Nervenbahnen und Muskeln der Schulter: Eine anatomische Übersicht

Die Schulter ist das beweglichste Gelenk des menschlichen Körpers und ermöglicht ein breites Spektrum an Armbewegungen. Diese hohe Beweglichkeit macht die Schulter jedoch auch anfällig für Verletzungen und Schmerzen. Um die komplexen Funktionen und potenziellen Probleme der Schulter zu verstehen, ist ein detailliertes Wissen über die beteiligten Nervenbahnen und Muskeln unerlässlich.

Anatomie der Schulter

Die Schulter verbindet die Oberarme mit dem Rumpf und besteht aus drei Knochen:

  • Schulterblatt (Scapula): Ein dreieckiger, flacher Knochen, an dem die Rückenmuskeln ansetzen, die zum Oberarmkopf ziehen. Das Schulterblatt bildet den hinteren Teil des Schultergürtels und wird durch die Schulterblattgräte in zwei Flächen geteilt. Am Ende der Gräte befindet sich das Schultereck (Akromion), auch Schulterdach genannt.
  • Schlüsselbein (Clavicula): Verbindet das Schulterblatt mit dem Brustbein (Sternum).
  • Oberarmknochen (Humerus): Der runde Kopf des Oberarmknochens (Humeruskopf) liegt in der Gelenkpfanne des Schulterblatts.

Diese Knochen bilden drei Gelenke:

  • Schulterhauptgelenk (Glenohumeralgelenk): Verbindet den Oberarmknochen mit dem Schulterblatt.
  • Sternoclaviculargelenk: Verbindet Brustbein und Schlüsselbein.
  • Acromioclaviculargelenk: Verbindet Schultereck und Schlüsselbein.

Nervenbahnen der Schulter

Verschiedene Nerven versorgen die Schultermuskulatur und die Haut im Schulterbereich. Eine wichtige Rolle spielt hierbei der Nervus axillaris.

Nervus axillaris

Der Nervus axillaris (Achselnerv) entspringt den Segmenten C5 und C6 der Halswirbelsäule und verläuft durch die seitliche Achsellücke am Oberarmkopf entlang zur Rückseite des Arms. Er innerviert motorisch den Musculus teres minor (einen Muskel der Rotatorenmanschette) und den Deltamuskel. Zudem versorgt er die Haut des seitlichen Schulterbereichs sensibel. Verletzungen des Nervus axillaris können insbesondere bei Brüchen des Oberarmkopfes (proximale Humeruskopffrakturen) und Schulterausrenkungen (Luxationen) auftreten.

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Muskeln der Schulter

Die Schultermuskulatur ist ein komplexes Konstrukt aus zahlreichen Muskeln, die an Bewegungen der Arme, der Schultern, der Schulterblätter und im weitesten Sinne auch des Oberkörpers und des Kopfes beteiligt sind. Sie lässt sich grob in folgende Gruppen einteilen:

Schultermuskulatur der Körperrückseite

  • Obergrätenmuskel (Musculus supraspinatus): Wichtig für das seitliche Abspreizen des Armes (Abduktion).
  • Untergrätenmuskel (M. infraspinatus): Ermöglicht die Außenrotation des Armes.
  • Deltamuskel (M. deltoideus): Wichtigster Muskel für die Abduktion und beteiligt an vielen anderen Armbewegungen.
  • Großer Rundmuskel (M. teres major): Unterstützt die Adduktion, Innenrotation und Retroversion des Armes.
  • Kleiner Rundmuskel (M. teres minor): Unterstützt die Außenrotation und Adduktion des Armes.

Schultermuskulatur der Körpervorderseite

  • Unterschulterblattmuskel (Musculus subscapularis): Ermöglicht die Innenrotation des Armes.
  • Hakenarmmuskel (M. coracobrachialis): Unterstützt die Adduktion und Anteversion des Armes.

Rotatorenmanschette

Die Rotatorenmanschette ist eine Muskelgruppe, die das Schultergelenk umhüllt und für dessen Stabilität und Beweglichkeit von entscheidender Bedeutung ist. Sie besteht aus vier Muskeln:

  • Musculus supraspinatus
  • M. infraspinatus
  • M. teres minor
  • Musculus subscapularis

Die Sehnen dieser Muskeln sind zu einer Sehnenplatte verwachsen, die den Oberarmkopf zentriert in der Gelenkpfanne des Schulterblatts hält.

Ventrale Schultergelenksmuskeln

Zu den ventralen (vorderen) Schultergelenksmuskeln zählen der Musculus pectoralis major und der Musculus coracobrachialis.

  • Musculus pectoralis major (großer Brustmuskel): Ein kräftiger Muskel, der die Brust definiert und eine wichtige Rolle bei der Adduktion, Innenrotation und Anteversion des Armes spielt. Er wird auch als "Schwimmermuskel" bezeichnet und ist ein starker Atemhilfsmuskel. Der M. pectoralis major bildet zusammen mit dem M. deltoideus die Fossa infraclavicularis.
    • Pars sternocostalis: Ursprung an der 2.-7. Rippe am Rippenknorpel.
    • Pars abdominalis: Ursprung am Rectusscheide.
  • Musculus coracobrachialis: Unterstützt die Adduktion und Anteversion des Armes.

Weitere Muskeln

Neben der Schultergelenksmuskulatur gibt es weitere Muskeln im Schultergürtelbereich, die Einfluss auf die Schulterbewegungen haben:

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  • Muskeln des Oberarms (Bizeps, Trizeps)
  • Teile der Rückenmuskulatur (Trapezmuskel, großer Rückenmuskel, Rautenmuskeln, Schulterblattheber)
  • Brustmuskeln (großer und kleiner Brustmuskel, vorderer Sägemuskel)
  • Unterschlüsselbeinmuskel

Musculi rhomboidei

Die Musculi rhomboidei (Rautenmuskeln) sind Muskeln, die das Schulterblatt anheben und an den Rumpf heranziehen. Sie werden vom Nervus dorsalis scapulae innerviert, der aus den Nervenwurzeln C4, C5 und C6 entspringt und durch den Musculus scalenus medius verläuft. Klinische Tests umfassen das Stemmen des Arms in die Hüfte und das Anheben des Arms in Bauchlage nach hinten. Bei Schmerzen im Bereich der Musculi rhomboidei kann das Dehnen des Musculus pectoralis (Antagonist) und die Massage des Rhomboideus zur Entlastung beitragen.

Häufige Schulterprobleme

Aufgrund der komplexen Anatomie und der hohen Beweglichkeit ist die Schulter anfällig für verschiedene Probleme:

  • Schulterluxation: Ausrenkung des Oberarmkopfes aus der Gelenkpfanne.
  • Humeruskopffraktur: Bruch des Oberarmkopfes.
  • Rotatorenmanschettenruptur: Riss eines oder mehrerer Muskeln der Rotatorenmanschette.
  • Schulterimpingement: Schmerzhafte Einklemmung von Sehnen und Schleimbeutel unter dem Schulterdach.
  • Frozen Shoulder: Entzündung und Versteifung des Schultergelenks.
  • Kalkschulter: Ablagerung von Kalk in den Sehnen der Rotatorenmanschette.
  • Schulterarthrose (Omarthrose): Verschleiß des Knorpels im Schultergelenk.
  • Schulter-Arm-Syndrom (Zervikobrachialgie): Ein Komplex an Symptomen rund um Nacken, Schultern und Arme, oft verursacht durch muskulär-fasziale Probleme an der Halswirbelsäule.

Behandlung von Schulterproblemen

Die Behandlung von Schulterproblemen richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad der Beschwerden. Konservative Maßnahmen wie Physiotherapie, Schmerzmittel und Injektionen können oft helfen. In einigen Fällen ist jedoch eine Operation erforderlich, z. B. bei einer Rotatorenmanschettenruptur oder einer fortgeschrittenen Schulterarthrose.

Konservative Therapie bei Schmerzen im Bereich der Musculi rhomboidei

  • Dehnen des M. pectoralis (Antagonist) zur Entlastung der Mm. rhomboidei
  • Massage des Rhomboideus

Liebscher & Bracht Übungen® gegen das Schulter-Arm-Syndrom

  • Dehnübung: Stelle dich ganz dicht vor eine Wand, sodass deine rechte Schulter direkten Kontakt zur Wand hat. Lasse deinen Schulterbereich eng an der Wand und drehe den Oberkörper langsam weiter nach links, um eine intensive Dehnung in der rechten Schulter zu erzeugen.
  • Gegenspannung: Drücke jetzt deinen rechten Arm 10 Sekunden lang mit voller Kraft gegen die Wand. Dabei versuchst du dich mit dem Oberkörper noch weiter nach links von der Wand wegzudrehen.
  • Aktive Dehnung: Bleibe in deiner Ausgangsposition und stelle dir nun vor, dass du deinen rechten Arm von der Wand lösen möchtest, um ihn aus der eigenen Muskelkraft kurz vor der Wand zu halten.

Schulterprothese

Eine Schulterprothese ersetzt geschädigte Gelenkflächen im Schultergelenk. Die Auswahl des Prothesenmodells richtet sich nach Ausmaß und Ort der Schädigung. Bei Totalendoprothesen (TEP) werden beide Gelenkpartner (Oberarmkopf und Gelenkpfanne) erneuert. Die Implantation einer Schulterprothese kommt in Frage, wenn konservative und gelenkerhaltende chirurgische Behandlungen am Schultergelenk erfolglos waren.

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