Neurologie und Psychiatrie: Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Herausforderungen in der Patientenversorgung

Die neurologische und psychiatrische Versorgung von Patienten weist sowohl Gemeinsamkeiten als auch deutliche Unterschiede auf. Beide Fachgebiete befassen sich mit Erkrankungen des Nervensystems, jedoch liegt der Fokus der Neurologie auf organischen Erkrankungen des Gehirns und des Rückenmarks, während sich die Psychiatrie auf psychische Erkrankungen konzentriert. Trotz dieser Unterschiede ist eine sektorenübergreifende Versorgung, die sowohl neurologische als auch psychiatrische Aspekte berücksichtigt, für viele Patienten von großer Bedeutung. Eine aktuelle Studie beleuchtet die Schwachstellen in der Versorgung von Menschen mit Multipler Sklerose (MS), Demenz und Schizophrenie und zeigt, dass es nach der Erstdiagnose und einem Krankenhausaufenthalt oft lange dauert, bis die Patienten eine adäquate Weiterbehandlung erhalten. Zudem variiert die Versorgung regional erheblich.

Die Rollenverteilung: Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut

Um die Unterschiede zwischen Neurologie und Psychiatrie besser zu verstehen, ist es wichtig, die Rollen der verschiedenen Fachkräfte im Gesundheitswesen zu kennen.

  • Neurologe: Der Facharzt für Neurologie behandelt Erkrankungen des zentralen Nervensystems, einschließlich Gehirn und Rückenmark. Dazu gehören beispielsweise Schlaganfälle, Multiple Sklerose, Parkinson und Demenzerkrankungen. Darüber hinaus ist er für seltene neuromuskuläre Erkrankungen wie Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) zuständig. Neurolog*innen befassen sich im Allgemeinen eher mit körperlichen Störungen des Nervensystems und weniger mit seelischen Erkrankungen.

  • Psychiater: Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie behandelt seelische Erkrankungen wie Depressionen, Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen. Auch die Behandlung von Essstörungen und Suchterkrankungen gehört zum Aufgabenbereich des Psychiaters. Psychiater sind Fachärzt*innen für Psychiatrie (und Psychotherapie). Sie haben also nach dem Medizinstudium noch einige Jahre Weiterbildung in der Psychiatrie und Psychotherapie sowie eine Facharztprüfung absolviert.

  • Psychotherapeut: Psychotherapeuten sind Experten der seelischen Gesundheit. Nicht jeder darf eine Psychotherapie durchführen. In Deutschland ist die Berufsbezeichnung Psychotherapeut rechtlich geschützt. Psychotherapie bedeutet übersetzt „Behandlung der Seele“ oder Behandlung von seelischen Problemen. Es leitet sich aus dem Altgriechischen „Psyche“ ab, was so viel bedeutet wie Seele, Hauch, Atem. Sowohl mit einem abgeschlossenen Medizinstudium als auch mit einem abgeschlossenen Master- oder Diplomstudium in Psychologie kann man eine Ausbildung zur Psychotherapeutin oder zum Psychotherapeuten beginnen. Dadurch kann man sich nach dem Abschluss entweder ärztlicher Psychotherapeut oder psychologische Psychotherapeutin nennen.

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Verwirrung in der Unterscheidung von Neurologe und Psychiater kann auch der Umstand stiften, dass ein Arzt oft beide Facharztausbildungen absolviert hat. Zudem gibt es noch die ältere Bezeichnung „Facharzt für Nervenheilkunde“, die lange Zeit beide Bereiche umfasste. Im Bereich der Behandlung psychischer Erkrankungen gibt es immer wieder große Verwirrung, wer mir denn nun eigentlich helfen kann und zuständig ist. Denn was ist eigentlich der Unterschied zwischen Psychologe und Psychiater? Und wann sollte ich zum Psychiater gehen und wann lieber zum Psychotherapeuten?

Die IGES-Studie: Eine Analyse der neurologischen und psychiatrischen Versorgung in Deutschland

Die Studie „Neurologische und psychiatrische Versorgung aus sektorenübergreifender Perspektive“ des IGES-Instituts, die von den Berufsverbänden der Nervenärzte, der Neurologen und der Psychiater sowie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Auftrag gegeben wurde, analysierte die Versorgung von Patienten mit Multipler Sklerose, Demenz und Schizophrenie anhand von Daten von 250.000 Versicherten der Barmer GEK aus den Jahren 2008 bis 2010. Die Ergebnisse der Studie geben wichtige Einblicke in die Stärken und Schwächen der aktuellen Versorgungssituation.

Beteiligung von Fachärzten und die Bedeutung der sektorenübergreifenden Versorgung

Die Studie zeigt, dass Fachärzte für Neurologie, Nervenheilkunde bzw. Psychiatrie einen Großteil der Versorgung der untersuchten Patientengruppen übernehmen. So werden 94 Prozent der MS-Patienten sowie 80 Prozent der Schizophreniepatienten ausschließlich oder unter Beteiligung dieser Fachärzte ambulant behandelt. Bei Demenzkranken sind es 57 Prozent. Allerdings wird nur bei einem von fünf Demenzkranken die Erstdiagnose von einem dieser Fachärzte gestellt. Die Autoren der Studie sehen hier Verbesserungspotenzial, da ein hoher Anteil unspezifischer Demenzdiagnosen vorliegt.

Die Bedeutung einer sektorenübergreifenden Versorgung wird insbesondere bei schwerwiegenden Erkrankungen deutlich. Die Behandlung von 86 Prozent der MS-Patienten umfasste mindestens drei der folgenden Versorgungsbereiche: Hausarzt, Facharzt, Arzneimittel, stationär, Pflege und Rehabilitation. Gleiches gilt für je drei von vier Schizophrenie- und Demenzpatienten. Leistungen aus mindestens vier dieser Versorgungsbereiche erhielten 40 Prozent der Demenz-, 36 Prozent der MS- und 27 Prozent der Schizophreniepatienten.

Lange Wartezeiten und regionale Unterschiede in der Versorgung

Ein weiteres Ergebnis der Studie sind die langen Wartezeiten auf eine vertragsärztliche Versorgung nach der Erstdiagnose, insbesondere bei Demenzkranken. Nur einer von vier Patienten wurde innerhalb von sechs Wochen nach der Erstdiagnose von einem Neurologen, einem Nervenarzt oder einem Psychiater behandelt. Bei Schizophrenen war es einer von drei, bei MS-Patienten jeder Zweite. Zudem wurden zahlreiche Patienten in den ersten sechs Wochen nach ihrer Erstdiagnose weder von einem der genannten Fachärzte noch von einem Hausarzt oder in einem Krankenhaus betreut: 22 Prozent der Schizophrenie-, 16 Prozent der MS- und zwölf Prozent der Demenzpatienten. Die Zeit bis zum ersten Facharztkontakt nach Erstdiagnose sei dabei umso kürzer, je mehr niedergelassene Fachärzte in einer Region tätig seien, erklärt das IGES-Institut.

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Die Studie zeigt auch, dass die Versorgung der Patienten in Deutschland regional sehr unterschiedlich ist. Dies wird besonders bei Multipler Sklerose deutlich: 21 Prozent der MS-Patienten wurden im Jahr 2010 mindestens einmal infolge ihrer MS-Erkrankung stationär behandelt. Die geringsten Anteile gab es in Hamburg (13 Prozent), Schleswig-Holstein (16 Prozent) und Niedersachsen (17 Prozent), die höchsten in Brandenburg (27 Prozent), Thüringen (31 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (37 Prozent). Dabei wurden die Patienten umso seltener stationär behandelt, je mehr Neurologen, Nervenärzte und Psychiater in der Region niedergelassen waren bzw. je höher ihr Anteil an den Behandlungsfällen war.

Probleme beim Übergang von stationärer zu ambulanter Versorgung und fehlende Anschlussrehabilitation

Die Studie deckt auch Probleme beim Übergang vom stationären in den ambulanten Bereich auf. Etwa die Hälfte aller MS- und Schizophrenie-Patienten wurde vier Wochen nach einer Entlassung aus dem Krankenhaus, in dem sie aufgrund dieser Erkrankungen behandelt wurden, nicht von einer der drei untersuchten Facharztgruppen behandelt. Weitere 15 Prozent der MS- und 21 Prozent der Schizophrenie-Patienten wurden in diesem Zeitraum auch nicht von ihrem Hausarzt betreut. Dies deutet auf Defizite bei einer zeitnahen ambulanten Anschlussbehandlung hin, insbesondere bei Schizophrenie, was hinsichtlich einer kontinuierlichen Arzneimitteltherapie kritisch zu sehen ist.

Ein weiteres Problem ist der geringe Anteil von Patienten, die eine stationäre oder ambulante Anschlussrehabilitation erhalten. Weniger als ein Prozent der MS-Patienten erhielten im Jahr 2010 eine stationäre Anschlussrehabilitation; bei Demenz- und Schizophreniepatienten lagen die Zahlen im Promillebereich. Dies ist insbesondere bei der Behandlung der MS kritisch zu sehen, da die Rehabilitation als Bestandteil von multimodalen Komplexbehandlungen zu einer relevanten Verbesserung der motorischen Leistungsfähigkeit und Reduzierung der Pflegebedürftigkeit führen kann.

Verbesserungspotenziale und Lösungsansätze

Die IGES-Studie zeigt deutlich, dass es in der neurologischen und psychiatrischen Versorgung in Deutschland noch Verbesserungspotenziale gibt. Zu den wichtigsten Herausforderungen gehören:

  • Verbesserung der sektorenübergreifenden Zusammenarbeit: Eine bessere Koordination zwischen Hausärzten, Fachärzten, Krankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen ist notwendig, um eine kontinuierliche und umfassende Versorgung der Patienten zu gewährleisten.

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  • Verkürzung der Wartezeiten auf Facharzttermine: Insbesondere bei Demenzkranken ist es wichtig, die Zeit bis zum ersten Facharztkontakt nach der Erstdiagnose zu verkürzen, um eine frühzeitige Diagnose und Behandlung zu ermöglichen.

  • Abbau regionaler Unterschiede in der Versorgung: Es ist notwendig, die Versorgungsinfrastruktur in den einzelnen Regionen zu verbessern, um eine gleichmäßige Versorgung der Patienten zu gewährleisten.

  • Verbesserung des Übergangs von stationärer zu ambulanter Versorgung: Es müssen Maßnahmen ergriffen werden, um sicherzustellen, dass Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt zeitnah eine ambulante Weiterbehandlung erhalten.

  • Ausbau der Anschlussrehabilitation: Der Anteil von Patienten, die eine stationäre oder ambulante Anschlussrehabilitation erhalten, muss deutlich erhöht werden, insbesondere bei MS-Patienten.

Um diese Herausforderungen zu bewältigen, sind verschiedene Lösungsansätze denkbar:

  • Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit: Durch die Etablierung von interdisziplinären Teams, die sich aus Neurologen, Psychiatern, Psychologen, Therapeuten und Pflegekräften zusammensetzen, kann eine umfassendere und koordinierte Versorgung der Patienten gewährleistet werden.

  • Einsatz von Telemedizin: Telemedizinische Angebote können dazu beitragen, die Versorgung von Patienten in ländlichen Regionen zu verbessern und Wartezeiten auf Facharzttermine zu verkürzen.

  • Stärkung der Rolle der Hausärzte: Hausärzte können eine wichtige Rolle bei der Koordination der Versorgung von Patienten mit neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen spielen.

  • Aufklärung der Bevölkerung: Eine bessere Aufklärung der Bevölkerung über neurologische und psychiatrische Erkrankungen kann dazu beitragen, Stigmatisierungen abzubauen und die Inanspruchnahme von professioneller Hilfe zu fördern.

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