Einleitung
Die Debatte um die potenziellen gesundheitlichen Auswirkungen von Handystrahlung ist ein viel diskutiertes Thema. Medienberichte schüren Ängste, während wissenschaftliche Studien versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen. Dieser Artikel fasst die aktuellen Forschungsergebnisse zusammen und beleuchtet sowohl die potenziellen Risiken als auch die Mechanismen, die zu Beschwerden im Zusammenhang mit Handystrahlung führen können.
Der Nocebo-Effekt und elektromagnetische Hypersensitivität
Ein wichtiger Aspekt im Zusammenhang mit Nervenschmerzen und Handystrahlung ist das Phänomen der elektromagnetischen Hypersensitivität. Betroffene berichten von Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel, brennender Haut oder Kribbeln, die sie auf elektromagnetische Felder (EMF) zurückführen, die von Handys, Mobilfunk-Sendemasten, Hochspannungsleitungen und dem WLAN ausgehen. Studien deuten jedoch darauf hin, dass es sich bei dieser Symptomatik um einen sogenannten Nocebo-Effekt handeln könnte.
Dr. Michael Witthöft von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) erklärt: "Allein die Erwartung einer Schädigung kann tatsächlich Schmerzen oder Beschwerden auslösen, wie wir es umgekehrt im Bereich schmerzlindernder Wirkungen auch von Placebo-Effekten kennen." Medienberichte, die vor Gesundheitsrisiken warnen, können bei manchen Personen Nocebo-Effekte hervorrufen oder verstärken.
In einer Studie wurde Testpersonen ein Fernsehbericht gezeigt, in dem teilweise drastisch über die Gesundheitsgefahren von Mobilfunk- und WLAN-Signalen berichtet wurde. Anschließend wurden alle Probanden einem WLAN-Scheinsignal ausgesetzt, von dem sie aber annehmen konnten, dass es echt sei. Obwohl überhaupt keine Strahlung vorhanden war, entwickelten einige Probanden die typischen Symptome. Es zeigte sich, dass die Symptome bei Personen mit erhöhter Ängstlichkeit, die vor der Scheinexposition den Dokumentarfilm über mögliche Gefahren von elektromagnetischer Strahlung gezeigt bekamen, am stärksten ausfielen.
Diese Ergebnisse unterstreichen, wie stark reißerische Medienberichte, denen oft die wissenschaftliche Grundlage fehlt, auf die Gesundheit großer Bevölkerungsteile Einfluss nehmen können. Die Suggestion von Gesundheitsgefahren kann nicht nur kurzfristig wirken, sondern auch langfristig dazu führen, dass sich Menschen für empfänglich halten und in entsprechenden Situationen auf Elektrosmog mit Symptomen reagieren.
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Handynutzung und Karpaltunnelsyndrom
Neben den diskutierten Auswirkungen elektromagnetischer Felder auf Nervenschmerzen, belegen Studien, dass die Hand- und Armnerven durch die intensive Nutzung von Smartphones erheblich belastet werden können. Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) informiert über einen möglichen Zusammenhang zwischen der intensiven Nutzung von Smartphones und dem Auftreten des Karpaltunnelsyndroms (KTS).
Beim Karpaltunnelsyndrom kommt es zu einer chronischen Kompression des N. medianus unter dem Retinaculum flexorum, welches das Dach des Karpaltunnels bildet. Frühe Anzeichen der Erkrankung sind nächtliche Schmerzen im Zeige- und Mittelfinger sowie Daumen, dem Innervationsgebiet des N. medianus. Im weiteren Verlauf kommt es zur Atrophie des Daumenballens.
Türkische Forscher haben untersucht, ob diese extreme Fingerakrobatik negative Auswirkungen auf die Nerven der Hände und Arme haben kann. Die Ergebnisse zeigten, dass die intensive Verwendung eines Smartphones den Mediannerv ungünstig beeinflussen kann. So stuften Mobiltelefonbenutzer ihre Beschwerden mit einen Q-Dash-Score von durchschnittlich 16,63 ein. Moderate Smartphone-Nutzer lagen etwas darunter, während Hardcore-Nutzer einen Wert von 19,80 erreichten. Zudem lag die motorische Leitfähigkeit bei den Vielsurfern rund zehn Prozent unter dem Wert der moderaten Nutzer.
Professor Dr. med. Helmut Buchner von der DGKN erklärt, dass drehende Bewegungen im Handgelenk, wie sie beispielsweise beim Wischen auf dem Display entstehen, das KTS verstärken können. Auch intensives Stricken oder die Arbeit von Reinigungskräften, die unablässig Wäsche auswringen, können ein KTS fördern.
Elektromagnetische Strahlung und Hirntumore
Elektromagnetische Strahlung von Smartphones stand lange im Verdacht, Gliome auszulösen oder ihr Wachstum zu begünstigen. Die MOBI-Kids-Studie, an der Forschungseinrichtungen aus 14 Ländern beteiligt waren, konnte jedoch keine Korrelation zwischen den elektromagnetischen Feldern mobiler Kommunikationsgeräte und Gliom-Erkrankungen feststellen.
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Dr. Tobias Weinmann vom Institut und der Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin am LMU Klinikum erklärt: "Die Ergebnisse sind für die Forschung enorm wichtig. Sie bestätigen die Ergebnisse ähnlicher Studien aus dem Erwachsenenbereich, die ebenfalls wenig Evidenz für einen Zusammenhang zwischen der Strahlung von Smartphones und der Entstehung von Gliomen im äußeren Gehirn-Areal finden."
In der Studie wurden nicht nur elektromagnetische Felder untersucht, sondern auch weitere Risikofaktoren für die Erkrankung an Gliomen bestimmt und abgefragt. Die Auswertung der Daten bestätigte die Vermutung der Forschenden: Es konnte kein Zusammenhang zwischen Gliomen und elektromagnetischen Feldern festgestellt werden.
Weitere potenzielle Auswirkungen von Handystrahlung
Eine Studie der Universität zu Lübeck in Zusammenarbeit mit der Psychologin Ewelina Wardzinski kam zu dem Ergebnis, dass Handystrahlung die Nahrungsaufnahme steigern kann. Die Probanden aßen nach 25-minütiger Handybestrahlung deutlich mehr. Die Forscher fanden ebenfalls einen Einfluss auf den Energiestoffwechsel im Gehirn.
Die Lübecker Wissenschaftler berichten, dass ähnliche Ergebnisse bereits im Versuch mit Nagetieren gezeigt wurden. Die höhere Kalorienaufnahme sei vor allem durch den Verzehr von mehr Kohlehydraten zustande gekommen. Diese bringen die Forscher mit einem höheren Energieumsatz im Gehirn zusammen, den sie mehrmals mit der Magnetresonanzspektroskopie gemessen haben.
Das Team zieht daraus den Schluss, "dass Handystrahlen nicht nur einen potenziellen Faktor für übermäßiges Essen beim Menschen darstellen, sondern dass sie auch die Energiehomöostase des Gehirns beeinflussen." Ihre Befunde könnten somit für die Untersuchung von Übergewicht und Adipositas, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, von Bedeutung sein.
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Empfehlungen und Vorsichtsmaßnahmen
Obwohl die Forschungslage in Bezug auf die langfristigen Auswirkungen von Handystrahlung noch nicht abschließend ist, gibt es einige Empfehlungen und Vorsichtsmaßnahmen, die beachtet werden können:
- Reduzierung der Smartphone-Nutzung: Insbesondere bei intensiver Nutzung sollte die Nutzungsdauer reduziert werden, um die Belastung der Hand- und Armnerven zu minimieren.
- Verwendung von Headsets oder Freisprechfunktion: Um die Aufnahme elektromagnetischer Strahlung durch den Körper zu verringern, sollte das Telefon nicht direkt an den Kopf gehalten werden.
- Vorsichtiger Umgang mit Medienberichten: Reißerische Medienberichte über Gesundheitsrisiken sollten kritisch hinterfragt werden, um Nocebo-Effekte zu vermeiden.
- Ehrliche und umfassende Information: Die Menschen sollten ehrlich und umfassend über die potenziellen Risiken und Vorsichtsmaßnahmen im Zusammenhang mit Handystrahlung informiert werden.
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