Nerv für Mitgefühl: Die Rolle von Spiegelneuronen und Empathie

Die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, ist ein grundlegender Aspekt des Menschseins. Sie ermöglicht es uns, die Gefühle anderer zu verstehen und zu teilen, was für soziale Interaktionen und Beziehungen unerlässlich ist. Eine Schlüsselrolle bei diesem Prozess spielen die sogenannten Spiegelneuronen, ein faszinierendes System im Gehirn, das seit seiner Entdeckung vor etwa zwanzig Jahren intensiv erforscht wird.

Die Entdeckung der Spiegelneuronen

Die Geschichte der Spiegelneuronen begann im Jahr 1992 in Parma, Italien, mit Forschungen an Affen. Die Forscher um Giacomo Rizzolatti untersuchten, wie das Gehirn Handlungen plant und umsetzt. Dabei stellten sie fest, dass bestimmte Nervenzellen im Gehirn der Affen nicht nur dann aktiv waren, wenn die Affen selbst nach Futter griffen, sondern auch, wenn sie beobachteten, wie andere, einschließlich der Forscher, diese Handlung ausführten. Diese Nervenzellen, die das Verhalten des Gegenübers förmlich "spiegelten", wurden als Spiegelneuronen bezeichnet.

Die Funktionsweise der Spiegelneuronen

Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die im Gehirn aktiv werden, sowohl wenn wir eine Handlung ausführen, als auch wenn wir beobachten, wie jemand anderes diese Handlung ausführt. Sie befinden sich im präfrontalen Kortex, insbesondere im Broca-Areal, das auch mit der Sprachproduktion in Verbindung steht. Durch diese Spiegelung können wir die Handlungen, Gefühle und Stimmungen anderer Menschen nachempfinden, ohne sie tatsächlich selbst zu erleben.

Spiegelneuronen und Empathie

Die Entdeckung der Spiegelneuronen revolutionierte das Verständnis von Empathie. Forscher erkannten bald, dass Spiegelneuronen nicht nur Bewegungen, sondern auch Gefühle wie Freude oder Schmerz spiegeln können. So konnte beispielsweise die Neurowissenschaftlerin Sophie Scott zeigen, dass Spiegelneuronen uns automatisch mitlachen lassen, wenn eine andere Person lacht.

Das soziale Nervensystem und die Polyvagal-Theorie

Die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges erweitert das Verständnis des autonomen Nervensystems (ANS) um einen "sozialen" Vagusnerv. Dieser ventrale Vagus reguliert Nerven im Gesichtsbereich, die für Kommunikation wichtig sind. Normalerweise nutzen wir zuerst dieses System, um Gefahren sozial abzuwenden. Funktioniert das nicht, greifen Kampf- oder Fluchtreflexe.

Lesen Sie auch: Eingeklemmter Nerv: Ein umfassender Leitfaden

Die Bedeutung von Sicherheit und Selbstwirksamkeit

Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Die Polyvagal-Theorie zeigt, dass wir bei Unsicherheit ängstlich und angespannt sind. Selbstwirksamkeit, also das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Herausforderungen zu meistern, ist eng mit Sicherheit verbunden. Studien belegen, dass Selbstwirksamkeit Angst reduziert und das Wohlbefinden steigert.

Mitgefühl als biologische und spirituelle Kraft

Mitgefühl ist mehr als nur Fürsorge; es ist die Fähigkeit, das Leid anderer zu erkennen und lindern zu wollen. Es senkt den Cortisolspiegel, fördert die parasympathische Aktivität und stärkt die Selbstregulation. Verschiedene Kulturen und spirituelle Traditionen betonen die Bedeutung von Mitgefühl für Heilung und Harmonie.

Die Entwicklung von Empathie

Die Fähigkeit, das Verhalten anderer zu spiegeln, entwickelt sich nicht von selbst. Sie muss erlernt werden. Bei Babys aktivieren die Mutter oder andere Bezugspersonen die Spiegelneuronen. Experten gehen davon aus, dass die Spiegelneuronen im Alter von vier bis fünf Jahren vollständig ausgebildet sind.

Hemmmechanismen und individuelle Unterschiede

Es gibt verschiedene Mechanismen, die das Spiegeln von Gefühlen verhindern können. Der Verstand oder überlagernde Emotionen können hinderlich sein. Zudem ist die Aktivität der Spiegelneuronen nicht bei allen Menschen gleich. Psychopathen beispielsweise zeigen in Hirnscans geringere Aktivität in den für Mitgefühl zuständigen Arealen, wenn sie Filme sehen, in denen jemandem ein Finger umgebogen wird. Allerdings können sie normale Reaktionen zeigen, wenn sie ausdrücklich darum gebeten werden, sich einzufühlen.

Die Rolle von Spiegelneuronen bei Autismus

Einige Forscher vermuten, dass bei Autisten die Spiegelneuronen nicht gut funktionieren. Dies könnte erklären, warum Autisten Schwierigkeiten haben, Blicke und Gesten richtig zu deuten und Smalltalk zu führen. Allerdings sind Autisten durchaus zu affektiver Empathie fähig und fühlen Schmerz und Leid mit.

Lesen Sie auch: Symptome und Behandlungsmethoden bei eingeklemmtem Nerv

Spiegelneuronen und das Resonanzphänomen

Spiegelneuronen spielen auch beim Resonanzphänomen eine wichtige Rolle. Menschen, die sich mögen, sind sich ähnlich und haben Gemeinsamkeiten. Sympathien werden geweckt, wenn Menschen Gestik, Mimik und Körpersprache des Gegenübers dezent nachahmen.

Spiegelneuronen und Schmerzempfinden

Neuroimaging-Studien haben gezeigt, dass beim Erleben von Schmerzen der Cinguläre Kortex aktiviert ist. Diese Hirnregion arbeitet ebenfalls, wenn Menschen mit Schmerzen gesehen werden, was darauf hindeutet, dass der Cinguläre Kortex über Spiegelneuronen verfügt.

Hyperempathie-Syndrom

Das Hyperempathie-Syndrom ist ein Zustand, bei dem Menschen die Gefühle anderer sehr intensiv spüren. Dies kann zu emotionaler Erschöpfung und Überlastung führen. Betroffene können jedoch lernen, besser mit ihren Gefühlen umzugehen, indem sie beispielsweise Atemübungen machen, Grenzen setzen und Selbstfürsorge betreiben.

Die Bedeutung von Mitgefühl in Beziehungen

Im sozialen Miteinander dämpft der soziale Vagus Aggressionen und sorgt dafür, dass wir uns sozial engagieren und uns verbunden fühlen. Er ermöglicht Selbstreflexion und die Fähigkeit, eine Pause zwischen Reiz und Reaktion zu machen.

Die Grenzen des Mitgefühls

Wie stark Menschen Mitgefühl für weit entferntes Leid empfinden, hängt davon ab, wie gut es inszeniert ist. Geografische und soziale Distanz spielen eine entscheidende Rolle für den Grad des Mitgefühls.

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei eingeklemmtem Nerv

tags: #nerv #fur #mitgefuhl