Eine Sepsis, im Volksmund oft als „Blutvergiftung“ bezeichnet, ist ein medizinischer Notfall, der durch eine überschießende Reaktion des Immunsystems auf eine Infektion ausgelöst wird. Diese Reaktion kann zu schweren Schäden am körpereigenen Gewebe und im schlimmsten Fall zum Organversagen führen. Auch wenn Patientinnen und Patienten die akute Phase überleben, leiden viele unter langfristigen Folgen wie Gedächtnisstörungen, Erschöpfung, psychischen Belastungen oder körperlichen Einschränkungen. Die neurologische Rehabilitation spielt eine entscheidende Rolle bei der Wiederherstellung der Lebensqualität und der Funktionalität nach einer Sepsis.
Was ist eine Sepsis?
Bei einer Sepsis reagiert der Körper mit einer schweren, das Blut überschwemmenden Entzündung auf eine Infektion. Eine Schnittverletzung kann ebenso zu einer Sepsis führen wie ein Insektenstich, eine Verbrennung oder Lungenentzündung. Auslöser sind in den meisten Fällen Bakterien, seltener Viren sowie Candida (Pilze) oder Einzeller. Dabei ist nicht jeder Befund von Bakterien im Blut gleichbedeutend mit einer Sepsis. Ohne rechtzeitige Behandlung bricht bei einer schweren Sepsis das gesamte Immunsystem zusammen. Bei einem toxischen septischen Schock fallen gleichzeitig mehrere Organe aus (Multiorganversagen) und der Blutdruck fällt massiv ab. Ist eine Sepsis bis zu diesem Stadium fortgeschritten, führt sie in 50 Prozent aller Fälle zum Tod.
Ursachen und Symptome einer Sepsis
Eine Sepsis kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden. Eine Schnittverletzung kann ebenso zu einer Sepsis führen wie ein Insektenstich, eine Verbrennung oder Lungenentzündung. Auslöser sind in den meisten Fällen Bakterien, seltener Viren sowie Candida (Pilze) oder Einzeller. Im Anfangsstadium ist eine Sepsis nicht leicht von einer allgemeinen Entzündung des Körpers ohne Blutvergiftung zu unterscheiden. Symptome eines SIRS (Systemic Inflammatory Response Syndrome) können Vorboten einer Blutvergiftung sein, sind aber noch keine eigentliche Sepsis.
Medizinischen Laien führen als Anzeichen einer Blutvergiftung gerne den berühmten roten, von einer Wunde zum Herzen führenden roten Strich ins Feld. Dabei besteht kein Grund zur Panik, denn der rote Strich deutet zunächst lediglich auf eine Entzündung der Lymphbahnen hin. Unbehandelt kann sich aus einer solchen Lymphingitis wie bei jeder Entzündung eine Blutvergiftung entwickeln, allerdings nicht zwingend. Ein deutlicher Hinweis auf eine Sepsis nach einer Infektion mit Meningokokken (Bakterien im Nasen- und Rachenraum) sind eine Vielzahl kleiner roter Flecken auf der Haut. Diese Flecken können sich zu an Bluterguss erinnernden bläulichen oder tiefroten Flächen entwickeln oder Blutbläschen bilden.
Neurologische Folgen einer Sepsis
Verschiedene degenerative Erkrankungen, bestimmte schwere Entzündungen (Sepsis) oder Stoffwechselstörungen, aber auch eine Langzeitbehandlung auf der Intensivstation können zu einer Schädigung des zentralen oder peripheren Nervensystems führen oder es über lange Zeit beeinträchtigen.
Lesen Sie auch: Finden Sie den richtigen Neurologen in Ulm
Kognitive Defizite nach einer Sepsis sind ein häufiges Problem. Die Symptome umfassen Gedächtnis- sowie Lernstörungen, aber auch alltägliche Verrichtungen fallen Patienten nach einer schweren Entzündung oftmals schwer. Die Defizite sind langdauernd, manchmal irreversibel und für die Betroffenen und die Angehörigen zumeist schwerwiegend.
Unter den Langzeitfolgen einer Sepsis stellen besonders kognitive Defizite ein zentrales und beeinträchtigendes Probleme für die Betroffenen dar. Die Beeinträchtigungen betreffen vor allem die Bereiche Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen.
Die Rolle der neurologischen Rehabilitation
Nach einer überstandenen mittelschweren bis schweren Sepsis empfiehlt sich eine Reha, um nach der intensivmedizinischen Behandlung wieder sicher in den Alltag zurückzufinden. Dabei gilt es, angegriffene Nervenbahnen und nicht mehr funktionierende Muskeln mit Befunden wie Taubheit und Lähmungserscheinungen zu kräftigen und wieder fit zu machen für Beruf, Schule und Studium sowie Alltag.
Die neurologische Rehabilitation und Frührehabilitation erfordert die enge Zusammenarbeit von Spezialisten aus unterschiedlichen Berufsgruppen, die Sie in unseren Kliniken behandeln und Ihnen zur Seite stehen:
- Ärztinnen und Ärzte der Fachrichtungen Neurologie, Innere Medizin und Urologie und ggf. Intensivmedizin
- Funktionstherapeutinnen und -therapeuten aus Physiotherapie, physikalischer Medizin, Ergotherapie, Sprach- und Schlucktherapie, Neuropsychologie und Musiktherapie
- Pflegetherapeutinnen und -therapeuten für alle Hilfen der Alltagsbewältigung
- sozialdienstliche und psychologische Unterstützung für die Angehörigen
Zusätzlich setzen wir robotisch gesteuerte und digital unterstützende Trainingsgeräte auf dem neusten Stand der Technik ein.
Lesen Sie auch: Tagesklinik für Neurologie
Phasen der neurologischen Rehabilitation
Das Fachgebiet Neurologie ist als einziges Fachgebiet der Medizin in sogenannte Behandlungsphasen aufgegliedert. Das Phasenmodell der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) teilt die Behandlungs- und Rehabilitationsphasen in die Phasen A bis F ein.
- Phase A: Akutbehandlung (im Krankenhaus zum Beispiel auf einer Stroke Unit oder der Intensivstation)
- Phase B: Entspricht der klassischen neurologischen Frührehabilitation. Patienten der Phase B sind Schwerst-Schädel-Hirn geschädigt. Die Akutbehandlung ist prinzipiell abgeschlossen. Trotzdem beinhaltet diese Phase neben den rehabilitativen Aspekten häufig akutmedizinische Behandlungsbedürftigkeit.
- Phase C: Patienten können bereits in der Therapie mitarbeiten, der medizinische und pflegerische Aufwand ist hoch
- Phase D: Rehabilitation nach Abschluss der Frühmobilisation
- Phase E: nachgehende Reha-Leistungen, berufliche Rehabilitation
- Phase F: dauerhaft unterstützende Leistungen
Grundsätzlich gilt: Je früher eine Reha nach einer Nervenschädigung aufgenommen werden kann, desto größer ist der langfristige Erfolg der Therapie.
Aufnahme und Diagnostik
Die Zuweisung in unsere stationäre neurologische Intensiv-Frührehabilitation (Phase A), die Frührehabilitation (Phase B) und weiterführende Rehabilitation (Phase C) erfolgt durch Akut-Krankenhäuser im Umkreis von mehreren Hundert Kilometern beziehungsweise durch die Sie versorgenden niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. Diese melden Sie als Patientin oder Patient bei uns an. In der Regel halten wir zunächst eine ärztliche Rücksprache, um Ihren individuellen Versorgungsbedarf abzustimmen.
Wenn Sie bei uns aufgenommen werden, führen wir zuerst eine Aufnahmeuntersuchung durch. Je nach Allgemeinzustand und Schwere Ihrer Erkrankung umfasst die Diagnostik am Aufnahmetag:
- allgemeine und spezielle Anamnese mit Wertung der bisherigen diagnostischen Befunde
- allgemeine körperliche Untersuchung und spezielle neurologische und neuropsychologische Untersuchung
- EKG- Ableitung
Zu Beginn Ihrer Reha-Maßnahme führen wir ein standardisiertes, sogenanntes neurologisches Reha-Assessment durch. Hier erfassen wir die neurologischen Störungen in Funktion und Teilhabe. Der daraus errechnete Score dient als Grundlage für die inhaltliche Planung und Durchführung Ihrer Behandlung. Wir berücksichtigen dabei die Beeinträchtigungen und sozialen Auswirkungen Ihrer Erkrankung insbesondere im Hinblick auf Ihre Leistungsfähigkeit in Alltag und Beruf.
Lesen Sie auch: Erfahren Sie mehr über Neuroteam Elmenhorst
Diese diagnostischen Methoden können außerdem zu Beginn oder auch im Verlauf des Reha-Prozesses zum Einsatz kommen:
- Apparative Diagnostik (Ruhe-EKG, Belastungs-EKG, Langzeit-EKG, Langzeit-RR, Echokardiographie, Endoskopische Schluckdiagnostik, Bronchoskopie, 24h-Intensivmonitoring, Sonographie)
- Röntgen, inkl. Durchleuchtung
- EEG, Langzeit-EEG
- Evozierte Potentiale inklusive magnetevozierte Potentiale
- Neurographie
- Elektromyographie (EMG)
- Radiologische Schluckdiagnostik
Therapieansätze in der neurologischen Reha
Den für Sie individuell entwickelten Therapieplan passen unsere erfahrenen Fachärztinnen und Fachärzte stetig an, um mit Ihnen gemeinsam darauf hinzuarbeiten, messbare Funktionsverbesserungen zu erzielen und Ihre Lebensqualität zu steigern.
In unserer Fachklinik für Neurologie kommen Neuropsychologie, Sprachtherapie, Schlucktherapie, Physiotherapie, Ergo- und Musiktherapie sowie pflegerische Versorgung und Alltagstraining in Kombination zum Einsatz.
- Physiotherapie: Die Physiotherapie wird eingesetzt, um das Bewegungssystem und Bewegungsverhalten zu verbessern, Funktionsstörungen innerer Organe zu regulieren, Eigen- und Fremdwahrnehmung, Sozialkompetenz, psychische Leistungsfähigkeit zu verbessern, Sie von Schmerzen zu befreien, Eigenständigkeit zu fördern und Selbstheilungskräfte des Organismus zu aktivieren, Angehörigen anzuleiten.
- Physikalische Therapie: Physikalische Anwendungen sind bei Patienten der Phase B zunächst wenig im Einsatz, im späteren Verlauf werden diese aber immer häufiger genutzt. In der Phase B können Lymphdrainage oder Massagen bei der Kontrakturprophylaxe und -therapie unterstützen. Wärmetherapie, Heißluft, Heiße Rolle Kryo-Therapie (Kältetherapie) Elektrotherapie, Gesamtes Spektrum von Niederfrequenz bis zur Hochfrequenz, Interferenzstrom, Ultraschall klassische Massagen, Bindegewebsmassage, manuelle Lymphdrainagen, Unterwasserdruckstrahlmassagen, Akupressur, Colonmassage bei Obstipation (Verstopfung), Extensions- und Schlüsselzonenmassagen Waldbaden
- Ergotherapie: Motorische, sensible und sensorische Funktions- und Fähigkeitsstörungen behandeln wir mit Ergotherapie. Ziele sind, pathologische Haltungs- und Bewegungsmuster abzubauen und physiologische Muskelfunktionen und -koordinationen aufzubauen, fein- und grobmotorische Funktionen zu verbessern, Bewegungsabläufe zu koordinieren. Wir wenden überwiegend Einzeltherapie an, um Sie zur Wiedererlangung Ihrer Selbstständigkeit bei alltäglichen Verrichtungen (sog. Activities of daily living = ADL) zu unterstützen. Bei halbseitig gelähmten Patienten fördern wir die funktionelle Aktivität der betroffenen Seite. Die Ergotherapie umfasst: Alltagsbezogene funktionelle Therapie ADL-Training Wasch- und Anziehtraining Hilfsmittelberatung Funktionelle Übungsbehandlung der oberen Extremität und des Rumpfes Kognitives Training Koordinationsübungen Sandbox Sensibilitätstraining und Wahrnehmungsschulung Angehörigenberatung und -schulung Haushaltstraining MBOR / Arbeitsplatztraining Handwerk Feinmotorik / Graphomotorik
- Neuropsychologie: Die klinische Neuropsychologie ist ein Fachgebiet der Psychologie. Sie beschäftigt sich mit den Auswirkungen einer Hirnverletzung zum Beispiel nach einem Schlaganfall, einer Hirnblutung oder einer Hirnoperation. Eine solche Hirnverletzung kann neben motorischen und sprachlichen auch kognitive, visuelle, emotionale und Verhaltensveränderungen zur Folge haben. Diese Folgen möglichst frühzeitig zu erkennen und adäquat zu behandeln, ist Aufgabe und Kompetenz der klinischen Neuropsychologie. Das Ziel jeder neuropsychologischen Behandlung ist es, den Patienten bestmöglich auf seinem Weg in einen möglichst selbstbestimmten Alltag zu unterstützen. Bereits in der Frühphase der neurologischen Rehabilitation behandeln wir Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen sowie Störungen der Wahrnehmung (z.B.: Neglect, Sehfeldeinschränkungen) und unterstützen unsere Patienten und ihre Angehörigen beim Umgang mit der Erkrankung. Für die Therapie setzen wir verschiedene Therapiematerialien wie einfache Durchstreich-, Such- und Rechenübungen ein. Ebenso werden computergestützte Verfahren angewandt. Die Auswahl der Therapiematerialien orientiert sich dabei an der Belastbarkeit sowie den motorischen und sensorischen Ressourcen des Patienten. Da unsere Patienten häufig noch nicht mobil sind, findet die Therapie in der Regel am Bett und/oder auf dem Zimmer statt.
Ziele der neurologischen Rehabilitation
Unser Ziel ist die Verbesserung Ihrer Lebensqualität. Unser erfahrenes Pflege- und Therapeutenteam fördert Sie bereits in frühen Krankheitsphasen um einen optimalen Gesundungsprozess zu gewährleisten und Ihre Eigenständigkeit so früh wie möglich zu unterstützen.
Ein Großteil unserer Patientinnen und Patienten erlangt wieder Selbstständigkeit im Alltag, idealerweise auch Erwerbsfähigkeit, ein nicht unerheblicher Teil bleibt jedoch dauerhaft auf Unterstützung im Alltag und Pflege angewiesen.
tags: #neurologische #reha #nach #sepsis