Kälte kann sowohl Auslöser als auch Hemmer von Schmerzen sein. Während Kälte bei gesunden Menschen mit akutem Schmerz schmerzlindernd wirken kann, existiert bei Patienten mit Nervenschmerzen oft ein gegenteiliger Effekt: Sie reagieren häufig überempfindlich auf Kälte und empfinden manchmal schon bei einem leichten Luftzug starke Schmerzen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Nervenschmerzen durch Kälte und stellt verschiedene Behandlungsansätze vor.
Grundlagen der Nerven und Schmerzentstehung
Um die Entstehung von Nervenschmerzen durch Kälte zu verstehen, ist es wichtig, die Grundlagen der Nervenanatomie, -physiologie und -pathophysiologie zu kennen.
Nervenanatomie
Jeder Nerv besteht aus einem Bündel von Axonen. Jedes Axon ist von einer Bindegewebsschicht, dem Endoneurium, umgeben. Mehrere Axone sind zu Faszikeln zusammengefasst, die vom Perineurium umhüllt werden. Mehrere Faszikel bilden zusammen den Nerv, der von einer äußeren Schicht, dem Epineurium, umgeben ist.
Man unterscheidet zwischen myelinisierten und nicht-myelinisierten Nerven. Myelinisierte Nerven sind von den Myelinscheiden der Schwann-Zellen umgeben und leiten elektrische Nervenimpulse schneller als nicht-myelinisierte Nerven.
Schmerzentstehung
Schmerz entsteht durch die Aktivierung von Nozizeptoren, den Schmerzsinneszellen. Diese liegen als freie Nervenendigungen in Haut, Organen und Muskeln. Sie werden durch mechanische, thermische, chemische oder elektrische Reize stimuliert. Auch körpereigene Schmerzstoffe können sie anregen. Die Schmerzsignale werden über A-delta- und C-Fasern zum Rückenmark und Gehirn transportiert, wo sie verarbeitet und interpretiert werden.
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Kälte und Nervenschädigung
Die Reaktion der Nerven auf Kälteexposition ist von verschiedenen Faktoren abhängig, darunter die Temperatur, die Dauer der Exposition und der Zustand der Nerven. Es ist wichtig, zwischen verschiedenen Schweregraden der Nervenschädigung zu unterscheiden, die durch Kälte verursacht werden können.
Klassifikation der Nervenverletzungen nach Seddon und Sunderland
Seddon und Sunderland haben eine Klassifikation von Nervenverletzungen entwickelt, die die Verletzung der Nervenanatomie beschreibt und in Relation zur möglichen Regeneration darstellt. Diese Klassifikation ermöglicht auch eine Relation von Kälte und Nervenschädigung:
- Neuropraxie: Die geringste Schädigung, die eine kurzzeitige Leitungsunterbrechung verursacht (z.B. "eingeschlafene Beine"). Sie entspricht einer Kälteexposition von +10°C bis -20°C und ist vollständig reversibel.
- Axonotmesis: Hierbei kommt es zum Verlust der Kontinuität des Axons mit Wallerscher Degeneration distal der Verletzung, aber die Hüllstrukturen (Endoneurium, Perineurium und Epineurium) bleiben erhalten. Dies ist ebenfalls vollständig reversibel, die Regeneration dauert jedoch je nach Länge des Nervs bis zu 24 Monate. Die Regeneration von Axon und Myelinscheide findet entlang der Hüllstrukturen statt (ca. 1-2 mm/Tag). Die Axonotmesis entspricht einer Kälteexposition von -20°C bis -100°C.
- Neurotmesis: Diese Schädigung ist nicht mehr reversibel und beschreibt die anatomische Unterbrechung der Axone sowie des Peri- und Epineuriums, auch wenn das Endoneurium möglicherweise noch erhalten bleibt. Dies tritt bei Temperaturen unter -140°C auf. Eine vollständige Durchtrennung der Nerven ist mit Kälte nicht möglich.
Ursachen für Nervenschmerzen durch Kälte
Es gibt verschiedene Ursachen für Nervenschmerzen, die durch Kälte ausgelöst oder verstärkt werden können:
- Direkte Kälteeinwirkung: Kälte kann direkt auf die Nerven wirken und Entzündungen oder Schädigungen verursachen. Dies kann insbesondere bei exponierten Nerven, wie z.B. im Gesicht oder an den Extremitäten, der Fall sein.
- Vasokonstriktion: Kälte führt zu einer Verengung der Blutgefäße (Vasokonstriktion), was die Durchblutung der Nerven beeinträchtigen kann. Eine verminderte Durchblutung kann zu einer Unterversorgung der Nerven mit Sauerstoff und Nährstoffen führen und somit Schmerzen verursachen.
- Muskelverspannungen: Kälte kann Muskelverspannungen auslösen, die wiederum auf die Nerven drücken und Schmerzen verursachen können. Dies ist besonders häufig im Bereich der Wirbelsäule der Fall.
- Vorerkrankungen: Bestimmte Vorerkrankungen, wie z.B. Diabetes mellitus, Multiple Sklerose oder das Raynaud-Syndrom, können die Anfälligkeit für Nervenschmerzen durch Kälte erhöhen.
Raynaud-Syndrom
Das Raynaud-Syndrom ist eine Erkrankung, bei der es durch Kälte oder Stress zu einer vorübergehenden Verengung der Blutgefäße, insbesondere in den Fingern und Zehen, kommt. Dies führt zu einer Minderdurchblutung und kann Schmerzen, Taubheitsgefühl und Farbveränderungen der Haut verursachen.
Symptome von Nervenschmerzen durch Kälte
Die Symptome von Nervenschmerzen durch Kälte können vielfältig sein und hängen von der Ursache und dem betroffenen Nerv ab. Häufige Symptome sind:
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- Stechende, brennende oder schneidende Schmerzen
- Taubheitsgefühl oder Kribbeln
- Überempfindlichkeit gegenüber Berührung oder Temperaturveränderungen
- Muskelschwäche
- Einschränkung der Beweglichkeit
Diagnose von Nervenschmerzen durch Kälte
Die Diagnose von Nervenschmerzen durch Kälte umfasst in der Regel eine gründliche Anamnese, eine körperliche Untersuchung und gegebenenfalls weitere diagnostische Maßnahmen.
- Anamnese: Der Arzt wird Fragen zu den Symptomen, dem Zeitpunkt des Auftretens, den auslösenden Faktoren und eventuellen Vorerkrankungen stellen.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt wird die betroffenen Körperregionen untersuchen, um mögliche Ursachen für die Nervenschmerzen zu identifizieren. Dabei kann er auch neurologische Tests durchführen, um die Funktion der Nerven zu überprüfen.
- Weitere diagnostische Maßnahmen: In einigen Fällen können weitere diagnostische Maßnahmen erforderlich sein, um die Ursache der Nervenschmerzen zu identifizieren. Dazu gehören beispielsweise:
- Elektrophysiologische Untersuchungen (NLG/EMG): Diese Untersuchungen messen die elektrische Aktivität der Nerven und Muskeln und können helfen, Nervenschädigungen zu erkennen.
- Bildgebende Verfahren (MRT, CT): Diese Verfahren können helfen, strukturelle Veränderungen der Nerven oder des umliegenden Gewebes zu erkennen.
- Kälteprovokationstest: Dieser Test wird durchgeführt, um das Raynaud-Syndrom zu diagnostizieren. Dabei werden die Hände oder Füße kurzzeitig Kälte ausgesetzt, und die Reaktion der Blutgefäße wird beobachtet.
Behandlung von Nervenschmerzen durch Kälte
Die Behandlung von Nervenschmerzen durch Kälte zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern, die Ursache zu behandeln und die Funktion der Nerven wiederherzustellen.
Konservative Behandlung
- Wärme: Wärme kann helfen, Muskelverspannungen zu lösen und die Durchblutung zu fördern. Wärmepflaster, warme Bäder oder Saunabesuche können wohltuend sein.
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung kann die Muskulatur stärken, die Durchblutung verbessern und Schmerzen lindern.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen und Muskelverspannungen zu lösen.
- Schmerzmittel: Schmerzmittel können helfen, die Schmerzen zu lindern. Bei leichten Schmerzen können rezeptfreie Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen ausreichend sein. Bei stärkeren Schmerzen können verschreibungspflichtige Schmerzmittel erforderlich sein.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskulatur zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und Schmerzen zu lindern.
- Homöopathie: Einige Patienten berichten von einer Linderung ihrer Beschwerden durch homöopathische Mittel.
Medikamentöse Behandlung
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva können bei Nervenschmerzen helfen, indem sie die Schmerzwahrnehmung beeinflussen.
- Antiepileptika: Antiepileptika werden ursprünglich zur Behandlung von Krampfanfällen eingesetzt, können aber auch bei Nervenschmerzen wirksam sein, da sie die elektrische Reizbarkeit der Nerven verringern.
- Opioide: Opioide sind starke Schmerzmittel, die bei sehr starken Nervenschmerzen eingesetzt werden können. Aufgrund des hohen Suchtpotenzials sollten sie jedoch nur unter strenger ärztlicher Kontrolle eingenommen werden.
- Calcium: Calcium kann bei Patienten, die mit Platinsalz behandelt werden und unter Kälteüberempfindlichkeit leiden, das "Türklappern" der Natriumkanäle reduzieren.
Invasive Behandlung
- Kryoneurolyse: Die Kryoneurolyse ist eine spezielle Technik zur langfristigen Schmerzlinderung, bei der der betroffene Nerv gezielt vereist wird. Durch die Vereisung wird die Nervenstruktur gestört und es kommt zu einer vorübergehenden oder dauerhaften Blockade der Schmerzleitung. Die Kryoneurolyse wird häufig bei Neuralgien, Nervenschmerzen und Neuromschmerzen eingesetzt. Dabei werden Temperaturen von -70°C bis -89°C erreicht.
- Nervenblockaden: Bei Nervenblockaden werden Lokalanästhetika in die Nähe des betroffenen Nervs injiziert, um die Schmerzleitung zu blockieren.
- Operation: In seltenen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um die Ursache der Nervenschmerzen zu beheben, z.B. bei einer Nervenkompression durch einen Tumor oder eine Gefäßmissbildung.
Kryoneurolyse im Detail
Die Kryoneurolyse ist eine minimal-invasive Methode, bei der Kälte eingesetzt wird, um Nervenschmerzen zu behandeln. Hierbei wird eine Sonde in die Nähe des betroffenen Nervs platziert und mit einem Kältemittel (in der Regel Lachgas oder Kohlendioxid) gekühlt. Die Kälte führt zu einer lokalen Schädigung des Nervs, wodurch die Schmerzleitung unterbrochen wird.
Technik der Kryoneurolyse
Moderne Kryochirurgische Geräte nutzen entweder Lachgas (Stickoxydul N2O2) oder Kohlendioxid (CO2). Die Sonden haben eine Größe von 1,4 bis 2 Millimetern und verfügen über einen eingebauten Nervenstimulator zur Lokalisierung des Nervs und einen Thermistor zur Ermittlung der Temperatur an der Spitze.
Die Anwendung von Kälte auf das Gewebe erzeugt einen Leitungsblock, ähnlich der Wirkung von Lokalanästhetika. Langfristige Schmerzlinderung durch das Einfrieren von Nerven tritt auf, weil Eiskristalle eine vaskuläre Schädigung der Vasa nervorum verursachen, die zu einem schweren endoneuralen Ödem führt. Dadurch wird die Nervenstruktur gestört und es kommt zur Waller'schen Degeneration, aber die Myelinscheide und das Endoneurium bleiben intakt. Die Basallamina der Schwann-Zellen wird verschont und stellt letztlich die Struktur für die Regeneration zur Verfügung.
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Indikationen für die Kryoneurolyse
Die Kryoneurolyse kann bei verschiedenen Arten von Nervenschmerzen eingesetzt werden, darunter:
- Occipitalisneuralgie
- Trigeminusneuralgie
- Facettenschmerzen der Wirbelsäule (HWS/BWS/LWS)
- Schulterschmerzen (Vereisung des Nervus suprascapularis)
- Intercostalneuralgien
Geschichte der Kryoneurolyse
Die Verwendung von Kälte zur Schmerzlinderung ist seit Jahrtausenden bekannt. Bereits Hippokrates (460-377 v. Chr.) beschrieb die Verwendung von Eis zur Schmerzlinderung. Im napoleonischen Krieg wurde festgestellt, dass halb erfrorene Soldaten Amputationen besser tolerierten. Die moderne Kryoanalgesie geht auf Cooper et al. (1961) zurück, die ein Gerät entwickelten, das flüssigen Stickstoff verwendete. Amoils entwickelte 1967 ein einfacheres Handgerät, das Kohlendioxid oder Distickstoffoxid verwendete.
Was können Betroffene selbst tun?
Neben den ärztlichen Behandlungen können Betroffene auch selbst einiges tun, um ihre Beschwerden zu lindern:
- Kälte meiden: Vermeiden Sie es, sich längere Zeit Kälte auszusetzen. Tragen Sie warme Kleidung, insbesondere Handschuhe, Mütze und Schal.
- Durchblutung fördern: Fördern Sie die Durchblutung Ihrer Hände und Füße durch regelmäßige Bewegung, Massagen oder Wechselbäder.
- Stress reduzieren: Stress kann die Schmerzen verstärken. Versuchen Sie, Stress abzubauen, z.B. durch Entspannungstechniken oder Yoga.
- Gesunde Ernährung: Achten Sie auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung, um Ihren Körper mit allen wichtigen Nährstoffen zu versorgen.
- Nikotin vermeiden: Nikotin verengt die Blutgefäße und kann die Durchblutung verschlechtern. Verzichten Sie daher auf das Rauchen.
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