Nervenschmerzen, oft von neurologischen Ausfällen begleitet, können das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Sie äußern sich in Gefühlsstörungen wie Kribbeln oder Taubheit, aber auch in Fehlfunktionen der Muskeln, die von Schwäche bis hin zu Lähmungen reichen können. Die Ursachenforschung gestaltet sich komplex, da sowohl Erkrankungen des Bewegungsapparates als auch eigenständige Nervenerkrankungen in Frage kommen.
Ursachen von Nervenschmerzen
Um die Ursachen von Nervenschmerzen zu verstehen, ist es wichtig, zwischen solchen zu unterscheiden, die auf Erkrankungen des Bewegungsapparates zurückzuführen sind, und solchen, die eine eigenständige Erkrankung darstellen.
Nervenschmerzen durch Erkrankungen des Bewegungsapparates
Innerhalb der Wirbelsäule verläuft der Rückenmarkskanal, der eine Vielzahl von Nervensträngen beherbergt. Diese Nervenstränge sind für die Signalübertragung zwischen Gehirn und Körper verantwortlich. Nervenstränge, die zwischen den Wirbelkörpern austreten, stellen eine Verbindung zwischen dem Rückenmark und den verschiedenen Körperregionen her. Nervenschmerzen können im Bereich dieser Ein- und Austrittsstellen auftreten und in das von ihnen versorgte Körperareal ausstrahlen.
Wenn Nerven nur vorübergehend eingeklemmt oder gereizt werden, kann dies zu blitzartigen Schmerzen führen, die nur wenige Sekunden andauern. In solchen Fällen spricht man von einer Neuralgie. Eine mögliche Ursache hierfür ist eine Fehlstellung der Wirbelkörper. Auch Bandscheiben können auf die Nervenstränge drücken und so Schmerzen verursachen. Darüber hinaus können Verspannungen oder altersbedingte Abnutzungserscheinungen für Nervenschmerzen verantwortlich sein. Die Behandlung dieser Art von Nervenschmerzen ähnelt oft der Behandlung von Rückenschmerzen und basiert auf einer Kombination verschiedener Therapieansätze.
Muskelverspannungen sind ein häufiger Grund für tiefsitzende Rückenschmerzen. Leiden Personen unter starken Muskelverspannungen am Rücken, führt dies, je nach betroffener Muskelgruppe, zu tiefsitzenden Rückenschmerzen, Nacken-, Schulter- oder Armschmerzen. Auch Kopfschmerzen können als Folge einer verspannten Rücken-, Schulter- und Nackenmuskulatur auftreten. Die Ursachen können an der Wirbelsäule selbst liegen, denn der Körper versucht schmerzhafte Bereiche durch die Muskelanspannung ruhig zu stellen. Durch die Spannung verschlimmern sich die Schmerzen aber oft - ein Teufelskreis entsteht.
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Meistens nehmen die Betroffenen daher bewusst oder unbewusst dauerhaft eine Schonhaltung ein, um die Schmerzen erträglich zu halten. Eine Fehlhaltung entsteht. Die Arbeit der von der Verspannung betroffenen Muskelpartien wird nun von anderen Muskeln übernommen, wodurch sich die Beschwerden ausbreiten oder verlagern können. In den meisten Fällen sind Fehlhaltungen oder Überlastungen gepaart mit Bewegungsmangel Ursache für Muskelverspannungen. Oft beginnt alles mit einer Fehlhaltung bei dauerhaftem Sitzen, zum Beispiel am Schreibtisch oder Computer. Es entsteht eine Dauerbelastung einzelner Muskelgruppen mit den schon beschriebenen Folgen. Eine weitere sehr häufige Ursache sind psychische Belastungen, wie Stress oder Angst. Dann sind anfangs oft die Nacken- und die Schultermuskulatur betroffen.
Bei Angst „erstarren" die Muskeln im wahrsten Sinne des Wortes. Stress oder unangenehme Situationen lassen die Betroffenen „den Kopf einziehen". Starker Druck etwa „lastet auf den Schultern" oder bei großem Kummer gehen wir „von Gram gebeugt".
Neuropathische Schmerzen
Bei neuropathischen Schmerzen sind die Nerven selbst oder die sie versorgenden Blutgefäße erkrankt. Häufige Ursachen sind Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose sowie Diabetes mellitus, Alkoholmissbrauch, Infektionen oder Verletzungen.
Wenn neuropathische Schmerzen Folge einer Verletzung sind, kann der Nerv aufgrund einer Fehlschaltung empfänglich für die Botenstoffe des sympathischen Nervensystems sein. Diese Botenstoffe werden bei Stress ausgeschüttet, was bedeutet, dass die Schmerzen immer in Stresssituationen auftreten. In diesen Fällen wird begleitend zu einer medikamentösen Schmerztherapie ein Antiepileptikum verabreicht, um die Erregbarkeit der Nerven zu mindern. Zusätzlich können Lokalanästhetika den Teufelskreis vorübergehend unterbrechen. Darüber hinaus kann eine Psychotherapie Bestandteil eines multimodalen Behandlungsansatzes sein.
Ein Beispiel für eine Nervenschädigung in Folge einer Infektion ist die Gürtelrose, eine Spätfolge der Windpocken. Die auslösenden Viren (Varizella-zoster-Viren) verbleiben nach dem Abklingen der Windpocken in den Nerven und werden zu einem späteren Zeitpunkt reaktiviert. Dadurch entzündet sich der betroffene Nerv, was mit Schmerzen und Missempfindungen einhergeht. Schließlich rötet sich die Haut in dem versorgten Körperareal und es bilden sich Bläschen. Wenn die Entzündung eine erhebliche Nervenschädigung nach sich zieht, heilt sie allerdings nicht innerhalb von 2 bis 4 Wochen ab. Etwa jeder 5. Gegen die Viren werden bei einer akuten Gürtelrose Virusstatika eingesetzt. Zudem kann eine kühlende Zinksalbe gegen die Entzündung aufgetragen werden. Ferner erhalten die betroffenen Patienten eine medikamentöse Schmerztherapie. Neben einem Analgetikum kann diese zusätzlich ein Antidepressivum und ein Antiepileptikum umfassen.
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Bei der diabetischen Polyneuropathie ist die Durchblutung kleiner Blutgefäße durch Ablagerungen beeinträchtigt. Diese führt zu Nervenschädigungen insbesondere im Bereich der Füße, Unterschenkel und Hände. Neben Missempfindungen und Gefühlsstörungen sowie Zuckungen und Muskelschwund leiden die Betroffenen unter brennenden, stechenden, schneidenden oder einschießenden Schmerzen. Wichtigste therapeutische Maßnahme ist in diesen Fällen die Normalisierung des Blutzuckerspiegels.
Abgrenzung zwischen Muskelschmerz und Hautschmerz
Das Schmerzverständnis hat sich geändert. Es gibt nicht mehr „den“ Schmerz, sondern verschiedene Formen von Schmerz, denen spezielle Mechanismen zugrunde liegen und die unterschiedlich behandelt werden müssen. Der Muskelschmerz unterscheidet sich in vielen Aspekten vom Haut- und Eingeweideschmerz. Diese Differenzen betreffen nicht nur die zugrunde liegenden Mechanismen, sondern auch einige subjektive Besonderheiten. Die Mechanismen des Hautschmerzes dürfen daher nicht ohne Weiteres auf den Muskelschmerz übertragen werden.
Periphere Mechanismen des Muskelschmerzes
Muskelschmerzen werden durch die Erregung von rezeptiven Nervenendigungen ausgelöst, die auf die Registrierung von objektiv gewebsschädlichen, subjektiv schmerzhaften Reizen spezialisiert sind (sogenannte Nozizeptoren). Nozizeptoren sind freie Nervenendigungen, die über marklose (Gruppe-IV-) oder dünn markhaltige (Gruppe-III-)Fasern mit dem zentralen Nervensystem (ZNS) verbunden sind. Diese Nervenendigungen werden durch starke mechanische Reize, wie Traumen oder mechanische Überlastung, und durch endogene Entzündungsmediatoren (unter anderem Bradykinin [BK], Serotonin, Prostaglandin E2 [PGE2]) sensibilisiert und erregt.
Für den Muskelschmerz sind zwei chemische Reize besonders bedeutsam, Adenosintriphosphat (ATP) und Protonen (H+-Ionen). Diese Reizstoffe erregen die Nervenendigungen über die Bindung an Rezeptormoleküle, die sich in der Membran der Endigung befinden. ATP aktiviert die Muskelnozizeptoren vorwiegend über die Bindung an das Rezeptormolekül P2X3, H+ über die Rezeptormoleküle TRPV1 („transient receptor potential cation channel, Typ V1“) und ASICs („acid-sensing ion channels“). Diese Rezeptormoleküle sind Kanalproteine, die die Membran der Nervenendigung durchsetzen und hauptsächlich Na+-Ionen in die Endigung einströmen lassen. Die Na+-Ionen lösen dann die Erregung aus.
ATP kommt in allen Körperzellen vor und wird bei jeder Gewebsverletzung freigesetzt. Muskelnozizeptoren von Ratten werden durch Injektionen von ATP in einer Konzentration, wie sie in Muskelzellen vorkommt, stimuliert. Schwach saure Lösungen (pH 6 bis 5) sind ebenfalls effektive Reizstoffe für Muskelnozizeptoren. Eine pH-Absenkung ist wahrscheinlich einer der wichtigsten peripheren Auslöser, weil viele schmerzhafte Störungen des Muskels mit einem gesenkten pH-Wert im Gewebe verbunden sind. Auch der Nervenwachstumsfaktor („nerve growth factor“, NGF) steht mit Muskelschmerz in Zusammenhang: NGF wird im Muskel synthetisiert und erregt Muskelnozizeptoren. In einem entzündeten Muskel ist die NGF-Synthese gesteigert.
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Nozizeptoren des Muskels enthalten Neuropeptide, unter anderem Substanz P (SP) und „calcitonin gene-related peptide“ (CGRP). Diese Peptide werden bei Aktivierung der Endigung freigesetzt und verursachen durch Dilatation und Permeabilitätserhöhung der Gefäße ein lokales Ödem. Ein Nozizeptor kann daher über die Freisetzung der Neuropeptide die Mikrozirkulation in seiner Umgebung beeinflussen. Endogene Substanzen wie BK und E2-Prostaglandine werden bei jeder Muskelläsion freigesetzt. BK entsteht durch das Enzym Kallikrein aus Plasmaeiweißen. PGs werden durch die Cyclooxigenase aus Arachidonsäure synthetisiert. Diese Reizstoffe steigern die Empfindlichkeit der Nozizeptoren auf externe Reize (periphere Sensibilisierung).
Da ATP bei allen Gewebsverletzungen freigesetzt wird, kann man es als einen universellen Schmerzreiz ansehen. ATP ist in Muskelzellen besonders hoch konzentriert und kann bei Muskeltraumen, beispielsweise einer Prellung oder einem Muskelfaserriss, und anderen pathologischen Alterationen des Muskels wie etwa einer nekrotisierenden Myositis als Schmerzfaktor wirken. Ein saurer pH-Wert des Gewebes ist einer der wichtigsten Reize, die Muskelschmerzen auslösen. Es gibt kaum eine patho(physio)logische Veränderung des Skelettmuskels, die nicht mit einem pH-Abfall verbunden ist. Hierzu zählen chronisch-ischämische Zustände, tonische Kontraktionen oder Spasmen, myofasziale Triggerpunkte, (arbeitsplatzbedingte) Fehlhaltungen und Myositiden.
Die in den Muskelnozizeptoren gespeicherten Neuropeptide werden nicht nur bei Einwirkung peripherer Reize auf die Nervenendigungen freigesetzt, sondern auch bei der Kompression von Spinalnerven. Bei diesen neuropathischen Schmerzen entstehen Aktionspotenziale an der Kompressionsstelle, die sich nicht nur in Richtung ZNS ausbreiten, sondern auch in die nozizeptive Endigung einlaufen und hier vasoaktive Neuropeptide freisetzen. Auf diese Weise entwickelt sich eine neurogene Entzündung mit Hyperämie, Ödem und der Synthese von Entzündungsmediatoren. Die Entzündungsmediatoren sensibilisieren die Muskelnozizeptoren und verstärken so die neuropathischen Schmerzen.
Die Sensibilisierung der Muskelnozizeptoren durch endogene Mediatoren wie BK und PGE2 ist einer der Gründe für die Druckschmerzhaftigkeit und den Bewegungsschmerz bei Patienten mit Muskelläsionen. Viele Muskelschmerzen sprechen daher auf die Gabe von nicht steroidalen Antiphlogistika (NSAID) an, die die Synthese von PG blockieren. Die Sensibilisierung manifestiert sich klinisch in zwei Phänomenen: Normalerweise schmerzlose Reize werden schmerzhaft (Allodynie), und Schmerzreize erzeugen stärkere Schmerzen (Hyperalgesie). Der Hauptmechanismus für Allodynie und Hyperalgesie ist aber vermutlich im ZNS lokalisiert.
Allgemein sollte bei Beschwerden im Bewegungsapparat, zum Beispiel bei Rückenschmerzen, häufiger an eine muskuläre Ursache gedacht werden.
Zentralnervöse Mechanismen
Ein Impulseinstrom von den Nozizeptoren des Muskels ins Rückenmark bewirkt eine stärkere Erregbarkeitssteigerung von Hinterhornneuronen als ein nozizeptiver Einstrom von der Haut. Eine anhaltende Aktivierung von Muskelnozizeptoren durch eine Myositis führt im Rückenmark von Ratten innerhalb weniger Stunden zu einer Vergrößerung der Neuronenpopulation, die durch Impulsaktivität aus dem Muskel stimuliert werden kann. Diese Erregungsausbreitung beruht unter anderem auf einer Übererregbarkeit der sensorischen Nervenzellen im Rückenmark durch die Wirkung von Glutamat auf NMDA(NMDA, N-Methyl-D-Aspartat)-Rezeptoren und von SP auf NK1(Neurokinin-1)-Rezeptoren in der Membran der spinalen Neurone (zentrale Sensibilisierung).
Für die Entstehung der Übererregbarkeit von nozizeptiven Neuronen im Rückenmark sind zwei Vorgänge besonders wichtig:
- Strukturveränderung von Ionenkanälen, die dadurch durchlässiger für Na+ und Ca2+ werden - Diese Veränderung ist das kurzfristige Ergebnis eines nozizeptiven Impulseinstroms ins Rückenmark. Er führt unter anderem dazu, dass ursprünglich ineffektive („stumme beziehungsweise schlafende“) Synapsen effektiv werden. Eine stumme Synapse löst im nachgeschalteten Neuron keine Aktionspotenziale, sondern nur kleine synaptische Potenziale aus. Einer der Mechanismen für den Übergang einer stummen in eine funktionelle Synapse besteht in einer Verschiebung des Membranpotenzials der nachgeschalteten Zelle in positiver Richtung durch ständig einlaufende Aktionspotenziale. Diese Dauerdepolarisation aktiviert intrazelluläre Enzyme, die wiederum die Durchlässigkeit der Ionenkanäle steigern. Dadurch werden unterschwellige Potenziale überschwellig. Durch diesen Vorgang können neue funktionelle Verbindungen im ZNS geschaltet werden. Da das Membranpotenzial der depolarisierten Zelle sich nahe an der Erregungsschwelle befindet, ist die Zelle übererregbar und kann schon bei schwachen Reizen Schmerz hervorrufen.
- Veränderung der Genablesung im Kern des Neurons mit Modifikation von Syntheseprozessen - Infolge dieser Veränderung werden neue Ionenkanäle synthetisiert, die in die Membran der Nervenzelle eingebaut werden. Langfristig ist das Ergebnis der zentralen Sensibilisierung eine nozizeptive Zelle, die eine höhere Dichte von Ionenkanälen in ihrer Membran besitzt, wobei die Kanäle zusätzlich durchlässiger für Ionen sind. Dies erklärt die Übererregbarkeit des Neurons. Auch Gliazellen (besonders Mikroglia) können durch Freisetzung von Substanzen wie Tumornekrosefaktor(TNF)-a zur Sensibilisierung von zentralen Neuronen beitragen.
Entgegen früherer Annahmen ist keine hochfrequente Aktivierung der Hinterhornneurone für ihre Sensibilisierung notwendig. Aktionspotenziale geringer Frequenz oder sogar unterschwellige postsynaptische Potenziale in Hinterhornzellen reichen aus, um die Zellen übererregbar zu machen.
Die Übererregbarkeit der nozizeptiven Neurone im ZNS gilt als Hauptursache für die Allodynie und Hyperalgesie von Patienten mit chronischen Muskelschmerzen. Die anhaltende Depolarisation der sensibilisierten Zellen ist neuerdings Angriffspunkt von Medikamenten, die Kaliumkanäle öffnen und damit positive Ladungen aus den Zellen eliminieren. Das Membranpotenzial wird auf diese Weise innen negativer und entfernt sich von der Erregungsschwelle des Neurons.
Die Erregbarkeitssteigerung der spinalen Neurone und die Ausbreitung der Erregung im ZNS sind erste Schritte in Richtung Chronifizierung des Muskelschmerzes. Der Endpunkt der Chronifizierung besteht in strukturellen Umbauprozessen im ZNS, die neue Wege für die nozizeptive Information öffnen und die Schmerzen langfristig fixieren. Eine Behandlung von Patienten mit chronischen Muskelschmerzen ist langwierig, weil die funktionellen und strukturellen Veränderungen im ZNS Zeit für die Rückbildung benötigen. Da nicht alle Muskelschmerzen chronisch werden, müssen für die Chronifizierung neben den erwähnten noch weitere Mechanismen bedeutsam sein, zum Beispiel eine genetische Disposition.
Muskelschmerz hat im Gegensatz zum Hautschmerz eine starke Tendenz zur Übertragung. Das heißt die Patienten empfinden die Schmerzen nicht (nur) am Ort der Muskelläsion, sondern unter Umständen in großer Entfernung davon. Ein möglicher Mechanismus für die Schmerzübertragung besteht in der Ausbreitung der durch die Muskelläsion bedingten Erregung im Rückenmark. Sobald die Erregung sensorische Hinterhornneurone erreicht, die nicht das Gebiet der ursprünglichen Muskelläsion, sondern eine andere Region versorgen, empfindet der Patient übertragene Schmerzen in dieser Region, obwohl dort keine Nozizeptoren aktiviert sind.
Tonusveränderungen als Schmerzursache
Muskelverspannungen oder Spasmen kann man als länger anhaltende, unwillkürliche Kontraktionen eines Muskels definieren (die zentralnervös bedingte Spastizität wird hier nicht behandelt). Die Hauptursache für die durch Muskelverspannungen verursachten Schmerzen ist eine Muskelischämie mit pH-Senkung und Freisetzung schmerzauslösender Substanzen (zum Beispiel Bradykinin [BK], ATP, H+).
Ein möglicher Auslöser von Muskelverspannungen sind Schmerzen in einem anderen Muskel. Eine weitere Quelle für Muskelspasmen sind pathologische Veränderungen in einem benachbarten Gelenk. Nach diesen Schmerzquellen muss gezielt gesucht werden.
Myofasziale Triggerpunkte
Myofasziale Triggerpunkte (MTrPs) sind palpable punktförmige Verhärtungen des Muskelgewebes, die bei Bewegungen und Palpation schmerzhaft sind. Lichtmikroskopisch sind schon vor langer Zeit im MTrP sogenannte Kontraktionsknoten gefunden worden. Dies sind lokale Verdickungen einzelner Muskelfasern, bedingt durch die Kontraktion einer geringen Zahl von Sarkomeren.
Eine weit verbreitete Hypothese der Entstehung von MTrP postuliert, dass durch eine Muskelläsion die neuromuskuläre Endplatte so geschädigt wird, dass sie überschießend Acetylcholin ausschüttet. Die nachfolgende Depolarisation der Muskelzellmembran führt zu einem Kontraktionsknoten, der die Kapillaren der Umgebung komprimiert und so eine lokale Ischämie erzeugt. Die Ischämie setzt im Gewebe Substanzen frei, die Nozizeptoren sensibilisieren und die Druckschmerzhaftigkeit des MTrP bedingen. In MTrP von Patienten sind solche sensibilisierenden Substanzen nachgewiesen worden. Dieser Mechanismus lässt viele Fragen offen, ist aber derzeit die einzige umfassende Hypothese der MTrP-Entstehung.
Behandlung von Nervenschmerzen durch Muskelverspannungen
Die Behandlung von Nervenschmerzen durch Muskelverspannungen zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern, die Muskelverspannungen zu lösen und die zugrunde liegende Ursache zu behandeln. Es stehen verschiedene Therapieansätze zur Verfügung, die oft miteinander kombiniert werden.
Medikamentöse Behandlungen
- Schmerzmittel: Rezeptfreie Schmerzmittel wie Ibuprofen, Paracetamol oder Diclofenac können kurzfristig zur Schmerzlinderung eingesetzt werden. Bei starken oder chronischen Verspannungen können muskelentspannende Medikamente (zentrale Muskelrelaxanzien) verschrieben werden. Auch Schmerzsalben mit einem Arzneimittelwirkstoff können direkt auf die schmerzende Stelle aufgetragen werden.
- Antidepressiva und Antiepileptika: Bei neuropathischen Schmerzen können Antidepressiva und Antiepileptika eingesetzt werden, um die Erregbarkeit der Nerven zu mindern und die Schmerzwahrnehmung zu beeinflussen.
- Virusstatika: Bei Gürtelrose werden Virusstatika eingesetzt, um die Ausbreitung der Viren zu hemmen.
Nicht-medikamentöse Behandlungen
- Wärme: Wärmeanwendungen wie Wärmepflaster, Heizkissen, warme Bäder oder Saunabesuche können helfen, Muskelverspannungen zu lösen und die Durchblutung zu fördern.
- Kälte: Bei akuten Entzündungen oder Zerrungen kann Kälte in Form von Coolpacks oder kühlenden Gels die Schmerzen lindern und die Schwellung reduzieren.
- Massagen: Massagen können die Durchblutung anregen und oberflächliche Verspannungen lösen.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, Fehlhaltungen zu korrigieren, die Muskulatur zu stärken und die Beweglichkeit zu verbessern.
- Chirotherapie/Manuelle Medizin: Chirotherapie oder manuelle Medizin kann Blockaden lösen und die Wirbelsäule mobilisieren.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation, Yoga oder Qigong können helfen, Stress abzubauen und Muskelverspannungen zu reduzieren.
- Sport und Bewegung: Regelmäßige Bewegung und Sport sind unerlässlich, um die Muskulatur zu stärken, die Durchblutung zu fördern und Fehlhaltungen vorzubeugen. Besonders geeignet sind rückenfreundliche Sportarten wie Rückenschwimmen, Wassergymnastik, Yoga, Pilates oder Nordic Walking.
- Ergonomie: Die Gestaltung des Arbeitsplatzes sollte ergonomisch sein, um eine gesunde Sitzposition zu fördern und Fehlbelastungen zu vermeiden.
- Osteopressur: Bei der Osteopressur drückt ein zertifizierter Liebscher & Bracht-Therapeut je nach Schmerzzustand einige dieser Punkte. Damit sich Patienten auch selbst helfen können, hat Liebscher & Bracht die Light-Osteopressur entwickelt. Mit speziellen Hilfsmitteln und genauen Anleitungen können die Schmerzen zu Hause gelindert werden.
- Faszien-Rollmassagen: Durch Bewegung wird der Stoffwechsel des Fasziengewebes in Schwung gebracht: Nicht mehr benötigte Ablagerungen im Zellgewebe werden verschoben und abtransportiert. Gleichzeitig strömt frische, nährstoffreiche Flüssigkeit in das Gewebe. Außerdem steigern wir bei der Massage die Fähigkeit der Faszien, Wasser zu binden.
Multimodale Schmerztherapie
In einigen Fällen kann eine multimodale Schmerztherapie erforderlich sein, die eine Kombination aus orthopädischer, schmerztherapeutischer, krankengymnastischer und psychologischer Behandlung umfasst.
Vorbeugung von Muskelverspannungen
- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung und Sport sind wichtig, um die Muskulatur zu stärken und Fehlhaltungen vorzubeugen.
- Ergonomischer Arbeitsplatz: Ein ergonomischer Arbeitsplatz kann helfen, Fehlbelastungen zu vermeiden.
- Stressmanagement: Stressmanagement kann helfen, Muskelverspannungen zu reduzieren.
- Ausgewogene Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Magnesium und Vitamin D kann zur Muskelgesundheit beitragen.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Bei stark schmerzhaften oder dauerhaften Muskelverspannungen sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen. Auch bei plötzlich auftretenden Muskelschmerzen ohne erkennbare Ursache, bei Muskelschwäche oder bei Begleitsymptomen wie Fieber, Schwellungen oder Rötungen ist ein Arztbesuch ratsam.
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