Die Regeneration von Nerven ist ein komplexer Prozess, der von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. Entgegen der landläufigen Meinung, dass sich Nerven schlecht regenerieren, zeigen Studien, insbesondere im peripheren Nervensystem, erstaunliche Wiederherstellungsprozesse. Dieser Artikel beleuchtet die Grundlagen der Nervenregeneration, häufige Ursachen von Nervenschädigungen, aktuelle Therapieansätze und die Rolle von Nährstoffen wie Uridinmonophosphat (UMP), Vitamin B12 und Folsäure. Zudem werden Erkenntnisse aus Studien zur Nervenregeneration nach 6 Monaten und die Anwendung von Antikörpern bei Querschnittslähmungen diskutiert.
Grundlagen der Nervenregeneration
Peripheres Nervensystem: Erstaunliche Wiederherstellungsprozesse
Dr. med. Martin Wimmer, Neurologe aus München, betonte im Rahmen eines Expertenvortrags die erstaunlichen Wiederherstellungsprozesse, die speziell im peripheren Nervensystem (PNS) beobachtet werden können. Wenn die Ursache der Nervenschädigung behoben wird, beispielsweise bei chronischen Rückenschmerzen, Polyneuropathie oder Karpaltunnelsyndromen, können sich Nerven regenerieren.
Multimodale Therapieansätze
Eine umfassende Patientenversorgung umfasst eine sorgfältige Differenzialdiagnose, Symptombekämpfung und die Förderung der Nervenregeneration. Die gleichzeitige Behandlung der Ursachen und die Unterstützung der Nervenregeneration durch neurotrope Substanzen sind entscheidend.
Ursachen von Nervenschädigungen
Vielfältige Auslöser peripherer Nervenschädigungen
Schädigungen des peripheren Nervensystems können sich vielfältig äußern. Abhängig von den betroffenen Nervenfasern können starke Schmerzen, sensorische, motorische, vegetative und trophische Störungen auftreten, die den Alltag der Betroffenen erheblich einschränken und ihre Lebensqualität mindern können. Häufige Beispiele sind Rückenschmerzen wie Lumboischialgien und Zervikobrachialgien, die durch Nervenaffektionen infolge von Bandscheibenvorfällen ausgelöst werden können, Engpass-Syndrome wie das Karpaltunnelsyndrom sowie Polyneuropathien.
Die Ursachen peripherer Nervenschädigungen sind vielfältig und reichen von mechanisch-traumatischen über immunologische bis hin zu medikamentösen, toxischen, hereditären und endokrinen Faktoren. Bei Polyneuropathien ist Diabetes mellitus die häufigste Ursache, gefolgt von übermäßigem Alkoholkonsum. Auch Vitaminmangel, insbesondere ein durch vegane Ernährung verursachter Vitamin B12-Mangel, kann eine Mangelneuropathie auslösen.
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Gesichtsnervenlähmung: Ursachen und Folgen
Die Ursachen für eine Lähmung des Gesichtsnerven (Nervus fazialis) sind vielfältig: Nervenentzündungen, Ohrentzündungen oder bösartige Tumoren des Ohres oder der Ohrspeicheldrüse können eine Gesichtsnervenlähmung verursachen. Verletzungen im Verlauf des Nervs sowie Operationen am Gesichtsnerv können ebenfalls zu einer Schädigung führen.
Die Folge einer Verletzung des Gesichtsnervs ist eine Störung seiner natürlichen Funktionen. Der Gesichtsnerv versorgt die mimischen Muskeln des Gesichts, ist für den Geschmack der zugehörigen Zungenseite verantwortlich und steuert die Tränendrüse sowie einen Mittelohrmuskel. Eine Lähmung des Gesichtsnervs führt somit zu einer Lähmung der Gesichtsmuskeln, Geschmackstörungen, Störungen der Tränenbildung und Hörstörungen.
Therapieansätze zur Nervenregeneration
Uridinmonophosphat (UMP): Unterstützung der Nervenregeneration
Bei einer peripheren Nervenschädigung sind oft die Myelin produzierenden Schwann-Zellen der peripheren Nerven betroffen. Ein wesentlicher Aspekt der Behandlung besteht daher in der Regeneration und dem Schutz der Myelinscheide. In klinischen Modellen zu Myelinscheiden-Schädigungen hat sich die Gabe von Nukleotiden wie Uridinmonophosphat (UMP) als sinnvoll erwiesen.
UMP ist ein natürlicher Bestandteil der Ribonukleinsäure (RNA) und kann energiereiche Verbindungen eingehen, um zahlreiche Stoffwechselreaktionen zu aktivieren. Dadurch wird die Synthese von Phospho- und Glykolipiden sowie Glykoproteinen angeregt und der Wiederaufbau der Myelinschicht unterstützt. Zusätzlich fördert UMP als RNA-Baustein die Biosynthese von Strukturproteinen und Enzymen. Die gezielte Stimulation des Nervenstoffwechsels trägt somit zur Unterstützung der physiologischen Reparaturmechanismen nach Nervenläsionen bei.
Bedeutung von Nährstoffen für die Nervenregeneration
Dr. Wimmer betonte, dass UMP in ausreichender Menge vorhanden sein sollte, wenn ein Nerv wachsen soll. In Kombination mit Vitamin B12 und Folsäure ist es ein wichtiger Baustein, um das optimale Milieu für eine Regeneration zu schaffen. UMP ist sowohl in tierischen als auch in pflanzlichen Lebensmitteln enthalten. Um aber die benötigte Menge zu sich zu nehmen, können Nahrungsergänzungsmittel mit entsprechend hoher UMP-Konzentration in die Therapie zur Unterstützung der Nervenregeneration einbezogen werden. Diese sollten regelmäßig und über einen längeren Zeitraum von mindestens 60 Tagen eingenommen werden, da die Regeneration zerstörter Nervenfasern Zeit benötigt.
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Chirurgische Maßnahmen bei Gesichtsnervenlähmung
Wird der Gesichtsnerv bei einer Operation oder bei einem Unfall komplett durchtrennt, ist eine sofortige Behandlung anzustreben. Ist eine direkte Naht des Nervs möglich, ist dies die Behandlung der Wahl. Besteht eine Lücke im Verlauf des Nervs, kann ein Nerventransplantat verwendet werden. Als Spendernerv dient entweder ein Gefühlsnerv vom Hals oder vom Bein.
Eine frühe Rekonstruktion durch eine direkte Naht oder ein Nerventransplantat erzielt die besten Ergebnisse. Die Nervenregeneration dauert 6 bis 12 Monate, selten auch bis 18 Monate. Mit einer direkten Nervenrekonstruktion oder einer Nerventransplantation wird in der Regel wieder eine gute Ruhespannung der Gesichtsmuskulatur erreicht.
Ist eine unmittelbare Wiederherstellung nicht möglich, kann nach einigen Monaten bis 18 Monaten eine Operation mit Nervenanschluss vorgenommen werden, sofern noch ausreichend Muskulatur vorhanden ist. Das Verfahren der Wahl ist hierbei oft eine Rekonstruktion durch den gleichseitigen Zungennerv (Nervus hypoglossus).
Muskelplastiken und statische Maßnahmen
Eine sofortige Wiederherstellung ist durch eine Muskelplastik möglich. Hierbei wird einer der gleichseitigen Kaumuskeln verlagert und im Mundwinkel aufgehängt. Anstatt einer Muskelverlagerung kann auch Muskelhaut von Oberschenkel-Beinmuskeln oder eine Sehne eines Unterarmmuskels wie ein Zügel zwischen Mundwinkel und Wangenknochen aufgespannt werden.
Zur Wiederherstellung des Augenschlusses kann ein Goldgewicht in das Oberlid eingenäht werden. Durch das Gewicht wird das Auge passiv geschlossen.
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Studienlage zur Nervenregeneration
UMP in der klinischen Anwendung: Ergebnisse aus Studien
Nukleotide wie UMP werden bereits seit rund vier Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt. Eine Beobachtungsstudie aus dem Jahr 2009 mit 123 Patienten zeigte, dass die Kombination von Uridinmonophosphat, Vitamin B12 und Folsäure positive Ergebnisse erzielt. Die Studienteilnehmer hatten sich einer Bandscheibenoperation unterzogen und litten unter schmerzhaften Bewegungs- und Funktionseinschränkungen. Etwa 90% der Patienten berichteten unter Supplementation von einer signifikanten Verbesserung ihres Zustands. Bereits nach drei Wochen zeigte sich eine erhebliche Schmerzreduktion, eine gesteigerte Lebensqualität und ein verbesserter klinischer Gesamteindruck.
Auch bei Patienten, die an schmerzhaften Erkrankungen des peripheren Nervensystems litten, erzielte eine Nährstoffkombination aus Uridinmonophosphat, Vitamin B12 und Folsäure einen signifikanten Symptomrückgang. Die Nährstoffe wurden 60 Tage lang zusätzlich zur bestehenden Medikation gegeben und führten zu einer deutlichen Reduktion in der Häufigkeit von Schmerzen und sensorischen Symptomen. Bei über 75% der Patienten wurde eine Reduktion oder vollständiges Absetzen der Begleitmedikation erreicht.
Antikörpertherapie bei Querschnittslähmung: Ergebnisse nach 6 Monaten
Eine Studie untersuchte die Auswirkungen des Antikörpers NG101 (Anti-Nogo-A) auf die Rehabilitation von Menschen mit inkompletter Querschnittslähmung. Zuvor hatten Studien im Tiermodell gezeigt, dass das körpereigene Protein Nogo-A die Regeneration von geschädigten Nervenfasern im Rückenmark hemmt. Der Antikörper NG101 blockiert dieses hemmende Protein und soll so die Regeneration des Rückenmarks verbessern.
In einer randomisierten, placebokontrollierten und doppelblinden Studie wurde die Verbesserung der motorischen Fähigkeiten über einen Zeitraum von 6 Monaten untersucht. An der klinischen Studie nahmen insgesamt 126 Personen mit einer akuten kompletten oder inkompletten Querschnittslähmung teil. Etwa zwei Drittel der Teilnehmer wurde mit dem Antikörper behandelt, die übrigen Personen erhielten ein Placebo.
Nach Ablauf des 6-monatigen Untersuchungszeitraums zeigte sich keine signifikante Verbesserung des „Upper Extremity Motor Score“ (UEMS) zwischen der Untersuchungs- und der Kontrollgruppe. In nachträglichen Analysen konnten allerdings Verbesserungen im „Spinal Cord Independence Measure“ (SCIM)-Score für Selbstpflege beobachtet werden. Weiterhin stellten die Forschenden in der Untergruppe der Patienten mit inkompletter Rückenmarksverletzung eine Verbesserung beider Scores fest.
Die Post-hoc-Analysen zeigen, dass die Antikörpertherapie hauptsächlich bei inkompletten Querschnittslähmungen positive Effekte hat. Die Patienten zeigen Verbesserungen in der willkürlichen Ansteuerung der Muskeln, sowie in der Selbstständigkeit im Alltag.
Aktuelle Herausforderungen und zukünftige Perspektiven
Grenzen der chirurgischen Versorgung und Notwendigkeit für neue Therapieansätze
Die Versorgung von Nervenverletzungen ist weiterhin äußerst herausfordernd. Gerade bei kritischen Nervenverletzungen ist das funktionelle Outcome nicht immer zufriedenstellend, sodass hier die chirurgische Versorgung an ihre Grenzen stößt. Bei kritischen Nervenverletzungen stellt die Regenerationszeit eine kritische Komponente dar, welche die Prognose massiv beeinflusst. Ab ca. 1 Jahr nach Deinnervation atrophiert der Muskel unwiederbringlich fettig und narbig.
Allerdings existieren bis zum heutigen Zeitpunkt keine etablierten medikamentösen und therapeutischen Möglichkeiten für die Stimulation der Nervenregeneration. Aus diesem Grund erfährt dieses Feld seit Jahren ein hohes Interesse der Forschungscommunity mit der stetigen Suche nach Möglichkeiten, die Proliferation und Migration von Schwannzellen, Axonen, Endothelzellen, Fibroblasten und weiteren Bestandteilen eines gesunden Nerven zu steigern.
Rolle der Schwannzellen bei der Nervenregeneration
Schwannzellen ändern in Reaktion auf eine Nervenverletzung ihre Funktionen, indem sie von einem adulten Phänotyp in den „repair phenotype“ transdifferenzieren. Die Schwannzellen stoppen dabei die Produktion des Myelins und das Aufrechterhalten der Hämostase und gehen in einen proliferativen und migrativen Typus über. Das zerstörte und zerfallene Axon sowie die Umgebungsschicht werden weggeräumt und verdaut und die leeren Endoneuralkanäle für die frisch auswachsenden Axone nach einer Wallerschen Degeneration vorbereitet.
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