Hypoglossusparese: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Die Hypoglossusparese, auch Zungenlähmung genannt, ist eine Funktionsstörung des Nervus hypoglossus (XII. Hirnnerv), der für die Steuerung der Zungenmuskulatur verantwortlich ist. Diese Lähmung kann vielfältige Ursachen haben und sich durch Sprech- und Schluckstörungen äußern. Der Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnosemethoden und Behandlungsansätze bei Hypoglossusparesen, insbesondere im Zusammenhang mit Narkose und chirurgischen Eingriffen.

Anatomie und Funktion des Nervus hypoglossus

Der Nervus hypoglossus ist der zwölfte Hirnnerv und hat eine rein motorische Funktion. Er innerviert die äußeren und inneren Zungenmuskeln und ist somit essenziell für die Beweglichkeit der Zunge.

  • Verlauf: Der Ursprungskern liegt in der Medulla oblongata unterhalb der Rautengrube. Der Nerv verlässt den Hirnstamm im Sulcus praeolivaris (zwischen Pyramidenbahn und Olive) und tritt durch den Canalis hypoglossus aus der Schädelbasis aus. Anschließend verläuft er zwischen der Arteria carotis interna und der Vena jugularis interna, bevor er in die Zunge eintritt (zwischen dem Musculus hypoglossus und dem Musculus genioglossus).
  • Funktion: Der Nervus hypoglossus steuert die Motilität der Zunge, was für die Artikulation der Sprache und den Schluckakt von Bedeutung ist.

Ursachen einer Hypoglossusparese

Eine Schädigung des Nervus hypoglossus kann verschiedene Ursachen haben, die sich in Prozesse im Kerngebiet, im Bereich der Schädelbasis oder im Verlauf der Arteria carotis interna unterteilen lassen.

  • Prozesse im Kerngebiet: Hirnstamminfarkt, Hirnstammblutung, Multiple Sklerose
  • Prozesse im Bereich der Schädelbasis: Tumoren, Traumata, Aneurysmen
  • Prozesse im Bereich der Arteria carotis interna: Carotisaneurysma, Carotisdissektion
  • Weitere Ursachen: Schädigung durch Zug/Druck

Je nach Lokalisation der Schädigung unterscheidet man:

  • Supranukleäre Hypoglossusparese: Schädigung oberhalb des Kerngebiets.
  • Nukleäre Hypoglossusparese: Läsion im Kerngebiet (z.B. entzündlich/ischämisch).
  • Periphere Hypoglossusparese: Schädigung im Verlauf des Nervs.

Symptome einer Hypoglossusparese

Die Symptome einer Hypoglossusparese hängen vom Ausmaß und der Lokalisation der Schädigung ab. Typische Anzeichen sind:

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  • Abweichen der Zunge zur kranken Seite beim Herausstrecken (aufgrund des Überwiegens des Musculus genioglossus der gesunden Seite)
  • Schwierigkeiten, die Zunge zur paretischen Seite zu bewegen
  • Dysarthrie (Sprechstörung)
  • Dysphagie (Schluckstörung)
  • Das Gefühl einer "dicken", schweren und ungeschickten Zunge
  • Bei längerer Bestehen der Lähmung kann es zu einer Atrophie der Zunge mit Faszikulationen (unwillkürliche Muskelzuckungen) kommen.
  • Bei beidseitiger Parese kann die Zunge kaum über die Zähne nach vorne geschoben werden.

Hypoglossusparese im Zusammenhang mit Narkose und Laryngektomie

Hypoglossusparesen können in seltenen Fällen als Komplikation nach Narkose oder chirurgischen Eingriffen im Kopf-Hals-Bereich auftreten.

Hypoglossusparese nach Narkose

Obwohl selten, können Hypoglossusparesen im Zusammenhang mit anästhesiologischen Maßnahmen auftreten. Shah et al. beschrieben in einer Übersichtsarbeit insgesamt 48 Kasuistiken einer Hypoglossusparese nach Atemwegsmanagement im Zeitraum von 1926 bis 2013 [2]; Kraus et al. fanden 28 Fälle in einem Zeitraum von 71 Jahren [3].

Mögliche Ursachen:

  • Manipulation oder Kompression: Während der Atemwegssicherung kann es durch Manipulation (Sellick-Handgriff) oder Kompression durch Larynxmaske, Tubus oder die Blockermanschette gegen das Os hyoideum, gegen Ring- oder Schildknorpel oder den Kieferwinkel zu Läsionen der extrakraniellen Anteile des Nervs kommen.
  • Druckläsionen: Druckläsionen der posterioren Anteile sind durch die Laryngoskopie oder eine pharyngeale Abstopfung möglich, insbesondere bei Eingriffen im HNO-Bereich.
  • Zerrungen: Überstreckung der Halswirbelsäule bei der Maskenbeatmung und Intubation kann infolge Überdehnungen über den seitlichen Anteil des Processus transversus von C1 zu Zerrungen führen.
  • Lagerung: Eine ungünstige Lagerung während des Eingriffs, insbesondere in Kombination mit einer länger dauernden Reklination, kann zu einer Kompression des Nervs führen.

Fallbeispiel:

Eine 42-jährige Patientin entwickelte nach einer Follikelpunktion in Analgosedierung eine unilaterale Zungenschwellung rechts mit ipsilateraler Deviation. Die Ursache war vermutlich eine länger dauernde Reklination im Rahmen der Maskenventilation in Kombination mit einer ungünstigen Lagerung.

Hypoglossusparese nach Laryngektomie

Bei der Laryngektomie (Kehlkopfentfernung), einem operativen Verfahren zur Behandlung von Kehlkopfkrebs, kann es ebenfalls zu einer Schädigung des Nervus hypoglossus kommen, insbesondere wenn eine Neck-Dissection (Halsweichteilausräumung) durchgeführt wird.

Laryngektomie:

  • Teilresektion: Bei der queren (supraglottischen) Teillaryngektomie bleibt die Stimmlippenebene erhalten, was eine normale Stimmbildung ermöglicht.
  • Totale Laryngektomie: Hierbei wird der komplette Kehlkopf einschließlich Kehldeckel und Stimmlippen entfernt. Im Regelfall wird dabei auch eine Neck-Dissection durchgeführt.

Risiken:

  • Beschädigung von Organen und Strukturen in der Nähe des Operationsgebietes, einschließlich Nervenschädigungen (z. B. Nervus hypoglossus, Nervus accessorius).

Diagnose einer Hypoglossusparese

Die Diagnose einer Hypoglossusparese umfasst eine neurologische Untersuchung, bildgebende Verfahren und elektrophysiologische Tests.

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  • Klinische Untersuchung: Prüfung der Motilität der Zunge (Zunge herausstrecken, Seitwärtsbewegung, Druck gegen die Backentasche). Zeichen einer Beteiligung anderer Hirnnerven?
  • Kernspintomographie (MRT) des Kopfes: Suche nach Läsionen im Verlauf des Nervs oder im Hirnstamm. Die neuromuskuläre MRT ermöglicht eine genaue Lokalisation krankhafter Prozesse und die Darstellung des Ausmaßes der Nervenschädigung.
  • Elektromyographie (EMG) der Zunge: Nachweis von Faszikulationen/Fibrillationen, Beurteilung der Nervenleitgeschwindigkeit.
  • Weitere Abklärung: Je nach Verdachtsmomenten können weitere Untersuchungen wie Lumbalpunktion (z.B. zum Ausschluss einer Borreliose) oder Stapediusreflexmessung (Lokalisationsdiagnostik) erforderlich sein.

Behandlung einer Hypoglossusparese

Die Behandlung einer Hypoglossusparese richtet sich nach der Ursache und dem Ausmaß der Schädigung.

  • Therapie der Ursache: Behandlung von Infektionen, Entfernung von Tumoren, Rekonstruktion nach Trauma.
  • Medikamentöse Therapie: Kortikosteroide (bei Schwellungen), Vitamin-B-Komplex-Präparate.
  • Logopädie: Verbesserung der Artikulation und des Schluckakts.
  • Operation: In bestimmten Fällen kann eine operative Therapie zur Nervenrekonstruktion oder -reparatur erforderlich sein.
    • Primäre Nervennaht: Bei erlittenem Trauma mit Durchtrennung des Nervs.
    • Sekundäre Nervennaht/Nerveninterponate: Transplantation von Hautnerven (z.B. vom Unterschenkel).
    • Nerventransplantation: Verpflanzung eines Nerven von der gesunden Seite zur Reinervation der gelähmten Muskulatur.
    • Funktioneller Muskeltransfer: Verpflanzung anderer Muskeln zur Übernahme der Funktion der mimischen Muskulatur (z.B. Musculus temporalis, Musculus masseter oder Musculus gracilis).

Prognose und Rehabilitation

Die Prognose einer Hypoglossusparese hängt von der Ursache und dem Ausmaß der Nervenschädigung ab. Bei extrakraniellen Paresen des Nervus hypoglossus handelt es sich meist um Neurapraxien, bei denen Axon und Hüllgewebe erhalten bleiben, was eine gute Prognose bedeutet. Allerdings können Regenerationszeiträume von bis zu einem Jahr beobachtet werden. Bei Paresen infolge intraoraler und pharyngealer Alterationen kann es in bis zu 20 % der Fälle zu einer nur teilweisen Erholung kommen.

Die Rehabilitation umfasst in der Regel logopädische Übungen zur Verbesserung der Artikulation und des Schluckakts. In einigen Fällen kann auch eine Anpassung der Ernährung erforderlich sein, um ein Verschlucken zu vermeiden.

Fazit

Die Hypoglossusparese ist eine seltene, aber potenziell schwerwiegende Komplikation, die im Zusammenhang mit Narkose und chirurgischen Eingriffen auftreten kann. Eine frühzeitige Diagnose und eine adäquate Behandlung sind entscheidend, um die bestmöglicheFunktionswiederherstellung zu erreichen.

Präventive Maßnahmen

Um Läsionen des Nervus hypoglossus im Rahmen von Narkosen vorzubeugen, sollten folgende Maßnahmen beachtet werden:

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  • Präanästhesiologische Untersuchung: Dezidierte Befragung nach HWS-Problemen als Hinweis auf eine individuelle Empfindlichkeit bei der Reklination.
  • Sorgfältige Lagerung: Vermeidung von starker Reklination und Druck auf den Halsbereich.
  • Vermeidung von übermäßigem Druck: Bei Maskenbeatmung und Intubation sollte übermäßiger Druck auf den Kieferwinkel vermieden werden.
  • Berücksichtigung individueller Faktoren: Das Körpergewicht des Patienten kann ein prädisponierender Faktor sein, daher sollte bei übergewichtigen oder kachektischen Patienten besonders auf eine schonende Atemwegssicherung geachtet werden.
  • ggf. Verwendung von Hilfsmitteln: In bestimmten Fällen kann die Verwendung von Wendl- oder Guedel-Tubus protektiv sein.

Durch die Beachtung dieser präventiven Maßnahmen kann das Risiko einer Hypoglossusparese im Zusammenhang mit Narkose minimiert werden.

Stimmrehabilitation nach Laryngektomie

Da der Kehlkopf eine zentrale Rolle bei der Stimmproduktion spielt, erfordert die postoperative Phase nach einer Laryngektomie eine Anpassung an neue Methoden der Kommunikation.

  • Methoden des Stimmersatzes (Stimmrehabilitation): Die Erfordernis ist abhängig von der Art der Operation.
  • Elektronische Sprechhilfe: Ein externes, handgehaltenes Gerät erzeugt Schwingungen, die durch Anlegen an Hals oder Gesicht in den Mundraum übertragen werden.

Adjuvante Therapie und regelmäßige medizinische Kontrollen

  • Adjuvante Therapie bei fortgeschrittenem Krebs: Bei Patienten mit Larynx- oder Hypopharynxkarzinom im Stadium UICC III oder höher wird in der Regel eine adjuvante Radiotherapie oder Radiochemotherapie empfohlen.
  • Regelmäßige medizinische Kontrollen: Diese dienen der Überwachung der Wundheilung und dem Management möglicher Komplikationen.

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