Mit zunehmendem Alter unterliegen auch die Nieren einem natürlichen Alterungsprozess, der ihre Funktion beeinträchtigen kann. Dieser Artikel beleuchtet die Veränderungen der Nierenleistung im Alter, die Ursachen und Risikofaktoren für Nierenerkrankungen, sowie Möglichkeiten der Früherkennung, Behandlung und Prävention.
Die alternde Niere: Ein natürlicher Prozess
Es ist ein wohlbekanntes Phänomen, dass die Leistungsfähigkeit der Nieren im Alter abnimmt. Ab dem 40. Lebensjahr sinkt die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) der Nieren jährlich um etwa 1 Prozent. Dies ist auf den natürlichen Verlust von Filtrations- und Ausscheidungsstrukturen, die Zunahme von bindegewebigen Vernarbungen als Folge lebenslanger Schädigungen sowie Ablagerungen (Arteriosklerose) in den kleinen Nierengefäßen zurückzuführen. Dementsprechend werden die Normwerte dem Alter angepasst: Eine jährliche Abnahme der Filterfunktion von 1 bis 2 ml pro Minute wird als normal angesehen.
Bedeutung der Nierenfunktion im Alter
Die Nieren sind lebenswichtige Organe, die das Blut reinigen, den Blutdruck regulieren, den Salz- und Wasserhaushalt ausgleichen und wichtige Hormone produzieren. Sie filtern etwa 1400 Liter Blut pro Tag und spielen eine zentrale Rolle bei der Entgiftung des Körpers. Eine eingeschränkte Nierenfunktion kann sich negativ auf das Herz-Kreislauf-System, die Infektanfälligkeit, die Knochengesundheit und die Gehirnfunktion auswirken. Zudem beeinflusst sie das Wohlbefinden, die Leistungsfähigkeit und die Geschwindigkeit des Alterns.
Ursachen und Risikofaktoren für Nierenerkrankungen im Alter
Verschiedene Faktoren können die Nierenfunktion im Alter zusätzlich beeinträchtigen und das Risiko für Nierenerkrankungen erhöhen. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen:
- Bluthochdruck: Er schädigt auf Dauer die sehr feinen Gefäße der Nieren.
- Diabetes mellitus: Sowohl Typ-1- als auch Typ-2-Diabetes können die Nieren schädigen und zu einer chronischen Nierenerkrankung führen.
- Übergewicht (Adipositas): Bei Menschen mit starkem Übergewicht kommen oft mehrere Risikofaktoren für ein Nierenversagen zusammen, insbesondere wenn sie gleichzeitig unter Diabetes und Bluthochdruck leiden. Zudem bildet das Fettgewebe im Bauchraum Entzündungshormone, die die Nieren zusätzlich gefährden.
- Arteriosklerose: Ablagerungen in den Nierengefäßen können die Durchblutung beeinträchtigen und die Nierenfunktion einschränken.
- Autoimmunerkrankungen: Bei einigen Autoimmunerkrankungen, wie der Glomerulonephritis, wendet sich das Autoimmungeschehen ausschließlich gegen die Nieren. Bei anderen systemischen Autoimmunerkrankungen, wie Vaskulitiden und Kollagenosen, wird die Niere in Mitleidenschaft gezogen.
- Schmerzmittel: Insbesondere nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen und Diclofenac sollten nur sehr gezielt eingenommen werden, da sie die Nieren schädigen können.
- Flüssigkeitsmangel: Da das Durstgefühl im Alter oft nachlässt, kann es leicht zu einem Flüssigkeitsmangel kommen, der die Nieren zusätzlich belastet.
- Extreme Hitze: Infolge des Klimawandels auftretende extreme Hitze kann die Nieren schädigen.
Chronische Nierenerkrankung (CKD): Eine zunehmende Herausforderung
Immer mehr Menschen erkranken an einer Niereninsuffizienz, auch Nierenschwäche genannt. In Deutschland haben schätzungsweise 9 Millionen Menschen eine chronische Nierenerkrankung, wobei die meisten über 60 Jahre alt sind. Fachleute gehen davon aus, dass derzeit etwa 70.000 Menschen aufgrund eines chronischen Nierenversagens auf die Dialyse angewiesen sind.
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Die chronische Nierenerkrankung verläuft oft schleichend und verursacht lange Zeit keine spezifischen Symptome. Erste Warnsignale wie Müdigkeit und Leistungsabfall sind oft unspezifisch. Kommen Schwellungen (Ödeme) am Körper hinzu, etwa an den Beinen oder um die Augen, und wird plötzlich vermindert Urin ausgeschieden, sollte man spätestens dann zum Arzt gehen.
Früherkennung und Diagnose von Nierenerkrankungen im Alter
Eine frühzeitige Diagnose ist entscheidend, um das Fortschreiten einer Nierenerkrankung zu verlangsamen oder aufzuhalten. Folgende Untersuchungen können Hinweise auf eine Nierenerkrankung geben:
- Kreatininwert im Blut: Kreatinin ist ein Abbauprodukt der Säure Kreatin, die die Muskeln mit Energie versorgt. Es reichert sich im Blut an, wenn die Nieren nicht ausreichend arbeiten.
- Eiweißausscheidung im Urin: Eine erhöhte Eiweißausscheidung im Urin, insbesondere des Proteins Albumin, deutet auf einen Nierenschaden hin.
- Glomeruläre Filtrationsrate (GFR): Die GFR gibt an, wie viel Blut die Niere pro Minute noch filtern kann. Sie wird meist als eGFR (estimated GFR) aus weiteren Angaben errechnet.
- Urin-Albumin-Kreatinin-Quotient (UACR): Dieser Wert gibt das Verhältnis von Albumin zu Kreatinin im Urin an und dient als Indikator für eine Nierenschädigung.
- Urinsediment: Die Untersuchung des Urinsediments unter dem Mikroskop kann weitere Informationen liefern, z. B. über das Vorhandensein von Erythrozyten (roten Blutkörperchen), weißen Blutzellen und Bakterien.
- Ultraschalluntersuchung der Nieren: Mit einem Ultraschall kann der Arzt feststellen, ob die Nieren normal groß sind, ob ihre Gefäße auffällig viele Zysten oder Nierensteine enthalten oder ob sie entzündet sind.
Menschen mit Diabetes mellitus oder Bluthochdruck haben ein erhöhtes Risiko für eine chronische Nierenerkrankung und sollten ihre Nieren regelmäßig untersuchen lassen. Im Rahmen des sogenannten Check-up 35 haben gesetzlich Krankenversicherte ab dem 35. Lebensjahr alle drei Jahre Anspruch auf eine kostenlose Früherkennungsuntersuchung.
Behandlung von Nierenerkrankungen im Alter
Die Behandlung einer chronischen Nierenerkrankung zielt darauf ab, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen, Komplikationen zu vermeiden und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Behandlung umfasst in der Regel:
- Behandlung der Grunderkrankung: Bei Diabetes mellitus ist eine gute Blutzuckereinstellung wichtig, bei Bluthochdruck eine optimale Blutdruckkontrolle.
- Medikamentöse Therapie: Medikamente zur Blutdrucksenkung (z. B. ACE-Hemmer), Diabetesmedikamente (z. B. SGLT2-Hemmer, GLP-1-Rezeptoragonisten), Vitamin-D-Präparate, Phosphatbinder und andere Medikamente können eingesetzt werden, um die Nierenfunktion zu unterstützen und Komplikationen zu behandeln.
- Ernährungsumstellung: Eine nierengerechte Ernährung kann helfen, die Nieren zu entlasten und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.
- Dialyse: Bei einem kompletten Nierenversagen ist eine Dialyse (Blutwäsche) erforderlich, um das Blut von schädlichen Stoffen zu reinigen.
- Nierentransplantation: Eine Nierentransplantation kann eine langfristige Lösung für Menschen mit Nierenversagen sein.
Prävention von Nierenerkrankungen im Alter
Es gibt verschiedene Maßnahmen, die dazu beitragen können, das Risiko für Nierenerkrankungen im Alter zu senken:
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- Gesunde Lebensweise: Ausreichend Bewegung, eine gesunde Ernährung, Verzicht auf Rauchen und Vermeidung von Übergewicht sind wichtige Faktoren für die Nierengesundheit.
- Kontrolle von Blutdruck und Blutzucker: Eine gute Einstellung von Blutdruck und Blutzucker ist entscheidend, um die Nieren vor Schäden zu schützen.
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Achten Sie auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, insbesondere im Alter, da das Durstgefühl oft nachlässt.
- Vermeidung von nierenschädigenden Medikamenten: Schmerzmittel wie Ibuprofen und Diclofenac sollten nur bei Bedarf und in der niedrigsten wirksamen Dosis eingenommen werden.
- Regelmäßige Nierenuntersuchungen: Lassen Sie Ihre Nieren regelmäßig untersuchen, insbesondere wenn Sie Risikofaktoren wie Diabetes mellitus oder Bluthochdruck haben.
BIS-Studie: Neue Erkenntnisse zur Nierenfunktion im Alter
Die Berliner Initiative Studie (BIS) der Charité - Universitätsmedizin Berlin hat wichtige Erkenntnisse zur Nierenfunktion bei älteren Menschen geliefert. Die Studie hat gezeigt, dass die bisher genutzten Formeln zur Einschätzung der Nierenfunktion bei älteren Menschen oft ungenau sind und die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Nieren überschätzen. Um hier Abhilfe zu schaffen, hat das Team um Prof. Dr. Elke Schäffner die BIS1- bzw. BIS2-Formel entwickelt, mit der die Nierenfunktion bei Menschen ab 70 Jahren präziser als bisher abgeschätzt werden kann. Diese Formeln können von Ärzten kostenfrei über einen Online-Rechner genutzt werden.
Die BIS-Studie hat auch gezeigt, dass eine Senkung des Blutdrucks bei bestimmten Hochbetagten sogar das Sterberisiko erhöhen kann. Bei Menschen, die älter als 80 Jahre sind oder bereits einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt hatten, steigt das Sterberisiko sogar, wenn ihr Blutdruck auf unter 140/90 mmHg gesenkt wird.
Leben mit einer chronischen Nierenerkrankung
Das Leben mit einer chronischen Nierenerkrankung kann belastend sein. Es betrifft nicht nur die Ernährung, sondern auch Einschränkungen beim Trinken und die Einnahme von Medikamenten. Es kann hilfreich sein, sich mit anderen erkrankten Menschen auszutauschen, etwa in einer Selbsthilfegruppe oder während der Dialyse. Die Aussicht auf eine wahrscheinlich lebenslange Therapie und die damit verbundenen Einschränkungen kann psychisch belasten und depressiv machen. In solchen Fällen kann es sehr hilfreich sein, sich professionelle Unterstützung zu suchen.
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