Nervus Vagus Stimulation zur Behandlung von Tinnitus: Neue Hoffnung für Patienten?

Tinnitus, ein lästiges Dauergeräusch im Ohr, betrifft Millionen von Menschen. Die Behandlungsmöglichkeiten sind oft beschränkt, aber neue Forschungen bieten Hoffnung. US-Wissenschaftler haben im Tierversuch erstmals die Ursache des Tinnitus ausgeschaltet, indem sie einen speziellen Hirnnerv stimulierten und gleichzeitig Töne vorspielten.

Was ist Tinnitus?

Fast jeder kennt das Phänomen, Laute wahrzunehmen, die sonst niemand hört: ein Pfeifen oder Zischen, Rauschen oder Kreischen, Summen oder Brummen. Tinnitus plagt mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland. Der Begriff ist vielen geläufig, und doch wissen die wenigsten, dass es sich hierbei nicht um eine eigenständige Erkrankung, sondern um ein Symptom handelt. Tinnitus ist eine Wahrnehmung von Geräuschen, ohne dass ein akustischer Stimulus von außen vorliegt. Oft werden die Ohrgeräusche als Summen, Pfeifen, Klingeln, Zischen, Brummen, Rauschen oder Knacken beschrieben. Häufig besteht eine begleitende Hörstörung.

Ursachen und Risikofaktoren

Tinnitus kann verschiedene Ursachen haben, darunter Hörsturz, Mittelohrentzündung oder ein Knalltrauma. Auch neurologische Ursachen wie Migräne, Multiple Sklerose oder Schlaganfall sind möglich. Weitere Risikofaktoren sind Lärmbelastung, Übergewicht, Rauchen und Alkoholkonsum. Stress, Angst oder der Schock nach einem Unfall können ebenfalls eine Rolle spielen.

Die Rolle des Vagusnervs

Der Vagusnerv ist der längste unserer zwölf Hirnnerven und verläuft vom Gehirn aus auf beiden Halsseiten über den Brustraum zum Darm. Er vermittelt zwischen einer Vielzahl von Körperfunktionen wie der Herzfrequenz, Verdauung oder der Atmung. Der Vagusnerv ist der wichtigste Teil des parasympathischen Nervensystems, das für Entspannung und den Aufbau von Energiereserven zuständig ist.

Vagusnerv-Stimulation als Therapieansatz

Amerikanische Forscher machen Betroffenen jetzt Hoffnungen: Im Tierversuch ist es ihnen erstmals gelungen, diesen Umbau rückgängig zu machen und eine Art Neustart der betroffenen Hirnareale zu bewirken, indem sie einen speziellen Hirnnerv stimulierten und gleichzeitig Töne vorspielten. Auf diese Weise konnten sie zumindest den Tinnitus bei Ratten beseitigen, berichten sie im Fachblatt "Nature".

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Wie funktioniert die Vagusnerv-Stimulation?

Kilgard und seine Kollegen setzten einige der Tiere, mit denen sie arbeiteten, sehr starkem Lärm aus, wodurch diese einen Tinnitus entwickelten. Diese Prozedur ließ die Zahl der Nervenzellen im auditiven Cortex, die auf diese Frequenz reagieren, im Vergleich zu Tieren aus einer Kontrollgruppe um 79 Prozent steigen. Der auditive Cortex ist jener Bereich der Großhirnrinde, in dem akustische Reize verarbeitet werden. Die Forscher stellten fest: Die Prozedur baute die Neuronen im auditiven Cortex so um, dass sie wieder auf ihre ursprünglichen Frequenzen reagierten, und entfernte typische physiologische und verhaltensbedingte Reaktionen, die mit dem Tinnitus zusammenhingen. Diese Veränderungen blieben auch über längere Zeit nach der Behandlung stabil.

Zwei Formen der Vagusnerv-Stimulation

Es gibt zwei verschiedene Formen der elektrischen Stimulation: eine invasive und eine nichtinvasive. Schon seit Jahrzehnten etabliert ist die invasive Vagusnervstimulation (iVNS) für therapieresistente Epilepsie: Hierbei setzt in einer Operation ein Neurochirurg im oberen Brustbereich Stimulationselektroden sowie einen Generator ein, ähnlich wie bei einem Herzschrittmacher. Die Stromimpulse wirken über den Vagusnerv im Gehirn und hemmen dort Aktivitäten, die zu epileptischen Anfällen führen. Bereits in den 1990er-Jahren wurde diese Methode vermehrt eingesetzt, wobei eine positive Nebenwirkung beobachtet werden konnte: die Stimmungsaufhellung bei einigen Patienten. Studien untersuchten den Effekt und stellten nachweislich Effekte auf die Stimmung dar.

Nicht-invasive Vagusnerv-Stimulation

Vor einigen Jahren wurde ein Netzwerk im Gehirn identifiziert, das mit den Signalen des Magens gekoppelt ist und vermutlich das menschliche Hunger- und Sättigungsgefühl beeinflusst. Nun konnte ein Forschungsteam um Prof. Dr. Nils Kroemer der Universitätsklinika Tübingen und Bonn erstmals zeigen, dass eine nicht-invasive Stimulation des Vagusnervs am Ohr die Kommunikation zwischen Magen und Gehirn innerhalb von Minuten verstärken kann.

Weitere Therapieansätze bei Tinnitus

Neben der Vagusnerv-Stimulation gibt es weitere Therapieansätze bei Tinnitus:

  • Psychotherapeutisch unterstützte Habituations-Schulung (Retraining): Patienten lernen, sich an ihren ständigen Begleiter zu gewöhnen und den Ton irgendwann kaum noch als störend oder gar nicht mehr wahrzunehmen.
  • Ton-Generatoren für das Ohr (Rauschgeräte): Die Rauschgeräte mit dem zusätzlichen Störgeräusch sind leiser als der Tinnitus und sollen das Gehirn anregen, die Störungen herauszufiltern.
  • Entspannungsübungen: Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung und sanftes Yoga können helfen, Verspannungen abzubauen, die den Tinnitus verstärken können.
  • Musiktherapie: Angenehme Musik kann den Tinnitus übertönen und ablenken.
  • Manuelle Therapie: Bei Tinnitus, der durch Verspannungen im Nacken- und Kieferbereich verursacht wird, können gezielte Übungen und manuelle Therapie helfen, die Muskulatur zu lockern und die Haltung zu verbessern.

Tinnitus und Schwindel

Wenn uns schwindlig wird, denken wir wohl zuerst an Kreislaufprobleme. Aber auch das Ohr kann Schwindel verursachen, denn es ist unser Gleichgewichtsorgan. Bei Schwindel ist eine Diagnose oft schwierig, da Schwindelarten und Ursachen so vielfältig sind wie die Begleiterscheinungen. Dazu gehören Benommenheit, Übelkeit oder Sehstörungen. Der "gutartige Lagerungsschwindel" verschwindet durch einfache Körperübungen. Doch es gibt andere, schwieriger zu therapierende Formen des Schwindels. Besonders häufig kommt der "akute Drehschwindel" vor - hier sind HNO-Ärzte und Neurologen die richtigen Ansprechpartner. Beim Lagerungsschwindel verirren sich kleine Kristalle, die im Ohr sozusagen unsere 'Schwerkraft-Messer' sind, in unsere Beschleunigungsmesser [die Bogengänge]. Bei bestimmten Bewegungen werden sie wie in einer Schneekugel aufgewirbelt. Eine mögliche Therapie: Durch ganz gezielte Bewegungen werden diese kleinen Steinchen wieder aus den Bogengängen unseres Ohrs herausgeschleudert. Schwindel kann jedoch eine Form der Migräne sein: Die Vestibuläre Migräne, auch Schwindelmigräne genannt. Schwindel kann auch neurologische Ursachen haben - bis hin zu einem Schlaganfall. Dieser ist aber dann auch noch mit anderen Symptomen verbunden. Der Schwindel macht uns Angst, das löst Stress bei uns aus - und der wiederum erhöht die Verspannungen.

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Was kann man selbst tun?

  • Stress reduzieren: Stress ist ein häufiger Auslöser für Tinnitus. Entspannungsübungen, Sport und ausreichend Schlaf können helfen, Stress abzubauen.
  • Lärm vermeiden: Schützen Sie Ihre Ohren vor lauten Geräuschen, insbesondere bei Konzerten oder am Arbeitsplatz.
  • Gesunde Lebensweise: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung und vermeiden Sie Nikotin und Alkohol.
  • Haltung verbessern: Eine gute Haltung kann Verspannungen im Nacken- und Kieferbereich reduzieren.

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