Nervus accessorius: Definition, Funktion und klinische Bedeutung

Einführung

Der Nervus accessorius, auch als elfter Hirnnerv (N. XI) oder Halsnerv bekannt, spielt eine entscheidende Rolle für die Motorik des Kopfes, des Halses und der Schultern. Er innerviert spezifische Muskeln, die für Kopfbewegungen und die Stabilisierung der Schulterblätter verantwortlich sind. Dieser Artikel beleuchtet die Definition, den Verlauf, die Funktion und die klinische Bedeutung des Nervus accessorius.

Was sind Hirnnerven?

Die Hirnnerven sind zwölf Nervenpaare, die direkt aus dem Gehirn entspringen und für die sensorische und motorische Versorgung des Kopf- und Halsbereichs zuständig sind. Sie werden von rostral (schädelwärts) nach kaudal (fußwärts) mit römischen Ziffern nummeriert.

Die Hirnnerven lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen:

  • Sensorische Nerven: Nervus olfactorius (I), Nervus opticus (II), Nervus vestibulocochlearis (VIII)
  • Motorische Nerven: Nervus oculomotorius (III), Nervus trochlearis (IV), Nervus abducens (VI), Nervus accessorius (XI), Nervus hypoglossus (XII)
  • Gemischte Nerven: Nervus trigeminus (V), Nervus facialis (VII), Nervus glossopharyngeus (IX), Nervus vagus (X)

Definition des Nervus accessorius

Der Nervus accessorius (N. XI) ist ein rein motorischer Hirnnerv, der den Musculus sternocleidomastoideus (Kopfnicker) und den Musculus trapezius (Trapezmuskel) innerviert. Diese Muskeln sind essenziell für die Bewegung des Kopfes, des Halses und der Schultern.

Anatomischer Verlauf des Nervus accessorius

Der Nervus accessorius besteht aus zwei Wurzeln:

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  • Radix cranialis: Sie entspringt dem Nucleus ambiguus in der Medulla oblongata. Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass diese Wurzel eher zum Nervus vagus gehört.
  • Radix spinalis: Sie entspringt den Vorderhornzellen der oberen fünf zervikalen Segmente des Rückenmarks (C2-C5).

Die Radix spinalis zieht durch das Foramen magnum in den Schädel, wo sie sich mit der Radix cranialis zum Truncus nervi accessorii vereint. Anschließend verläuft der Nervus accessorius durch das Foramen jugulare, zusammen mit dem Nervus glossopharyngeus (IX) und dem Nervus vagus (X), aus dem Schädel.

Im Halsbereich verläuft der Nerv zwischen der Arteria carotis interna und der Vena jugularis interna, durchdringt den Musculus sternocleidomastoideus und zieht dann über das hintere Halsdreieck zum Musculus trapezius.

Der Ramus internus nervi accessorii lagert sich an den Nervus laryngeus recurrens an und innerviert fast alle Muskeln des Kehlkopfs, mit Ausnahme des Musculus cricothyroideus.

Funktion des Nervus accessorius

Der Nervus accessorius steuert die Motorik folgender Muskeln:

  • Musculus sternocleidomastoideus: Dieser Muskel ermöglicht die Drehung des Kopfes zur Gegenseite, die Neigung des Kopfes zur gleichen Seite und bei beidseitiger Kontraktion das Anheben des Kinns (Halsstreckung).
  • Musculus trapezius: Dieser Muskel unterstützt die Bewegung der Schulterblätter, insbesondere das Heben der Schultern, das Drehen und die Stabilisierung des Schulterblatts während der Armbewegung.

Klinische Bedeutung: Schädigung des Nervus accessorius

Eine Schädigung des Nervus accessorius kann zu verschiedenen Symptomen führen, die durch die Beeinträchtigung der von ihm innervierten Muskeln verursacht werden.

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Ursachen für eine Schädigung

  • Iatrogene Schädigung: Verletzungen bei operativen Eingriffen im Halsbereich, insbesondere Lymphknotenbiopsien und HNO-ärztliche Operationen, sind häufige Ursachen. Nach Schilddrüsenoperationen können Rekurrensparesen auftreten.
  • Trauma: Schussverletzungen im Nackenbereich können den Nerv beschädigen.
  • Tumoren: Tumoren im Bereich des Foramen jugulare (z.B. Glomustumore, Meningeome, Schwannome) oder des kraniozervikalen Übergangs können den Nerv komprimieren.
  • Entzündungen: Parainfektiöse Genese bei Virusinfekten kann zu einer isolierten Akzessoriusparese führen.
  • Motoneuronerkrankungen und Rückenmarkprozesse: Diese können zu kompletten Akzessoriusparesen führen.
  • Gefäßerkrankungen: Dissektionen der Arteria carotis interna können den Nerv beeinträchtigen.

Symptome einer Schädigung

  • Lähmung des Musculus trapezius: Patienten können den Arm nur mit Mühe über 90 Grad anheben. Es kommt zu einer Atrophie der oberen Trapeziusanteile, was zu einem veränderten Schulterrelief führt. Die Schulter kann auf der betroffenen Seite nicht angehoben werden, und die Hebung des Arms über die Horizontale ist durch die fehlerhafte Skapulaposition behindert.
  • Lähmung des Musculus sternocleidomastoideus: Dies äußert sich durch einen Schiefhals, bei dem der Hals zu der Seite des gelähmten Muskels geneigt ist. Die Drehung des Kopfes zur kontralateralen Seite ist eingeschränkt.
  • Schmerzen: Sekundäre Veränderungen durch die Fehlstellung der Schulter nach Trapeziusparese können zu anhaltenden und therapieresistenten Schmerzsyndromen führen.
  • Foramen-jugulare-Syndrom: Hier sind in der Regel die Hirnnerven IX, X und XI gleichzeitig betroffen.

Diagnostik

  • Klinische Untersuchung: Überprüfung der Muskelkraft und Beweglichkeit des Kopfes, des Halses und der Schultern. Der Patient wird aufgefordert, die Schultern gegen Widerstand anzuheben und den Kopf gegen Widerstand zu drehen.
  • Elektromyographie (EMG): Zur Bewertung der Funktion des Nervs und der Muskeln.
  • Bildgebende Verfahren: MRT (Magnetresonanztomographie) kann zur Darstellung des Nervs und zur Identifizierung von Ursachen wie Tumoren oder Gefäßanomalien eingesetzt werden.

Differenzialdiagnose

Es ist wichtig, andere Ursachen für Nacken- und Schulterschmerzen auszuschließen, wie z.B.:

  • Zervikale Radikulopathie: Nervenwurzelkompression im Halsbereich.
  • Rotatorenmanschettenruptur: Riss der Sehnen der Rotatorenmanschette in der Schulter.
  • Arthrose der Halswirbelsäule: Degenerative Veränderungen der Halswirbelsäule.

Therapie

Die Therapie einer Schädigung des Nervus accessorius richtet sich nach der Ursache.

  • Konservative Therapie: Physiotherapie zur Stärkung der verbleibenden Muskulatur und zur Verbesserung der Beweglichkeit. Schmerzmittel zur Linderung von Schmerzen. In einigen Fällen kann ein Behandlungsversuch mit Kortikosteroiden erfolgen, insbesondere bei idiopathischen Paresen.
  • Chirurgische Therapie: Bei Tumoren oder anderen Raumforderungen kann eine Operation erforderlich sein, um den Nerv zu dekomprimieren. In einigen Fällen können Ersatzoperationen in Frage kommen, um die Funktion des Musculus trapezius wiederherzustellen.

Elektrophysiologische Untersuchung des Nervus accessorius

Die elektrophysiologische Untersuchung des Nervus accessorius umfasst die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) und die Ableitung von Muskelaktionspotentialen (MAP) nach Stimulation des Nervs.

Stimulation und Ableitung

  • Stimulation: Die Stimulation des Nervus accessorius erfolgt typischerweise an zwei Stellen:
    • Unterhalb des Kraniomandibulargelenks
    • Dorsal des Musculus sternocleidomastoideus, leicht oberhalb der Mitte des Muskels
  • Ableitung: Die Ableitung der Muskelaktionspotentiale erfolgt über Elektroden, die auf dem Musculus sternocleidomastoideus und dem Musculus trapezius platziert werden.

Parameter

  • Latenz: Die Zeit zwischen der Stimulation und dem Beginn des Muskelaktionspotentials.
  • Amplitude: Die Höhe des Muskelaktionspotentials, die ein Maß für die Anzahl der aktivierten Muskelfasern ist.
  • Nervenleitgeschwindigkeit (NLG): Die Geschwindigkeit, mit der der Nervenimpuls entlang des Nervs geleitet wird.

Normwerte

Die Normwerte für die Latenz, Amplitude und NLG können je nach Labor variieren. Es ist wichtig, die Ergebnisse der elektrophysiologischen Untersuchung im Zusammenhang mit den klinischen Befunden zu interpretieren.

Interpretation

  • Verlängerte Latenz: Kann auf eine Schädigung des Nervs hindeuten, z.B. durch Kompression oder Demyelinisierung.
  • Verminderte Amplitude: Kann auf eine Schädigung des Nervs oder der Muskeln hindeuten, z.B. durch Axonotmesis oder Muskelatrophie.
  • Verlangsamte NLG: Kann auf eine Demyelinisierung des Nervs hindeuten.

Weitere elektrophysiologische Untersuchungen

Zusätzlich zur NLG-Messung können weitere elektrophysiologische Untersuchungen durchgeführt werden, um die Funktion des Nervus accessorius zu beurteilen, wie z.B.:

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  • Elektromyographie (EMG): Zur Beurteilung der Muskelaktivität in Ruhe und bei Kontraktion.
  • F-Wellen-Studie: Zur Beurteilung der proximalen Nervenleitgeschwindigkeit.

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