Nervenverletzung im Bein: Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze

Nervenverletzungen im Bein können eine Vielzahl von Ursachen haben und sich durch unterschiedliche Symptome äußern. Während Sportverletzungen häufig Muskeln, Sehnen oder Gelenke betreffen, können auch Nerven in Mitleidenschaft gezogen werden. Nervenverletzungen sind besonders bedeutsam, da ihre Folgen schwerwiegender sein können als beispielsweise Muskelverletzungen, und die Regeneration der Nerven oft sehr langsam verläuft. Eine genaue Diagnostik und Behandlung sind daher entscheidend, um langfristige Beeinträchtigungen zu vermeiden.

Ursachen von Nervenverletzungen im Bein

Hinter einer Nervenreizung oder Nervenverletzung können ganz verschiedene Ursachen stecken. Eine „one size fits all“-Therapie gibt es nicht. Verletzungen von Nerven kommen vergleichsweise selten vor. Bei einer Studie über Erdbebenopfer konnten bei etwa 5,8 Prozent der Teilnehmer Nervenverletzungen festgestellt werden. In der allgemeinen Bevölkerung ist der Anteil an Betroffenen statistisch noch geringer.

Verschiedene Faktoren können zu Nervenverletzungen im Bein führen:

  • Sportliche Betätigung: Gerade bei Sportarten mit einer hohen Anzahl bestimmter Bewegungssequenzen kann eine biomechanische Komponente ursächlich sein. Auch eine Nerveneinklemmung durch Sportgeräte, Sportausrüstung oder Schuhe kann eine Rolle spielen. Durch bestimmte Bewegungen können Nerven auch überdehnt werden, typischerweise an Stellen, an denen ein Nerv nach einem kurzen „freien“ Verlauf einen Befestigungspunkt erreicht. Dies kann beispielsweise bei Umknicken im Sprunggelenk den N. peroneus betreffen oder bei Überkopf-Wurfbewegungen den N. suprascapularis.

  • Druck und Einklemmung: Nerven reagieren empfindlich auf längere Einengung oder Einklemmung. Engpass- oder Nervenkompressionssyndrome sind chronische Druckschäden peripherer Nerven, die an typischen Engstellen im Nervenverlauf auftreten und meist durch Bänder, Muskelsehnen oder Knochenvorsprünge verursacht werden. Ein Beispiel für eine Nervenschädigung durch Reibung ist die Verlagerung des N. ulnaris am Ellenbogen.

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  • Trauma: Nerven können durch direkte spitze oder stumpfe Traumata oder indirekt durch Zugwirkung geschädigt werden. Die Dehnbarkeit der Nerven hängt dabei vom zeitlichen Ablauf sowie von möglichen Vorschäden des Nervs ab. Häufige Verletzungen durch Dehnung entstehen durch schnelle Zugkräfte, beispielsweise bei Motorradunfällen. Traumatische Verletzungen des Bewegungsapparates wie Knochenbrüche, Gelenksluxationen, Muskelrisse oder Scherverletzungen können ebenfalls zu Nervenverletzungen führen. Auch medizinische Maßnahmen wie Lymphknotenbiopsien oder Frakturversorgungen können Nerven schädigen.

  • Systemische Erkrankungen: Polyneuropathien, Erkrankungen des peripheren Nervensystems, können durch verschiedene Grunderkrankungen ausgelöst werden. Diabetes mellitus und Alkoholmissbrauch sind häufige Ursachen. Auch Entzündungen (z.B. Borreliose), Leber-, Nieren- und Lungenerkrankungen, hämatologische und rheumatologische Erkrankungen, Tumorerkrankungen, bestimmte Medikamente oder Langzeitbehandlungen auf einer Intensivstation können Polyneuropathien verursachen.

  • Tumoren: Chronisch wachsende Prozesse im Bereich der peripheren Nerven können neben einer tastbaren Schwellung und Schmerzen auch durch ständigen Druck, Zug oder Beeinträchtigung der Blutversorgung Schäden am betroffenen Nerv verursachen. Tumoren der peripheren Nerven sind insgesamt selten und meist gutartig.

Symptome einer Nervenverletzung im Bein

Die Symptome einer Nervenreizung können im Vergleich mit Beschwerden infolge anderer Ursachen manchmal verblüffend ähnlich sein. Ob Nerven ursächlich eine Rolle spielen, kann aber in einer genauen neurologischen Untersuchung in der Regel geklärt werden.

Die Symptome einer Nervenverletzung im Bein können vielfältig sein und hängen vom betroffenen Nerv, dem Ausmaß der Schädigung und der zugrunde liegenden Ursache ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

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  • Schmerzen: Nervenschmerzen werden oft als „brennend“, „wie Feuer“ oder „wie Wundschmerz“ beschrieben. Auch ein Gefühl wie nach einem Sonnenbrand ist typisch. Die Schmerzen können spontan auftreten oder durch bestimmte Reize ausgelöst werden.

  • Überempfindlichkeit: In der betroffenen Hautregion findet sich oft eine Überempfindlichkeit gegenüber Berührung oder Temperaturänderungen. Eine leichte Berührung der Haut kann bereits Schmerzen verursachen (Allodynie).

  • Missempfindungen (Parästhesien): Häufig treten Kribbeln, Ameisenlaufen, Stechen oder ein Gefühl des Eingeschnürtseins auf.

  • Taubheitsgefühl: Berührung wird nicht oder nur abgeschwächt empfunden.

  • Schwäche: Eine Schwäche einzelner Muskeln kann ein Hinweis auf eine Nervenläsion sein.

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  • Muskelkrämpfe: Auch Muskelkrämpfe können Folge einer Nervenreizung sein, obwohl ein Magnesiummangel seltener die Ursache ist als allgemein angenommen. Hinweise auf eine Nervenursache können sein, wenn Krämpfe stark zunehmen, plötzlich neu beginnen oder asymmetrisch sind.

  • Koordinationsschwierigkeiten: Schäden an sensiblen Nerven können zu Koordinationsschwierigkeiten beim Laufen führen.

  • Eingeschränktes Temperatur- und Schmerzempfinden: Ein nachlassendes Temperatur- und Schmerzempfinden erhöht das Risiko für Verletzungen.

Es ist wichtig zu beachten, dass diese Symptome auch bei anderen Erkrankungen auftreten können. Eine genaue neurologische Untersuchung ist daher entscheidend, um die Ursache der Beschwerden zu klären.

Beispiele für spezifische Nervenkompressionssyndrome im Bein:

  • Meralgia paraesthetica: Betrifft den N. cutaneus femoris lateralis an der Leiste. Symptome sind Kribbeln, brennende Schmerzen, Missempfindungen und Taubheit an der Vorder- und Außenseite des Oberschenkels.

  • Hinteres Tarsaltunnel-Syndrom: Betrifft den N. tibialis am Innenknöchel.

  • Vorderes Tarsaltunnel-Syndrom: Betrifft Äste des N. peroneus im Bereich des Fußrückens.

  • Peronaeus-Kompressions-Syndrom: Betrifft den N. peronaeus am proximalen Unterschenkel.

Diagnostik von Nervenverletzungen im Bein

Die Diagnostik von Nervenverletzungen im Bein umfasst verschiedene Schritte:

  1. Anamnese (Krankengeschichte): Der Arzt erfragt die genaue Art und Entstehungsgeschichte der Beschwerden, wann und in welchem Zusammenhang diese begonnen haben und wie sie sich auswirken.

  2. Klinisch-neurologische Untersuchung: Der Arzt prüft Muskelkraft, Sensibilität und Muskeleigenreflexe. Am häufigsten beginnen die Symptome und Ausfälle an den unteren Extremitäten, meist an den Füßen oder Fußspitzen. An den Extremitäten können sich Sensibilitätsstörungen socken-, strumpf- oder handschuhförmig ausbreiten.

  3. Elektrophysiologische Untersuchung:

    • Elektroneurographie (ENG): Mit Stromimpulsen werden periphere Nerven stimuliert und Antworten von Muskeln oder sensiblen Fasern abgeleitet. Damit lässt sich die Art der Nervenschädigung feststellen.
    • Elektromyographie (EMG): Muskeln werden mit Nadeln untersucht, um das Ausmaß der Schädigung festzustellen.
  4. Bildgebende Verfahren:

    • Nervenultraschall: Hier ist unmittelbar sichtbar, ob eine Kontinuitätsunterbrechung, eine Einklemmung oder eine Schwellung vorliegt.
    • Magnetresonanztomographie (MRT): Kann eine Nervenschädigung direkt sichtbar machen und hilft, Tumore, Entzündungen oder Verletzungen genau zu lokalisieren und zu beurteilen.
    • Computertomographie (CT): Kann strukturelle Ursachen wie Knochenanomalien, Verletzungen oder Tumore erkennen, die auf Nerven drücken könnten.
    • Röntgen: Wird typischerweise eingesetzt, um strukturelle Ursachen auszuschließen oder zu identifizieren, die die Nerven beeinträchtigen könnten.
  5. Laboruntersuchungen: Nach einer zunächst weiter gefassten Abklärung (Durchblutungsstörungen, Laboruntersuchungen mit Frage nach Schilddrüsenfunktionsstörung, Elektrolytmangel o.a.) kommen spezielle neurologische Untersuchungen zum Einsatz.

  6. Nervenbiopsie: In einigen Fällen kann eine Nervenbiopsie durchgeführt werden, um die Ursache für die Schädigung genauer zu bestimmen.

Behandlung von Nervenverletzungen im Bein

Die Behandlung von Nervenverletzungen im Bein ist vielfältig und richtet sich nach der Ursache und dem Ausmaß der Schädigung. Generell werden konservative und operative Therapieformen unterschieden.

Konservative Behandlung:

  • Physiotherapie: Intensivierte Physiotherapie, auch auf neurophysiologischer Grundlage, kann den Heilungsverlauf unterstützen. Ziel ist es, die verbleibende Funktion zu erhalten oder wiederherzustellen, die Muskulatur zu stärken und die Beweglichkeit zu fördern.
  • Physikalische Maßnahmen: Können zur Schmerzlinderung und Verbesserung der Durchblutung eingesetzt werden.
  • Elektrostimulation: Kann die Muskeln stimulieren und die Nervenfunktion verbessern.
  • Ergotherapie: Hilft, die Alltagsaktivitäten zu verbessern und die Selbstständigkeit zu erhalten.
  • Orthopädietechnische Hilfsmittel: Vorübergehende Anpassung von Schienen oder Bandagen kann erforderlich sein, um das betroffene Bein ruhigzustellen und den Nerv zu entlasten.
  • Schmerztherapie: Bei neuropathischen Schmerzen können verschiedene Medikamente eingesetzt werden, um die Schmerzen zu lindern. Dazu gehören Antidepressiva, Antikonvulsiva und Opioide.
  • Injektionen: Infiltrationen mit Lokalanästhetika oder Kortikosteroiden können zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
  • Anpassung des Lebensstils: Für alle Polyneuropathien gilt: regelmäßige Kontrolle der Füße auf Druckstellen, Tragen von bequemem Schuhwerk, Meidung von Druck, Nutzung professioneller Fußpflege, Verbesserung des Lebensstils mit regelmäßiger körperlicher Betätigung (150 min Ausdauersport/Woche z. B.

Operative Behandlung:

  • Nervendekompression: Bei Nerveneinklemmungen wird der Nerv freigelegt und mikrochirurgisch oder endoskopisch die einengenden Bandstrukturen, Knochenvorsprünge oder Narbenzüge entfernt.
  • Nervenrekonstruktion: Bei einer Nervenunterbrechung erfolgt die direkte Naht zwischen den betroffenen Nervenenden, falls dies möglich ist. Lassen sich die Enden nicht adaptieren, wird in der Regel ein körpereigener sensibler Nerv (N. suralis) am Bein entnommen und zwischen die Enden eingenäht (Nerventransplantation).
  • Nerventumorentfernung: Periphere Nerventumoren werden mithilfe eines Operationsmikroskopes freigelegt und entfernt. Zudem werden weitere Hilfsmittel wie die intraoperative Sonographie und elektrophysiologische Messungen eingesetzt, um eine möglichst vollständige Tumorentfernung zu ermöglichen, ohne eine Schädigung des betroffenen Nervens zu riskieren.
  • Nerventransposition: Lassen sich Nerven nicht direkt rekonstruieren, können gesunde funktionelle Nerven auf den erkrankten Nerv umgelenkt werden, um so die Chance einer Regeneration der ursprünglichen Funktion wiederherzustellen.
  • Neurolyse: Freilegung des Nervs und Narbenlösung.

Weitere Behandlungsansätze:

  • Neural-Akupunktur: Kann zur Behandlung von Missempfindungen und Schmerzen eingesetzt werden.
  • TENS-Gerät (Transkutane Elektrische Nervenstimulation): Ein tragbares Gerät, das elektrische Impulse über Elektroden an die Haut abgibt, um Schmerzen zu lindern.
  • Nahrungsergänzungsmittel: Vitamin B-Komplexe, Keltican und Doloctan werden häufig zur Unterstützung bei Nervenschäden eingesetzt.

Prognose von Nervenverletzungen im Bein

Die Dauer und Prognose von Nervenschäden hängen stark von der Ursache, dem Ausmaß der Schädigung und der individuellen Reaktion des Körpers auf die Behandlung ab. Manche Nervenschäden können sich über Wochen bis hin zu Monaten oder sogar Jahren hinziehen, während andere sich möglicherweise nicht vollständig erholen. Bei bestimmten Ursachen, wie traumatischen Verletzungen, kann eine frühzeitige Behandlung die Prognose verbessern. In einigen Fällen kann die Nervenregeneration begrenzt sein und dauerhafte Symptome wie Taubheit oder Schmerzen zurücklassen, während andere Patienten eine vollständige oder teilweise Genesung erleben. Die Behandlung zielt oft darauf ab, die Symptome zu lindern und die Funktionsfähigkeit zu verbessern, wobei die individuelle Reaktion des Körpers ein wichtiger Faktor für die Prognose ist.

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