Myasthenia gravis ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln stört. Dies führt zu Muskelschwäche, die sich typischerweise bei Belastung verstärkt. Betroffen sind oft Augenlider, Gesicht, Schlucken, Sprache oder auch die Beinmuskulatur. Ein Zusammenhang von Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem körpereigene Strukturen bekämpft, mit einem erhöhten Krebsrisiko wird seit Langem vermutet. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen Myasthenia gravis, Thymomen und dem allgemeinen Krebsrisiko.
Der Thymus und seine Rolle bei Myasthenia gravis
Der Thymus ist ein zentrales lymphatisches Organ, das für die Selektion von T-Lymphozyten (spezielle Abwehrzellen) von zentraler Bedeutung ist. Im Thymus werden unreife T-Lymphozytenvorläuferzellen aus dem Knochenmark durch positive und negative Selektion aussortiert und zu fertigen T-Lymphozyten geschult. Diese Selektionierung ist abhängig von MHC-Molekülen und dem spezifischen Antigen.
Thymome: Tumoren des Thymus
Thymome sind seltene maligne Tumoren und repräsentieren etwa 0,2 - 1,5 % aller Malignome. In etwa 50 % der Fälle ist die Ursache für einen Tumor im vorderen Mediastinum ein Thymom. 10 - 15 % der Patienten mit Myasthenia gravis weisen ein Thymom auf. Umgekehrt kann bei etwa 45 % der Patienten mit einem Thymom eine Myasthenia gravis nachgewiesen werden. Bis heute ist der Zusammenhang zwischen dieser Autoimmunkrankheit und dem Auftreten eines Thymoms nicht eindeutig geklärt. Andere Autoimmunkrankheiten, die mit einem Thymom einhergehen können und in mehr als 2 % der Thymome auftreten, sind die Hypogammaglobulinämie, Red blood cell aplasia, Lupus erythematosus, Polymyositis, Agranulozytose, die rheumatoide Arthitis und der M. Cushing.
Thymome treten bei Männern und Frauen etwa gleich häufig auf, die meisten Patienten sind zum Zeitpunkt der Diagnosestellung zwischen 40 und 60 Jahre alt. Auch wenn in der Literatur zahlreiche Klassifikationssysteme für die Thymome genannt werden, so haben sich für den klinischen Alltag lediglich die Masaoka-Einteilung und die WHO-Klassifikation als nützlich erwiesen. Diese beiden Klassifikationen entscheiden über Therapie und Prognose des Patienten.
Arten von Thymustumoren und medizinische Einteilung
Prinzipiell sind alle Thymome, unabhängig von dem klinisch-histologischen Stadium, als bösartig einzustufen. Das liegt daran, dass alle - auch die scheinbar gutartigen Tumore - bösartig entarten können. Die verschiedenen etablierten Klassifikationssysteme sollen dem Kliniker helfen, die Prognose abzuschätzen und Missverständnisse bezüglich der erforderlichen Therapie zu vermeiden. Grundsätzlich wird dabei - etwas vereinfacht - das Thymom von dem sehr bösartigen Thymuskarzinom unterschieden.
Lesen Sie auch: Medikamentenliste für Myasthenia Gravis – Achtung!
Die Klassifikationssysteme beziehen entweder das feingewebliche Zellbild (Histologie) des Tumors ein oder berücksichtigen den Ausbreitungsgrad im Mediastinum und das Vorhandensein von Absiedlungen (Tochtergeschwülste) bzw. von Lymphknotenmetastasen. Es werden hauptsächlich zwei Klassifikationen angewendet: Einerseits das WHO-System, andererseits die Masaoka-Klassifikation. Die Einteilung der Tumore nach der Weltgesundheitsorganisations-Klassifikation (WHO) nach verschiedenen Zelltypen (histologische Klassifikation) ist aufgrund der fehlenden klinischen Wichtigkeit von untergeordneter Bedeutung. In der klinischen Praxis hat sich aufgrund der guten Einschätzung des zu erwartenden Verlaufs sowie der Überlebenschancen des Patienten die so genannte Masaoka-Klassifikation bewährt. Die Masaoka-Klassifikation ist eine klinische Einteilung der Thymome in vier Stadien, wobei Stadium I das Stadium mit der besten Prognose und Stadium IV das mit der schlechtesten Prognose darstellt.
Symptome von Thymomen
Die Beschwerden, welche bei einem Thymom auftreten können, zeigen sich bei den meisten Patienten erst in fortgeschrittenen Stadien. 30 % der Patienten zeigen bei Diagnosestellung keine Beschwerden. In der Regel entstehen diese Beschwerden, weil der Tumor in das Nachbargewebe einwächst bzw. benachbarte Strukturen zunehmend verdrängt. Dabei kann es sich im Einzelnen um folgende Symptome handeln:
- Druckgefühl hinter dem Brustbein
- Atemnot (die Luftröhre ist verengt)
- Schluckbeschwerden (Druck auf die Speiseröhre)
- Heiserkeit (so genannte Recurrensparese); ursächlich liegt dabei eine Lähmung des Stimmnervs (Nervus laryngeus inferior) zugrunde
- Obere Einflussstauung (die obere Hohlvene wird durch den Tumor zusammen gepresst und dadurch der Blutrückfluss aus dem Kopf und den Armen zum Herzen behindert)
- Herzfunktionsstörungen (Tumormasse drückt auf das Herz)
- Gemeinsames Auftreten mit speziellen Erkrankungen (z. B. Myasthenia gravis)
- Brustkorbschmerzen
- Husten
- Luftnot (Dyspnoe)
40 % der Beschwerden sind durch die große Tumormasse im Brustkorb bedingt. Von allen Patienten mit einem Thymom haben 30 % nicht nur lokale, sondern auch systemische Beschwerden (betrifft den ganzen Körper).
Diagnose und Therapie von Thymomen
Die Diagnose eines Thymoms wird meist zufällig im Rahmen einer Routineuntersuchung (Röntgen-Thorax) gestellt. Oftmals haben die Patienten mehrere Arztbesuche hinter sich, da die Beschwerden meist unspezifisch sind. Es sollte beim Verdacht auf ein Thymom immer ein Röntgenbild des Brustkorbs in zwei Ebenen angefertigt werden. Dabei ist sowohl von vorn als auch von der Seite eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs erforderlich. Besteht der Verdacht auf ein Geschwür der Thymusdrüse, ist eine Schichtaufnahme des Brustkorbs (Computertomographie, CT) zwingend erforderlich. Um einen etwaigen Befall benachbarter Strukturen (Lungenfell, Lunge, Herzbeutel, Speiseröhre, Halsweichteile) besser abschätzen zu können, ist in Einzelfällen eine Kernspintomographie (Magnetresonanztomographie, MRT) erforderlich.
Bei einer Geschwulst im Mediastinum kann es sich neben einem Thymom auch um andere Tumorarten handeln. Als Alternative muss immer an ein Lymphom (Lymphdrüsenkrebs) oder an einen bösartigen Tumor der Keimzellen (embryonaler Tumor) gedacht werden. Deshalb ist vor einer Behandlung die genaue Klärung der Tumorart anzustreben. Dies ist nur durch eine feingewebliche Untersuchung endgültig zu klären, für die eine Gewebeprobe (Biopsie) gewonnen werden sollte.
Lesen Sie auch: Alles über Myasthenia Gravis
Der Goldstandard der Therapie bei chirurgisch vollständig entfernbaren Thymomen ist die Operation. Dabei ist aus onkologischer Sicht für das Überleben der Patienten der wichtigste beeinflussende Faktor die Entfernung des Tumors im Gesunden (R0-Resektion). Dabei müssen alle dem Thymom anhängenden Strukturen mitentfernt werden. Bei der Operation wird das Restthymusgewebe sowie die umgebenden Lymphknoten und alle Fett- und Bindegewebsbestandteile entfernt. Insgesamt sinkt die Möglichkeit einer kompletten Tumorentfernung mit dem höheren, im vorangehenden Absatz beschriebenen Masaoka-Stadium. Bei Patienten im Stadium I kann in 100 % der Fälle eine komplette Tumorresektion erzielt werden.
Die Operation des Thymus kann über verschiedene Zugangswege erfolgen und richtet sich nach Tumorausdehnung und -größe. Der am häufigsten erforderliche Zugangsweg ist die Eröffnung des Brustbeins (Sternotomie). Wenn man sich die Überlebensraten der Patienten im Hinblick auf die verschiedenen Zugangswege anschaut, muss aufgrund der guten Sicht und der Möglichkeit, alles Gewebe inklusive Lymphknoten zu entfernen (Radikalität), die so genannte mediane Sternotomie (längsseitige Durchtrennung des Brustbeins) als Standard-Zugang empfohlen werden. Die Entfernung aller Lymphknoten in dem Abflussgebiet des Tumors (radikale Lymphknotendissektion) ist nur bei Thymuskarzinomen (spezieller Tumortyp, WHO-Typ C) zwingend erforderlich und verbessert ganz klar das Überleben des Patienten. Insgesamt setzen Thymome sehr selten Lymphknotenmetastasen. Die Wahrscheinlichkeit wird mit 1,8 % angegeben und hat keinen Einfluss auf das Überleben.
Der Stellenwert der Strahlentherapie ist bei diesem Tumortyp nicht unstrittig, da es aufgrund der Seltenheit nur sehr wenige Zentren mit der entsprechenden Erfahrung gibt. Insgesamt reagieren Thymome gut auf eine Strahlentherapie und zeigen ein gutes Ansprechen. Patienten im Masaoka Stadium III profitieren deutlich von einer anschließenden Bestrahlung und deshalb sollte sie den Patienten zur Senkung der Lokalrezidivrate unbedingt angeboten werden. Ein Lokalrezidiv wird durch die Strahlentherapie gut erfasst und lässt eine lokale Bestrahlung sinnvoll erscheinen. Prinzipiell reagieren Thymome empfindlich auf eine Chemotherapie (chemosensibel). Bei Nachweis von Metastasen auch außerhalb des Brustkorbes ist eine Chemotherapie erforderlich.
Verlauf, Überleben und Vorbeugung von Thymomen
Insgesamt ist die Prognose bei Thymomen gut, am besten ist sie bei einem vollständig abgekapselten und komplett entfernten Tumor, der nicht weit ausgedehnt war. In manchen Fällen kann das Thymom nicht vollständig entfernt werden, da der Tumorbefall zu ausgedehnt ist. Eine Operation ist aber auch dann sinnvoll, da durch die Reduktion der Tumormasse (Reduktion der Tumorlast) das Überleben der Patienten ebenfalls verbessert werden kann. Im Anschluss muss dann aber eine Nachbestrahlung erfolgen. Die 5-Jahres-Überlebensrate ist bei Thymomen mit etwas über 80 % hoch. Insgesamt wird das Überleben dabei stark von dem lokalen Wachstumsverhalten sowie dem etwaigen Auftreten eines erneuten Thymoms (Rezidiv) beeinflusst. Nur in sehr wenigen Fällen (9 %) treten Tochtergeschwülste auf, weshalb die lokale Tumorentfernung im Vordergrund steht. Es gibt insgesamt einige wichtige Faktoren, die das Überleben positiv beeinflussen (Prognosefaktoren). Dazu gehören die Entfernung des Tumors im Gesunden, ein niedriges Masaoka-Stadium und das Vorhandensein einer Kapsel.
Wie bei vielen anderen Tumorarten gibt es auch bei Thymomen keine verlässlichen Methoden, die der Entstehung vorbeugen könnten. Inwieweit eine familiäre Häufung und damit eine genetische Veranlagung (genetische Disposition) vorliegt, ist unklar.
Lesen Sie auch: Myasthenie und Sauna: Infos
Parathymische Syndrome
Thymome können typischerweise mit bestimmten Erkrankungen vermehrt auftreten. Dabei ist insbesondere eine Autoimmunerkrankung, die so genannte Myasthenia gravis, zu nennen. Außerdem kann ein Thymom mit einer Blutarmut (Pur Red Cell Aplasie), mit einer Hypogammaglobulinämie, einer Antikörpermangelerkrankung, oder mit anderen Erkrankungen des autoimmunen Formenkreises (rtheumatoide Erkrankungen) auftreten. Diese Erkrankungsbilder werden unter dem Bergriff der parathymischen Syndrome zusammengefasst. Insgesamt ist nicht genau bekannt, warum ein Thymom zusammen mit den oben genannten Erkrankungen auftreten kann.
Zusammenhang zwischen Myasthenia gravis und Thymom
Bei Patienten mit einer Myasthenie findet sich in ca. 10 - 15% der Fälle ein Thymom, umgekehrt kann bei ca. 45% der Patienten mit einem Thymom eine Myasthenie gefunden werden. Bis heute ist der Zusammenhang zwischen dieser Autoimmunkrankheit und dem Auftreten des Thymoms nicht eindeutig geklärt. Andere Autoimmunerkrankungen aus dem parathymischen Formenkreis treten in etwas mehr als 2% der Fälle auf. Bei der Myasthenia gravis im Speziellen finden sich in der Thymusdrüse in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle krankhafte Veränderungen und scheinen deshalb eine zentrale Rolle bei der Initiierung dieser Autoimmunerkrankung zu spielen.
Im Fall der Myasthenie ist ein spezifischer Autoantikörper gegen den so genannten Acetylcholinrezeptor nachweisbar. Dies ist aber nicht bei allen Patienten mit einer Myasthenie möglich, so dass medizinisch eine Myasthenie mit Antikörpernachweis (seropositive Myasthenie) und eine ohne Autoantikörpernachweis (seronegative Myasthenie) unterschieden werden muss. Dieser Rezeptor regelt die Übertragung von Nervenimpulsen an den Verbindungsstellen zwischen Nerven und Muskelzellen (motorische Endplatte). Durch die Autoantikörper wird dieser Rezeptor zerstört, so dass dort eine Übertragungsstörung vorliegt. Es resultiert eine muskuläre Schwäche, die prinzipiell alle Muskelgruppen betreffen kann. Beschwerden, die auf eine Myasthenie hinweisen können, sind Doppelbilder, Kau- und Schluckbeschwerden, eine Gewichtsabnahme sowie eine sehr schnelle Ermüdung insbesondere der großen körpernahen Muskelgruppen (Quadrizeps, Bizeps). Hängende Augenlieder oder Sehschwächen sind oft die ersten Symptome. Im schlimmsten Fall kann diese Erkrankung zum Ausfall der Atemmuskeln mit folgender künstlicher Beatmung führen.
Nach der Entfernung der Thymusdrüse bzw. des Thymoms (Resektion) sind diese Beschwerden in den meisten Fällen rückläufig sowie selbstlimitierend. Deswegen wird neben der medikamentösen Therapie mit speziellen Medikamenten (Mestinon, Kortison) die Tumorresektion empfohlen. Patienten mit einer so genannten seronegativen Myasthenia gravis ohne nachweisbaren Autoantikörper gegen diese Acetylcholinrezeptoren im Labor scheinen nicht von einer Thymusresektion zu profitieren. In jedem Fall sollte aber ein Neurologe mit in die Behandlung einbezogen werden und der Patient vor einer Operation keine myastenen Beschwerden aufweisen.
Nachsorge bei Thymomen
Da alle Thymome als bösartig gelten, ist wie bei jedem anderen malignen Tumor eine Nachsorge zu empfehlen. Bei der Nachsorgebetreuung der Patienten sollte beachtet werden, dass Thymome eine hohe Lokalrezidivrate aufweisen und auch nach einer Operation neue Tumormanifestationen in bis zu 10 Jahren entstehen können. Im Rahmen der Nachsorge sollte eine regelmäßige Vorstellung des Patienten alle drei Monate in den ersten zwei Jahren mit Anamnese und körperlicher Untersuchung erfolgen. Darüber hinaus sollte alle 12 Monate ein CT-Thorax durchgeführt werden, da dadurch Lokalrezidive erkannt werden können.
Autoimmunerkrankungen und erhöhtes Krebsrisiko
Ein Zusammenhang von Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem körpereigene Strukturen bekämpft, mit einem erhöhten Krebsrisiko wird seit Langem vermutet.
Studienergebnisse zum Krebsrisiko bei Autoimmunerkrankungen
Im Deutschen Krebsforschungszentrum untersuchte der Epidemiologe Kari Hemminki gemeinsam mit schwedischen Kollegen diese Wechselbeziehung zwischen 33 verschiedenen Autoimmunerkrankungen und 11 unterschiedlichen Krebserkrankungen des gesamten Verdauungstraktes (Mundhöhle, Speiseröhre, Magen-Darm-Trakt, Leber und Bauchspeicheldrüse). Dabei zeigte sich, dass die meisten Autoimmunerkrankungen das Krebsrisiko für die Betroffenen erhöhen.
So zeigen Menschen, die an Perniziöser Anämie, einer Form der Blutarmut, leiden, ein viermal höheres Risiko an Magenkrebs zu erkranken als die Allgemeinbevölkerung. Bei Myasthenia gravis, einer Störung der neuromuskulären Erregungsübertragung, treten sogar fünf verschiedene Krebsarten vermehrt auf: Beispielsweise haben Patienten, die an dieser relativ seltenen Autoimmunerkrankung leiden, ein fast dreifach erhöhtes Risiko für Speiseröhrenkrebs. Für Magen- und Darmkrebs ist das Risiko um etwa 30 Prozent höher als das der Allgemeinbevölkerung. Auch bei Morbus Crohn, systemischem Lupus, bei der chronisch entzündlichen Darmerkrankung Colitis ulcerosa, sowie bei der Schuppenflechte Psoriasis fanden die Forscher erhöhte Risiken für mehrere Krebsarten des Verdauungstraktes. Bei Rheumatikern dagegen beobachteten die Epidemiologen ein um 30 Prozent vermindertes Darmkrebsrisiko.
Mögliche Ursachen für verändertes Krebsrisiko
Eine mögliche Ursache für die gesteigerten oder verringerten Krebsrisiken von Patienten mit Autoimmunkrankheiten liegt in der Medikation: Viele dieser Krankheiten werden mit immununterdrückenden Medikamenten behandelt. Das so gedrosselte Immunsystem ist nicht mehr in der Lage, Tumorzellen effizient zu bekämpfen. Das bedingt ein erhöhtes Krebsrisiko. Entzündungshemmende Medikamente dagegen können das Krebsrisiko mindern. So wurde etwa gezeigt, dass der Aspirin-Wirkstoff ASS, der in vielen Rheumamedikamenten enthalten ist, Krebserkrankungen vorbeugen kann.
Empfehlungen für Patienten mit Autoimmunerkrankungen
Für Kari Hemminki ist die wichtigste Schlussfolgerung aus den Studienergebnissen: “Ärzte sollten ihren Patienten mit Autoimmunerkrankungen empfehlen, regelmäßig an Krebsfrüherkennungsprogrammen teilzunehmen.“
Immuntherapie mit Checkpoint-Hemmern bei Autoimmunerkrankungen
Checkpoint-Hemmer lösen Bremsen im Immunsystem, um Krebs zu bekämpfen. Doch sind sie auch einsetzbar, wenn das Immunsystem bei Patienten ohnehin schon gesundes Gewebe angreift? Die bisherigen, allerdings häufig kleinen und retrospektiven Studien deuten darauf hin: Krebsbetroffene, die bereits vor Therapiebeginn eine Autoimmunerkrankung hatten, bekommen unter Immun-Checkpoint-Hemmern etwas häufiger immunvermittelte Nebenwirkungen. Diese sogenannten irAEs (immune-related adverse events) sind entweder ein "Aufflackern" (Flare) der bereits bestehenden Erkrankung oder auch eine neu auftretende Autoimmunreaktion. Je nach Studie traten Flares der Autoimmunerkrankung unterschiedlich häufig auf: Sie betrafen in Studien etwa zwischen 1 und 70 Prozent der Teilnehmenden. Die große Mehrheit der auftretenden Flares und irAEs wird in den bisherigen Untersuchungen zum Thema als mild und gut behandelbar beschrieben. In einzelnen Fällen kam es aber auch zu schweren Verläufen.
Es gibt inzwischen aber erste, in der Regel kleine Auswertungen auch zur Behandlung von Betroffenen mit potenziell lebensbedrohlichen Autoimmunerkrankungen wie einer Myasthenia gravis oder entzündlichen Autoimmunerkrankungen des Darmtraktes.
Einflussfaktoren auf irAEs
Ob Flares oder immunvermittelte Nebenwirkungen auftreten, hängt grundsätzlich davon ab, an welcher Krebserkrankung Betroffene erkrankt sind, an welcher Autoimmunerkrankung sie leiden und/oder mit welchen Checkpoint-Inhibitoren sie behandelt werden.
- Zur Krebsart: Die meisten Untersuchungen zur Rolle vorbestehender Autoimmunerkrankungen gibt es beim malignen Melanom und bei Lungenkrebs.
- Zur Art der Immunerkrankung: Flares wurden beispielsweise besonders häufig beschrieben bei Krebspatienten mit rheumatoiden Autoimmunerkrankungen beziehungsweise Psoriasis.
- Zur eingesetzten Immuntherapie: Einige Auswertungen gibt es zu der Frage, ob die Art beziehungsweise das Ziel-Eiweiß des Checkpoint-Hemmers die Häufigkeit und Schwere von Flares oder neu auftretenden irAEs bei Patienten mit vorbestehenden Autoimmunerkrankungen beziehungsweise immunvermittelten Erkrankungen beeinflusst.
Wirksamkeit der Immuntherapie bei Autoimmunerkrankungen
Inzwischen geht man davon aus, dass eine Immuntherapie mit Checkpoint-Hemmern bei Patientinnen und Patienten mit vorbestehenden Autoimmunerkrankungen insgesamt ähnlich gut wirkt wie bei anderen Krebspatienten. In einer aktuellen, großen retrospektiven Analyse wurde die Mortalität von Krebspatientinnen und -patienten unter PD-1-/PD-L1-Hemmer-Behandlung mit vorbestehender Autoimmunerkrankung untersucht. Verglichen wurden 17.497 Krebspatienten mit vorbestehender Autoimmunerkrankung und 17.497 gematchte Patienten ohne eine solche. In dieser Analyse hatten die Patienten mit Autoimmunerkrankungen eine vergleichbare Prognose wie die Patienten in der Kontrollgruppe. Bei Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis oder Vitiligo in der Vorgeschichte war die Mortalität sogar statistisch signifikant vermindert.
Immunsuppressiva zu Beginn der Immuntherapie
Eine schwer zu interpretierende Gruppe stellen die Patientinnen und Patienten dar, die bereits zu Beginn einer Therapie mit Checkpoint-Hemmern wegen ihrer Autoimmunerkrankung unter immunsuppressiver Behandlung stehen. Allein die Tatsache, dass sie diese Behandlung derzeit benötigen, kann auf eine aktive beziehungsweise aggressiv verlaufende Autoimmunerkrankung hindeuten. Auf der anderen Seite kann die Immunsuppression wiederum das Auftreten von Flares und weiteren immunvermittelten Nebenwirkungen verhindern oder zumindest vermindern. Für diese Gruppe gibt es tatsächlich Hinweise aus einzelnen Studien darauf, dass die Prognose der Betroffenen unter einer Immuntherapie insgesamt etwas schlechter sein könnte als die von Patientinnen und Patienten, die zu Beginn einer Therapie mit Checkpoint-Hemmern keine immunsupprimierenden Medikamente erhalten. In diesen Studien wurde das insbesondere für eine Immununterdrückung mit Kortikosteroiden beobachtet.
Fazit zur Immuntherapie bei Autoimmunerkrankungen
Die bisherigen Daten zeigen, dass eine Autoimmunerkrankung oder eine immunvermittelte entzündliche Erkrankung (IMID) in der Vorgeschichte nicht automatisch eine Kontraindikation für eine Behandlung mit Checkpoint-Hemmern darstellt - insbesondere, wenn die Erkrankung gut unter Kontrolle ist, keine gleichwertigen Alternativen zur Verfügung stehen und keine lebensbedrohlichen Konsequenzen zu befürchten sind. Bezüglich der Behandlung von Krebsbetroffenen mit vorbestehenden Autoimmunerkrankungen oder IMIDs mit Immun-Checkpoint-Hemmern sind aber noch Fragen offen. Dazu gehört beispielsweise die Frage, welche Patientinnen und Patienten besonders gefährdet für einen schweren Flare oder irAEs sind, oder auch die Fragen, mit welchen Medikamenten Autoimmun-Flares und irAEs am besten vorgebeugt werden kann oder wie sie behandelt werden sollten. Ergebnisse laufender klinischer Studien werden in den nächsten Jahren dabei helfen, den möglichen Schaden und Nutzen genauer zu definieren.
Innovative Therapieansätze bei Myasthenia gravis
Eine ursprünglich zur Behandlung von Blutkrebs entwickelte Immuntherapie hat bei einer Patientin mit schwerer Myasthenia gravis zu einer anhaltenden, fast vollständigen Besserung geführt. Die einmalige Gabe eines sogenannten bispezifischen T-Zell-Antikörpers (TCE) an der Universitätsmedizin Magdeburg führte innerhalb weniger Wochen zu einem Wiedergewinn verlorener Lebensqualität - ein Behandlungserfolg, der nun über acht Monate anhält.
„Der eingesetzte bispezifische Antikörper bringt T-Zellen gezielt mit krankheitsverursachenden Plasmazellen zusammen“, erklärt Prof. Dr. Dimitrios Mougiakakos, Direktor der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Zelltherapie an der Universitätsmedizin Magdeburg. „Diese Zellen produzieren Autoantikörper - und werden durch die aktivierten T-Zellen in einem gezielten immunologischen Angriff ausgeschaltet. Bereits drei Monate nach der einmaligen Infusion konnten alle Medikamente schrittweise abgesetzt werden. Die Patientin war vollständig therapiefrei, ihre Gehstrecke betrug über 1,5 Kilometer - mittlerweile bewältigt sie Strecken über zwei Kilometer und ist im Alltag weitgehend beschwerdefrei.
tags: #myasthenia #gravis #und #metastasen