine Schwerbehinderung anerkennen lassen, die Ihnen zusätzlichen Kündigungsschutz und Urlaubstage ermöglicht.
  • Ernährung: Es gibt keine speziellen Ernährungsempfehlungen für Menschen mit Myasthenia gravis. Eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Flüssigkeitszufuhr sind jedoch wichtig für das allgemeine Wohlbefinden. Bei Schluckstörungen kann eine Anpassung der Konsistenz der Nahrung erforderlich sein.
  • Soziale Unterstützung: Suchen Sie den Kontakt zu anderen Betroffenen und tauschen Sie sich über Ihre Erfahrungen aus. Selbsthilfegruppen und Online-Foren können eine wertvolle Unterstützung bieten.
  • Psychische Gesundheit: Achten Sie auf Ihr psychisches Wohlbefinden und suchen Sie bei Bedarf professionelle Hilfe. Myasthenia gravis kann zu Depressionen und Angstzuständen führen.
  • Familienplanung: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin über Ihre Familienplanung und mögliche Auswirkungen der Erkrankung auf Schwangerschaft und Geburt.

Forschung und Ausblick

Die Forschung im Bereich Myasthenia gravis schreitet stetig voran. Neue Therapien, wie die CAR-T-Zelltherapie, bieten Hoffnung auf eine langfristige Remission der Erkrankung. Ziel zukünftiger Forschung ist es, die Ursachen von Myasthenia gravis besser zu verstehen und noch wirksamere und gezieltere Therapien zu entwickeln.

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