Schmerzen im Bereich der Hüfte, Leiste und Schamlippe können vielfältige Ursachen haben. Oftmals sind Nervenstrukturen beteiligt, die durch verschiedene Faktoren gereizt oder eingeengt werden. Dieser Artikel beleuchtet mögliche Ursachen für diese Beschwerden und gibt einen Überblick über diagnostische und therapeutische Ansätze.
Mögliche Ursachen für Nervenschmerzen im Beckenbereich
Die Ursachen für Nervenschmerzen in der Hüfte, Leiste und Schamlippe können vielfältig sein. Es ist wichtig, die genaue Ursache zu identifizieren, um eine gezielte Therapie einleiten zu können.
Beteiligung der Niere
Probleme der Niere und des Nierenlagers können Schmerzen verursachen, die nicht nur in den Rücken, sondern auch in den Beckenbereich ausstrahlen. Eine gesenkte (ptosierte) Niere kann verschiedene Nerven einengen, die durch diesen Bereich verlaufen und Schmerzen in deren Innervationsgebiet verursachen.
Das Iliosakralgelenk (ISG)
Das ISG, sowie verschiedene Muskeln mit Organverbindungen, können ebenfalls Einfluss auf die Nerven im Beckenbereich haben. Dies kann die Beweglichkeit und Biomechanik negativ beeinflussen und zu Schmerzen führen.
Muskeln mit Organverbindungen
Verschiedene Muskeln im Beckenbereich stehen in Verbindung mit Organen und können bei Verspannungen oder Dysfunktionen Schmerzen verursachen:
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- Musculus Iliopsoas: Verbindung zum Caecum und Sigmoid (Teile des Dickdarms)
- Musculus Obturatorius Internus: Verbindung zu Blase und Prostata
- Zwerchfell: Über fasziale Verbindungen mit dem kleinen Becken
Weitere Muskeln im Beckenbereich können die Beckenmechanik beeinflussen und somit ebenfalls zu Schmerzen beitragen.
Menstruationsbeschwerden
Menstruationsschmerzen können durch Verklebungen der Gebärmutter mit der Umgebung verursacht werden. Diese Verklebungen können die nervliche Innervation oder die Durchblutung beeinträchtigen und Schmerzen verursachen.
Läsionen des Nervus Pudendus
Eine Läsion des Nervus Pudendus kann Impotenz, Inkontinenz, sexuelle Unlust oder schlechte Erregbarkeit sowohl beim männlichen als auch beim weiblichen Geschlecht verursachen. Der Nervus Pudendus hat im Becken viele Entrapmentstellen und ist mit seinen Endästen neben den Funktionen am Anus und der Harnröhre auch für die Muskeln im Penisbereich zuständig. Er ist ebenfalls für die Erregbarkeit der Haut der Klitoris und der Penisspitze, sowie für Hodensack und Schamlippen verantwortlich. Ein Problem des N. Pudendus ist eine der möglichen Ursachen, neben Durchblutungsstörungen und hormonellem Ungleichgewicht.
Humane Papillomviren (HPV)
Humane Papillomviren (HPV) sind sexuell übertragbare Viren, die Warzen und Krebsvorstufen bis hin zu Krebs verursachen können. Der Krebs entsteht meistens im Bereich der Geschlechtsteile und des Darmausganges oder im Mund-/Rachenraum. Es gibt über 400 verschiedene HPV-Typen, wobei nur ein Teil die Haut oder Schleimhaut in diesem Bereich infiziert. Die verschiedenen HPV-Typen werden in Gering- und Hochrisiko-Humane Papillomviren eingeteilt.
Chronisches Beckenschmerz-Syndrom (CPPS)
Das Chronische Beckenschmerz-Syndrom (Chronic Pelvic-Pain-Syndrom) CPPS ist durch myofasziale Schmerzursachen durch Verspannungen/Triggerpunkte von Muskeln und Faszien des Beckens und Beckenbodens gekennzeichnet. Die Beschwerden sind ziehend und brennend und erstrecken sich über die gesamte Haut des äußeren Genitalbereichs (Schamlippen, Scheidenvorhof) bis in den Aftermuskel. Berührung, Druck- und Zugbelastung können sehr unangenehm werden. Geschlechtsverkehr kann schmerzhaft bis unmöglich sein. Zusätzlich können andauernder Harndrang mit Brennen und krampfartige Afterbeschwerden auftreten. Die Muskel-Faszienverspannungen des großen Psoasmuskels (Becken) und des tief liegenden Piriformismuskels (Kreuzbein-Steißbereich) führen zu Nervenkompressionen (Einengungen) des Pudendusnerven (Genital- und Beckenbodennerv).
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Läsionen des Beinplexus
Der Plexus lumbosacralis rekrutiert sich aus den ventralen Ästen der Spinalnerven L1-S3 sowie aus dem N. subcostalis und dem N. coccygeus. Schädigungen des Plexus lumbalis führen zu einer schlaffen Parese der vom N. femoralis und vom N. obturatorius versorgten Muskeln. Es kommt zu Paresen der Hüftbeugung, der Hüftadduktion sowie der Kniestreckung. Schädigungen des Plexus sacralis führen zu einer Parese der ischiokruralen Muskulatur (also der Kniebeugung) sowie zu einer Parese der Unterschenkel-, Fuß- und Zehenmuskulatur.
Weitere Ursachen
- Beckenringfrakturen, Azetabulumfraktur
- Sprengung des Sakroiliakalgelenks
- Stumpfes Unterbauchtrauma (direkt oder durch Psoashämatom)
- Aortenaneurysma; Iliakalarterienaneurysma
- Schwangerschaft, Geburt (Austreibungsphase)
- Retroperitoneales Hämatom
- Raumforderung im Bereich des M. psoas (Hämatom oder Abszess)
- Tumoren des weiblichen Genitale, osteogene Tumoren des Beckens, retroperitoneale Tumoren (Lymphome), kolorektales Karzinom, Sarkom, Mammakarzinom, Nierentumoren, Tumoren der Nebennierenrinde, Neurofibrome des Plexus (sehr selten, auch als Strahlenspätschaden), Metastasen
- Nach Ligatur der A. iliaca
- Intraarterielle Injektion in Gluteal- oder Iliakalarterien
- Bei Neugeborenen Injektion in die A. umbilicalis
- Mikroangiopathie (diabetische Plexopathie)
- Psoasabszess
- Neuroborreliose
- Tuberkulöse Senkungsabszesse
- Immunologisch bedingt (idiopathische Plexusneuritis)
- Vaskulitis
- Intraoperative Dehnungsverletzung bei Hüftoperationen
- OP im Bereich der Aorta oder der Iliakalarterien
- Intraarterielle Injektion (Chemotherapie)
- Strahlenschäden
- Dehnungsverletzung durch langes Knien und Hocken: „Rübenzieherneuritis“
- Endometriose
- Drogen (i.
Nerven und ihre Schmerzausstrahlung
Verschiedene Nerven im Beckenbereich können bei Reizung oder Kompression Schmerzen in spezifischen Gebieten verursachen:
- N. subcostalis XII: Schmerzen entlang des Beckenkammes an der Seite
- N. Inguinalis + Iliohypogastricus: Schmerzausstrahlung ins Becken oberhalb der Symphyse
- N. Genitofemoralis: Schmerzausstrahlung ins Becken bis zu den Geschlechtsorganen
- N. Cutaneus femoralis lateralis: Schmerzausstrahlung seitlicher Oberschenkel
- N. femoralis: Schmerzausstrahlung vorderer Oberschenkel
Diagnostik
Die Diagnostik von Nervenschmerzen im Beckenbereich erfordert eine sorgfältige Anamnese und körperliche Untersuchung. Der Arzt wird nach der genauen Lokalisation der Schmerzen, deren Charakter (z.B. brennend, stechend, ziehend) und möglichen Auslösern fragen.
Anamnese
- Seit wann bestehen die Symptome?
- Gab es ein auslösendes Ereignis?
- Genaue Charakterisierung der Schmerzen und Lokalisation
- Treten lagerungsbedingt Verschlimmerungen oder Verbesserungen auf?
- Weitere Symptome
- Vorerkrankungen
Körperliche Untersuchung
Bei der körperlichen Untersuchung wird der Arzt die Beweglichkeit der Hüfte und des Beckens überprüfen, die Muskulatur abtasten und auf Druckschmerzhaftigkeit achten. Neurologische Tests können durchgeführt werden, um die Funktion der Nerven zu überprüfen.
Bildgebende Verfahren
- Röntgen: Zum Ausschluss von Knochenverletzungen oder Arthrose
- Ultraschall: Zur Beurteilung von Weichteilen, Muskeln und Sehnen
- Kernspintomographie (MRT): Zur detaillierten Darstellung von Nerven, Muskeln, Bändern und Organen. Triggerpunkte und myofasziale Störungen können NICHT festgestellt oder nachgewiesen werden.
- Elektromyographie (EMG): Zur Messung der elektrischen Aktivität der Muskeln und Nerven
Therapie
Die Therapie von Nervenschmerzen im Beckenbereich richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.
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Konservative Therapie
- Schmerzmittel: Zur Linderung der Schmerzen
- Physiotherapie: Zur Verbesserung der Beweglichkeit, Kräftigung der Muskulatur und Lösung von Verspannungen
- Osteopathie: Zur Behandlung von Blockierungen und Fehlstellungen im Beckenbereich
- Manuelle Therapie: Zur Lösung von Muskelverspannungen und Gelenkblockaden
- Wärme- oder Kälteanwendungen: Zur Schmerzlinderung und Entspannung der Muskulatur
- Injektionen: Injektionen mit Lokalanästhetika oder Kortikosteroiden können zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
Invasive Therapie
- Operation: Bei bestimmten Ursachen, wie z.B. einem Leistenbruch oder einer Nervenkompression, kann eine Operation erforderlich sein.
- Fokussierte Stoßwellentherapie (ESWT): Durch die fokussierten Stoßwellen werden die Triggerpunkte/Verspannungen dieser Muskeln gelöst, und eine Lockerung mit Verbesserung von Stoffwechsel und Durchblutung bewirkt. Die Nervenkompressionen (Einengungen) des Pudendusnerven (Genital-Beckenbodennerv) und damit die Ursachen für Brennen, Schmerzen, Beschwerden werden gelöst, und Ziehen im Damm, Brennen/Schmerzen im Genitalbereich, Blasenreizung, Harndrang, Sitzbeschwerden werden dauerhaft beseitigt.
- Hochdosierte Procain-Basen-Infusionen: Procain wirkt schmerzlindernd, entspannend, durchblutungsfördernd und vegetativ beruhigend. Die Basentherapie mit Bikarbonat führt zur Abschwellung und Beruhigung der Muskel-Faszienverspannungen.
- Hochdosiertes Magnesium: Magnesium-Infusionen führen direkt zu Muskelentspannung und verringern Anspannung und Stress.
- Spezielle rektale TENS-Therapie: Die schmerzlindernde Stromtherapie erfolgt über eine Vaginalsonde (bei Frauen) oder eine Rektalsonde (bei Männern).
Weitere Therapieansätze
- Behandlung von HPV-Infektionen: Je nach Art und Ausmaß der Infektion können verschiedene Behandlungen erforderlich sein.
- Psychologische Betreuung: Bei chronischen Schmerzen kann eine psychologische Betreuung helfen, mit den Schmerzen umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.
Osteopathie bei Beckenschiefstand
Ein Beckenschiefstand kann ebenfalls zu Nervenschmerzen im Beckenbereich beitragen. Die Osteopathie bietet hier einen ganzheitlichen Ansatz zur Behandlung.
Was ist ein Beckenschiefstand?
Ungleich lange Beine führen auf Dauer zu Problemen und Schmerzen: Das Becken, welches sich idealerweise in einer physiologischen Stellung befindet, versucht das entstandene Ungleichgewicht zu kompensieren. Eine derartige funktionelle Beinlängenverkürzung ist nicht angeboren, sondern wird durch muskuläre Verspannungen oder durch Fehlhaltungen verursacht. Dies führt auf Dauer zu einer einseitigen Überlastung, die sich auf den gesamten Körper auswirkt.
Symptome eines Beckenschiefstandes
- Rücken-, Schulter- und Nackenschmerzen
- Kopfschmerzen, Migräne
- Kieferschmerzen
- Tinnitus
- Magenschmerzen
- Symptome, die denen eines Bandscheibenvorfalles ähneln
Ursachen und Folgen eines Beckenschiefstandes
- Muskuläre Verspannungen
- Muskuläre Dysbalancen
- Fehlstellung bzw. Blockierung des Iliosakralgelenkes (ISG)
- Verschobene Wirbelkörper ("Subluxation")
Osteopathische Behandlung
In der Osteopathie wird der Körper in seiner Gesamtheit betrachtet, um nicht nur die Symptome, sondern vor allem die Ursachen einer Beschwerde zu beseitigen. Osteopathische Behandlungstechniken werden grundsätzlich mit den Händen durchgeführt, wobei sowohl die Muskeln als auch die Bänder und Gewebeschichten, die das Becken umgeben, einbezogen werden. Auf diese Weise können Blockierungen und Verhärtungen von Muskulatur und inneren Organen schrittweise behoben werden.
- Parietale Osteopathie: Behandlung des gesamten Bewegungsapparates, Beseitigung von Gelenkblockaden
- Viszerale Osteopathie: Behandlung der Fehlstellung innerer Organe
- Cranio-Sacral-Therapie: Linderung von Symptomen wie Migräne, Kopfschmerzen und Tinnitus
Leistenbruch (Hernie)
Ein Leistenbruch kann ebenfalls Nervenschmerzen in der Leiste verursachen.
Definition und Ursachen
Beim Leistenbruch kann die Gewebearchitektur der vorderen unteren Bauchwand auftretenden Kräften nicht ausreichend entgegenwirken und gibt nach, man spricht von einer „Bruchpforte“. Es können dabei in Bauchfell (Peritoneum) eingefasste Darmanteile durch diese Bruchpforte treten und eine sichtbare Volumenzunahme unter der Haut verursachen. Dies bezeichnet man als „Bruchsack“. Die Leistenhernie kann entweder angeboren oder durch Überbelastung bei Bewegung erworben sein.
Symptome
- Schwellung in der Leiste
- In die Genitalregion ausstrahlende Schmerzen
- Verstärkung der Schmerzen bei Beinbewegung, Stuhlgang, Husten, Niesen oder Pressen
Therapie
Bei Leistenbrüchen ist die Operation das Mittel der Wahl.
Komplikationen
- Quetschung der Eingeweide (Inkarzeration)
- Durchtrennung des Samenleiters (Ductus deferens) sowie zur Verletzung der Hodengefäße (beim Mann)
- Einengung der großen Beinvene durch den Bruchsack kann eine Thrombenbildung verursachen (Lungenembolie)
Sportlerleiste
Die Sportlerleiste ist ein eigenes Krankheitsbild, das ebenfalls Leistenschmerzen verursachen kann.
Definition und Ursachen
Die Sportlerleiste ist keine Hernie im eigentlichen Sinn, sondern stellt ein vollkommen eigenes Krankheitsbild dar. Leitsymptom ist der Schmerz im Inguinalbereich. Bei schnellen, wechselnden Bewegungen wird bei diesem Krankheitsbild ein Nerv (Ramus genitalis des Nervus genitalis) gereizt und / oder es entsteht ein Zug am Rektusmuskel, der wiederum Schmerzen im Bereich des Schambeins verursacht, die in den Hodensack, die Schamlippen und in die Innenseite des Oberschenkels ausstrahlen.
Diagnostik
- Ausführliche Schmerzanamnese (Schmerztagebuch)
- Diagnostik der Hüfte zum Ausschluss einer beginnenden Arthrose
- Sonographie der Leiste zum Nachweis der Leistenkanalhinterwandschwäche
- Kernspintomographie
Therapie
- Schonendes Intervall und physiotherapeutisch unterstützte Übungsbehandlungen
- Befreiung des kompromittierten Nerven aus seinen Verwachsungen
- Stabilisierung im Sinne einer netzfreien Raffung der Leistenkanalhinterwand durch einen kleinen, offenen Zugang
- Bei einer "echten" Hernie: minimalinvasive Operation mit Implantation eines Kunststoffnetzes
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