Nervenschmerzen und Schilddrüsenunterfunktion: Ein Zusammenhang?

Die Schilddrüse, ein kleines Organ im Hals, hat einen großen Einfluss auf den Körper und die Psyche. Die von der Schilddrüse produzierten Hormone beeinflussen nicht nur organische Prozesse wie Herz, Kreislauf und Verdauung, sondern auch den Stoffwechsel der Nervenzellen und die Gehirntätigkeit. Schilddrüsenhormone wirken wie Energielieferanten für verschiedene Gehirnstrukturen. Störungen der Schilddrüsenfunktion, wie Über- oder Unterfunktion, können daher vielfältige körperliche und psychische Symptome verursachen, einschließlich Nervenschmerzen und neurologischer Beeinträchtigungen.

Die Schilddrüse und ihre Bedeutung

Die Schilddrüse bildet die Hormone T3 (Trijodthyronin) und T4 (Tetrajodthyronin = Thyroxin), die wichtige Vorgänge im Stoffwechsel beeinflussen. Dazu gehören:

  • Blutdruck und Herzschlag
  • Energiestoffwechsel
  • Kohlenhydratstoffwechsel
  • Fettstoffwechsel
  • Eiweißstoffwechsel
  • Muskelstoffwechsel
  • Darmtätigkeit
  • Gehirnaktivität
  • Wachstum

Die Hormonproduktion wird von der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) gesteuert, die den Botenstoff TSH freisetzt. Ein ausreichender Spiegel an Schilddrüsenhormonen im Blut führt zur Drosselung der TSH-Ausschüttung. Bei einer Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) produziert das Organ zu wenig Hormone, was vielfältige Auswirkungen auf den Körper haben kann.

Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) und ihre Auswirkungen

Bei einer Schilddrüsenüberfunktion befinden sich zu viele Hormone im Regelkreis. Betroffene sind häufig nervös, schreckhaft und leicht erregbar bis aggressiv. Es fällt ihnen schwer, sich zu entspannen, sie schwitzen schnell, haben Schlafstörungen, Herzrasen oder Vorhofflimmern. Oftmals zittern die Patienten auch stark. Viele klagen über Durchfälle, starken Gewichtsverlust, Müdigkeit und Schwäche. Symptome wie beispielsweise das Schwitzen können leicht mit den Anzeichen der Wechseljahre verwechselt werden.Bei einer Hyperthyreose können sogar akute psychotische Symptome auftreten, die bis zur Einweisung in die Psychiatrie führen können. Es gibt auch Überschneidungen mit primär psychiatrischen Krankheitsbildern, sodass es bei einer Hyperthyreose zu einer Verstärkung psychischer Symptome kommen kann. Daher sollte bei entsprechenden Symptomen immer auch an die Schilddrüse gedacht und die Schilddrüsenfunktion abgeklärt werden.

Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) und ihre Auswirkungen auf Nerven und Psyche

Bei einer Schilddrüsenunterfunktion klagen Betroffene häufig über depressive Verstimmungen, Apathie, Interessenlosigkeit, schnelle Erschöpfung, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen. Die Gefühlslage kann sehr schwankend sein und im Extremfall über Wahnvorstellungen bis hin zu Suizidgedanken reichen. Zu den körperlichen Symptomen der Schilddrüsenunterfunktion zählen Gewichtszunahme, langsamer Herzschlag, verlangsamte Reflexe und eine verminderte Libido. Bei etwa 50 - 90 % der Hypothyreosepatienten können zusätzlich geistige Funktionseinschränkungen wie Aufmerksamkeits-, Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen, verlangsamte Gedankengänge, Initiativlosigkeit, Stumpfheit oder Lethargie festgestellt werden. Depressive Zustände in unterschiedlichen Ausprägungen treten bei etwa 40 - 50 % der Hypothyreosepatienten auf. Die ätiologische Abgrenzung zu primär psychiatrisch-neurologischen Krankheitsbildern ist mitunter schwierig, Überschneidungen kommen vor. Bislang ist noch nicht abschließend geklärt, ob eine Hypothyreose an sich ein Risikofaktor für das Auftreten bestimmter psychiatrischer Erkrankungen ist. Verschiedene Studien kamen hier zu teilweise unterschiedlichen Ergebnissen.

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Nervenschmerzen und Polyneuropathie bei Hypothyreose

Ein großer Anteil von Patienten mit einer Schilddrüsenunterfunktion zeigt die typischen Symptome einer Polyneuropathie. Das belegt unter anderem eine groß angelegte Studie aus dem Jahr 2000, die von rund 40 Prozent spricht. Grund sind die Auswirkungen eines zu geringen Hormonspiegels von T3 und T4. Dieser wirkt auf den Körper wie ein Ernährungsmangel. Ferner führt die Schilddrüsenunterfunktion zu einer Schädigung der Nervenfasern und ihrer Hüllen. Vor allem Letztere sind für die regelrechte Reizweiterleitung entscheidend.

Ein aufgenommener Reiz muss innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde zur Verarbeitung an Rückenmark und Gehirn weitergeleitet werden. Damit die elektrischen Signale möglichst rasch die Wegstrecke, beispielsweise aus Füßen und Händen, zurücklegen können, “springen” sie entlang der Nervenfasern. Dazu sind die Fasern umhüllt, elektrisch abgeschirmt, und besitzen lediglich einzelne Einschnürungen, die der elektrische Impuls schnell überwinden kann.

Das zeigt: Nicht nur eine geschädigte Nervenfaser selbst, sondern auch eine zerstörte Abschirmung nach außen, ausgelöst durch eine Schilddrüsenunterfunktion, kann zu folgenschweren Störungen im peripheren Nervensystem führen und somit eine Polyneuropathie auslösen. Von außen kommende Signale können nicht mehr an das zentrale Nervensystem weitergeleitet werden. Betroffene leiden anfänglich an Missempfindungen, den klassischen Anzeichen und damit Ursachen einer Polyneuropathie.

Die am weitesten verbreitete, sensomotorische Erkrankung, als Folge einer Hypothyreose, ist das Karpaltunnelsyndrom. Durch die fehlenden Schilddrüsenhormone sammeln sich bestimmte Zuckermoleküle an und sorgen für die bei vielen bekannten Schmerzen und Bewegungseinschränkungen im Handgelenk.

Symptome einer Polyneuropathie rechtzeitig erkennen

Für Betroffene und Ärzte gleichermaßen wichtig ist, sowohl die Anzeichen einer Polyneuropathie möglichst frühzeitig zu erkennen als auch eine Schilddrüsenunterfunktion als mögliche Ursache abzuklären. Denn ein verlangsamter Stoffwechsel aufgrund einer Hypothyreose führt nicht nur zu belastenden Symptomen im Reizleitungssystem des Körpers. Er hat auch nachhaltig negative Folgen für Herz und Kreislauf.

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Aufschluss über eine Schilddrüsenunterfunktion als Auslöser einer Polyneuropathie gibt eine Blutuntersuchung. Dabei wird, neben der Kontrolle der Schilddrüsen-Hormone, auch der Anteil an Vitaminen (speziell B12 und D) sowie Mineralien und Spurenelementen festgestellt. Die Behandlung wird auf die individuellen Ansprüche abgestimmt.

Hashimoto-Thyreoiditis und Gelenkschmerzen

Die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine Erkrankung, die den gesamten Körper betreffen kann. Müdigkeit, Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit und depressive Verstimmungen zählen zu den klassischen Symptomen. Was jedoch viele nicht wissen: Auch bei Gelenkschmerzen und -steifigkeit - wie der schmerzhaften „Frozen Shoulder“ - sollte ein möglicher Zusammenhang mit der Hashimoto-Thyreoiditis unbedingt überprüft werden.

Die Frozen Shoulder (medizinisch: adhäsive Kapsulitis) ist eine entzündliche Erkrankung der Schultergelenkkapsel, bei der es zu einer starken Versteifung und zu Schmerzen im Schultergelenk kommt. Die Beweglichkeit ist erheblich eingeschränkt - vor allem das Heben des Arms wird zur Qual. Die Erkrankung verläuft typischerweise in drei Phasen:

  1. Schmerzphase (2-9 Monate): Zunehmende Schulterschmerzen, vor allem nachts
  2. Einsteifungsphase (4-12 Monate): Die Beweglichkeit nimmt drastisch ab, Schmerzen nehmen ab
  3. Lösungsphase (bis zu 2 Jahre): Die Beschwerden lassen allmählich nach

Studien zeigen, dass Patienten mit Hashimoto bzw. Hypothyreose ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für eine Frozen Shoulder haben. Die genauen Ursachen dieses Zusammenhangs sind bisher nicht vollständig verstanden. In neueren Studien wird jedoch zunehmend deutlich, dass die TPO-Antikörper, die das chronische Entzündungsgeschehen bei Hashimoto begleiten, möglicherweise auch außerhalb der Schilddrüse - etwa in der Gelenkflüssigkeit und im Bindegewebe - eine Rolle spielen.

Diagnose und Behandlung

Da sich die Schilddrüsenunterfunktion oft sehr langsam und schleichend entwickelt, werden die Symptome leicht übersehen und die Diagnose meist auch erst spät gestellt. Außerdem wird die Hypothyreose - vorwiegend als Folge der Autoimmunthyreoiditis Typ Hashimoto - mit zunehmendem Lebensalter immer häufiger, weshalb die Symptome nicht selten fälschlicherweise dem Alter zugerechnet werden. Bei entsprechenden psychischen und geistigen Symptomen sollte daher immer auch an die Schilddrüse gedacht und die Schilddrüsenfunktion abgeklärt werden. Eine weitere Risikogruppe stellen auch Frauen nach der Geburt eines Kindes dar. Bei circa vier Prozent entwickelt sich durch die hormonellen Umstellungen nach der Entbindung eine sogenannte Postpartum-Thyreoiditis mit erhöhten Schilddrüsenantikörperwerten und Funktionsstörungen der Schilddrüse. Diese können von Depressionen begleitet sein. Bei starken Stimmungsschwankungen und anderen Symptomen sollte deshalb immer auch die Schilddrüse als Auslöser in Betracht gezogen werden. Patienten mit psychischen Problemen sollten unbedingt untersuchen lassen, ob ihre Beschwerden organische Ursachen haben. Eine rechtzeitige und richtige Behandlung kann Betroffenen einen langen Leidensweg ersparen. Schilddrüsenfunktionsstörungen gehören zu den heilbaren Krankheiten.

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Die Diagnose einer Schilddrüsenunterfunktion erfolgt in der Regel durch eine Blutuntersuchung, bei der die Werte von TSH, T3 und T4 bestimmt werden. Bei Verdacht auf eine Autoimmunerkrankung werden zusätzlich Antikörper im Blut untersucht.

Die Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion besteht in der Regel in der Einnahme von synthetischen Schilddrüsenhormonen (Levothyroxin), um den Hormonmangel auszugleichen. Die Dosierung wird individuell angepasst und regelmäßig kontrolliert. Bei richtiger Einstellung der Tabletten sind die Betroffenen in der Regel beschwerdefrei.

Was tun bei Verdacht auf Nervenschmerzen und Schilddrüsenprobleme?

Bei Verdacht auf Nervenschmerzen in Verbindung mit Symptomen einer Schilddrüsenunterfunktion sollte man einen Arzt aufsuchen. Dieser kann die Schilddrüsenfunktion überprüfen und gegebenenfalls eine Behandlung einleiten. Es ist wichtig, die Symptome ernst zu nehmen und eine umfassende Diagnose zu stellen, um die bestmögliche Therapie zu gewährleisten.

Ernährung bei Schilddrüsenunterfunktion

Bei einer Unterfunktion der Schilddrüse sollten Patienten und Patientinnen auf eine ausgewogene Ernährung achten. Eine festgelegte Diät gibt es nicht, empfohlen wird eine mediterrane Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und gesunden Fetten sowie der Verzehr von Meeresfisch, da er Jod und Selen liefert.

Für die Bildung von Schilddrüsenhormonen ist neben Jod eine ausreichende Versorgung mit Selen (zum Beispiel in Paranüssen) und Eisen (zum Beispiel in Blutwurst und Schweineleber) wichtig.Ebenso gibt es Hinweise, dass ein Vitamin A-Mangel die Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen kann. Vitamin A ist beispielsweise in Karotten vorhanden.Auch ein Vitamin D-Mangel ist mit Autoimmun-Schilddrüsenerkrankungen wie der Hashimoto-Thyreoiditis assoziiert. Für eine ausreichende Versorgung sind regelmäßige Aufenthalte im Freien und kurzes Sonnenbaden wichtig.Omega-3-Fettsäuren sollen entzündungshemmend wirken.

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