Die Parkinson-Krankheit, eine chronische, neurodegenerative Erkrankung mit weltweit steigender Inzidenz und Prävalenz, betrifft in Deutschland aktuell etwa 200.000 Menschen. Die Diagnose erfolgt bisher hauptsächlich anhand klinischer Merkmale wie typischen motorischen Symptomen, ergänzt durch bildgebende Verfahren wie die MRT. Angesichts der Fortschritte in der Erforschung der molekularen Grundlagen und der komplexen Pathomechanismen der Erkrankung schlagen deutsche Parkinson-Forscher eine neue, biologisch basierte Klassifikation vor. Diese Klassifikation, genannt SynNeurGe (SNG), soll die molekularen Grundlagen der Parkinson-Krankheit bereits vor dem Auftreten von Symptomen definieren, identifizieren und gezielt therapeutisch angehen.
Die Notwendigkeit einer neuen Klassifikation
Die bisherige klinische Einteilung der Parkinson-Krankheit wird dem heutigen Wissen über die komplexen Pathomechanismen und die biologische Heterogenität der Erkrankung nicht mehr gerecht. Eine exakte Klassifizierung und Stratifizierung ist jedoch unerlässlich für die Entwicklung krankheitsmodifizierender und kausaler Therapien. Die Fortschritte in der Entwicklung sensitiver und spezifischer In-Vivo-Biomarker für das Vorhandensein der Alpha-Synuclein-Pathologie haben die Parkinson-Forschung an einen kritischen Punkt gebracht, an dem eine Verschiebung von weitgehend klinisch basierten Diagnoseansätzen zu einer Betonung der biologischen Grundlagen der Krankheit notwendig ist.
Das SynNeurGe-System (SNG): Eine biologisch-basierte Klassifikation
Das SynNeurGe-System (SNG) ist eine dreiteilige Klassifikation, die auf den biologischen Grundlagen der Parkinson-Krankheit basiert. Es umfasst drei Hauptkomponenten:
- Parkinson-Typ-Synukleinopathie (S): Die Anwesenheit oder Abwesenheit von pathologischem Alpha-Synuclein in Geweben oder im Liquor. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass Morbus Parkinson und verwandte neurodegenerative Erkrankungen, sogenannte Synucleinopathien, durch Ablagerungen von fehlgefaltetem α-Synuclein-Protein im Gehirn gekennzeichnet sind. Diese Ansammlungen, die meist als sogenannte Lewy-Körperchen histologisch im Gehirn nachweisbar sind, führen zur Zerstörung von Dopamin-produzierenden Neuronen, wodurch die charakteristischen motorischen Symptome von Parkinson ausgelöst werden.
- Neurodegeneration (N): Hinweise auf eine Parkinson-assoziierte Neurodegeneration, die durch spezifische neurobildgebende Verfahren definiert wird. Zu diesem Zeitpunkt ist meist schon mehr als die Hälfte der dopaminergen Neuronen in der betroffenen Gehirnregion untergegangen.
- Genetik (G): Der Nachweis von Parkinson-spezifischen pathogenen Genvarianten, die eine Parkinson-Krankheit verursachen oder stark dazu prädisponieren. Inzwischen ist außerdem bekannt, dass verschiedene Gen-Mutationen sowie genetische Risikofaktoren die Erkrankung begünstigen können.
Diese drei Komponenten stehen in Verbindung mit einer klinischen Komponente (C), welche definiert ist als ein hochspezifisches Merkmal oder mehrere weniger spezifische Merkmale.
Die Bedeutung von Alpha-Synuclein
Hintergrund der neuen Klassifikation ist die Erkenntnis, dass Morbus Parkinson und verwandte neurodegenerative Erkrankungen, sogenannte Synucleinopathien, durch Ablagerungen von fehlgefaltetem α-Synuclein-Protein im Gehirn gekennzeichnet sind. Diese Ansammlungen, die meist als sogenannte Lewy-Körperchen histologisch im Gehirn nachweisbar sind, führen zur Zerstörung von Dopamin-produzierenden Neuronen, wodurch die charakteristischen motorischen Symptome von Parkinson ausgelöst werden. Grund dafür ist das fehlgefaltete Protein α-Synuclein, das sich in Fibrillen zusammenlagert, verklumpt und damit zelltoxisch wirkt. Die Aggregate sind als sogenannte Lewy-Körperchen nachweisbar, jedoch nicht bei allen Parkinson-Formen.
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Einteilung nach dem "SNG"-Modell
Auf dieser Grundlage berücksichtigt die SynNeurGe-Klassifikation drei Schlüsselkomponeten: die „Parkinson-Typ Synukleinopathie“, das heißt Anwesenheit oder Abwesenheit von pathologischem α-Synuclein (‚S‘) in Geweben oder in Körperflüssigkeiten wie Nervenwasser, Hinweise auf eine Parkinson-assoziierte Neurodegeneration (‚N‘), die durch spezifische neurobildgebende Verfahren definiert wird und der Nachweis von Parkinson-spezifischen pathogenen Genvarianten (‚G‘), die Parkinson verursachen oder stark dazu prädisponieren. Diese biologische „S-N-G“-Klassifikation wird in Verbindung gebracht mit einem klinischen Syndrom (‚C‘), das durch ein hochspezifisches Merkmal oder mehrere weniger spezifische Merkmale definiert ist.
Ziele und Perspektiven der neuen Klassifikation
Die Forscher hoffen, mit der neuen Klassifikation zur Entwicklung krankheitsmodifizierender Therapien beizutragen, welche im besten Fall schon in der Prodromalphase eingesetzt werden können. Das Ziel ist es, Parkinson schon in der Prodromalphase zu erkennen und gezielte Therapien zu entwickeln, die an den molekularen Grundlagen der Erkrankung ansetzen.
Die Autoren erläutern, dass Patienten nach dem Vorhandensein oder Fehlen dieser drei Faktoren klassifiziert und die Diagnose mit einer klinischen Komponente ergänzt werden sollten. Diese kann entweder ein spezifisches Symptom sein oder mehrere unspezifische Symptome. Die Neurologen möchten mit diesem neuen Ansatz weitere Fortschritte sowohl in der Grundlagenforschung als auch der klinischen Forschung und der Entwicklung spezifischer Therapien ermöglichen. Zudem lassen sich damit gezielt Patienten identifizieren, die für eine spezifische medikamentöse Therapie infrage kommen.
Andere Klassifikationsansätze
Neben SynNeurGe hat eine zweite Forschungsgruppe um Dr. Tanya Simuni von der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago ebenfalls eine neue Klassifikation der Erkrankung vorgeschlagen. NSD-ISS (neuronal α-synuclein disease integrated staging system) basiert ebenfalls auf einer biologischen Einteilung der Erkrankung.
Kritik und Einschränkungen
Führende Neurologen raten dringend davon ab, die bisherige klinische Einteilung durch die neuen Systeme zur biologischen Klassifikation zu ersetzen. Prof. Dr. Jose Obeso und Prof. Dr. Paolo Calabressi kritisieren unter anderem die starke Wichtung von alpha-Synuclein in beiden Klassifikationen.
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Die Rolle der Genetik
Inzwischen ist außerdem bekannt, dass verschiedene Gen-Mutationen sowie genetische Risikofaktoren die Erkrankung begünstigen können. Sind Lewy-Körperchen vorhanden oder pathologische Genvarianten? Wie sieht die Neurodegeneration genau aus? Eine neue Einteilung der Parkinson-Krankheit anhand dieser Kriterien könnte spezifische Therapien vorantreiben.
Die Bedeutung für die Forschung
Dieser Übergang von einer rein klinisch basierten Diagnose hin zu einer biologischen Klassifikation sei unerlässlich für die nächste Phase von Grundlagen- und klinischen Forschungsstudien, so das Autorenteam. Die Fortschritte in der Forschung, gerade im Bereich der Molekularpathologie, ermöglichen uns ein zunehmend besseres Verständnis der Pathomechanismen hinter neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz, Multiple Sklerose oder Parkinson. Um die neuen Erkenntnisse in Wissenschaft und Versorgungsalltag zu implementieren, braucht es teils neue Klassifikationen der jeweiligen Erkrankung.
Die klinische Einteilung bleibt bestehen
Die beiden neuen Systeme zur biologischen Klassifikation werden die bisherige klinische Einteilung demnach nicht ersetzen. Höglinger betont, dass die SynNeurGe-Klassifikation vorerst ausschließlich für die Forschung gelten sollte und nicht als diagnostische Kriterien in der klinischen Praxis. Gleiches gilt für NSD-ISS.
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