Nervensystem und Gehirn der Fische: Anatomie und Funktionsweise

Die faszinierende Welt der Fische offenbart eine erstaunliche Vielfalt an Anpassungen, die es ihnen ermöglichen, in den unterschiedlichsten aquatischen Umgebungen zu überleben. Ein zentraler Aspekt dieser Anpassungen ist das Nervensystem und das Gehirn, die als Kommandozentrale für das Verhalten und die Interaktion mit der Umwelt dienen. Dieser Artikel beleuchtet die Anatomie und Funktionsweise des Nervensystems und des Gehirns von Fischen und zeigt die bemerkenswerten Strategien, die diese Tiere entwickelt haben, um sich in ihrem Lebensraum zurechtzufinden.

Einführung in das Nervensystem der Fische

Das Nervensystem der Fische ist ein komplexes Netzwerk aus Nervenzellen (Neuronen), die miteinander in Verbindung stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Es dient der Wahrnehmung von Reizen, der Verarbeitung von Informationen und der Steuerung von Verhaltensweisen. Im Laufe der Evolution hat sich das Nervensystem der Fische von einfachen Nervennetzen zu komplexen Gehirnen entwickelt, die in der Lage sind, eine Vielzahl von Aufgaben zu bewältigen.

Wie der Zebrafisch ist der Mensch ein Wirbeltier, weshalb der Zebrafisch uns auch etwas über unser eigenes Nervensystem lehren kann.

Organisation des Nervensystems

Das Nervensystem der Fische lässt sich in zwei Hauptkomponenten unterteilen:

  • Zentralnervensystem (ZNS): Das ZNS besteht aus dem Gehirn und dem Rückenmark. Das Gehirn ist das Hauptorgan der Informationsverarbeitung und -speicherung, während das Rückenmark als Verbindungsglied zwischen Gehirn und peripherem Nervensystem dient.
  • Peripheres Nervensystem (PNS): Das PNS umfasst alle Nerven, die außerhalb des ZNS liegen. Es leitet Informationen von den Sinnesorganen zum ZNS und von dort zu den Muskeln und Drüsen.

Das Gehirn der Fische: Eine komplexe Struktur

Das Gehirn der Fische ist im Vergleich zu anderen Wirbeltieren relativ klein, aber dennoch in der Lage, eine Vielzahl von Funktionen auszuführen. Es besteht aus verschiedenen Regionen, die jeweils für bestimmte Aufgaben zuständig sind:

Lesen Sie auch: Enterisches Nervensystem vs. Vegetatives Nervensystem: Ein detaillierter Vergleich

  • Endhirn (Telencephalon): Das Endhirn ist der vorderste Teil des Gehirns und spielt eine Rolle bei der Geruchswahrnehmung, dem Lernen und dem Gedächtnis.
  • Zwischenhirn (Diencephalon): Das Zwischenhirn enthält wichtige Zentren für die Steuerung von Körperfunktionen wie Temperatur, Hunger und Durst.
  • Mittelhirn (Mesencephalon): Das Mittelhirn ist für die Verarbeitung visueller und akustischer Informationen zuständig.
  • Kleinhirn (Metencephalon): Das Kleinhirn koordiniert Bewegungen und hält das Gleichgewicht.
  • Verlängertes Mark (Myelencephalon oder Medulla oblongata): Das verlängerte Mark steuert lebenswichtige Funktionen wie Atmung und Herzschlag.

Sinnesorgane der Fische: Wahrnehmung der Umwelt

Fische verfügen über eine Vielzahl von Sinnesorganen, die es ihnen ermöglichen, ihre Umwelt wahrzunehmen. Zu den wichtigsten Sinnesorganen gehören:

  • Augen: Fische haben in der Regel gut entwickelte Augen, die an das Sehen unter Wasser angepasst sind. Viele Fische sind farbtüchtig und nehmen auch ultraviolettes Licht wahr. Die Augen haben eine starre Linse, die auf Nahsicht fokussiert ist, aber durch einen Muskel auf Fernsicht zurückgezogen werden kann.
  • Nase: Der Geruchssinn der Fische ist meist sehr ausgeprägt. Nasen- und Mundhöhle sind voneinander getrennt.
  • Ohren: Die Gleichgewichts- und Gehörorgane bestehen aus geschlossenen, flüssigkeitsgefüllten Blasen. Bei einigen Fischarten sind die Gehörorgane mit der Schwimmblase verbunden und werden als Weberscher Apparat bezeichnet. Die meisten Fischarten können Signale unterhalb 1 kHz wahrnehmen, einige haben ihr Hörvermögen durch spezielle Strukturen verbessert und den Hörbereich bis 5 oder mehr kHz erweitert.
  • Seitenlinie: Die Seitenlinie ist ein Sinnesorgan, das sich entlang der Körperseiten der Fische erstreckt. Sie besteht aus einer Reihe von Hauteinstülpungen, in denen sich Sinneszellen mit Sinneshaaren befinden, die durch Strömungsveränderungen erregt werden. Die Seitenlinie ermöglicht es den Fischen, Bewegungen und Vibrationen im Wasser wahrzunehmen.
  • Geschmacksknospen: Fische haben Geschmacksknospen im Maul und auf der Haut, die es ihnen ermöglichen, Geschmacksreize wahrzunehmen.
  • Elektrorezeptoren: Einige Fischarten besitzen Elektrorezeptoren, mit denen sie elektrische Felder wahrnehmen können. Diese Fähigkeit wird zur Orientierung, zur Jagd und zur Kommunikation genutzt.

Neuronale Algorithmen: Wie Fische Informationen verarbeiten

Neuroforscher versuchen zu verstehen, wie Fische sensorische Informationen verarbeiten und daraus Verhalten generieren. Der Forscher spricht von neuronalen Algorithmen.

Die Verarbeitung von Informationen im Gehirn der Fische erfolgt durch neuronale Algorithmen. Diese Algorithmen sind komplexe Verschaltungen von Nervenzellen, die es den Fischen ermöglichen, Reize zu erkennen, zu interpretieren und darauf zu reagieren. Die Erforschung neuronaler Algorithmen ist ein wichtiger Bereich der Neurowissenschaften, der dazu beitragen kann, die Funktionsweise des Gehirns besser zu verstehen.

Gregor Schuhknecht veranschaulicht, was er mit Algorithmen meint, am Beispiel des Jagdverhaltens der frisch geschlüpften Tiere. „Aus Verhaltensexperimenten kann ich ableiten, dass der Fisch interessiert ist an Objekten einer bestimmten Größe, Orientierung und mit einem charakteristischen Bewegungsmuster. Allerdings werden andere oder weitere Netzwerke aktiv sein, wenn der Fisch ein Objekt als Bedrohung interpretiert und nicht jagen, sondern fliehen möchte. Es kommt also auf die Eigenschaften der Objekte an, die das Tier sieht. Doch selbst wenn ein Reiz prinzipiell Jagdverhalten auslösen kann, sind noch die Internal States relevant. Man kann die visuellen Eindrücke, die auf das Fischgehirn einwirken, also direkt mit der Aktivität einzelner Neuronen korrelieren und mit dem ausgelösten Verhalten in Verbindung bringen - auf einen Input folgt eine Verrechnung und danach ein Output.

Das Nervensystem als Grundlage für Verhalten

Das Nervensystem der Fische ist eng mit ihrem Verhalten verbunden. Es ermöglicht ihnen, auf Reize aus der Umwelt zu reagieren, Nahrung zu finden, Feinden auszuweichen und sich fortzupflanzen. Die Vielfalt des Fischverhaltens ist Ausdruck der Komplexität ihres Nervensystems.

Lesen Sie auch: Wie das vegetative Nervensystem die Blase beeinflusst

Um relevante Neuronen-Populationen zu finden, muss man auch nicht komplett ins Blaue hinein raten, erklärt Schuhknecht. „Wenn sich der Fisch in eine bestimmte Richtung orientiert, erwarte ich gewisse Aktivitätsmuster in den motorischen Arealen. Hypothetisch sind sie deshalb, weil die Forschenden zwar die Aktivität der Zellen durch die Fluoreszenzmikroskopie lebender Fische nachweisen können. Sie wissen aber dennoch nicht, welche dieser nacheinander aktiven Zellen auch physisch miteinander verbunden sind. Dazu ist ein Abgleich mit der „Hardware“ nötig, bei dem Konnektom-Datenbanken des Fischgehirns weiterhelfen. Es ist sogar möglich, zunächst Verhaltensexperimente durchzuführen und die Echtzeit-Aktivität per Calcium-Sensoren aufzuzeichnen, und danach die neuronalen Verbindungen elektronenmikroskopisch abzubilden. „In meinem Labor in Frankfurt imagen wir also zunächst das lebende Tier, zum Beispiel während es einen visuellen Stimulus sieht und eine Reaktion zeigt. Dieser Strategie sollen auch die künftigen Experimente von Schuhknechts neuer Arbeitsgruppe folgen. Dass diese Herangehensweise funktioniert, weiß er bereits aus aktuellen Versuchen. „Zunächst hatten wir die Verbindungen so gezeichnet, wie sie funktionell sinnvoll erschienen. Aber später beim elektronenmikroskopischen Abgleich fanden wir auch schon mal spannende Unterschiede“, geht Schuhknecht auf die Erfahrungen mit dem Workflow der korrelativen Licht- und Elektronenmikroskopie ein. „So erhalten wir schließlich ein Schaltkreismodell, das nicht nur die Funktion, sondern auch die Anatomie berücksichtigt.

Forschungsmethoden zur Untersuchung des Fischgehirns

Die Erforschung des Fischgehirns ist ein wichtiger Bereich der neurowissenschaftlichen Forschung. Wissenschaftler nutzen eine Vielzahl von Methoden, um die Struktur und Funktion des Fischgehirns zu untersuchen:

  • Anatomische Studien: Anatomische Studien dienen dazu, die Struktur des Fischgehirns zu beschreiben und die verschiedenen Regionen zu identifizieren.
  • Elektrophysiologische Messungen: Elektrophysiologische Messungen erfassen die elektrische Aktivität von Nervenzellen im Fischgehirn.
  • Verhaltensstudien: Verhaltensstudien untersuchen das Verhalten von Fischen in verschiedenen Situationen und setzen es in Beziehung zu den Aktivitäten im Gehirn.
  • Optogenetik: Bei der Optogenetik werden genetisch veränderte Fische verwendet, deren Nervenzellen durch Licht aktiviert oder deaktiviert werden können. Dies ermöglicht es, die Funktion einzelner Nervenzellen oder Hirnregionen zu untersuchen.
  • Kalzium-Imaging: Das Kalzium-Imaging ist eine Methode, mit der die Aktivität von Nervenzellen im Fischgehirn sichtbar gemacht werden kann. Dabei werden Farbstoffe verwendet, die ihre Fluoreszenz ändern, wenn die Kalziumkonzentration in den Nervenzellen steigt.

Zebrafische als Modellorganismen in der Hirnforschung

Der Zebrabärbling (Danio rerio), im Laborjargon Zebrafisch genannt, erweist sich für diese Fragestellungen als ausgezeichnetes Untersuchungsobjekt. Fische gehören ebenso wie der Mensch zur Gruppe der Wirbeltiere. Sie verfügen über einen anatomisch ähnlichen Gehirnaufbau, bringen jedoch den Vorteil mit sich, dass ihr Nervensystem kleiner und genetisch manipulierbar ist. Des Weiteren sind die Larven der Zebrafische transparent, was optischen Zugang zum Gehirn und damit den Einsatz neuer optischer Methoden der Hirnforschung erlaubt, so z. B.

Der Zebrafisch hat sich zu einem wichtigen Modellorganismus in der Hirnforschung entwickelt. Seine Larven sind transparent, was es ermöglicht, die Entwicklung des Gehirns live unter dem Mikroskop zu verfolgen. Darüber hinaus ist das Genom des Zebrafisches gut erforscht, was es ermöglicht, gezielt Gene zu verändern und ihre Funktion im Gehirn zu untersuchen.

Aktuelle Forschungsergebnisse

Aktuelle Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass das Fischgehirn flexibler ist als bisher angenommen. Es ist in der Lage, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen und neue Verhaltensweisen zu erlernen. Darüber hinaus haben Forscher neuronale Schaltkreise im Fischgehirn identifiziert, die für bestimmte Verhaltensweisen wie die Jagd, die Flucht und die Fortpflanzung verantwortlich sind.

Lesen Sie auch: Sympathikus und Parasympathikus detailliert erklärt

So konnten Forscher zeigen, dass ein Teil der sogenannten Retikulärformation im Hirnstamm als „Cockpit" zur Steuerung des Fischschwanzes eingesetzt wird. Dabei vermag eine kleine Gruppe von nur 15 Zellen in dieser Steuerzentrale die Schwanzflosse zu lenken.

tags: #nervensystem #und #gehirn #der #fische