Das Herz ist nicht nur eine Pumpe, sondern reagiert auch sensibel auf Emotionen. Stress, Angst und Depressionen können das Herz ebenso belasten wie ein ungesunder Lebensstil. Die Kommunikation zwischen Herz und Gehirn erfolgt direkt über das autonome Nervensystem, in dem zwei Gegenspieler eine wichtige Rolle spielen: der Sympathikus, der bei Stress aktiviert wird und Herzschlag, Blutdruck und Blutgerinnung erhöht, und der Parasympathikus, der nach einer Stresssituation seine entspannende Wirkung entfaltet und Puls und Blutdruck wieder senkt. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Vagusnerv.
Die Rolle des Vagusnervs
Der Vagusnerv, auch als zehnter Hirnnerv oder Nervus vagus bekannt, ist einer der längsten Nerven im menschlichen Körper. Er ist Teil des Parasympathikus und hat eine bedeutsame Funktion bei der Regulation und Kommunikation zwischen dem Gehirn und verschiedenen Organen im Körper, insbesondere im Brust- und Bauchbereich. Er wird oft als "Entspannungsnerv" bezeichnet, da er beruhigend auf das gesamte System wirkt, einschließlich Herzschlag und Blutdruck. Er transportiert Signale vom Gehirn zum Herzen und trägt dazu bei, körperliche und seelische Stressreaktionen zu beruhigen. Wer seine Funktion gezielt stärkt, kann sein Herz schützen.
- Überblick über den Vagusnerv: Der Vagusnerv ist einer von zwölf Hirnnerven und reicht vom Gehirn über Herz, Lungen, Leber, Milz bis in den Magen-Darm-Trakt. Er wird auch als "umherwandernder Nerv" bezeichnet, da er weitläufig im Körper umherschweift. Er übermittelt die Funktionen der inneren Organe an das Gehirn und ist an der Regulierung des jeweiligen Organs direkt beteiligt.
- Funktion als Datenautobahn: Der Vagusnerv fungiert als Datenautobahn zwischen Gehirn und Organen. Wenn wir hungrig sind, kommuniziert der Vagusnerv das Bedürfnis des Magens nach Nahrung an unser Gehirn und übersetzt das Hungergefühl, damit wir den knurrenden Magen nachvollziehen können. Der Vagus steuert damit also auch unser Verhalten und unsere Reaktionen auf die Umwelt.
- Einfluss auf das Wohlbefinden: Der Vagusnerv nimmt direkten Einfluss auf unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit. Er fungiert als wichtige Schnittstelle, als Datenautobahn zwischen Gehirn und Organen, um unseren Körper im gesunden Gleichgewicht zu halten. Der Vagusnerv signalisiert uns, ob unsere menschlichen, organischen Grundbedürfnisse gedeckt sind und ob wir uns entspannen können oder anstrengen sollten. Bei einem äußeren Reiz in Form von Stress hilft uns der Nervus vagus angemessen darauf zu reagieren, indem wir beispielsweise die Herzfrequenz und die Atmung anpassen. Nach der Stresssituation sorgt der Vagus dafür, dass der Körper wieder in einen Entspannungszustand gelangt.
Stress und seine Auswirkungen auf das Herz
Steht man jedoch dauerhaft unter Strom, ist das sympathische Nervensystem ständig überaktiv - der Vagus kann nicht ausreichend dagegenhalten. Auf lange Sicht macht das krank. Ein Indikator dafür ist die Herzratenvariabilität (HRV). Um sie zu bestimmen, misst man die Abstände zwischen den Herzschlägen. Jüngere Menschen mit gesundem Herz und sportliche Menschen haben in der Regel eine hohe Herzratenvariabilität. Ihr Herz kann sich an wechselnde Belastungen schneller anpassen, die Abstände zwischen den einzelnen Schlägen variieren stärker, je nach Situation.
Menschen mit hoher Herzratenvariabilität - und somit einem starken Vagusnerv - können sich außerdem besser konzentrieren und sind emotional stabiler. Bleibt die Herzfrequenz hingegen sehr gleichförmig, deutet das darauf hin, dass das Organ wenig flexibel auf unterschiedliche Belastungen reagiert - die Verbindung von Herz-Kreislauf- und Nervensystem ist dann aus dem Takt geraten. Das trifft beispielsweise auf ältere Menschen zu, deren Blutgefäße durch Ablagerungen verhärtet und weniger elastisch sind, aber auch bei Personen mit Diabetes oder Herzinsuffizienz ist die Herzratenvariabilität häufig reduziert.
Auch Menschen mit Angst- und Panikstörungen sind betroffen: „Man nimmt an, dass es ihrem Gehirn nicht mehr gelingt, Angstreaktionen ausreichend zu unterdrücken; ihr Vagusnerv ist gehemmt und sie geraten so in chronischen Stress“, erklärt die Psychokardiologin Dr. Weber.
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Psychokardiologie: Herz und Psyche gemeinsam behandeln
Vor allem Herzpatienten sind häufig belastet: „Wir wissen, wie hilfreich psychotherapeutische Unterstützung für Herzpatienten ist“, so Weber. Doch auch, wer keine Vorerkrankung des Herzens oder der Psyche hat - dem Alltagsstress sind alle Menschen ausgesetzt und auch sie profitieren von einem starken Vagusnerv. Weber verweist auf Befunde, die „darauf hindeuten, dass ein besseres Bewusstsein für die eigenen Gefühle mit einer stabileren Herzaktion einhergeht - und damit ein Schutzfaktor sein kann“. Insgesamt machen die Studiendaten deutlich, wie wichtig es ist, etwa in der kardiologischen Rehabilitation nach einem Herzinfarkt, auch psychokardiologische Aspekte zu berücksichtigen.
Möglichkeiten zur Stärkung des Vagusnervs
Helfen kann dann, den Vagus als „Entspannungsnerv“ zu stärken. Vor allem gilt es, das Stresslevel zu senken. Folgende Maßnahmen können Sie selbst anwenden:
- Entspannungsübungen: Tägliche Entspannungsübungen, z.B. tiefe Bauchatmung oder Meditation. Bewusstes, ruhiges Atmen ist die effektivste und einfachste Methode, um den Vagusnerv zu aktivieren. Schon nach kurzer Zeit kann sich der Puls beruhigen, und der Körper schaltet in den Erholungsmodus. Auch die Boxatmung, bei der man auf vier Zählzeiten einatmet, vier Zählzeiten die Atmung hält, auf vier ausatmet und wieder vier Zählzeiten hält oder eine verlängerte Ausatmung können die Entspannung fördern.
- Sport: Regelmäßiger Ausdauersport. Leichte Bewegung wie Spazierengehen, Radfahren oder Yoga wirkt sich positiv auf den Vagusnerv aus.
- Psychologische Angebote: Psychotherapeutische Gespräche helfen bei Ängsten oder depressiven Symptomen. Kunst- und Körpertherapie unterstützen dabei, Emotionen besser zu verarbeiten.
- Gesunder Lebensstil: Auch alle Maßnahmen, die den Körper gesund halten, stützen das seelische Gleichgewicht: Gesunde Ernährung, Normalgewicht anstreben, Rauchverzicht, wenig (oder noch besser kein) Alkohol, ausreichend Schlaf, Stressreduktion im Alltag.
- Kälteexposition: Zudem können das kurze Aussetzen von kaltem Wasser oder kalter Luft den Vagusnerv stimulieren. Kälte löst im Körper einen kurzen Reiz aus, der den Parasympathikus anregt. Das erreichen Sie einfach, indem Sie sich morgens das Gesicht mit kaltem Wasser abspülen oder beim Duschen zum Schluss 10-20 Sekunden kaltes Wasser über den Nacken laufen lassen.
- Positive Emotionen: Der Vagusnerv reagiert auch auf Emotionen. Lachen, freundliche Gespräche oder Nähe zu vertrauten Menschen fördern die Ausschüttung von Wohlfühlhormonen. Weiterhin können positive Emotionen, wie Freude oder Zufriedenheit, den Vagusnerv stimulieren.
- Summen oder Singen: Durch Summen oder leises Singen entstehen Vibrationen im Hals- und Rachenraum, wo Äste des Vagusnervs verlaufen. Diese Vibrationen können ihn anregen. Probieren Sie täglich 1-2 Minuten leise zu summen.
Diagnostik von Vagusdysfunktionen
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Vagusaktivität zu diagnostizieren:
Geruchssinn: Ätherisches Lavendelöl unter die Nase halten: Durch Stimulation des Vagus wird die Magenentleerung gefördert. Dies ist hörbar, z.B. mit dem Stethoskop in der Region des Pylorus.
Schlucken: Trinken von einem Glas Wasser dient zum Test des Vagus im Ösophagus (Norm etwa 5 Sekunden; bei verminderter Aktivität und z.B. bei Parkinson-Erkrankung ist der Schluckzeitraum reduziert).
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HRV-Messung: HRV-Messparameter geben Einblick in die autonome Funktion des Herzens und ermöglichen Einschätzungen zur Funktionsweise des autonomen Nervensystems. Der N. vagus leitet Informationen viel schneller als der Sympathikus. So ist die Vagusaktivierung der Herzfrequenz bis zu 8-fach schneller im Vergleich zur Sympathikusaktivierung, sodass Schwankungen der Herzfrequenz viel stärker durch den Vagus bestimmt werden.
Ruffier-Dickson-Test: zur Bestimmung einer Hypotonie des N. vagus - Nach 1 Minute in Rückenlage die Pulsschläge messen (P1), Kniebeugen 30× bzw. für 45 Sekunden durchführen, dann Pulsschläge im Stand direkt danach (P2) sowie nach 1 Minute in Rückenlage nochmals messen (P3). Der Dickson-Index dient zur Beurteilung der Erholungsfähigkeit des Herzens nach einer Anstrengung.
- Berechnung des Dickson-Index: ((P2-70) + 2 (P3-P1))/10
- Bewertung: <0 = exzellent, 0-2 = sehr gut, 2-4 = gut, 4-6 = mittel, 6-8 = schwach, 8-10 = sehr schwach, >10 = schlechte Anpassung
Weitere Hinweise: Verminderte Halsmobilität und Kieferstörungen, CMD (kraniomandibuläre Dysfunktion), Viszeralfett, Kompression der Pars descendens des Duodenums mit der Gefahr eines Refluxes, Positive Triggerpunkte der Nacken- und Kiefermuskulatur, Spannungseinschränkungen im Bereich der Vagina carotica, Positiver Gesret-Punkt, Virusbelastungen, Vorhandensein von Proprionibakterien im Mundbereich.
Vagusnervstimulation (VNS)
Die Stimulation des Vagusnervs liegt im Trend und hat großes Potenzial. Der Vagusnerv leitet wichtige Informationen von Organen und Systemen an das Gehirn und den Hirnstamm weiter. Bei bestimmten Symptomen oder Erkrankungen kann es daher sinnvoll sein, diese Verbindung entweder zu verstärken oder zu hemmen.
Indikationen für VNS
- Reorganisation des sensorischen oder motorischen Kortex
- Posttraumatische Belastungsstörung und Angststörungen
- Chronische niederschwellige Entzündungen, zur Entzündungshemmung, z.B. bei rheumatoider Arthritis; Anti-Tumornekrosefaktor α (Anti-TNF-α), d.h. antientzündliche Wirkung
- Gastroduodenale Entleerungsstörungen
- Evtl. medikamentenresistente Epilepsie
- Depression
Osteopathische Vagusnervstimulation (VNS) nach Liem
- Handhaltung:
- Daumen im Bereich der Cavum conchae (Ramus auricularis nervi vagi)
- Zeigefinger an den Anguli mastoideae
- Mittelfinger auf den Mastoiden
- Ringfinger und kleiner Finger im Bereich des Atlantookzipitalgelenks
- Ausführung: Manuell werden mittels der Daumen die Haut im Bereich beider Concha auricularis und mittels der Mittelfinger die aurikulären Äste am Proc. mastoideus sanft stimuliert. Die Zeigefinger anteriorisieren den Unterkiefer. Ringfinger und kleiner Finger üben eine subokzipitale Inhibition bzw. Dekompression im Bereich der subokzipitalen Region und nahe des Foramen jugulare aus. Hier konnte bereits nicht nur eine vagusstimulierende Wirkung, sondern auch eine zerebrale Durchblutungsverbesserung nachgewiesen werden.
- Hinweis: Der N. vagus verläuft durch den mittleren Teil des Foramen jugulare, kaudal des N. glossopharyngeus und oberflächlich der V. jugularis interna.
Eine Stimulierung kann auch durch Elektrostimulation im Ohrenbereich in Anlehnung an Bonaz bzw. auf den Mastoid und unterhalb des Zwerchfells erfolgen. Der Vagus kann am Mastoid und Zwerchfell mit einem TENS-Gerät mit 10 Hertz stimuliert werden. Auch Nadelung ist möglich.
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Vagusstimulation im Bereich der Vagina carotica
Auch im Bereich der Vagina carotica kann der N. vagus sanft stimuliert werden. Die Mittelfinger beider Hände werden etwa 1 cm voneinander entfernt, medial des M. sternocleidomastoideus positioniert - zwischen der A. carotis communis und der V. jugularis interna, unmittelbar unterhalb der Cartilago thyroidea. Die Stimulierung in der Region des Verlaufs des N. vagus erfolgt mittels kraniokaudaler sanfter Mobilisierung.
Vagusstimulation im Bereich des Zwerchfells
Medial die tiefe Zwerchfellregion im Bereich des Ösophagus (Truncus vagalis anterior und posterior) entspannen. Dafür die Daumen beidseitig am Xiphoid in die Tiefe einsinken lassen und im Bereich des Ösophagus Mikrobewegungen folgen während die übrigen Finger den unteren Interkostalräumen aufliegen. Gleichzeitig verlangsamt der Patient die Atmung um etwa die Hälfte. Im zweiten Schritt das Ganglion coeliacum, etwa mittig zwischen Bauchnabel und Xiphoid, entspannen (s. auch Fulford-Technik).
Vagusnerv-Stimulation und Angstregulation
Angst muss gut reguliert sein, da sonst schwerwiegende Folgen wie zum Beispiel Panikattacken oder riskantes Verhalten auftreten können. Forschende haben gezeigt, dass das Gehirn Feedback vom Körper für das Regulieren von Angst braucht. Die Inselrinde im Gehirn reagiert stark auf Reize, die Gefahr signalisieren. Das durch Angst ausgelöste Erstarren des Körpers führt jedoch zu einem langsameren Herzschlag und reduzierter Inselrindenaktivität. Durch das Verarbeiten dieser gegensätzlichen Signale hält die Inselrinde Angst in Balance.
Kritik und Einschränkungen
Im Internet und in den Sozialen Medien werden zahlreiche Versprechungen zur Wirkung der Stimulation des Vagusnervs verbreitet - beispielsweise durch Selbstmassage des Halses oder durch Atemübungen; aber auch durch freiverkäufliche elektronische Geräte, die den Vagusnerv stimulieren sollen, die allerdings keine Zulassung zur Behandlung haben. Die Forschung weiß aktuell noch zu wenig darüber, wie und wann man die Vagusnervstimulation bei grundsätzlich gesunden Menschen gezielt einsetzen kann, um das Wohlbefinden zu steigern. Den Versprechungen sollte man also nicht ohne weiteres glauben. Viele Geräte sind nicht gefährlich, aber auch nicht als Medizinprodukte zur wirksamen Behandlung zertifiziert. Eine Garantie, dass sie den Vagusnerv tatsächlich stimulieren und eine therapeutische Wirkung haben, gibt es somit nicht. Bei Herz- oder Kreislaufproblemen oder in der Schwangerschaft sollten alle Geräte nicht ohne ärztliche Rücksprache angewendet werden.
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