Nerv hinter dem Wadenbeinkopf: Anatomie, Funktion und klinische Bedeutung

Das Wadenbein (Fibula) ist ein schlanker Knochen, der parallel zum Schienbein (Tibia) an der Außenseite des Unterschenkels verläuft. Das Fibulaköpfchen (Caput fibulae), das proximale Ende des Wadenbeins, spielt eine wichtige Rolle in der Anatomie des Unterschenkels, insbesondere im Hinblick auf die dort verlaufenden Nerven, Muskeln und Bänder. Dieser Artikel beleuchtet die Anatomie des Wadenbeinköpfchens, seine Funktionen, die potenziellen Probleme, die auftreten können, und die klinische Bedeutung dieser Struktur.

Anatomie des Wadenbeins und des Fibulaköpfchens

Die Fibula, auch Wadenbein genannt, ist ein langer, dünner Knochen, der sich an der lateralen Seite des Unterschenkels befindet. Sie beginnt unterhalb des Kniegelenks und erstreckt sich bis zum Sprunggelenk. Zusammen mit der Tibia bildet sie das knöcherne Gerüst des Unterschenkels.

Lage und Aufbau des Fibulaköpfchens

Das Fibulaköpfchen (Caput fibulae) bildet das obere Ende des Wadenbeins. Es liegt seitlich unterhalb des Kniegelenks und ist leicht zu ertasten. Im Gegensatz zur Tibia ist die Fibula nicht direkt am Kniegelenk beteiligt, jedoch dienen ansetzende Bänder, Sehnen und Muskeln der Bewegung und Stabilität des Kniegelenks. Das Fibulaköpfchen liegt nicht genau lateral vom Schienbein, sondern ist etwas dorsalwärts verschoben und somit ein gut tastbarer Knochenpunkt. Der übrige Teil des Wadenbeins ist, abgesehen vom Knöchel, von Muskulatur umgeben und daher nicht tastbar.

Verbindung zum Schienbein

Das Fibulaköpfchen bildet mit dem Schienbein (Tibia) das Schienbein-Wadenbein-Gelenk (Articulatio tibiofibularis), ein straffes Gelenk (Amphiarthrose) mit geringem Bewegungsumfang. Die Gelenkpfanne wird von der Facies articularis fibularis des Schienbeins gebildet. Das Gelenk wird durch Bänder stabilisiert, insbesondere das Ligamentum capitis fibulae anterius und das Ligamentum capitis fibulae posterius, die von der lateralen Fläche des Schienbeins zum Fibulaköpfchen ziehen und die Gelenkkapsel verstärken. Am distalen Ende des Unterschenkels besteht eine weitere Verbindung zwischen Waden- und Schienbein in Form einer Syndesmose, einem unechten Gelenk ohne Gelenkkapsel.

Muskeln und Sehnen am Fibulaköpfchen

Das Fibulaköpfchen dient als Ansatzpunkt für verschiedene Muskeln und Sehnen, die für die Funktion des Unterschenkels und des Knies wichtig sind:

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  • Musculus biceps femoris: Die Sehne dieses zweiköpfigen Oberschenkelmuskels setzt am lateralen Anteil des Fibulaköpfchens an. Der Muskel ist für die Kniebeugung und die Außenrotation des Unterschenkels verantwortlich.
  • Musculus peronaeus longus (Musculus fibularis longus): Ein Teil dieses langen Wadenbeinmuskels entspringt am Wadenbeinkopf. Er gehört zur Gruppe der fibularen Muskeln und zieht zur Fußsohle.

Nerven am Fibulaköpfchen

In unmittelbarer Nähe des Fibulaköpfchens verläuft der Nervus peroneus communis (gemeinsamer Wadenbeinnerv). Dieser Nerv ist einer der beiden Hauptäste des Ischiasnervs (Nervus ischiadicus). Er zieht medial der Sehne des Musculus biceps femoris bis hinter das Caput fibulae. Da der Nerv am Hals des Wadenbeins direkt unter der Hautoberfläche verläuft, ist er an dieser Stelle besonders anfällig für Läsionen, die beispielsweise durch Druck von außen entstehen können. Der Nervus peroneus communis versorgt sensorisch das Kniegelenk, die äußere Haut der Wade und den Fußrücken.

Funktion des Wadenbeins und des Fibulaköpfchens

Obwohl das Schienbein den Hauptteil des Gewichts im Unterschenkel trägt, ist das Wadenbein unverzichtbar für die Stabilität und Funktion des Unterschenkels:

  • Stabilisierung des Unterschenkels: Das Wadenbein stabilisiert den Unterschenkel und bildet zusammen mit dem Schienbein und dem Sprungbein das obere Sprunggelenk.
  • Federung beim Springen: Die Fibula unterstützt das Abfedern beim Springen.
  • Ansatzpunkt für Muskeln und Bänder: Die Fibula dient als Ansatzpunkt für kräftige Wadenbeinmuskeln, Sehnen und Bänder, die für die Bewegung und Stabilität des Unterschenkels und des Sprunggelenks wichtig sind.
  • Kraftübertragung: Das Fibulaköpfchen ermöglicht eine effiziente Übertragung von Kräften zwischen Knie- und Sprunggelenk.
  • Feinsteuerung von Bewegungen: Durch die Interaktion mit den angrenzenden Muskeln und Nerven spielt das Fibulaköpfchen eine Rolle in der Feinsteuerung von Bewegungen.

Klinische Bedeutung: Probleme und Erkrankungen am Fibulaköpfchen

Beschwerden im Bereich des Wadenbeins können verschiedene Ursachen haben. Oftmals sind nicht der Knochen selbst der Grund, sondern die Beschwerden gehen von angrenzenden Strukturen wie Muskeln, Sehnen und Bändern aus.

Fibulakopffraktur

Eine Fibulakopffraktur tritt oft in Folge von direkten Traumen, wie einem Stoß oder Sturz, auf. Indirekte Mechanismen, wie Verdrehverletzungen des Unterschenkels, können ebenfalls zu Frakturen führen (z.B. Maisonneuve-Fraktur bei Syndesmosenrupturen). Die Verletzung tritt selten isoliert auf, viel häufiger in Kombination mit anderen Knie- oder Sprunggelenksschäden.

Symptome:

  • Schwellung am Fibulaköpfchen
  • Druckschmerz
  • Mögliche Fehlstellungen

Diagnose:

  • Klinische Untersuchung
  • Röntgenaufnahmen
  • CT oder MRT zur Beurteilung von Begleitverletzungen

Behandlung:

  • Konservativ: Bei stabilen Frakturen Ruhigstellung mit Schiene oder Gipsverband.
  • Operativ: Bei instabilen Frakturen operative Stabilisierung mit Schrauben oder Platten.

Kompression des Nervus peroneus communis

Eine häufige Erkrankung ist die Kompression des Nervus peroneus communis am Fibulaköpfchen. Ursachen sind häufig eine direkte Druckbelastung (z.B. durch langes Sitzen in ungünstiger Haltung), Traumata oder Ödeme, sowie Tumore oder Zysten in der Nähe des Nervs.

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Symptome:

  • Motorische Störungen, z.B. Schwäche beim Anheben des Fußes (Steppergang)
  • Schwierigkeiten bei der Pronation
  • Sensorische Ausfälle am dorsalen Bereich des Fußes und am lateralen Unterschenkel

Diagnose:

  • Anamnese und klinische Untersuchung
  • Elektroneurographie (ENG) zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit
  • Bildgebung zur Ursachenklärung

Behandlung:

  • Konservativ: Körperliche Schonung, physikalische Therapie und Entlastung des Nervs.
  • Operativ: Bei raumfordernden Prozessen (Tumoren, Zysten) operative Dekompression des Nervs.

Insertionstendinosen

An den Ansatzstellen der Sehnen am Fibulaköpfchen können bei Überlastungen Insertionstendinosen auftreten. Dies betrifft insbesondere die Sehnen des Musculus biceps femoris und des Musculus peronaeus longus.

Symptome:

  • Schmerzen am Fibulaköpfchen, die sich bei Belastung verstärken
  • Druckschmerzhaftigkeit
  • Mögliche Schwellung

Behandlung:

  • Konservativ: Entlastung, Kühlung, Schmerzmittel, physikalische Therapie.
  • Infiltration: Injektion von Kortikosteroiden zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung.

Verletzungen des fibularen Seitenbands

Verletzungen des fibularen Seitenbands mit knöchernem Ausriss am Fibulaköpfchen sind möglich, insbesondere bei Knieverletzungen.

Symptome:

  • Schmerzen an der Außenseite des Knies
  • Schwellung
  • Instabilitätsgefühl

Diagnose:

  • Klinische Untersuchung
  • MRT zur Beurteilung der Bandstrukturen

Behandlung:

  • Konservativ: Ruhigstellung, Schmerzmittel, physikalische Therapie.
  • Operativ: Bei Instabilität operative Rekonstruktion des Bandes.

Weitere mögliche Probleme

  • Muskuläre Verspannungen: Insbesondere in der Wade können muskuläre Verspannungen, Krämpfe und Zerrungen auftreten, die indirekt zu Beschwerden am Fibulaköpfchen führen können.
  • Tumoren: Gelegentlich können sich am Wadenbein gutartige oder bösartige Tumoren bilden, die auf Nerven drücken und Lähmungen zur Folge haben können.
  • Fehlbildungen: In seltenen Fällen kommen Kinder mit Fehlbildungen der Fibula auf die Welt, wie z.B. Fibulaaplasie (Fehlen des Wadenbeins) oder Fibulahypoplasie (unvollständige Entwicklung des Wadenbeins).

Diagnostik von Beschwerden am Fibulaköpfchen

Die Diagnostik von Beschwerden am Fibulaköpfchen umfasst in der Regel:

  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und der genauen Beschwerden.
  • Klinische Untersuchung: Beurteilung der Beweglichkeit, Stabilität und Schmerzhaftigkeit des Knies und des Unterschenkels. Palpation des Fibulaköpfchens und der umliegenden Strukturen.
  • Bildgebende Verfahren:
    • Röntgenaufnahmen: Zur Beurteilung von Frakturen und knöchernen Veränderungen.
    • MRT (Magnetresonanztomographie): Zur Beurteilung von Bandverletzungen, Muskelverletzungen, Nervenkompressionen und Tumoren.
    • CT (Computertomographie): Bei komplexen Frakturen zur detaillierten Darstellung der Knochenstrukturen.
  • Elektroneurographie (ENG): Zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit bei Verdacht auf Nervenkompression.

Therapie von Beschwerden am Fibulaköpfchen

Die Therapie von Beschwerden am Fibulaköpfchen richtet sich nach der Ursache der Beschwerden. Konservative Maßnahmen wie Ruhigstellung, Kühlung, Schmerzmittel, physikalische Therapie und Entlastung des Nervs stehen oft im Vordergrund. In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, z.B. zur Stabilisierung von Frakturen, zur Dekompression eines Nervs oder zur Rekonstruktion von Bandstrukturen.

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