Die Corona-Pandemie hat nicht nur akute Erkrankungen verursacht, sondern auch eine Vielzahl von Langzeitfolgen, die als Long-COVID oder Post-COVID-Syndrom bekannt sind. Viele Betroffene klagen über neurologische Beschwerden wie Nervenschmerzen und Kopfschmerzen. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Ursachen dieser Symptome und gibt einen Überblick über aktuelle Erkenntnisse und Behandlungsansätze.
Einführung
Die zunehmende Erfahrung mit der Corona-Pandemie zeigt, dass relativ viele Personen, welche die akute Covid-19-Erkrankung überstanden haben, an unerwarteten Langzeitfolgen leiden. Bis zu zehn Prozent der COVID-Patient:innen entwickeln nach überstandener Akutinfektion ein Post-COVID-Syndrom, also über Wochen und Monate anhaltende Beschwerden. Viele dieser Beschwerden liegen im Bereich des Nervensystems, darunter Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, „Gehirnnebel“ oder Kopfschmerzen.
Neurologische Symptome bei Long-COVID und Post-COVID
Neurologische Beschwerden sind häufige Begleiterscheinungen von Long-COVID und Post-COVID. Sie äußern sich u. a. in Kopfschmerzen, Störungen von Hören, Sehen und Riechen oder Konzentrationsstörungen, Wortfindungs- und Koordinationsstörungen. Darüber hinaus können Schwindel oder neuropathische Schmerzen auftreten.
Kopfschmerzen
Kopfschmerzen werden als ein häufiges und früh einsetzendes Symptom einer Corona Infektion beschrieben. Bei rund 45 % der Betroffenen bleiben die Kopfschmerzen auch nach der Akuterkrankung bestehen. Dabei kann sich der Kopfschmerz in unterschiedlichen Formen manifestieren. Bereits vor der Covid Erkrankung vorliegende Kopfschmerzen können durch die Infektion zunehmen, oder aber der Kopfschmerz tritt nach durchgemachter Infektion zum ersten Mal auf. Auch der Zeitpunkt des erstmaligen Auftretens variiert. So kann der Schmerz bereits während der akuten Krankheitsphase auftreten und im Anschluss bestehen bleiben, in manchen Fällen tritt er aber auch erst mit zeitlicher Verzögerung auf. Sehr häufig werden Kopfschmerzen von anderen Symptomen begleitet.
Es werden unterschiedliche Kopfschmerztypen unterschieden, z.B. ein migräneartiger Kopfschmerz oder aber spannungsartige Kopfschmerzen. In diversen Studien gab die Mehrzahl der Patientinnen mit vorbestehenden Kopfschmerzen an, dass sich die mit Covid 19 in Zusammenhang stehenden Kopfschmerzen von ihren bisherigen Schmerzen unterscheiden. Sie wurden häufig als beidseitig und dumpf-drückend beschrieben (ähnlich des Spannungskopfschmerzes). Des Weiteren sind ein Teil der Patientinnen auch von typischen Migräne-Symptomen, wie der Geräusch- und Lichtempfindlichkeit, oder Übelkeit betroffen.
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Weitere neurologische Symptome
Neben Kopfschmerzen können auch andere neurologische Symptome auftreten:
- Riechstörungen: Riechstörungen traten sogar bei weit über 70 Prozent der Betroffenen auf.
- Bewusstseinsstörungen und Delir: Bei schweren Krankheitsverläufen treten Bewusstseinsstörungen und Delire gehäuft auf.
- Erhöhtes Schlaganfallrisiko: Generell scheint es ein erhöhtes Schlaganfallrisiko zu geben.
- Entzündungen Gehirn und Rückenmark: Im Rahmen der Covid-19-Erkrankung kann es auch zu Entzündungen des Gehirns und selten auch des Rückenmarks kommen.
- Guillain-Barré Syndrom: ein schweres, aber seltenes neurologisches Syndrom, das dadurch verursacht wird, dass das körpereigene Immunsystem Nervenzellen außerhalb des Gehirns angreift, wurde wiederholt bei COVID 19-Patienten beobachtet.
- ADEM Erkrankung: ADEM ist eine entzündliche Erkrankung, die das Gehirn befällt.
- Muskelschmerzen: Viele Patienten mit Long-Covid-Syndrom beklagen außerdem ein wiederkehrendes Krankheitsgefühl wie bei einem grippalen Infekt.
Mögliche Ursachen für Nervenschmerzen und Kopfschmerzen
Die genauen Ursachen für Nervenschmerzen und Kopfschmerzen im Zusammenhang mit COVID-19 sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch verschiedene Theorien und Forschungsansätze.
Direkte Schädigung des Nervensystems durch das Virus
SARS-CoV-2 gehört nach jetzigem Wissensstand nicht zu den Viren, die bevorzugt Nervenzellen befallen, im Gegensatz etwa zum Herpesvirus. Allerdings wird vermutet, dass das Virus ausgehend von den Schleimhäuten der oberen Atemwege den Riechnerven befällt und von dort aus das Gehirn erreicht. Auch infizierte Blutzellen könnten das Virus, ähnlich wie ein trojanisches Pferd, ins Nervensystem tragen.
Prof. Steinbrecher erklärt dazu: „Interessant ist, dass diese Veränderungen vor allem die sogenannten limbischen Hirnregionen betreffen. Dies könnte mit den häufig bei COVID-19 beobachteten Riechstörungen zusammenhängen.
Immunreaktionen und Entzündungen
Eine zweite These besagt, dass die neurologischen Symptome eine Art Nebenwirkung der starken Immunreaktion sind, mit der der Körper sich gegen das Virus wehrt. Es wird diskutiert, dass eine dauerhafte Aktivierung des Immunsystems und des trigeminovaskulären Systems eine Rolle spielen. In neueren Forschungsarbeiten wird das Augenmerk auf eine Beteiligung des sog. Inflammason gelegt. Dabei handelt es sich um einen Eiweißkomplex des angeborenen Immunsystems, welches, vereinfacht formuliert, für die Aktivierung von Entzündungsreaktionen, genauer für die Freisetzung von Entzündungsbotenstoffen verantwortlich ist.
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Autoimmunprozesse
Drittens könnten sich infolge der Viruserkrankung so genannte Autoantikörper bilden, die sich gegen das körpereigene Gewebe richten und dann bei manchen Patienten eine Autoimmunerkrankung auslösen. Auch nach dieser Hypothese würde das Coronavirus nicht direkt den Körper angreifen.
Psychologische Faktoren
Ein Forschungsteam der Universitätsmedizin Essen und der Universität Duisburg-Essen hat festgestellt, dass das Nervensystem in den meisten Fällen nicht dauerhaft geschädigt ist. Bei 86 Prozent der Personen war die neurologische Untersuchung komplett unauffällig. Ein Zusammenhang zwischen der akuten COVID-Infektion und dem Auftreten von Langzeitfolgen ließ sich sogar nur in rund zwei Prozent herstellen.
Um das zu klären, hat das Forschungsteam die Betroffenen auch intensiv psychologisch untersucht. Dabei zeigte sich, dass psychiatrische Vorerkrankungen wie eine Depression oder eine Angststörung das Risiko für Post-COVID signifikant erhöhen. Außerdem waren Tests, die auf eine psychosomatische Symptomursache hinweisen, bei vielen auffällig, insbesondere bei Frauen.
Weitere mögliche Ursachen
Auch weitere mögliche Ursachen werden untersucht und diskutiert, z. B. starke oder übermäßige Entzündungen, Gerinnungsstörungen/Gefäßerkrankungen, Störungen des Nervensystems und Stoffwechsel- oder hormonelle Veränderungen. Vermutlich beeinflussen sich die einzelnen Entstehungsmechanismen auch gegenseitig.
Diagnose und Behandlung
Diagnosestellung
Für die Diagnosestellung wird die Krankengeschichte erfragt, zudem erfolgt eine genaue körperliche Untersuchung. Derzeit gibt es keine spezifischen Laborwerte oder Untersuchungen, um die Diagnose Long-Covid-Syndrom zu stellen. Es werden aber verschiedene Untersuchungen durchgeführt, um andere Erkrankungen, die für die Beschwerden verantwortlich sein können, auszuschließen.
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Je nach vorherrschenden Symptomen kann es trotzdem geboten sein, bestimmte Untersuchungen wie beispielsweise Blutwerte, Lungenfunktion, EKG oder Ultraschall durchzuführen, da es sich beim Long-Covid-Syndrom bisher um eine so genannte Ausschlussdiagnose handelt, d. h. andere mögliche Erkrankungen, die zu ähnlichen Symptomen führen könnten, müssen ausgeschlossen werden.
Behandlungsmöglichkeiten
Zur Behandlung des Long-Covid-Syndroms gibt es bislang keine ursächliche Therapie. Es wird symptomorientiert behandelt. Für die klassischen Symptome nach überstandener Covid-19-Infektion, wie anhaltende Erschöpfung oder Atembeschwerden, bietet das Krankenhaus für Naturheilweisen (KfN) in München mit seinem integrativen Behandlungsansatz gute Therapieoptionen. Durch die Kombination von konventioneller Schulmedizin mit bewährten Therapiemaßnahmen aus der Naturheilkunde und der Homöopathie können therapeutische Synergieeffekte entstehen, die durch Einzelmaßnahmen so nicht erzielt werden können.
Die Therapie richtet sich nach den allgemeinen Behandlungsleitlinien von langanhaltenden und chronischen Kopfschmerzen. Wie bei allen anhaltenden Schmerzen stellt die Chronifizierung ein großes Risiko dar. Starke Schmerzreize können Spuren im Nervensystem hinterlassen und die Empfindlichkeit für Schmerzreize erhöhen.
Covid 19 assoziierte Kopfschmerzen sprechen in der Regel recht gut auf herkömmliche Kopfschmerzmedikamente an. Diese können aber aus zwei Gründen problematisch sein: Zum einen ist bekannt, dass Covid 19 die Nieren angreift und die Gruppe der NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika), zu der auch der Wirkstoff Ibuprofen gehört, kann bei längerer Einnahme die Nieren schädigen. Aus diesem Grund ist eine längere Einnahme ohne ärztliche Kontrolle und regelmäßige Labor-Kontrollen nicht zu empfehlen. Zum anderen wird beschrieben, dass Long/ Post Covid Kopfschmerzen täglich auftreten können, was zu einer zu häufigen Schmerzmitteleinnahme verführt. Die tägliche Einnahme an Kopfschmerzmitteln darf aber nicht zur Normalität werden, denn Kopfschmerztabletten können bei zu häufiger Einnahme neue, sogenannte medikamenteninduzierte Kopfschmerzen, auslösen.
Analog zu anderen chronischen Schmerzerkrankungen sollte die Behandlung aus einer Kombination verschiedener Behandlungsbausteine bestehen. So ist neben der medikamentösen Therapie durch eine/n Schmerztherapeut*in eine bewegungstherapeutische und/oder psychotherapeutische Behandlung anzuraten. Die interdisziplinäre, multimodale Schmerztherapie ist dabei analog zu anderen chronischen Kopfschmerzen die am besten geeignete Therapieform.
Reha-Maßnahmen
In der Klinik Reichshof in Nordrhein-Westfalen werden Menschen nach einer Corona-Infektion behandelt und sowohl die körperlichen als auch die seelischen Folgen therapiert. Unsere Experten arbeiten dabei Hand in Hand, um eine bestmögliche Therapie zu gewährleisten.
MEDICLIN Kliniken haben ein interdisziplinäres Post-Covid-Reha-Programm für die stationäre Rehabilitation entwickelt. Das beinhaltet eine standardisierte Diagnostik und einen übergreifenden fachärztlichen Expertenaustausch. Ein systematisches, standortübergreifendes konsiliarisches Netzwerk ist die Basis dieses Konzepts.
Je nach Schwerpunkt und Art der Symptome und der Rehabilitationsziele legen wir gemeinsam mit Ihnen einen Therapieplan fest. Zu den Elementen der Rehabilitation bei einem Long-Covid-Syndrom zählen u. a.:
- Atemmuskeltraining, Atemphysiotherapie, Reflektorische Atemtherapie
- Ausdauertraining, Krafttraining, Körperliches Training
- Unterstützung bei eventuell noch erforderlicher Sauerstofftherapie oder Nichtinvasiver Beatmung („Masken-Beatmung“)
- Sensibilitätstraining der Nerven bei Beeinträchtigung der Sensibilität
- Intensive psychologische Begleitung bei Posttraumatischer Belastungsstörung, Depression und fortbestehenden Ängsten.
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