Der Vagusnerv, auch bekannt als „Nervus vagus“ oder „der umherschweifende Nerv“, ist einer der wichtigsten Nerven im Körper. Er ist der zehnte Hirnnerv (N. X) und entspringt in einem Teil des Hirnstamms. Etwa 80 % der Fasern des Vagusnervs sind afferent, also aufnehmend, während nur rund 20 % der Fasern Befehle vom Gehirn in den Körper senden. Der Vagusnerv zieht sich wie ein inneres Steuerkabel durch den gesamten Körper. Er beginnt im Gehirn, genauer gesagt im sogenannten verlängerten Mark (Medulla oblongata), einem Teil des Hirnstamms. Von dort aus verläuft er durch den Hals, entlang wichtiger Blutgefäße, durch den Brustraum (nahe der Brustwirbelsäule) und reicht bis tief in den Bauchraum.
Anatomie und Verlauf des Vagusnervs
Der Vagusnerv entspringt beidseitig (also mit einem linken und einen rechten Nervenstrang) im verlängerten Mark (Medulla oblongata). Vom Gehirn aus treten sowohl der linke als auch der rechte Vagusnerv durch eine Öffnung an der Schädelbasis (Foramen jugulare) aus und ziehen dann seitlich entlang des Halses. Nach dem gemeinsamen Durchtritt durch das Zwerchfell erreichen beide Vagusnerven den Oberbauch, wo sie sich weiter verzweigen.
Der Vagusnerv als Teil des autonomen Nervensystems
Der Vagusnerv ist nicht nur mit dem autonomen Nervensystem (ANS) verbunden, er ist ein zentraler und dominanter Bestandteil des parasympathischen Teils des ANS. Dieser auch Parasympathikus genannte Bereich ist für Entspannung, Regeneration und Heilung zuständig. Er hilft dem Körper dabei, vom Alarmzustand (aktivierter Sympathikus) wieder in den Ruhemodus (aktivierter Parasympathikus) zu wechseln. Das ist essenziell für die emotionale Stabilität. Wenn der ventrale Vagus gut funktioniert, fühlt man sich sicher, verbunden und ausgeglichen.
Die Polyvagal-Theorie
Ein besonders spannender Ansatz stammt vom US-Forscher Dr. Stephen Porges, der die sogenannte Polyvagal-Theorie entwickelte. Der dorsale Vagus - evolutionär älter, löst im Notfall Erstarrung oder Rückzug aus.
Funktionen des Vagusnervs
Der Vagusnerv ist mit vielen Organen und Körpersystemen verbunden. Deshalb können Störungen im Verlauf oder in der Funktion dieses Nervs eine Vielzahl scheinbar unzusammenhängender Symptome auslösen. Der Vagusnerv spielt eine entscheidende Rolle für viele wichtige Funktionen im Körper - von der Verdauung über den Herzschlag bis hin zur Stressregulation. Gerät er aus dem Gleichgewicht, kann sich das auf die körperliche und psychische Gesundheit auswirken.
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Zu den Hauptfunktionen des Vagusnervs gehören:
- Förderung der Verdauung: Der Vagusnerv wirkt aktiv auf die Organe ein - zum Beispiel, indem er die Darmperistaltik steuert oder die Ausschüttung von Verdauungsenzymen beeinflusst.
- Regulation des Herzschlags: Gemeinsam justieren die Rami cardiaci cervicales superiores und inferiores im Plexus cardiacus mit Fasern aus dem cervivalen Grenzstrang, welcher sympathische Fasern enthält (die Gegenspieler des Parasympathicus) an Sinus- und AV-Knoten des Herzens dessen Frequenz.
- Beeinflussung der Atmung: Der Vagusnerv übernimmt motorische Aufgaben bei der Atmung.
- Steuerung der Sprachbildung: Der Vagusnerv übernimmt motorische Aufgaben bei der Sprachbildung. Weiterhin aktiviert er die Stimmbandspanner (Musculi cricothyroidei).
- Regulation des Blutdrucks.
- Stressregulation: Der Vagusnerv spielt eine zentrale Rolle dabei, das Nervensystem aus dem Alarmzustand in den Entspannungsmodus zu bringen. Genau das ist bei Angstzuständen entscheidend. Wenn der Vagus aktiviert wird, verlangsamt sich der Herzschlag, die Atmung wird ruhiger und der Körper signalisiert Sicherheit.
Störungen des Vagusnervs
Ein eingeklemmter oder überreizter Vagusnerv kann sich auf ganz unterschiedliche Weise bemerkbar machen. Weil er Herz, Magen, Darm, Kehlkopf und viele weitere Bereiche beeinflusst, sind die Symptome oft vielseitig und für Betroffene nicht immer eindeutig zuzuordnen. Besonders tückisch: Diese Symptome können plötzlich auftreten und wieder verschwinden.
Mögliche Ursachen für Vagusnerv-Störungen:
- Körperhaltung und Muskulatur: Der Vagusnerv verläuft vom Schädel aus durch den Hals, entlang der Brustwirbelsäule bis in den Bauchraum. Dabei passiert er enge anatomische Räume und ist anfällig für Druck, Reibung oder Einschränkung. Chronische Nackenverspannungen, z. B. Wenn in diesen Bereichen Spannung herrscht, kann der Vagusnerv mechanisch gereizt oder in seiner Leitfähigkeit beeinträchtigt sein. Ein Beispiel: Bei einer Fehlstellung der Halswirbelsäule oder chronischer Nackenverspannung wird der Nerv im Verlauf irritiert.
- Seelische Verfassung: Anhaltender psychischer Stress, ungelöste Konflikte oder emotionale Überlastung können die Aktivität des Vagusnervs spürbar herunterfahren.
- Entzündungen: Eine chronische Entzündung (wie beispielsweise im Darm) kann über sogenannte Zytokine die Funktion des Vagusnervs hemmen. Gleichzeitig steuert der Nerv auch immunologische Prozesse. Zudem reagieren vagale Rezeptoren sehr sensibel auf Stoffwechselprodukte aus dem Darmmikrobiom. Wenn das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht gerät (z. B.
- Hormonelle Dysbalancen: Hormonelle Dysbalancen (z. B.
Symptome eines gereizten, geschwächten oder blockierten Vagusnervs
Wenn der Vagusnerv gereizt, geschwächt oder blockiert ist, kann das eine Vielzahl von Beschwerden auslösen. Typisch sind unter anderem Herzstolpern, Verdauungsprobleme wie Übelkeit oder Völlegefühl, sowie Schluckbeschwerden oder ein Kloßgefühl im Hals. Auch Kopfschmerzen, Schwindel, chronische Müdigkeit und Nackenschmerzen können mit einer gestörten Vagusfunktion in Verbindung stehen. In bestimmten Fällen kann eine plötzliche Überaktivierung des Vagusnervs zu einem starken Abfall von Puls und Blutdruck führen (eine sogenannte vasovagale Synkope). Auslöser können z. B. Schmerzen, Stress, langes Stehen oder kaltes Wasser sein.
Der Vagusnerv und die Darmperistaltik
Der Vagusnerv spielt eine zentrale Rolle bei der Steuerung der Darmperistaltik, also der Muskelbewegungen, die den Nahrungsbrei durch den Verdauungstrakt transportieren. Er wirkt aktiv auf die Organe ein und beeinflusst die Ausschüttung von Verdauungsenzymen.
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Die Darm-Hirn-Achse
Die Darm-Hirn-Achse ist ein komplexes System von Nervenverbindungen, das den Darm mit dem Gehirn verbindet. In diesem komplexen Netzwerk nimmt der Vagusnerv eine entscheidende Stellung ein. Er agiert als Informationsautobahn, die unablässig Daten zwischen diesen beiden wichtigen Organen transportiert. Durch den Vagusnerv und den Blutkreislauf - in den sogar Mikroben involviert sind - sind Gehirn und Magen-Darm-Trakt in einen fortlaufenden Austausch eingebunden. Dieser Austausch betrifft nicht nur grundlegende Bedürfnisse wie Hunger und Durst, sondern greift noch viel tiefer.
Der Vagusnerv ist weitaus mehr als nur eine Kommunikationsleitung zwischen Magen und Gehirn. Er ist ein Schlüsselkomponente im Körper, der in vielerlei Hinsicht die Signale verarbeitet und interpretiert, die Gehirn und Magen-Darm-Trakt austauschen. Durch die Übermittlung von Informationen über den Zustand des Verdauungssystems an das Gehirn ermöglicht der Vagusnerv eine fein abgestimmte Kontrolle der Nahrungsaufnahme, Verdauung und sogar der emotionalen Reaktionen.
Die Darm-Hirn-Achse, ein komplexes Netzwerk von Nervenverbindungen, stellt die tiefgreifende Verbindung zwischen dem Verdauungssystem und dem Gehirn dar. In diesem komplexen Netzwerk nimmt der Vagusnerv eine entscheidende Stellung ein. Er agiert als Informationsautobahn, die unablässig Daten zwischen diesen beiden wichtigen Organen transportiert.
Innerhalb dieser Darm-Hirn-Achse findet auch eine mehrstufige negative Feedbackschleife statt, die für die Regulierung des Hormonspiegels im Blut zuständig ist. Sobald der Hormonspiegel im Blut ansteigt, reduziert das an die Drüsen übermittelte Signal die Hormonproduktion. Dieser Regelkreis ist auch ein integraler Bestandteil der Eiweißaufnahme, was die Genauigkeit und Detailgenauigkeit der Hirn-Magen-Kommunikation unterstreicht. Die Darm-Hirn-Achse und die Rolle des Vagusnervs in diesem System sind somit von grundlegender Bedeutung für die Gesundheit.
Einfluss der Psyche auf die Darmperistaltik
Die Psyche kann einen erheblichen Einfluss auf den Magen-Darm-Trakt haben, und umgekehrt. Das schlägt mir auf den Magen, sagt schon der Volksmund. Auch Redewendungen wie „Schmetterlinge im Bauch haben“ oder „aus dem Bauch heraus entscheiden“ spielen auf den Zusammenhang zwischen Gefühlswelt und Verdauungssystem an. In der Medizin ist die Beziehung zwischen Darm und Gehirn seit langem bekannt. Schließlich durchzieht ein eigenes Nervensystem - mit mehr als 100 Millionen Neuronen (Nervenzellen) größer als das Nervensystem im Rückenmark - die Wände des gesamten Magen-Darm-Trakts vom Ösophagus (Speiseröhre) bis zum Rektum (Enddarm). Dieses sogenannte enterische Nervensystem steuert den Großteil der Verdauung selbstständig und wird deshalb auch als „zweites Gehirn“ oder Darmhirn bezeichnet. Über den Nervus vagus (zehnter Hirnnerv) kommuniziert es über Neurotransmitter (biochemische Botenstoffe zur Reizweiterleitung) mit dem Gehirn. Erst seit wenigen Jahren ist allerdings bekannt, dass auch das Darmmikrobiom ein wichtiger Bestandteil dieser Darm-Hirn-Achse ist.
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Die enge Verbindung zwischen Darm und Gehirn bedeutet nicht, dass jedes Magengrimmen eine psychische Ursache hat. Doch wenn Ihnen das Essen auch schon mal nach einem Streit „wie ein Stein im Magen gelegen hat“, haben Sie die Auswirkungen selbst gespürt. Dann hat der Stress die Magenperistaltik so gehemmt, dass der Speisebrei nicht planmäßig in den Darm abgegeben wurde. Das ist evolutionär auch so gewollt: Da das Verdauungssystem in Gefahrensituationen für den Überlebenskampf nicht gebraucht wird, wird es schlechter durchblutet. Ein typisches Symptom von Angst wiederum ist Durchfall: Bei Stress freigesetzte Hormone führen zu einem vermehrten Einstrom von Flüssigkeit in den Darm, verwässern den Stuhl und „man macht sich vor Angst in die Hosen“. Der Darm reagiert also sehr sensibel auf die Gefühlswelt. Und nicht selten werden vorhandene Symptome stärker, sobald Stress ins Spiel kommt. Umgekehrt vermag der Darm Einfluss auf das psychische Wohlbefinden seiner Besitzer zu nehmen. Darin ist offenbar vor allem sein Darmmikrobiom involviert. Mehrere Studien konnten bereits zeigen, dass es bei Menschen mit psychischen Leiden auf typische Weise verändert ist.
Was schadet dem Vagusnerv?
Dem Vagusnerv können sowohl körperliche als auch psychische Belastungen schaden. Dauerhafte Verspannungen im Nacken-, Kiefer- oder Brustbereich sowie Fehlhaltungen können den Nerv mechanisch reizen oder einengen. Gleichzeitig schwächen chronischer Stress, negative Emotionen oder traumatische Erfahrungen seine Aktivität und stören die vagale Regulation. Auch Entzündungen, eine unausgewogene Darmflora oder schlechter Schlaf gelten als Risikofaktoren.
Was tut dem Vagusnerv gut?
Dem Vagusnerv tut alles gut, was Entspannung, Sicherheit und innere Ruhe fördert. Besonders wirksam sind tiefe, langsame Atemübungen, da sie direkt den Parasympathikus aktivieren. Auch Singen, Summen, Gurgeln oder kaltes Wasser im Gesicht können den Nerv sanft stimulieren.
Weitere Möglichkeiten, den Vagusnerv zu stärken:
- Kälteanwendungen: Kälteanwendungen (z. B.
- Bewusste Atmung steuern: Tief in den Bauch atmen und das Ausatmen länger sein lassen als das Einatmen.
- Bewusstes Essen: Das Essen bewusst genießen!
- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßig (z.B.
- Moderate Mengen:
- Verbesserte Darmflora: Ja, durch eine verbesserte Darmflora und den Abbau von Ängsten gegenüber Lebensmitteln ist das möglich.
- Gedanken beobachten: Gedanken, Atmung und körperliche Symptome beobachten.
Vagusnerv-Stimulation als Therapieoption
Die Vagusnerv-Stimulation kann eine vielversprechende Therapiemöglichkeit für Magen-Darm-Erkrankungen sein. Dabei wird der Vagusnerv durch kleine Stromimpulse stimuliert, um seine Funktion zu verbessern.
Nicht-invasive Vagusnerv-Stimulation
Während die Stimulation des Vagusnervs über ein implantiertes Gerät bereits seit längerem bei der Behandlung von therapie-resistenter Depression eingesetzt wird, gibt es erst seit einigen Jahren Geräte, die es möglich machen den Vagusnerv von außen über die Haut zu stimulieren. Für diese Stimulation wird eine Elektrode so am Ohr platziert, dass ein geringer Stromfluss bereits genügt, um einen Ast des Vagusnervs anzuregen. Dieser Ast des Vagusnervs verläuft bis in den Hirnstamm.
Auswirkungen der Vagusnerv-Stimulation auf den Energiestoffwechsel
Geprüft wurde bei gesunden Erwachsenen die Wirkung der Vagusnerv-Stimulation auf den Energiestoffwechsel. Der Energiestoffwechsel wurde für die Studie durch zwei unterschiedliche Methoden untersucht: Zum einen durch indirekte Kalorimetrie, die es ermöglicht, den Grundumsatz an Energie festzustellen. Der Grundumsatz drückt aus, wie viele „Kalorien“ wir am Tag verbrennen und kann genutzt werden, um den eigenen Energiebedarf exakt zu bestimmen. Zum zweiten wurde ein Elektrogastrogramm gemessen, um die Aktivität des Magens zu untersuchen.
Ergebnisse der Studie
Als Folge der Vagusnerv-Stimulation wurde eine deutliche Verlangsamung der Schrittmacherzellen des Magens beobachtet, was zu einer langsameren Verdauung führen sollte. Auf den Grundumsatz hatte die Stimulation keine akute Auswirkung. Die Ergebnisse zeigen, dass man die Aktivität des Magen über eine Hirnstimulation ausgehend vom Ohr beeinflussen kann, wohingegen der Grundumsatz an Energie vermutlich erst über einen längeren Zeitraum und in Wechselwirkung mit der Verdauung verändert werden kann.
Was tun, wenn Psyche auf den Darm schlägt oder der Darm auf die Psyche?
Die Symptome mit Medikamenten zu behandeln, ist kurzfristig gedacht. Gehen Sie lieber die Ursachen an. Stress macht Darm und Psyche auf die Dauer krank. Wenn Sie ihn nicht vermeiden können, sollten Sie lernen, den Stress abzubauen und besser mit ihm umzugehen. Unser Darm mag Routine, also regelmäßige Mahlzeiten, regelmäßige Pausen und regelmäßigen Stuhlgang. Und er mag Ballaststoffe sekundäre Pflanzenstoffe, ungesättigte Fettsäuren. Wer rastet, der rostet: Bewegung hält nicht nur die Muskeln mobil, sondern auch den Darm. Das ist wichtig für die Darmperistaltik und damit den Weitertransport des Speisebreis bis zur Ausscheidung. Auch die Psyche profitiert von Bewegung, vor allem draußen an der frischen Luft: Studien zeigen, dass schon nach fünf Minuten draußen ein Entspannungsgefühl eintritt. Die natürliche Feuchtigkeit der Luft macht das Atmen angenehmer und den Kopf frei. Bauen Sie deshalb mehr Aktivität in den Alltag ein: kurze Spaziergänge in der Mittagspause statt Zeitung lesen, Treppen laufen statt Fahrstuhl fahren und bei kürzeren Strecken auf das Auto verzichten und zu Fuß gehen. Vielleicht gibt es sogar größere Entfernungen, die Sie regelmäßig mit dem Fahrrad zurücklegen können. Noch besser ist, zusätzlich zwei- bis dreimal pro Woche Sport zu treiben.
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