Neue Forschungsergebnisse zur Multiplen Sklerose: Fortschritte und Hoffnungsschimmer

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der in Deutschland mehr als 280.000 Menschen betroffen sind. Jedes Jahr kommen etwa 15.000 Neuerkrankungen hinzu. Die MS manifestiert sich in unterschiedlichen Formen und ist nicht heilbar, da die genauen Ursachen noch immer nicht vollständig geklärt sind. Die Forschung hat in den letzten Jahren jedoch bedeutende Fortschritte erzielt, die neue Therapieansätze und personalisierte Behandlungsstrategien ermöglichen. Dieser Artikel beleuchtet einige der neuesten Forschungsergebnisse und vielversprechenden Therapieinnovationen im Bereich der Multiplen Sklerose.

CAR-T-Zell-Therapie: Ein Hoffnungsschimmer bei Autoimmunerkrankungen

Die CAR-T-Zell-Therapie, die bisher vor allem in der Behandlung von Blutkrebs eingesetzt wird, weckt nun auch Hoffnungen bei Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose. Bei dieser Therapie werden sogenannte T-Zellen aus dem Blut der Patienten entnommen und im Labor genetisch verändert, um sie in CAR-T-Zellen umzuwandeln. Diese Zellen können dann andere Immunzellen, die sogenannten B-Zellen, erkennen und unschädlich machen.

Erfolge bei einzelnen Patienten

Stefan Tenoth, der seit fast 25 Jahren an MS leidet, erhielt im Januar eine CAR-T-Zell-Therapie an der Uniklinik Tübingen. Fünf Monate später zeigte eine MRT-Untersuchung, dass sämtliche Entzündungen, insbesondere die in seiner Halswirbelsäule, vollständig verschwunden waren. Dieser Effekt war mit keiner anderen Behandlung zuvor erreicht worden. Obwohl sich sein Zustand voraussichtlich nicht verbessern wird, besteht die Hoffnung, dass er sich dank der Therapie nicht weiter verschlechtert.

Anwendung und Risiken

Die CAR-T-Zell-Therapie ist derzeit nur für wenige MS-Patienten geeignet, da sie mit massiven Nebenwirkungen verbunden sein kann. Das Immunsystem wird stark aktiviert, was zu einer gefährlichen, generalisierten Entzündungsreaktion führen kann. Daher müssen Nutzen und Risiken sorgfältig abgewogen werden. Klinische Studien zu CAR-T-Zell-Therapien bei MS sind jedoch bereits im Gange.

Forschung in Tübingen

In Tübingen ist ein Team aus Fachleuten damit beschäftigt, die CAR-T-Zell-Therapie weiterzuentwickeln. Die Forschenden können die Zelltherapien selbst im Labor herstellen, was sie kostengünstiger macht. Trotzdem belaufen sich die Kosten derzeit noch auf etwa 150.000 Euro.

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Genetische Biomarker für personalisierte Therapieentscheidungen

Eine Studie unter der Leitung der Universität Münster hat einen genetischen Biomarker identifiziert, der vorhersagt, ob MS-Patienten besonders gut auf eine Behandlung mit Glatirameracetat (GA) ansprechen. Menschen mit dem Gewebetyp HLA-A*03:01 profitieren demnach signifikant stärker von GA als von Interferon-beta (IFN).

Klinischer Nutzen

Die Studie zeigte, dass GA bei Patienten zu spezifischen T-Zell-Antworten führt. Bei etwa 30 bis 35 Prozent der europäischen MS-Patienten, die das HLA-A*03:01-Allel tragen, führt die Therapie mit GA zu signifikant weniger Krankheitssymptomen als bei Behandlung mit IFN.

Personalisierte Therapie

Das neue Forschungsergebnis kann bereits kurzfristig in der Therapieberatung angewendet werden, da ein HLA-Test die fragliche Genvariante findet. Dieser Test ist bereits für Transplantationen oder Arzneimittelsicherheit etabliert. Die Studie liefert auch neue Hinweise auf den Wirkmechanismus von GA: Die beobachteten T-Zell-Antworten deuten darauf hin, dass nicht alle Eiweißbestandteile von GA benötigt werden, um zu wirken.

Risikofaktoren im Kindes- und Jugendalter

Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und des Universitätsklinikums Heidelberg (UKHD) haben im Rahmen der NAKO Gesundheitsstudie potenzielle Risikofaktoren für Multiple Sklerose (MS) im Kindes- und Jugendalter untersucht. Ihre Analyse zeigt, dass häufig auftretende Infektionen in der Kindheit, schwere belastende Lebensereignisse, ein höheres Alter der Mutter bei der Geburt des ersten Kindes sowie geringe körperliche Aktivität mit einem erhöhten MS-Risiko in Zusammenhang stehen können.

Neue Erkenntnisse zur Ätiologie und Pathogenese

Prof. Dr. Sven Meuth, MS-Experte und Leiter der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, hat die fünf wichtigsten Neuigkeiten aus der Forschung zur Ätiologie und Pathogenese der MS zusammengestellt.

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Ursprünge der MS

Wissenschaftler haben prähistorische menschliche Knochenproben aus der ganzen Welt analysiert und darin die heute bekannten Risiko-Gene für Multiple Sklerose verglichen. Die MS-Gene lagen in chromosomaler Nachbarschaft zu immunologischen Genvarianten, die damals einen Selektionsvorteil durch eine bessere Immunabwehr bestimmter Erreger bedeuteten. Im Laufe der Geschichte veränderten sich die Lebensbedingungen, und bestimmte Infektionen spielten eine geringere Rolle. Somit brachte die vormals günstige genetische Veranlagung für ein besonders aktives Immunsystem keinen Vorteil mehr, stattdessen führt diese Überaktivierung des Immunsystems nun zur Erhöhung des MS-Risikos.

OCR-Therapie

Es gibt inzwischen 10-Jahres-Daten zu Ocrelizumab (OCR), einem hochwirksamen monoklonalen Anti-CD20-Antikörper. Eine früher begonnene Therapie mit OCR führt zu besseren Langzeitergebnissen (Schubratenreduktion und weniger Behinderungen).

Therapie-Fortschritte

Vielversprechend sind auch Bruton-Tyrosin-Kinase-Inhibitoren (BTKi) aus der onkologischen Therapie. Sie hemmen die B-Zell-Proliferation und werden nun auch bei Autoimmunerkrankungen getestet. Der Vorteil der BTKi ist, dass es „small molecules“ sind, die anders als Antikörper das Blut verlassen können und auch in Gewebe gelangen, wo sie neben der B-Zell-Hemmung weitere Immunzellen modifizieren, wie z. B. die Mikroglia im Gehirn.

MS-Subtypen

Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur personalisierten MS-Therapie war die Entdeckung von drei Endophänotypen der frühen MS. In einer prospektiven, multizentrischen Kohorte von mehr als 1.200 therapienaiven Patienten mit früher MS konnten drei immunologische Subtypen der frühen MS identifiziert werden, die möglicherweise eine unterschiedliche Pathogenese haben.

Darmflora und Multiple Sklerose: Neue Erkenntnisse durch Zwillingsstudie

Anneli Peters erforscht immunologische Mechanismen bei Multipler Sklerose. Bisherige Studien konnten zahlreiche Bakterienstämme identifizieren, durch die sich die Darmflora von MS-Patienten und gesunden Personen unterscheidet. Die Bedeutung dieser Unterschiede für das Krankheitsgeschehen blieb jedoch unklar.

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Zwillingsstudie

Um unerwünschte Einflüsse zu minimieren, etablierte ein Team mehrerer Forschungseinrichtungen unter der Leitung von Dr. Anneli Peters (Biomedizinisches Centrum der LMU) und Professor Hartmut Wekerle (Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz) ein großes Kooperationsprojekt - mithilfe von Zwillingen. In der Zwillingsstudie haben Forschende nicht nur Darmbakterien identifiziert, die bei Patienten mit Multipler Sklerose vorkommen, sondern liefern auch erstmals Hinweise auf deren Pathogenität.

Vergleich der Darmflora

Die Forschenden untersuchten die Stuhlproben von 81 Zwillingspaaren aus der MS TWIN STUDY und verglichen deren Zusammensetzung unter den Geschwistern. Dabei identifizierten sie 51 Taxa, die in gesunden und erkrankten Zwillingen unterschiedlich oft zu finden waren.

Krankmachende Bakterien

Im Rahmen der Studie erhielten transgene Mäuse Darmproben entweder von einem gesunden oder einem erkrankten Zwilling. Symptome zeigten daraufhin hauptsächlich die Mäuse, die mit Proben der MS-Patienten besiedelt worden waren. Die Forschenden konnten zwei Mitglieder der Familie der Lachnospiraceen (Lachnoclostridium sp. und Eisenbergiella tayi) als potenzielle krankheitsauslösende Faktoren identifizieren.

Tolebrutinib: Hoffnung auf Wirkung unabhängig von akuten Entzündungen

Am 8. April 2025 wurden im New England Journal of Medicine die Ergebnisse zweier groß angelegter, internationaler Phase-III-Studien veröffentlicht, die sich mit den Effekten von Tolebrutinib bei schubförmiger MS (Gemini 1 und 2) und bei MS, die nach anfänglichen Schüben eine langsame Verschlechterung mit sich bringt (HERCULES), befassen. Beide Studien finden positive Effekte bzw. Tendenzen für den Verlauf der MS.

Ergebnisse der Studien

Die GEMINI-Studien zeigen, dass Tolebrutinib bei schubförmiger MS mindestens ebenso gut wie das Standardmedikament Teriflunomid akute Schübe reduziert. Darüber hinaus gab es deutliche Hinweise darauf, dass die Krankheit langsamer voranschreitet - auch unabhängig von Rückfällen. Die HERCULES-Studie belegte erstmals signifikant positive Effekte bei sekundär progredienter MS.

Innovationspunkt

„Unsere Ergebnisse zeigen dass Tolebrutinib bei MS-Patient*innen wirkt, bei denen keine aktiven Entzündungen mehr nachweisbar sind - und das ist ein absolut entscheidender Innovationspunkt“, sagt Wiendl. Das sei ein bedeutender Fortschritt gegenüber bisherigen Therapien, die primär auf die Kontrolle akuter Entzündungsprozesse abzielen.

Bremse der Zellreifung als möglicher Therapieansatz

Ein US-Forschungsteam hat eine Entdeckung gemacht, die die Tür zu einer Therapie öffnen könnte. Die Forschenden beschreiben es als eine Art Bremse, die die Reifung wichtiger Gehirnzellen steuert. Bei Multipler Sklerose (MS), so das Team, scheine diese Bremse zu lange angezogen zu bleiben.

SOX6-Protein

Das Team fand heraus, dass ein Protein namens SOX6 wie eine Bremse wirkt und Zellen durch ein als "Genschmelze" bekanntes Phänomen in einem unreifen Zustand blockiert. Im Hirngewebe von MS-Patienten stellten die Forschenden dann aber fest, dass ungewöhnlich viele Zellen in einem unreifen Zustand steckengeblieben waren.

Therapieansatz

Um das zu testen, verwendete das Team ein auf das Protein gerichtetes molekulares Medikament namens Antisense-Oligonukleotid (ASO), um SOX6 in Mausmodellen zu reduzieren. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Oligodendrozyten bei MS nicht dauerhaft zerstört, sondern möglicherweise einfach blockiert sind.

Weitere Fortschritte und Therapieansätze

Neben den bereits genannten Forschungsergebnissen und Therapieansätzen gibt es weitere Entwicklungen im Bereich der Multiplen Sklerose:

  • Ocrelizumab: Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat die Wartezeit nach der letzten Gabe von Ocrelizumab bis zur geplanten Schwangerschaft von 12 auf 4 Monate verkürzt.
  • Vidofludimus Calcium: Erste Auswertungen einer Phase-2-Studie zeigten positive Ergebnisse bei aktiver und nicht-aktiver MS.
  • Mollii Suit: Ergebnisse aus einer ersten wissenschaftlichen Untersuchung mit 32 MS-Patienten zum Nervenstimulationsanzug liegen vor. Bei motorischen Symptomen wie Gleichgewicht, Spastik und Mobilität konnten signifikante Verbesserungen beobachtet werden.
  • BTKi (Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer): Fenebrutinib erreichte in Phase-III-Studien die primären Endpunkte, sowohl bei schubförmiger MS als auch bei primär progredienter MS.

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